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Die Verlobten

Alessandro Manzoni: Die Verlobten - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorAlessandro Manzoni
titleDie Verlobten
publisherGutenberg-Verlag, Hamburg
volumeBand 1 und 2
editorDr. Herrman Tiemann
year1929
translatorDaniel Lessmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060803
projectid9d981f8c
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Siebzehntes Kapitel.

Eine einzige Neigung hat bisweilen über das Gemüt des Menschen Macht genug, um seiner Lage jeden erfreulichen Trost zu nehmen; man denke nun, wenn zwei ihn beherrschen und die eine mit der andern im Kampfe liegt. Der arme Renzo war soeben das Schlachtfeld zweier solcher Neigungen; er wollte vorwärts eilen und zugleich sich niemandem verraten. Die unglücklichen Worte des Kaufmanns hatten zur Steigerung beider Wünsche über alle Maßen beigetragen. Sein Abenteuer hatte also Lärm gemacht, man bemühte sich, ihn zu erhaschen; wer weiß, wie viele Häscher auf den Beinen waren, um ihn zu hetzen? Was waren für Befehle ergangen, in den Dörfern, in den Schenken, an den Landstraßen, ihm aufzupassen? Freilich kannten ihn nur zwei Häscher, fiel ihm ein, und den Namen trug er nicht auf der Stirn geschrieben; es kamen ihm aber zugleich hundert alte Geschichten von Flüchtlingen in den Kopf, die auf seltsame Weise entdeckt und ertappt worden, am Gange, an der verdächtigen Miene, an andern unvermuteten Zeichen erkannt, und so erfüllte ihn alles mit Grauen.

Als er Gorgonzola verließ, läuteten die Glocken zum Ave Maria, und die steigende Dämmerung milderte diese Gefahren immer wohltätiger; dennoch blieb er nur sehr ungern auf der Hauptstraße und nahm sich vor, den ersten Seitenweg einzuschlagen, der eine passende Richtung nehmen würde. Die wenigen Wanderer, welche er anfangs noch traf, ließ er unbefragt vorübergehen; seine ängstliche Einbildung band ihm die Zunge. – Sechs Miglien hat der gesagt, dachte er; wenn ich durch Querwege und Fußsteige vorwärtszukommen suche, werden also noch acht oder zehn herauskommen; die Füße, welche die andern gemacht haben, werden diese auch noch machen. Nach Mailand geh' ich nicht, soviel ist gewiß; also muß ich mich doch der Adda nähern. Früh oder spät, anlangen muß ich dort. Die Adda spricht allein; bin ich nicht mehr weit davon, brauch ich sie mir von keinem zeigen zu lassen. Ist eine Barke zur Überfahrt da, gleich hinüber; wo nicht, bring' ich die Nacht auf 'nem Felde zu oder auf 'nem Baum, wie die Sperlinge; besser auf 'nem Baume als im Gefängnis.

Bald öffnete sich eine kleine Straße zur Linken, und er wählte sie. Hätte er jetzt jemanden angetroffen, würde er kein Bedenken mehr getragen haben, ihn zu fragen; aber kein Fußtritt eines lebendigen Menschen ließ sich vernehmen. Der schmale Weg blieb also sein Führer, und so ging er nachdenklich vorwärts.

Ich den Teufel spielen! Ich alle die Herren ums Leben bringen! Ein Paket Briefe bei mir, ich! Und Gesellen, die um mich her Wache gehalten! Ich tät was drum geben, wenn ich mich mit dem Kaufmann, Gesicht gegen Gesicht, jenseits der Adda träfe – ach, wann werd' ich sie hinter mir haben, die gesegnete Adda! – ich wollt' ihn einmal ausführlich fragen, wo er denn all diese sauberen Nachrichten aufgefischt hat ...

Bald aber mußten diese und ähnliche Gedanken weichen; die gegenwärtigen Umstände beschäftigten alle Seelenkräfte des armen Pilgers. Die Furcht vor Verfolgung oder Entdeckung, welche die Reise am Tage ihm so peinlich verbittert hatte, hielt ihn nun nicht mehr in Beklemmung; aber wie viele andre Dinge bestürmten ihn jetzt um so gewaltsamer! Die Finsternis, die Einsamkeit, die steigende, fast schon schmerzliche Ermüdung; ein stiller, gleichförmiger, aber scharfer Nachtwind, dabei noch dieselben Kleider, in welchen er zur Vermählung gehen und dann sogleich, wenige Schritte weit, im Triumph nach Hause zurückkehren wollte; was aber alles noch trübseliger machte, war das Fortwandern aufs Geratewohl, das spurlose Umhersuchen nach einem Orte der Ruhe und der Sicherheit.

