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Die Verlobten

Alessandro Manzoni: Die Verlobten - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorAlessandro Manzoni
titleDie Verlobten
publisherGutenberg-Verlag, Hamburg
volumeBand 1 und 2
editorDr. Herrman Tiemann
year1929
translatorDaniel Lessmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060803
projectid9d981f8c
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Achtzehntes Kapitel.

An demselben Tage, dem 13. November, langte ein außerordentlicher Bote beim Stadtvogt von Lecco an und zeigte eine Schrift vom Hauptmann der Gerechtigkeit vor, worin geboten ward, alles mögliche anzuwenden, um durch zweckmäßige Untersuchung herauszubringen, ob ein junger Mensch namens Lorenzo Tramaglino, ein Seidenspinner, der aus dem Machtbereich praedicti egregii domini Capitanei entwischt; in sein Dorf palam vel clam zurückgekehrt wäre; ignotum, was für ein Dorf dies eigentlich sei, verum in territorio Leuci. Quod si compertum fuerit sic esse, soll genannter Herr Stadtvogt suchen, quanta maxima diligentia fieri poterit, ihn in seine Hände zu bekommen, soll ihn gehörig gebunden, videlizet mit tüchtigen Handfesseln, maßen die Unzulänglichkeit der Handkrausen bei besagtem Subjekte erwiesen, ins Gefängnis setzen und dort unter sicherer Wache behalten, um ihn demjenigen zu überliefern, der ihn zu holen wird abgeschickt werden. Es möge nun dieses sich ausführen lassen oder nicht, accedatis ad domum praedicti Laurentii Tramaliini: et facta debita diligentia, quidquid ad rem repertum fuerit auferatis; et informationes de illius prava qualitate, vita, et complicibus sumatis ,Geht nach dem Hause des besagten Lorenzo Tramaglino; und mit gehöriger Sorgfalt nehmt mit, was als zur Sache gehörig gefunden wird; und zieht Erkundigungen ein über die schlechten Eigenschaften des Mannes, sein Leben und seine Mithelfer; und über alles Gesagte und Getane, über alles, was gefunden und was nicht gefunden worden, was er mitgenommen und hinterlassen hat, diligenter referatis.

Sobald der Stadtvogt nach menschlichem Vermögen sich versichert hatte, daß der Verlangte in sein Dorf nicht heimgekehrt, ließ er den Schulzen zu sich kommen und begab sich unter der Führung desselben nach dem angezeigten Hause; ein Notar und viele Häscher folgten ihm. Das Haus war verschlossen; niemand ließ sich sehen, der den Schlüssel dazu hatte. Die Schlösser wurden also erbrochen, und mit dem gebotenen Fleiße ging man zu Werke; das heißt, man verfuhr wie in einer Stadt, welche man im Sturm eingenommen hat. – Indessen verbreitet sich das Gerücht dieses Besuches augenblicklich durch die ganze Umgegend und gelangt auch zu den Ohren des Paters Cristoforo; dieser fragt, ebenso erstaunt wie betrübt, einen dritten und vierten, um über die Ursache eines so unerwarteten Vorfalles einiges Licht zu erhalten; er erlangt aber nichts anderes als luftige Vermutungen und widersprechende Nachrichten. Auf der Stelle schreibt er also dem Pater Bonaventura und hofft, von diesem etwa genauere Kunde zu bekommen. – Renzos Verwandte und Freunde erscheinen indessen, vorgeladen, um alles, was sie über seine schlechten Eigenschaften wissen, anzugeben; Tramaglino zu heißen, gilt ein Unglück, eine Schande, ein Verbrechen; das Dorf ist in größter Unruhe. Allmählich erfährt man, Renzo sei mitten in Mailand der Gerechtigkeit entwischt und dann verschwunden; man flüstert einander zu, er habe einen schweren Streich begangen; dieser aber läßt sich nicht angeben oder wird auf hundert verschiedene Weisen erzählt. Je schwerer er klingt, desto weniger glaubt man ihn im Dorfe, wo Renzo als ein rechtlicher junger Mann bekannt; die meisten vermuten und raunen sich's ins Ohr, es sei nichts weiter als eine Kabale des gewalttätigen Don Rodrigo, um seinen armen Nebenbuhler ins Verderben zu stürzen. So tun die Leute, nach der Erfahrung schließend und mit dem Geschehenen unbekannt, bisweilen selbst den Schurken gar sehr unrecht.

