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Die Verlobten

Alessandro Manzoni: Die Verlobten - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorAlessandro Manzoni
titleDie Verlobten
publisherGutenberg-Verlag, Hamburg
volumeBand 1 und 2
editorDr. Herrman Tiemann
year1929
translatorDaniel Lessmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060803
projectid9d981f8c
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Zweites Kapitel.

Das Schloß des Ungenannten lag, hoch über ein enges, finsterschattiges Tal emporragend, auf dem Gipfel eines Hügels, welcher aus einer rauhen Gebirgskette einsam hervorsprang und mit derselben durch einen Haufen von Dornfelsen und einzelnen Sandsteinen, durch einen Irrgang von Höhlen und Abgründen ebensowohl zusammenhing, wie von ihr getrennt ward. Nur von der Seite des Tales aus ließ sich hinaufkommen; da war ein steiler, aber gleichförmig sich erhebender Abhang, dessen Höhe mit Weiden, dessen tiefere Senkung mit Ackerrainen, hier und dort auch wohl mit Hütten besetzt war. Unten floß durch ein Kieselbett ein wasserarmer oder, je nach der Jahreszeit, ein hochgeschwollener Wildbach, welcher damals sich als die Grenze zweier Besitztümer hinzog. Die gegenüberliegenden Bergrücken, die gleichsam die andre Wand des Tales bildeten, zeigten einen leise sich senkenden bebauten Abhang; doch erstreckte sich derselbe nicht weit; das übrige bestand in hartem Gestein oder schlackenartigen Bruchstücken, in steilen Erhöhungen, weglos und nackt, wo sich nicht etwa hier und dort in den Spalten oder auf der emporgeworfenen Erde eine bewachsene Scholle wahrnehmen ließ.

Von der Höhe der Felsenburg überblickte der wilde Herr, wie der Adler von seinem blutigen Neste, die Gegend rings- umher, wo nur ein Wanderer den Fuß hinsetzen konnte, während er über seinem Haupte kein lebendes Wesen mehr sich regen hörte. Mit einer einzigen Wendung der Augen durchlief er die ganze Felsenenge, die abschüssigen Senkungen, die Tiefe und die gangbaren Wege darin. Der Pfad, welcher in Winkeln und Krümmungen zur schauerlichen Wohnung hinaufführte, enthüllte sich dem Späher, der von oben herabblickte, wie ein geschlängeltes Band; von den Fenstern, von den Schußlöchern der Mauer aus konnte der Besitzer die Schritte eines Heraufsteigenden gemächlich zählen und ihn, sooft er wollte, aufs Korn nehmen. Und selbst wenn ein zahlreicher Haufe von Angreifern heranrückte, konnte er mit der Bedeckung von Bravi, welche er oben hielt, ehe noch ein einziger zur Anhöhe gelangt, viele auf den Fußpfad hinstrecken oder in den Abgrund hinunterstürzen. Doch wer mit dem Herrn des Schlosses auf keinem freundschaftlichen Fuße stand, der wagte sich zum Felsen nicht hinan, wagte den Fuß nicht einmal ins Tal zu setzen oder auch nur flüchtig hindurchzugehen. Ein Häscher aber, der sich dort hätte sehen lassen, wäre wie ein feindlicher Kundschafter in einem Lager behandelt worden. Von denjenigen, welche zuletzt solch ein Unternehmen versucht, erzählte man sich traurige Geschichten; doch klangen sie aus längst vergangenen Zeiten herüber; keiner der jungen Talbewohner erinnerte sich, einen Menschen dieses Handwerks lebendig oder tot dort gesehen zu haben.

So lautet die Schilderung, welche unser Anonymus von dem Wohnsitz entwirft; über den Besitzer entgleitet ihm auch nicht ein einziges Wörtchen; ja, um uns jeden Fingerzeig zur Entdeckung zu nehmen, spricht er von Don Rodrigos Reise durchaus nicht, sondern versetzt ihn, wie durch ein Zaubergespann, sogleich mitten ins Tal, an den Fuß der Anhöhe, wo zwischen rauhen Hügeln der Fußpfad sich durchwand. Dort stand eine Schenke, die man füglich ebensogut ein Wachthaus nennen konnte. Ein altes Gastschild über der Türe zeigte von beiden Seiten eine gemalte Strahlensonne; die öffentliche Stimme dagegen bezeichnete die Schenke gewöhnlich mit dem Namen »Zur bösen Nacht«.