So ging's vorwärts und vorwärts, bis er in eine Gegend gelangte, wo die angebaute Flur sich in eine Heide von Farrenkraut und Binsen verlor. Nach und nach geriet er zwischen höheres Gesträuch von Dornbüschen, Schlehen und jungen Eichen. Dennoch, wanderte er mehr in Ungeduld als mit lebhafter Munterkeit eilig fort, sah hin und wieder einen einzelnen Baum sich erheben und bemerkte endlich, daß er in einen Wald trat. Er empfand einen unheimlichen Schauder, hineinzugehen; doch überwand er ihn und schritt gleichsam wider Willen vorwärts. Je weiter er kam, desto unerfreulicher wuchsen Widerwille und Schauder. Die Bäume, welche er von weitem starren Blickes ansah, standen wie seltsame, unförmliche Wundergestalten da; mit grauenhaften Gefühlen erfüllte ihn der Schatten der leicht bewegten Wipfel, der auf dem mondbeleuchteten Fußpfade zitterte; das Rauschen der trockenen Blätter, der Nachhall seiner eigenen Fußtritte traf schmerzlich sein verzagtes Gemüt. Ein Drang zur Eile, eine beflügelte Sehnsucht verkündigte sich in seinen Füßen, und doch vermochten sie kaum mehr ihn zu tragen. Kalt und feindselig fühlte er die Nachtluft gegen Stirn und Wange hauchen, sie drang ihm zwischen die Kleider durch und schien in den ermatteten Gliedern die letzte Lebenskraft zu verzehren. Der beklemmende Unmut, der unerklärliche Schauder, mit welchem seine Seele schon lange kämpfte, drohte bisweilen, sie plötzlich übermannen zu wollen. Oft glaubte er sich schon verloren; aber über seinen Schrecken mehr als über sonst etwas entsetzt, suchte er den alten Mut ins Herz wieder zurückzurufen. Indem er so sich einen Augenblick aufs neue erstarkt fühlte, stand er still und sann nach; er beschloß, auf dem Wege, den er zurückgelegt, sogleich aus der Wildnis wieder hinauszueilen, zu Menschen zurückzukehren und dort, wär's auch in einem Wirtshause, ein Unterkommen zu suchen. Während er aber so dastand, während das Geräusch seiner Füße im Laubwerk am Boden schwieg und dicht um ihn her kein Laut sich vernehmen ließ, schallt ihm ein fernes Brausen ins Ohr, ein Gemurmel, ein Gemurmel von strömendem Wasser. Er lauscht, er wird seiner Sache gewiß, und »Die Adda ist's!« ruft er mit freudigem Herzens Jubel – ein Freund war gefunden, ein Bruder, ein Retter. Verschwunden ist die Erschöpfung, das Blut strömt wieder in den Adern, frei und warm wallt ihm das Leben wieder durch die Glieder, das Vertrauen richtet sich in der Seele wieder empor, die Finsternis und die Ängstlichkeit seiner Lage sind gehoben, und keinen Augenblick besann er sich, dem heilbringenden Geräusche der Wellen folgend, weiter hinein in den Wald zu wandern.

Bald gelangte er an das äußerste Ende der Ebene, zum Rande eines tiefen Ufers, blickte durch die Gebüsche, welche es weit umher bekleideten, und sah in der Tiefe das rinnende Wasser glänzen. Darauf erhob er das Auge und unterschied die weite Ebene des andern Ufers, mit vielen Dörfern besetzt, darüber hinaus Anhöhen, und auf einer derselben eine ausgedehnte weiße Stelle, in welcher er eine Stadt, Bergamo gewiß, zu erkennen glaubte. Er trat an den Abgrund, drückte das Gesträuch seitwärts, blickte hinunter, ob irgendeine Barke vielleicht sich auf dem Flusse bewegte, und lauschte, ob Ruderschläge sich vernehmen ließen; nichts zu sehen noch zu hören. Wär's ein kleineres Wasser gewesen, so hätte Renzo alsobald sich hinabgemacht, um einen Durchgang zu Fuß zu versuchen; bei der Adda aber, wußte er wohl, ließ sich ein solcher Versuch mit keiner Sicherheit wagen.