Wir aber, die wir Bescheid wissen, können versichern, daß Don Rodrigo an Renzos Unglück diesmal durchaus keinen Teil hatte; indessen freute er sich darüber, als wäre es sein eigenes Werk, und brüstete sich gegen seine Vertrauten, vorzüglich gegen den Grafen Attilio, mit der Macht seines Einflusses. Der Graf hätte, seinem Plan zufolge, sich jetzt schon in Mailand befinden müssen; sobald er aber von dem Sturmgetümmel, das sich daselbst erhoben, und vom Benehmen der Menge, welche nichts weniger als Stockschläge sich gefallen lassen wollte, nur den ersten Wink erhalten, hatte er für gut befunden, bis auf bessere Nachrichten auf dem Lande zu verweilen. Er hatte manchen beleidigt und fürchtete mit Grund, es könnte einer von den vielen, die bisher nur aus Ohnmacht sich ruhig verhielten, die Gelegenheit beherzt sich zunutze machen und für alle übrigen den günstigen Augenblick der Rache ergreifen. Dieser schwankende Zustand währte indessen nicht lange; schon der Befehl aus Mailand zu Renzos Verhaftung ließ merken, daß alles dort wieder den gewöhnlichen Gang genommen; die bestimmten Nachrichten, welche kurz darauf eintrafen, gewährten die Gewißheit. Graf Attilio ermunterte seinen Vetter, in seiner Unternehmung nicht stehenzubleiben und die Verpflichtung, welche er selbst auf sich genommen, zu fördern; er versprach von seiner Seite, ihm den Mönch so bald wie möglich vom Halse zu schaffen, und reiste unmittelbar darauf ab; das glückliche Ereignis mit dem lumpigen Nebenbuhler sollte eine wunderbare Hilfe dabei leisten. Kurz nach seiner Abreise kam der Graue heiler Haut von Monza zurück und berichtete seinem Herrn, was zu erspüren ihm möglich gewesen: Lucia habe in dem und dem Kloster, unter dem Schutze der und der Dame ihr Unterkommen gefunden; sie sei da eingenistet, als wenn sie selbst eine Nonne wäre, setze keinen Fuß zur Türe hinaus und wohne den kirchlichen Versammlungen hinter einem Gitterfenster bei; das mißfalle indessen vielen, welche von ihren Abenteuern sprechen gehört und, da sie von ihrer Schönheit große Dinge vernommen, sie gar gern einmal ungehindert sehen möchten.