Bei dem Geräusch eines nahenden Reiterhaufens erschien an der Schenktür ein junger Kerl, mit Messer und Pistolen wohlbewehrt; nachdem er hingeblickt, ging er wieder hinein und zeigte es drei Bewaffneten an, welche an einem Tische saßen und mit schmutzigen, wie Ziegel umgebogenen Karten spielten. Der eine, wie es schien der Hauptmann, stand auf, begab sich nach der Pforte, erkannte einen Freund seines Herrn und verneigte sich vor ihm. Don Rodrigo erwiderte mit vieler Höflichkeit den Gruß und fragte, ob der Herr sich im Schlosse befände; nachdem jener ihm geantwortet, er glaube wohl, stieg er vom Pferde und warf dem Geradetriff, einem Bravo seines Gefolges, den Zügel zu. Darauf nahm er sich die Flinte ab und übergab sie dem Bergmann, einem andern Bravo, um sich dem Anschein nach von einer unnützen Last zu erleichtern und behender hinaufgehen zu können; in der Tat aber, weil er wohl wußte, daß es niemandem erlaubt war, die Anhöhe mit einem Schießgewehr zu betreten. Darauf holte er einige Silberstücke aus der Tasche und gab sie dem Höhlenloch, einem dritten Bravo, mit den Worten: »Bleibt hier und erwartet mich; könnt Euch indessen mit den wackern Leuten da ein wenig lustig machen.« – Endlich zog er einige Goldscudi hervor, legte sie jenem Anführer der Bewaffneten in die Hand und hieß ihn die eine Hälfte für sich behalten, die andre Hälfte aber unter seine Leute verteilen. Zuletzt begab er sich mit dem Grauen, welcher gleichfalls seine Flinte abgelegt hatte, auf den Weg zur Anhöhe. Währenddessen blieben die drei genannten Bravi mit dem vierten, dem Wirrwarrling, mit den dreien des Ungenannten und dem jungen Kerl, der gleichfalls für den Galgen heranwuchs, zurück, spielten, zechten und erzählten einander ihre Heldenzüge.

Ein andrer Raufer des Ungenannten, welcher hinaufstieg, holte kurz darauf den vornehmen Gast ein; er betrachtete ihn, erkannte ihn und bot sich ihm zur Begleitung an. So war Don Rodrigo der Unannehmlichkeit überhoben, seinen Namen sagen und einem jeden, welchem er begegnen würde, Auskunft über sich geben zu müssen. Zum Schlosse gelangt und hineingelassen, während der Graue jedoch an der Türe zurückblieb, ward er durch einen wahren Irrweg von dunklen Hallengängen geführt und kam durch verschiedene Säle, deren Wänden mit Flinten, Säbeln und Partisanen behängt waren. In einem jeden stand ein Bravo als Wache da. Nachdem er darauf ein wenig hatte warten müssen, ließ man ihn endlich in das Zimmer treten, darin der Ungenannte sich befand.

Dieser ging ihm, seinen Gruß erwidernd, entgegen. Dabei warf er einen flüchtigen Blick auf Hände und Gesicht des Eintretenden; es war seine Gewohnheit, und selbst wenn alte, geprüfte Freunde ihn besuchten, verfuhr er bereits, ohne es zu wollen, auf dieselbe Weise. Er war von hoher Gestalt, kahl und von der Sonne wie verbrannt; das kahle Haupt, das Grau der wenigen Haare, die ihm geblieben, und die Runzeln des Gesichtes ließen beim ersten Anblick auf ein Alter weit über die Sechzig hinaus schließen; doch hatte er sie eben erst zurückgelegt; die Haltung aber und die Bewegungen, die zurückgebliebene Stärke der Gesichtszüge und ein dunkles Feuer, welches seinen Augen entsprühte, verkündeten einen rüstigen Körper, eine kraftvolle Seele, die auch an einem jungen Manne etwas Außerordentliches gewesen wären.