Indessen ging er, um vieles ruhiger, mit sich selbst zu Rate, was er nun zu beginnen hätte. Auf einen Baum klettern und dort die Morgenröte erwarten, welche sechs Stunden vielleicht noch ausblieb, hieß bei dieser Nachtluft, bei dem Morgenreif, in solcher Kleidung, mehr als nötig sich dem Erstarren vor Kälte aussetzen. Da fiel ihm zur rechten Zeit ein, daß er auf einem Felde, nicht weit von der wüsten Heide, ein Cascinotto gesehen hatte. So nennen die Bauern um Mailand gewisse Hütten, mit Stroh gedeckt, aus Stämmen und Zweigen gebaut, welche mit Lehm verbunden und überzogen sind; dort legen sie im Sommer die Ernte des benachbarten Feldes nieder und halten sich des Nachts, um ihr Gut zu bewachen, darin auf; in den übrigen Jahreszeiten stehen sie verlassen da. Renzo bestimmte die Hütte sogleich zu seiner Nachtwohnung, ging zurück und fand sie richtig wieder. Ein wurmstichiger, zertrümmerter Türflügel lag ohne Schlüssel und Riegel an die Pfosten angelehnt; Renzo zog ihn nach sich und trat hinein. Drinnen sah er ein Weidengeflecht auf Zweigen liegen und auf dem Boden etwas Stroh; so sollte auch hier, dachte er, ein recht behaglicher Schlaf ihm zuteil werden.

Kaum aber hatte er sein gewöhnliches Abendgebet gesprochen und war ins Stroh geschlüpft, da wimmelte es in seiner Einbildungskraft von kommenden und gehenden Menschen, eine so gedrängte, so unerschöpfliche Menge, daß ihm der Gedanke an den Schlaf bald gänzlich verging. Der Kaufmann, der Notar, die Häscher, der Schwertfeger, der Gastwirt, Ferrer, der Speichervogt, die Gesellschaft im Wirtshause, all das Getümmel auf den Straßen, dann Don Abbondio, Don Rodrigo, alle Gestalten, mit deren Erinnerung ein Schmerzensgefühl oder ein bitterer Groll verbunden war, stiegen gespenstisch vor ihm auf.

Unter solchen Gedanken am Schlaf verzweifelnd, fühlte er die Schauer der kalten Nacht immer empfindlicher, so daß er bisweilen zitterte und mit den Zähnen klapperte. Er seufzte dem kommenden Morgen entgegen und maß mit Ungeduld den trägen Schleichgang der Stunden; er maß ihn, indem er mit jeder halben Stunde, bei der lautlosen Stille, die Schläge einer Turmuhr vernahm.

Endlich ließ sich die Glocke in elf Schlägen vernehmen.Fünf Uhr morgens, weil die italienischen Turmuhren von Sonnenuntergang bis Sonnenuntergang vierundzwanzig durch schlugen. Um diese Stunde hatte Renzo sich zu erheben beschlossen; er richtete sich halberstarrt auf, kniete, sagte mit heißerer Inbrunst als sonst sein Morgengebet her, dehnte und regte die Glieder, als wollte er das Leben wieder in ihnen anfachen, hauchte in die Hände, rieb sie und öffnete die Hütte. Darauf spähte er umher, ob vielleicht auch jemand sich in der Nähe befände, und da niemand zu bemerken war, suchte er den Fußsteig von gestern wieder auf. Er erkannte ihn bald und machte sich auf den Weg.