Dieser Bericht weckte in Don Rodrigos Seele eine ganze Hölle. So viele seinem Plan so günstige Umstände entflammten immer mehr seine Leidenschaft, entflammten die Mischung von verkehrtem Ehrgefühl, von Wut und schändlichem Hange, aus welchen diese Leidenschaft bestand: Renzo abwesend, landesflüchtig, verbannt; alles war gegen ihn erlaubt, seine Verlobte selbst konnte als der Besitz eines Empörers betrachtet werden; der einzige Mensch auf Erden, der sich für sie verwenden konnte und mit dem Geschrei seiner Freundesangst weit umher und hoch hinauf reichte, der wütende Mönch, sollte binnen kurzem vermutlich gleichfalls außerstande sein, zu schaden. Da muß plötzlich ein neues Hindernis alle diese günstigen Winke des Schicksals um ihre Wirkung bringen! Ein Kloster zu Monza, wäre auch keine Fürstin darin gewesen, war dennoch für die Zähne eines Don Rodrigo eine zu harte Nuß; er mochte, wie er wollte, mit seiner Einbildungskraft um den Zufluchtsort schwärmen, er sah dennoch weder Gewalt noch List, um seine Beute zu erobern. Schon wehte ihn der Gedanke an, die Unternehmung ganz und gar fahren zu lassen; schon wollte er nach Mailand gehen und einen Umweg nehmen, Um Monza nicht zu berühren, wollte dort sich in die Zirkel seiner Freunde und in rauschende Vergnügungen stürzen, um durch fröhliche Gedanken diesen einen qualvollen Gedanken zu ersticken. Aber die Freunde – langsam ein wenig mit diesen Freunden. Anstatt abgelenkt zu werden, mußte er sich darauf gefaßt machen, in ihrer Gesellschaft seinen Schmerz unaufhörlich erneuert und wieder aufgestachelt zu sehen, denn Attilo hatte wahrscheinlich schon die Posaune ergriffen und alle in Erwartung gesetzt. Von jeder Seite würde man ihn um das Mädchen aus dem Gebirge befragen, und er müßte Rechenschaft ablegen. Er hatte gewollt, hatte versucht; was hatte er erhalten? Eine Verpflichtung auf sich genommen; freilich nicht eben die ehrsamste; wer ist aber immer Herr seiner Launen? Die Hauptsache blieb immer, sie zu befriedigen, und wie ließ sich da mit dieser Verpflichtung fertig werden? Wie? Von einem groben Bauer und einem Mönche so schmachvoll behandelt? Das gute Glück hatte nun unerwartet den einen, ein geschickter Freund den andern aus dem Wege geräumt, und der Gimpel, ohne dessen Bemühung beides geschehen, wußte die treffliche Fügung nicht zu benutzen und zog sich jämmerlich aus dem Handel? So konnte man das Gesicht nie mehr unter Leuten von Stande emporheben oder mußte darauf rechnen, die Hand jeden Augenblick an den Degen zu legen.

Don Rodrigo wollte seine Pläne nicht fahren lassen, nicht zurückschreiten noch stehenbleiben, und vorwärts gehen konnte er von selbst nicht; indessen fiel ihm ein Mittel ein, durch welches die Sache vielleicht ausführbar würde; Gesellschaft und Hilfe sollte ein Mensch ihm leisten, dessen Hände oft so weit reichten, wie kaum die Blicke der andern trugen; ein Mensch oder ein Teufel vielmehr, für welchen die Schwierigkeit eines Unternehmens ein Sporn war, sich damit zu befassen. Aber auch hier gab es Widerwärtigkeiten und Gefahren, welche sich nicht berechnen ließen; denn hatte er einmal mit diesem Menschen dasselbe Schiff bestiegen, mit einem mächtigen Gehilfen, zugleich aber auch mit einem unlenksamen und gefährlichen Führer, so konnte niemand bestimmen, bis wie weit der Handel gehen würde.

Diese Gedanken erhielten Don Rodrigo mehrere Tage hindurch im Schwanken zwischen Ja und Nein. Indessen langte ein Brief vom Grafen an und enthielt die Nachricht, daß der Anschlag bereits glücklich ins Werk gesetzt sei. Schnell hinter dem Blitze erfolgte der Donnerschlag; man hörte eines Morgens, Pater Cristoforo habe sich aus dem Kloster von Pescarenico entfernt. Während bei diesem so vollständigen und schnellen Erfolg der Brief des Grafen zum Mut ermunterte und mit reichlichem Spotte drohte, neigte sich Don Rodrigo immer mehr zum gefährlichen Entschlusse; den letzten Sporn gab ihm die unerwartete Nachricht, daß Agnese nach Hause zurückgekehrt sei; ein Hindernis weniger bei Lucien. Wir geben von beiden Ereignissen Bericht und fangen bei dem letzteren an.