Don Rodrigo sagte, er komme, um Rat und Hilfe sich zu holen; er stehe bei einem schwierigen Unternehmen, wo seine Ehre ihm keinen Rückschritt erlaube; er habe daher sich die Versprechungen eines Mannes ins Gedächtnis zurückgerufen, welcher nie zuviel und niemals vergebens verspreche, und so setzte er den verwickelten Handel, in den seine Lasterhaftigkeit ihn hineingezogen, auseinander. Der Ungenannte, welcher schon etwas davon, aber nicht deutlich wußte, hörte die Erzählung aufmerksam mit an; teils weil er an dergleichen Geschichten ein Wohlgefallen hatte, vorzüglich aber, weil ein Name darin vorkam, der ihm ebenso verhaßt wie bekannt war, der Name des Bruders Cristoforo, des erklärten Tyrannenfeindes mit Worten und, wo er konnte, mit Taten. Der Erzähler gab sich Mühe, die Schwierigkeiten der Unternehmung übertrieben darzustellen; die Entfernung des Ortes, ein Kloster, eine Nonne von so hoher Geburt – bei diesem Worte fiel ihm der Ungenannte, als wenn im Herzen ein verborgener Dämon des Verderbens es ihm gebot, plötzlich in die Rede und rief: er würde das Beginnen auf sich nehmen. Er merkte sich den Namen unsrer armen Lucia und entließ seinen Gast mit dem Bescheide: »Binnen kurzem sollt Ihr Nachricht von mir erhalten, was Ihr zu tun habt.«

Wenn sich der Leser jenes unseligen Egidio erinnert, welcher dicht am Nonnenkloster zu Monza wohnte, so wisse er jetzt, daß er einer der innigsten und vertrautesten Frevelgenossen des Ungenannten war; aus dieser Ursache hatte dieser so schnell und entschlossen sein Wort zu geben vermocht. Dessenungeachtet sah er sich kaum allein, als er auch schon, wir wollen nicht sagen, es bereute, doch aber einen Ärger empfand, daß er es gegeben. Schon seit einiger Zeit war er seines frevelhaften Wandels überdrüssig, wofern es nicht die leise Verkündung von Gewissensbissen war. Die zahllose Menge von Untaten, welche sich freilich mehr in seinem Gedächtnisse, als in seinem Gewissen angehäuft hatte, richtete sich bei einer jeden, die er von neuem beging, wieder frischfarbig empor und zeigte sich seinem Geiste in widriger Gestalt, in zu gedrängter Zahl; es war, als wenn ein schon lästiges Gewicht unaufhörlich an Druck zunähme. Jene Anwandlung des Widerwillens, welchen er bei seinen ersten Verbrechen empfunden und nachher als ein besiegtes Gefühl fast gänzlich verlernt hatte, kehrte jetzt wieder zurück und machte sich bemerkbar. Aber in jenen ersten Zeiten hatte das Bild einer langen, unbegrenzten Zukunft, die Empfindung einer rüstigen Lebenskraft sein Gemüt mit kummerlosem Vertrauen erfüllt; jetzt ganz anders: gerade die Gedanken an die Zukunft benahmen dem durchmessenen Leben auch den letzten Reiz. – Alt werden! Sterben! Und dann? – Wenn das Bild des Todes, welches bei einer nahen Gefahr, einem Feinde gegenüber, die Lebensgeister dieses Menschen zu verdoppeln pflegte und ihn mit mutatmendem Grimm beseelte, plötzlich im Schweigen der lautlosen Nacht, im sicheren Bezirk seiner Felsenburg vor seinen Augen emporstieg, so schlug es ihn – eine bemerkenswerte Erscheinung – mit gewaltsamer Bestürzung zu Boden. Hier drohte kein Feind, der selbst sterblich war, mit dem Tode; hier konnte dieser Feind nicht mit stärkeren Waffen, mit gewandterem Arme zurückgetrieben werden; er kam allein, entstand gleichsam im Zimmer selbst; er war vielleicht noch fern, rückte aber mit jedem Augenblick einen Schritt näher und schlich herbei, während die Seele sich schmerzlich anstrengte, jeden Gedanken an ihn zu entfernen.