Der Himmel verkündigte einen schönen Tag; von der einen Seite blickte der bleiche strahlenlose Mond aus gräulichem Himmelblau, welches unten gegen den Horizont hin in gelblichem Rosenrot leicht zu verdampfen schien, auf das weite Feld herab. Darunter zogen sich in langen ungleichen Streifen einige Gewölke, mehr bläulich als braun; die tiefsten mit einem feurigen Saume gerandet, der allmählich lebhafter und lichtheller wurde; im Mittag schwammen gedrängt andre Wolken, leicht und locker, mit unzähligen Farben schimmernd; es war der lombardische Himmel, so schön, wenn er freundlich ist, so glanzgeschmückt, so friedlichsanft. Hätte sich Renzo zum Vergnügen hier eingefunden, er würde hinaufgeblickt und das Dämmern des Tages bewundert haben, wie es in ganz andrem Schauspiele als zwischen seinen Bergen sich darstellte; aber er sah zur Erde und schritt eifrig fort, sowohl um sich zu erwärmen, als um weiterzugelangen. So erreichte er wieder den Rand des Ufers und blickte hinab. Zwischen den Hecken hindurch unterschied er einen Fischerkahn, der langsam stromaufwärts schwamm und sich dicht an dem Rand des Ufers hielt. Augenblicklich ruft er leise dem Fischer zu und bittet ihn um die Überfahrt. Dieser willfährt ihm und lenkt sein Fahrzeug, gegen die reißende Strömung der Adda kreuzend, dem andern Ufer zu. Als die Adda so gut wie überschritten war, fühlte Renzo eine plötzliche Unruhe, weil er nicht wußte, ob er wirklich drüben die Grenze des Staates hinter sich habe oder nach Erreichung dieses Zieles noch etwas anderes zu überwinden bleibe. Er rief also dem Fischer zu und deutete mit dem Kopfe nach jener weißen Stelle, welche sich in der Nacht schon hatte unterscheiden lassen und jetzt weit deutlicher erschien. – »Ist das Bergamo, der Ort da?« fragte er.

»Die Stadt Bergamo,« war des Fischers Bescheid.

»Und das Ufer da ist bergamaskisch?«

»Venezianisch Land, San Marco der Patron.«

»Vivat San Marco!« rief Renzo. Der Fischer sagte nichts dazu.

Endlich stoßen sie ans Ufer, Renzo springt hinaus und dankt Gott im Herzen, dann dem Fischer mit Worten. Doch griff er auch in die Tasche, nahm ein Silberstück heraus und gab es dem guten Mann hin – in Erwägung seiner Umstände keine kleine Ausgabe! Der Fischer sah noch einmal nach dem mailändischen Ufer hinüber, sah stromauf- wie stromabwärts, nahm die Gabe, steckte sie ein, legte den Zeigefinger quer über die Lippen und sagte mit verstärktem Ausdruck der Miene: »Glückliche Reise!« Mit diesem Wunsche kehrte er um. Unser Flüchtling stand einen Augenblick auf dem Ufer still und betrachtete die Anhöhe gegenüber, das Land, welches kurz vorher unter seinen Füßen so gebrannt. – Ja, ich bin wirklich heraus! war sein erster Gedanke. Bleib dort liegen, verwünschtes Land! war der zweite, der Abschied von der Vaterflur. Der dritte aber ergriff die Lieben, die er in diesem verwünschten Lande zurückließ. Er kreuzte die Arme, seufzte, senkte die Augen auf das Wasser hinab, welches vor seinen Füßen dahinrann, und dachte: Unter der Brücke da ist es durchgeflossen! Böse Welt! Doch genug, wie es dem lieben Gott gefallen wird.

Er wandte den traurigen Gegenständen den Rücken, machte sich auf den Weg und nahm zum Gesichtspunkte die weiße Stelle auf dem Abhange des Berges, bis er einem sicheren Zeichen des Weges begegnen würde. Schon aber stand's ganz anders mit ihm. Unbefangen trat er zu den Wanderern hin, zögerte nicht mehr, verwickelte sich in keine hervorgestotterte Frage und sprach den Namen des Dorfes, wo sein Vetter wohnte, um seinen Weg dahin nehmen zu können, sicher und deutlich aus. Von dem ersten, der ihm Bescheid erteilte, erfuhr er zugleich, daß ihm noch neun Miglien Weges zurückzulegen blieben.

Indessen stieg seine Eßlust, seit einiger Zeit schon erwacht, mit dem Wege. Nun konnte er freilich, wenn es darauf ankam, da ihm nur noch ein paar Miglien übrigblieben, sich ohne Einkehr behelfen; er dachte aber, es würde nicht gut aussehen, wenn er gleich einem verhungerten Bettler bei seinem Vetter einspräche und zum ersten Gruße etwas zu essen forderte. Er zog also alle seine Schätze aus der Tasche hervor, ließ sie durch die Finger auf die flache Hand laufen und hielt Musterung. Eine große Rechenkunst war eben nicht dabei erforderlich; indessen war doch immer noch genug da, um sich ein Frühstück auftischen zu lassen. Er trat also in eine Schenke, tat sich gütlich und behielt allerdings nach der Bezahlung nur wenige Groschen noch übrig.