Die beiden armen Frauen hatten in ihrem Zufluchtsorte kaum die erste Ruhe empfunden, so verbreitete sich durch Monza, und folglich auch im Kloster, die Zeitung von dem stürmischen Tumulte in Mailand. Renzo mußte gerade an dem verhängnisvollen Tage in Mailand angekommen sein; die Nachricht setzte also die Frauen, und vorzüglich Lucien, schon in einige Unruhe. Endlich aber kam die Wirtschafterin herbei und erzählte ihnen: »Man hat einige der Aufrührer ins Gefängnis geworfen; einer aus der Umgegend von Lecco hat sich davongemacht, um nicht aufgehängt zu werden; er ist aus eurem Dorfe selbst, ein Seidenspinner, Tramaglino mit Namen. Nun, kennt ihr ihn?«

Lucien, welche eben dasaß und ein Tuch säumte, fiel die Arbeit aus der Hand; sie wurde blaß, und ihr Gesicht verwandelte sich; die Wirtschafterin hätte es gewiß bemerkt, wenn sie ihr näher gewesen wäre. Sie stand aber eben mit Agnesen an der Türe; diese, wohl bestürzt, doch nicht so gewaltsam ergriffen, vermochte ihre Miene zu beherrschen und zwang sich die Antwort ab, daß man allerdings in einem kleinen Dorfe mit jedem bekannt sei; sie kenne ihn, glaube aber nicht, daß so etwas ihm begegnet sei; denn es sei ein friedlicher junger Mann. Darauf erkundigte sie sich, ob er gewiß davongekommen und wohin er geflohen sei.

»Davongekommen, das sagen alle; wohin, weiß keiner. Vielleicht erwischen sie ihn noch, vielleicht ist er auch schon geborgen. Fällt er ihnen aber in die Hände, so wird euer friedlicher junger Mann ...«

Hier wurde glücklicherweise die Wirtschafterin gerufen und ging hinaus; man denke sich, in welcher Stimmung Mutter und Tochter zurückblieben. Mehr als einen Tag mußten die arme Frau und das verlassene Mädchen in dieser zweifelvollen Ungewißheit schweben; sie schufen sich in der Einbildung die Ursachen, die Weise, die Folgen eines so schmerzlichen Ereignisses und begleiteten jede für sich oder leise miteinander, wann- sie konnten, die schreckliche Nachricht mit ihren Vermutungen.

An einem Donnerstag endlich kam ein Mann nach dem Kloster und verlangte Agnesen zu sprechen. Es war ein Fischhändler aus Pescarenico, welcher wie gewöhnlich nach Mailand ging, um seine Ware dort abzusetzen; der gute Pater Cristoforo hatte ihn gebeten, wenn er durch Monza käme, im Kloster einzusprechen, die Frauen in seinem Namen zu grüßen und ihnen zu erzählen, was er von Renzos traurigem Lose wußte. Er sollte sie zur Geduld und zum Vertrauen in Gott ermutigen und ihnen die Versicherung geben, der arme Pater Cristoforo würde sie gewißlich nicht vergessen, würde jede Gelegenheit, ihnen Hilfe zu leisten, wachsam ergreifen und währenddessen nicht ermangeln, jede Woche auf die eine oder die andere Weise ihnen seine Nachrichten zukommen zu lassen. Was Renzo betraf, wußte der Bote keine weitere Kunde anzugeben, als daß die Gerichtsdiener sein Haus geöffnet und seiner habhaft zu werden suchten; es sei aber bisher auch alles vergebens gewesen, und man wisse so ziemlich, daß der junge Mensch sich im Gebiete von Bergamo vor aller Gefahr sicher befände. Diese Gewißheit war ein Balsam für Luciens Schmerz; sie empfand einen kräftigeren Trost in den heimlichen Herzenseröffnungen gegen ihre Mutter, und sooft sie zum Himmel betete, trat ihr auch ein brünstiger Dank für die Rettung des Geliebten auf die Lippen.