In früheren Zeiten hatte das vielfache Beispiel, das beständige Schauspiel der Gewalttätigkeit, der Rache und des Mordes mit wilder Nacheiferungssucht ihn begeistert, ihm zugleich als eine Art von höherem Gegengewicht zur Bekämpfung des Gewissens gedient; jetzt entwickelte sich allmählich in seinem Geiste der verworrene, aber schreckliche Gedanke an ein Gericht, das jedes einzelnen harrt, an eine Rechenschaft, vom Beispiel unabhängig; daß er also aus dem gewöhnlichen Haufen der Frevler hervorgetreten, alle überragte, überraschte ihn bisweilen mit dem Bewußtsein einer entsetzlichen Einsamkeit. Nur sprechen hatte er von Gott gehört; gewohnt zu leben, als wenn es keinen gäbe, mochte er seit langer Zeit ihn weder leugnen noch erkennen; jetzt aber schien ihm in gewissen Augenblicken einer grundlosen Niedergeschlagenheit, eines gefahrlosen Schreckens dieser Gott in seinem eigenen Busen zuzurufen: Ich bin dennoch! In der ersten Glut der Leidenschaften war das Gesetz, welches er im Namen dieses Gottes ankündigen gehört, ihm nur verhaßt erschienen; wenn es jetzt sich unversehens seinem Geiste darstellte, betrachtete er es wider Willen als eine Sache, die ihre Erfüllung erhalten. Niemals aber ließ er von dem allen etwas durchschimmern, weder durch Worte noch durch Handlungen verriet er die neue Unruhe; er bedeckte sie aufmerksam und verlarvte sie mit dem Trugschein einer finsteren, begründeten Wildheit; damit suchte er sie zugleich sich selbst zu verbergen oder zu ersticken. Die Tage, da er seine Verbrechen ohne Gewissensbisse zu verüben gewohnt war und der Erfolg allein ihn bekümmerte, konnte er weder vernichten noch vergessen; aber er beneidete seine Vergangenheit um sie, er bemühte sich auf alle Weise, sie zurückzurufen, wollte den alten vollen Willen in seiner sorgenfreien Kühnheit wieder herbeiziehen und sich so überzeugen, daß er noch derselbe Mensch sei.

Daher hatte er auch bei dieser Gelegenheit, um jedem bedenklichen Schwanken zuvorzukommen, dem Gaste im Augenblick sein Wort verpfändet. Kaum aber war dieser fortgegangen, so fühlte er den Entschluß, den er sich selbst anbefohlen hatte, wieder matt werden; allmählich tauchten in seinem Geiste Gedanken auf, welche ihn in Versuchung führten, das gegebene Wort fahren zu lassen und vor einem Freunde, vor einem untergeordneten Mitverbrecher sich kleinmütig zurückzuziehen. Um diesen peinlichen Kampf mit einem einzigen Streich zum Schweigen zu bringen, ließ er den Geier rufen, einen der gewandtesten und waghalsigsten Diener seiner Ausschweifungen, durch welchen er gewöhnlich sein Verständnis mit jenem Egidio unterhielt. Mit entschlossener Miene gebot er ihm, sogleich ein Pferd zu besteigen, geradeswegs nach Monza zu reiten, dem Freunde die Verpflichtung, die er übernommen hatte, kundzutun und ihn um Hilfe und Anweisung zu bitten.

Schneller, als sein Herr ihn erwartete, kehrte der abgesandte Schurke mit Egidios Antwort zurück; das Unternehmen sei leicht und sicher; der Ungenannte möchte nur sogleich eine Kutsche schicken, die man nicht kenne, mit ihr sollten zwei oder drei wohlvermummte Bravi kommen; in Hinsicht alles übrigen nehme Egidio die Sorge auf sich und würde die Sache leiten. – Wie es auch im Herzen sich ihm regte, gab der Ungenannte dennoch dem Geier eiligst den Auftrag, dem Anerbieten gemäß alles vorzubereiten und mit zwei anderen, die er ihm bezeichnete, sich zur Ausführung auf den Weg zu machen.