Beim Heraustreten sah er dicht vor der Türe, am Wege liegend, daß er fast bei weniger Behutsamkeit mit dem Fuße darauf getreten hätte, zwei Frauen, die eine bejahrt, die andre jünger; diese hatte ein kleines Kind in den Armen, welches vergebens zu saugen versuchte und nun jämmerlich schrie. Alle drei bleich wie der Tod; neben ihnen ein Mann, in dessen Gesicht und Gliedern sich die Zeichen früherer Rüstigkeit, jetzt durch das lange Elend fast gänzlich zerstört, unterscheiden ließen. Da Renzo mit offener, ermutigter Miene heraustrat, streckten sie die Hände nach ihm aus. Keiner sprach ein Wort; was konnten aber Worte mehr sagen?

»Die Vorsehung sorgt!« sagte Renzo, griff augenblicklich in die Tasche, nahm die wenigen Groschen heraus, legte sie in die nächste Hand und machte sich auf den Weg. Die Erquickung und die Wohltat – denn wir bestehen aus Seele und Körper – hatten seine Gedanken wieder mit Mut und Heiterkeit aufgerichtet. Wahrlich, indem er auf solche Weise seine letzten Groschen weggegeben, gewann er mehr Vertrauen zur Zukunft, als wenn er zehn gefunden hätte. Denn hatte die Vorsehung zur Unterstützung der Unglücklichen auf der Landstraße die letzten Pfennige eines fremden Flüchtlings bestimmt, welcher fern von seiner Heimat um sein eigenes Auskommen in Ungewißheit schwebte, wie sollte sie ihn verlassen, dessen sie sich zu dem frommen Werke bedient, dem sie ein so lebhaftes, so wirksames und überschwengliches Gefühl ihrer Sorgfalt in die Brust gepflanzt? Das ungefähr war der Gedanke des Jünglings; doch nicht so deutlich, wie wir ihn mit Worten gezeichnet. Indem er während des übrigen Weges die Umstände und Ereignisse überdachte, die ihm so hoffnungslos und unüberwindlich geschienen, ward ihm alles leicht. Teuerung und Elend mußten doch endlich ein Ende nehmen; jedes Jahr gibt's eine Ernte; indessen hatte er seinen Vetter Bortolo und sein Handwerk; zur ersten Aushilfe besaß er daheim einen kleinen Geldvorrat, den er sogleich sich wollte nachschicken lassen. Damit konnte er im schlimmsten Falle, wenn er bis zur guten Zeit sparsam haushielt, von einem Tage zum andern leben. – Tritt dann endlich die gute Zeit wieder ein, dachte er weiter, so geht das Leben der Arbeit auch wieder an; die Herren geben um die Wette sich Mühe, mailändische Arbeiter anzuschaffen, denn die verstehen das Handwerk doch immer am besten; wer geschickte Leute haben will, muß sie bezahlen; es gibt Lohn, und damit wird sparsam umgegangen; ich richte mir ein kleines Häuschen ein und schreibe dann den Frauen, sie sollen nachkommen ... Eigentlich, warum will ich so lange warten? Hätten wir nicht drüben mit dem kleinen Geldvorrat schon den Winter über auskommen können? So werden wir auch hier damit auskommen. Pfarrer gibt's aller Orten. Kommen die beiden lieben Weiber herüber, so wird 'ne Wirtschaft angelegt. Auf dem nämlichen Wege hier miteinander spazieren zu gehen, was für 'ne Lust! Bis zur Adda fahren wir im Wagen und halten dicht am Ufer Mahlzeit; dann zeig' ich ihnen die Stelle, wo ich in den Kahn gesprungen bin, den Dornbusch, durch den ich heruntergestiegen, den Ort, wo ich gelauscht habe, ob sich ein Kahn sehen läßt. –

So kam er zum Wohnort seines Vetters. Schon ehe er noch hineingetreten, unterschied er ein hohes Haus von mehreren Stockwerken, deren zahlreiche Fenster durch einen geringeren Zwischenraum voneinander geschieden waren, als es sonst gewöhnlich der Fall ist. Er erkennt eine Spinnerei, geht hinein und fragt unter dem Rauschen des niederströmenden Wassers und der Räder, ob Bortolo Castagneri hier wohne.