Am nächsten Donnerstage kehrte ein Bote wieder, brachte vom Pater Cristoforo Grüße und ermutigenden Zuspruch und bestätigte zugleich, daß Renzo in vollkommener Sicherheit geborgen sei. Bestimmtere Nachrichten über sein unglückliches Ereignis nicht eine einzige; denn, wir haben es dem Leser schon gesagt, der Kapuziner hatte sie von seinem Mitbruder in Mailand gehofft, und dieser antwortete, so wenig von einem Briefe wie von einem Überbringer etwas zu wissen; ein Fremder habe allerdings im Kloster eingesprochen und nach ihm gefragt; da er ihn aber nicht zu Hause getroffen, sei er wieder weggegangen und habe sich weiter nicht sehen lassen.

Am dritten Donnerstage kein Bote. So vermißten die Frauen nicht nur den gewünschten und gehofften Trost, sie gerieten auch, wie es in sorgenvoll betrübter Lage bei dem kleinsten Ereignis der Fall ist, in Unruhe und überließen sich hundertfältigem ängstlichen Argwohn. Schon vorher war Agnese damit umgegangen, eine Reise nach ihrem Dorfe zu machen; das Ausbleiben des verheißenen Boten befestigte sie in ihrem Plan. Das teure Angesicht der Mutter mehrere Tage hindurch nicht zu erblicken, war für Lucien ein peinlicher Gedanke; doch die drängende Sehnsucht, etwas Weiteres zu erfahren, die Sicherheit, um welche ihr in einem so bewachten und heiligen Zufluchtsorte nicht bange sein durfte, entkräfteten bald ihren Widerspruch. So wurde beschlossen, Agnese sollte am nächsten Tage den Fischhändler, welcher auf seiner Rückreise von Mailand durchkommen mußte, an der Landstraße erwarten und ihn um ein Plätzchen auf seinem Karren ersuchen, um nach dem heimatlichen Gebirge gelangen zu können. Sie traf ihn wirklich und fragte ihn, ob Pater Cristoforo ihm keinen Auftrag an sie mitgegeben; der Mann aber war den ganzen Tag hindurch vor seiner Abreise mit Fischen beschäftigt gewesen und führte weder eine Sendung noch eine Nachricht vom Mönche mit sich. Agnese bat ihn um einen Platz und brauchte ihn nicht erst lange zu ersuchen; sie nahm, nicht ohne Tränen, von der Edelnonne und der Tochter Abschied, versprach, recht bald Nachricht zu geben oder zurückzukehren, und reiste ab.

Auf der Reise fiel nichts von Bedeutung vor. Sie brachten einen Teil der Nacht, wie gewöhnlich, in einem Wirtshause an der Landstraße zu, machten sich vor Tagesanbruch wieder auf den Weg und kamen bei guter Zeit in Pescarenico an. Agnese stieg auf dem Platz vor dem Kloster ab, entließ ihren Führer mit vielen Dankesbezeugungen, und da sie doch einmal hier war, wollte sie, ehe sie nach ihrem Dorfe zurückkehrte, den guten Mönch, ihren Wohltäter, sehen. Sie zog die Klingel, und wer ihr öffnete, war Bruder Galdino, der Olivensammler. »Ei, gute Frau, was für'n glücklicher Wind führt Euch her?«

»Ich möchte den Pater Cristoforo gern sprechen.«

»Pater Cristoforo? Der ist nicht hier.«

»Ah, dauert's wohl lange, bis er wiederkommt?« fragte Agnese.

»Aber ...« sagte der Mönch, hob die Schultern in die Höhe und senkte das geschorene Haupt in die Kapuze.

»Wohin ist er gegangen?«

»Nach Rimini.«

»Nach ...?«

»Nach Rimini,« wiederholte Bruder Galdino.

»Wo liegt der Ort?«

»Eh!« erwiderte jener, mit ausgestrecktem Arm die Luft von oben nach unten durchschneidend, um eine große Entfernung zu bezeichnen.