Hätte Egidio zur Ausführung des entsetzlichen Dienstes, welcher von ihm verlangt wurde, nur auf seine gewöhnlichen Hilfsmittel rechnen dürfen, so würde er gewißlich sich nicht so schnell zu einem so entschiedenen Versprechen verstanden haben. Aber in jenem Zufluchtsorte selbst, wo alles ein Hindernis zu sein schien, hatte der zügellose Jüngling ein Werkzeug, ihm nur allein bekannt, und was für andere die größte Schwierigkeit gewesen wäre, mußte ihm gerade den Weg bahnen. Wir haben erzählt, wie die unglückliche Tochter des Fürsten einst seinen Worten Gehör gegeben, und der Leser wird von selbst geschlossen haben, daß dies damals nicht zum letzten Male geschehen; es war nur der erste Schritt auf einem blutigen Wege der Abscheulichkeit. Dieselbe Stimme, welche bereits eine Gebieterin geworden war und mit mächtigem Gewichte zum Verbrechen aufforderte, verlangte jetzt von der bedauernswerten Verbrecherin die Aufopferung der Unschuldigen, welche man ihrer sorgsamen Hut anvertraut hatte.

Gertruden setzte der Antrag in Schrecken. Schon durch einen unerwarteten Zufall, ohne Schuld, Lucien zu verlieren, hätte ihr ein Unglück, eine empfindliche Strafe geschienen, denn sie hatte das Mädchen liebgewonnen. Jetzt mutete man ihr zu, sich des Mädchens mit einer frevelhaften Treulosigkeit zu berauben, das Mittel zur Sühnung in eine neue Gewissensqual zu verwandeln. Die Unglückliche versuchte alle Wege, um sich dem entsetzlichen Gebote zu entziehen, nur den einzigen nicht, welcher unfehlbar geglückt hätte und ihrer Wahl freistand. Das Verbrechen ist ein strenger, unbeugsamer Herr, und mit Erfolg widersteht ihm nur derjenige, welcher aus allen Kräften sich dagegen waffnet. Dazu mochte Gertrude sich nicht entschließen und gehorchte.

Der Tag war festgesetzt, die verabredete Stunde nahte; Gertrude hatte sich mit Lucien in ihr besonderes Sprechzimmer zurückgezogen und überhäufte sie zärtlicher als gewöhnlich mit Liebkosungen. Lucia empfing sie freudig und vergalt sie mit steigender Zärtlichkeit, wie ein Lamm, welches unter der Hand des Schäfers, der es freundlich streichelt, unkundig zittert und eben diese Hand gedankenlos leckt; es weiß nicht, daß der Fleischer, welchem der Schäfer vor wenigen Minuten es verkauft hat, vor dem Schafstalle wartend dasteht.

»Ich bedarf einer großen Gefälligkeit,« begann Gertrude, »und du allein kannst sie mir erzeigen. So viele Diener stehen da, mir Gehorsam zu leisten; keine Seele aber, der ich mich anvertrauen dürfte. Es liegt mir ein höchst wichtiges Geschäft am Herzen – ich will's dir nachher erzählen; deshalb muß ich auf der Stelle den Pater Guardian der Kapuziner sprechen, denselben, der dich, meine arme Lucia, hier bei mir eingeführt hat; keiner auf Erden aber darf erfahren, daß ich nach ihm geschickt habe. Ich weiß niemanden als dich, um heimlich den dringenden Auftrag zu übernehmen.«