»Herr Bortolo? Da steht er.«

Herr! Ein gutes Zeichen – dachte Renzo. Er sieht seinen Vetter und läuft auf ihn zu. Dieser dreht sieh um, erkennt den Jüngling und ruft: »Hier bin ich, hier bin ich!« – Beide erheben die Arme und umschlingen sich. Nach dem ersten Erstaunen zieht Bortolo unsern Jüngling weit vom Geräusch der Maschinen wie aus den Blicken der Neugierigen fort und tritt in ein anderes Zimmer mit ihm. – »Ich sehe dich gern,« sagte er, »bist aber ein verdammter Junge. Hab' dich so oft eingeladen und wolltest nicht kommen; jetzt kommst du nicht beim blauesten Himmel.«

»Was soll ich dir sagen?« antwortete Renzo; »es ist nicht mit freiem Willen geschehen, daß ich komme.« – Und nun erzählte er ihm in möglichster Kürze, doch nicht ohne heftige Bewegung die ganze schmerzliche Geschichte.

»Da sind noch zwei andre Arme,« sagte Bortolo. »Armer Renzo! Du hast aber auf mich gerechnet, und ich werde dich nicht verlassen. Freilich, nach Arbeitern ist jetzt eben keine Nachfrage; mit knapper Not behält ein jeder die seinigen, um sie nicht zu verlieren und dem Geschäft keine schlimme Richtung zu geben; der Herr aber hält was auf mich, und Vorrat hat er. Und wenn ich's dir sagen soll, ich will mich nicht loben, er hat mir's aber großenteils zu verdanken; er das Vermögen und ich die Kunst. Ich bin der erste Arbeiter, weißt du! Und wenn ich's dir sagen soll, bin ich das Faktotum. Die arme Lucia Mondella! Steht mir leibhaftig vor Augen, als hätt' ich sie gestern erst gesehen; ein gutes Kind! Immer die Andächtigste in der Kirche, und wenn sie da von ihrem Hause herkam ... Ich seh's noch, das Haus, am Ende des Dorfes, mit 'nem hübschen Feigenbaum, der über die Mauer reichte ...«

»Nein, nein, sprich nicht davon!« bat Renzo.

»Ich meine, wenn sie von ihrem Häuschen herkam, war immer die Haspel zu hören, die ging und ging und ging. Und der Don Rodrigo, der trieb's schon zu meiner Zeit so; jetzt aber ist der Teufel fertig, wie ich sehe, solange ihm Gott den Zügel schießen läßt. Wie ich dir also sagte, der Hunger läßt sich hier auch ein bißchen verspüren ... Aber vor allen Dingen, wie steht's, hast du Hunger?«

»Ich hab' nicht lang' erst gegessen, unterwegs.«

»Und mit dem Geld, wie sieht's da aus?«

Renzo breitete eine Hand aus, strich mit der Fläche vor dem Munde vorüber und ließ einen leichten Hauch darüber hinwehen.

»Hat nichts zu sagen,« meinte Bortolo, »hast du keins, hab' ich welches. Sei guten Mutes; mit göttlicher Hilfe kriegt die Welt bald wieder ein andres Ansehen; dann zahlst du mir's zurück und wirst noch was für dich übrig behalten.«

»Ich hab' zu Hause ein bißchen Vorrat in barem Gelde, den will ich mir kommen lassen.«

»Gut; indessen bau' auf mich. Gott hat mir Segen verliehen, und so kann ich ihn weiter spenden. Wenn ich Verwandten und Freunden nicht Gutes erweise, wem will ich's denn erweisen?«

»Ich hab's von der Vorsehung erwartet!« rief Renzo und drückte seinem guten Vetter mit leidenschaftlicher Freude die Hände.

Nachdem sie das Nötigste besprochen, gingen sie zu Bortolos Herrn. Wirklich ging alles gut, und Bortolos Versprechungen hatten einen so vollständigen Erfolg, daß wir eines ausführlichen Berichtes überhoben sind. Es war in der Tat das Werk der Vorsehung; denn wie wenig Renzo auf den Geldvorrat, welchen er in seinem Hause hinterlassen, rechnen durfte, werden wir bald erfahren.

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