»Ich arme Frau! Aber warum hat er sich mit einemmal auf eine so weite Reise gemacht?«

»Der Pater Provinzial hat's so haben wollen.«

»Und warum haben sie gerade ihn weggeschickt, der so viel Gutes hier tat? Ich Unglückselige!«

»Wenn die Vorgesetzten,« sagte der Mönch, »von ihren Befehlen Rechnung ablegen müßten, wo bliebe denn da der Gehorsam, gute Frau?«

»Freilich,« meinte Agnese. »Aber das richtet mich zugrunde.«

»Wißt Ihr, was es sein wird? Sie werden in Rimini einen tüchtigen Pater Prediger gebraucht haben; es gibt ihrer freilich überall, manchmal aber tut einer not, der gerade dazu gemacht ist; der Pater Provinzial dort wird unserm hier geschrieben haben, ob er so einen hat; da hat unser Pater Provinzial gedacht: Hier heißt's Bruder Cristoforo. Wie's denn auch wirklich sich jetzt zeigt.«

»Weh uns armen Leuten! Wann ist er abgereist?«

»Vorgestern.«

»Seh' einer an! Wenn ich nur meiner eigenen Eingebung gefolgt und ein paar Tage früher hergekommen wäre! Und läßt sich nicht bestimmen, wann er wiederkehrt? Auch nicht einmal ungefähr?«

»Ei, liebe Frau, das weiß der Pater Provinzial, wofern er's auch einmal weiß.«

»Barmherziger Himmel!« rief Agnese von neuem und weinte fast. »Was soll ich ohne den Mann anfangen? Er hat wie ein Vater für uns gesorgt! 's ist rein unser Verderben!« »Es tut mir leid um Euch, gute Frau,« erwiderte Bruder Galdino. »Und seid Ihr willens, einen von unsern Vätern hier um Rat zu fragen, das Kloster ist hier und rückt sich nicht von der Stelle. Und übrigens werd' ich auch mich wieder sehen lassen, wenn ich Oliven einsammeln gehe.«

»Lebt wohl,« sagte Agnese. Und hiermit machte sie sich auf den Weg nach ihrem Dörfchen, verlassen, ohne Fassung und Hoffnung, dem armen Blinden gleich, der seinen Stab verloren hat.

Ein wenig besser als Bruder Galdino unterrichtet, dürfen wir jetzt Auskunft geben, wie die Sache eigentlich zugegangen. Attilio war kaum in Mailand angelangt, so begab er sich, wie er seinem Vetter versprochen, auf den Weg, ihrem gemeinschaftlichen Oheim, einem Mitgliede des Geheimen Rates, seinen Besuch abzustatten. Dieser Geheime Rat bestand aus dreizehn Männern vom Bürger- wie vom Kriegerstande; der Statthalter fragte sie bisweilen um ihre Meinung, und starb er oder kam ein anderer an seine Stelle, so führten sie währenddessen das Regiment. Der Graf Oheim, ein Herr vom Zivilstande und einer der ältesten im Rate, genoß ein gewisses Ansehen in demselben; keiner machte wie er es geltend, keiner ließ es wie er nach außen hin wirken. Zweideutige Ausdrücke, ein bedeutungsvolles Schweigen, ein Unterdrücken begonnener Worte, vielsagende Augensprache, Schmeicheleien ohne Versprechungen, höfliche Drohungen, alles war zu dem Ende berechnet, und alles erreichte mehr oder weniger seinen Zweck. Das Ansehen des Grafen Oheim, welches seit geraumer Zeit in sehr langsamen Schritten zugenommen, hatte kürzlich bei einer außerordentlichen Gelegenheit in einem riesenhaften Schwung sich erhoben – eine Reise nach Madrid, eine Sendung an den Hof; welche Aufnahme ihm dort geworden, mußte man ihn selbst erzählen hören. Genug, der Graf Herzog hatte ihn mit einer besonderen Herablassung behandelt und ihn seines Vertrauens so huldgnädigst gewürdigt, daß er ihm einmal in Gegenwart des halben Hofes die Frage vorgelegt, wie ihm Madrid gefiele; ja in demselben Fenster mit ihm liegend, hatte er ihm ein andermal unter vier Augen gestanden, daß in sämtlichen Reichen des Königs der Dom zu Mailand der größte Tempel Gottes sei.