Lucia schauderte vor einer solchen Zumutung zurück. Mit ihrer angeborenen Schamhaftigkeit, doch nicht ohne einen starken Ausdruck der Verwunderung führte sie augenblicklich, um sich von dem Auftrag zu befreien, die Gegengründe an, welche die Nonne notwendig billigen mußte und ohne Zweifel selbst vorhergesehen hatte; ohne die Mutter, ohne Begleitung, auf einem einsamen Wege, in einer unbekannten Gegend ... Gertrude aber war in einer höllischen Schule zur Meisterin erzogen worden. In einem Mädchen, welchem sie so vielfache Wohltaten erzeigt hatte, eine solche Widerspenstigkeit zu finden, schien sie in eine weit größere Verwunderung zu setzen; sie ließ den verdrießlichsten Unwillen blicken und bewies, wie grundlos Luciens Entschuldigungen seien. Am hellen Tage, ein kurzer Spaziergang, ein Weg, den Lucia wenige Tage vorher gemacht hatte, den auch ein Mensch, ohne ihn je berührt zu haben, nach der bloßen Angabe schon unmöglich verfehlen konnte. Sie verstand zu reden, und das arme Mädchen, zu gleicher Zeit von Dankbarkeit und Scham bewogen, ließ sich die Worte entschlüpfen: »Nun wohl, was hab' ich dort zu tun?«

»Geh zum Kloster der Kapuziner« – sie beschrieb ihr den Weg noch einmal – »laß dir den Pater Guardian herausrufen und sag ihm, er möchte auf der Stelle zu mir kommen; es darf dir aber keiner anmerken, daß ich dir den Auftrag dazu gegeben habe.«

»Was soll ich aber der Schwester Wirtschafterin sagen? Sie sah mich noch niemals hinausgehen und wird also fragen, wohin ich will!«

»Du mußt durchzukommen suchen, ohne daß einer dich sieht. Läßt sich das aber nicht tun, so sag' ihr, du gehst nach der und der Kirche, habest versprochen, dein Gebet dort zu verrichten.« Lügen – eine neue Schwierigkeit für Lucien. Die Edelnonne zeigte sich jedoch abermals gegen jeden Widerspruch so empört, stellte Weigerung und Dankbarkeit so unverträglich nebeneinander, daß die Arme, mehr betäubt als überzeugt, unfähig, ihren Widerstand länger zu verteidigen, zur Antwort gab: »Nun gut denn, ich gehe. Gott stehe mir bei!« – Und so machte sie sich auf.

Gertrude folgte ihr vom Gitter aus mit starrem, finsterem Blicke. Sie sah sie den Fuß auf die Schwelle setzen, fühlte sich von einer unwiderstehlichen Empfindung übermannt, bewegte unwillkürlich die Lippen und rief: »Höre, Lucia!«

Diese wandte sich um und kehrte nach dem Gitter zurück. Schon aber hatte ein andrer, ein vorherrschender Gedanke in Gertrudens unseligem Geiste das Übergewicht gewonnen. Sie tat, als wäre sie mit der gegebenen Anweisung nicht zufrieden, erklärte sich noch einmal über Weg und Auftrag und entließ sie dann mit den Worten: »Tu alles, was ich dir gesagt habe, und kehre recht bald zurück.« – Lucia ging.

Ohne bemerkt zu werden, trat sie zum Tore des Klosters hinaus, ging, sich dicht an die Mauer haltend, mit gesenktem Blicke auf der gebotenen Straße fort und fand sich ohne Schwierigkeit zum Flecken hinaus. Darauf wanderte sie schüchtern und zitternd die Hauptstraße entlang und erkannte bald den Seitenweg, der nach dem Kloster hinführte. Dieser Weg lag und liegt noch jetzt, wie das Bett eines Flusses, in der Tiefe zwischen zwei Seitenwänden, welche mit Bäumen besetzt sind; beide Baumreihen wölben sich gleich einer Decke darüber hin. Lucia trat hinein, fand sie durchaus einsam und menschenleer, fühlte ihr Grauen steigen und beflügelte die Schritte; nach einer kleinen Strecke indessen richtete sich ihr Mut wieder ein wenig empor, sie bemerkte eine stillhaltende Reisekutsche und daneben, vor dem geöffneten Schlage, zwei Reisende, welche nach allen Seiten, wie des Weges unkundig, umherblickten. Näher gekommen, hörte sie den einen sagen: »Da läßt sich ja ein braves Mädchen sehen, die wird uns die Straße zeigen.« – Und wirklich, sobald sie sich dicht bei der Kutsche befand, wandte sich derselbe Mann höflicher, als sein Aussehen es erwarten ließ, ihr zu und sagte: »Liebes Mädchen, könntet Ihr uns wohl auf die Straße nach Monza zurechtweisen?«

»Sie haben sich ganz nach der unrechten Seite hingewandt,« antwortete die Arme. »Monza liegt dort.« – Indem sie sich zurückwandte, mit dem Finger danach zu deuten, umschlang sie der andre Gefährte – es war der Geier – plötzlich mitten um den Leib und hob sie von der Erde auf. Lucia drehte den Kopf erschrocken zurück und erhob ein Geschrei; der Schandsöldner schwang sie in die Kutsche; ein Mensch, der drinnen saß, ergriff sie und zwang sie, während sie vergebens sich loszuwinden suchte, ihm gegenüber zu sitzen; ein anderer drückte ihr ein zusammengewundenes Tuch in den Mund und erstickte ihr den Angstruf in der Kehle. Währenddessen warf sich der Geier gleichfalls hastig in den Wagen; der Schlag wurde zugeworfen, und in vollem Laufe rollte die Kutsche davon. Der dritte, welcher die verräterische Frage getan, blieb auf dem Wege zurück und sah sich in ängstlicher Eilfertigkeit um; niemand ließ sich blicken. Sodann sprang er zu der einen Seitenwand hinauf, faßte einen Stamm des Heckenstrauches, der oben wuchs, schlüpfte hindurch und trat in ein niedriges Eichengebüsch, welches längs der Straße eine Strecke hinlief. Dort versteckte er sich, um von den Leuten, die auf das Geschrei vielleicht herbeieilen konnten, nicht bemerkt zu werden. Es war einer von Egidios Bewaffneten; er hatte bei der Pforte des Klosters aufgepaßt, hatte Lucien herauskommen sehen und Kleid und Gestalt sich gemerkt; nachher war er auf einem Richtpfade vorausgerannt, um sie an der verabredeten Stelle zu erwarten.

Wer könnte Luciens Schrecken, wer ihre Angst schildern oder ausdrücken, was in ihrer Seele vorging? In ängstlicher Bemühung, sich von ihrer entsetzlichen Lage zu überzeugen, öffnete sie die scheuen Augen und schloß sie, beim Anblick dieser Gesichter zusammenschaudernd, sogleich wieder; sie wollte sich loswinden, ward aber von allen Seiten festgehalten; sie bot ihre äußersten Kräfte auf und suchte gewaltsam sich nach dem Kutschenschlage hinzudrängen, aber zwei nervige Arme hielten sie an den Hintersitz des Wagens gefesselt, vier andre riesenhafte Hände leisteten ihre unwiderstehliche Hilfe dabei. Sooft ihre Angst sich in einem Geschrei zu lüften versuchte, erstickte das Knebeltuch es ihr in der Kehle. Währenddessen wiederholten ihr drei teuflische Gestalten, mit einer menschlicheren Stimme, als ihrem Munde beschieden zu sein schien, sie möchte keine Furcht haben, es sollte ihr kein Haar gekrümmt werden. Nach einigen Minuten eines so qualvollen Kampfes schien sie sich zu beruhigen; sie strengte die Arme nicht mehr an, ließ den Kopf zurücksinken, hob mit Mühe die Augenlider und sah mit bewegungslosem Blicke vor sich hin; die scheußlichen Gesichter, von welchen sie umgeben war, schienen ihr in unnatürlicher Mischung zusammenzufließen und schwammen, wie ein einziges Nebelbild des Entsetzens, vor ihren Augen; aus ihrem Antlitz floh die Farbe, ein kalter Schweiß bedeckte es; das Leben verließ sie, sie sank in Ohnmacht. –

Mit ungewöhnlicher Bekümmernis, in gespannter Rastlosigkeit stand der Ungenannte auf seiner Felsenburg harrend da. Seltsam! Der Mann, welcher mit ungerührtem Herzen über so manches Leben entschieden, welcher die ängstliche Pein, womit er andre marterte, bei so vielen Handlungen seiner Frevelwut für nichts achtete und nur eine unmenschliche Rachelust sich darin ergötzen ließ, der empfand jetzt bei den Leiden, die er über diese Lucia, eine Unbekannte, eine armselige Bäuerin verhängte, die Anwandlungen eines Schauders, einer Reue, ja fast eines Schreckens. Von einem hohen Fenster seiner Felsenburg aus spähte er schon lange nach einer Öffnung des Tales hin; da zeigte sich die Kutsche und rollte langsam daher; denn der erste Lauf bei schießenden Zügeln hatte den Mut der Pferde gedämpft und ihre Kräfte geschwächt.