Zu diesem einflußreichen Manne begab sich also Graf Attilio und wußte ihm die Angelegenheit ihres Verwandten Don Rodrigo in solchem Lichte darzustellen, daß der Graf Oheim es als seine Familienpflicht betrachtete, gegen den Pater Cristoforo vorzugehen. Nachdem der Graf Oheim die Sache seines Neffen Don Rodrigo übernommen hatte, sann er auf ein Mittel, wie er am besten gegen den widerspenstigen und lästigen Mönch verfahren könnte. Es schien ihm das rätlichste zu sein, den Pater Cristoforo zu entfernen zu versuchen; und dazu mußte der Pater Provinzial des Ordens, dem dieser angehörte, das Werkzeug abgeben; denn von dessen Willen hingen Gegenwart und Abwesenheit des Mönches ab.

Nun war zwischen dem Pater Provinzial und dem Grafen Oheim eine alte Bekanntschaft; sie sahen sich selten, aber jedesmal mit wortreichen Freundschaftsbezeugungen und stelzfüßigen Versicherungen der Dienstfertigkeit. Es fiel dem Grafen Oheim daher nicht allzu schwer, kraft seines Ansehens und unter Hinweis auf den Anhang seiner einflußreichen Familie den Provinzial davon zu überzeugen, daß es im Interesse des Ordens läge, einen Mönch, der mit einer so mächtigen Familie einen Streit vom Zaune gebrochen habe, fürs erste außer Landes zu schicken; um den Frieden zu wahren, den die Väter benötigten, um Gutes zu tun, sei es das beste, die Zwistigkeiten durch Versetzung des unbesonnenen Urhebers einzuschläfern und allmählich vergessen zu machen.

So sprach eines Abends zu Pescarenico ein Kapuziner aus Mailand ein und hatte ein Paket Briefe für den Pater Guardian bei sich; darin lag der Befehl für den Bruder Cristoforo, sich nach Rimini zu begeben und dort die Fastenpredigten zu halten. Der Brief an den Guardian gebot, dem besagten Mönche einzuschärfen, er möchte alle Unternehmungen, welche er in der Gegend um Pescarenico angesponnen, fahren lassen und durchaus in keinen Briefwechsel treten; der Bruder Briefträger sollte der Reisegefährte sein. Der Guardian ließ sich am Abend nichts anmerken; des Morgens läßt er den Bruder Cristoforo rufen, zeigt ihm die Vorschrift, heißt ihn Korb, Wanderstab, Schweißtuch und Gürtel zur Hand nehmen und befiehlt ihm, mit dem Gefährten, welchen er ihm vorstellt, sich alsobald auf die Reise zu begeben.

Ein Donnerschlag für unsern Mönch. Renzo, Lucia, Agnese, sie traten ihm augenblicklich vor die Augen, und – o Gott! rief er im Herzen, was wird aus den armen Unglückskindern werden, wenn ich nicht mehr hier bin? – Bald aber hob er die Augen gen Himmel und klagte sich an, daß er einen Augenblick im Vertrauen gewankt und sich dabei für notwendig gehalten. Er kreuzte zum Zeichen des Gehorsams die Arme über die Brust und neigte gegen den Pater Guardian das Haupt. Dieser zog ihn beiseite und teilte ihm, mit den Ausdrücken eines ratenden Freundes, sich auf den Befehl berufend, die andre Weisung mit. Bruder Cristoforo begab sich nach seiner Zelle, nahm den Korb und tat sein Gebetbuch, seine Fastenpredigten und das Brot der Verzeihung hinein. Dann schlug er um die Hüften einen ledernen Gürtel, verabschiedete sich von den Mitbrüdern im Kloster, ging noch einmal zum Guardian, um seinen Segen sich zu holen, und machte sich mit dem Gefährten auf den vorgeschriebenen Weg.

Ende des ersten Teiles.

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