Wird sie darin sitzen? fragte er sich sogleich. – Was verursacht mir die Dirne für Unannehmlichkeiten! Ich will sie mir vom Halse schaffen.

Er war im Begriff, einen Bewaffneten zu rufen und dem Geier sagen zu lassen, er solle umkehren und das Mädchen nach Don Rodrigos Palast bringen; aber ein gebieterisches Nein, welches plötzlich im Innern seines Geistes ertönte, verscheuchte diesen Vorsatz schnell wieder. Da ihn jedoch das Bedürfnis, irgendeinen Befehl zu geben, gleichsam quälte und es ihm unerträglich dünkte, die langsam daherschleichende Kutsche müßig zu erwarten, ließ er eine alte Frau, die sich im Schlosse befand, rufen.

Diese war die Tochter eines alten Schloßwächters, auf dem Felsen geboren, welchen sie ihr ganzes Leben hindurch nicht verlassen hatte. Was sie seit ihren Kinderjahren dort gesehen und gehört, hatte ihrem Geiste einen unendlich hohen und schrecklichen Begriff von der Macht ihrer Herren eingeprägt; der vorzüglichste Grundsatz aber, welchen sie aus Lehre und Beispiel für immer sich gemerkt, bestand darin, daß sie den Gebietern, da sie unendlich viel Böses und unendlich viel Gutes zu tun vermochten, in allen Stücken Gehorsam leisten müsse.

»Du siehst da unten die Kutsche!« sagte der Herr zu ihr.

»Ich sehe sie,« antwortete die Alte, indem sie das spitze Kinn vorstreckte, und strengte die hohlen Augen an.

»Richte augenblicklich eine Sänfte ein; setz' dich hinein und laß dich hinab ›Zur bösen Nacht‹ tragen. Geschwind, geschwind, damit du da bist, ehe die Kutsche noch hinkommt. In der Kutsche ist ... muß ein junges Mädchen sein. Ist sie drin, so laß ich dem Geier sagen, er soll sie in die Sänfte setzen und sogleich zu mir heraufkommen. Dann kannst du neben dem jungen Mädchen in der Sänfte sitzen, und seid ihr hier oben, führst du sie in dein Zimmer. Wenn sie dich fragt, wohin du sie bringst, wessen das Schloß ist, so nimm dich ja in acht ...«

»O!« sagte die Alte.

»Sprich ihr aber Mut zu,« gebot der Herr.

»«Was soll ich ihr sagen?«

»Was du ihr sagen sollst? Mut sollst du ihr zusprechen. Bist du so alt geworden und weißt nicht, wie man einem Mut zuspricht, wenn's sein muß? Ist dir niemals bange ums Herz gewesen? Hast du niemals Furcht gehabt? So wirst du wohl wissen, was für Worte in solchen Augenblicken am besten wirken. Sag ihr solche Worte, ersinne welche, wenn dir dein Leben lieb ist. Und nun geschwind!«

Sobald sie hinausgegangen war, blieb er noch einige Zeit am Fenster stehen und heftete die Augen fortwährend auf die Kutsche, welche schon in bedeutender Größe sich darstellte. Die Sonne sank in dem Augenblick hinter das Gebirge hinab, und die braunen Wolken am Himmel füllten sich schnell mit flammendem Purpur. Der Ungenannte blickte zur Sonne hin und hinauf in die Wolken, schloß das Fenster, zog sich zurück und schritt in seinem Zimmer mit der Schnelligkeit eines eilfertigen Wanderers auf und nieder.

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