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Die Verlobten

Alessandro Manzoni: Die Verlobten - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorAlessandro Manzoni
titleDie Verlobten
publisherGutenberg-Verlag, Hamburg
volumeBand 1 und 2
editorDr. Herrman Tiemann
year1929
translatorDaniel Lessmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060803
projectid9d981f8c
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Dreizehntes Kapitel.

Der unglückliche Amtsvogt der öffentlichen Speicher hatte eben ein unerbauliches Mahl gehalten und verdaute das altbackene Brot, welches er unlustig zu sich genommen; er erwartete in reger Spannung, welch ein Ende dieser Wettersturm nehmen würde, war aber weit entfernt, sich den Argwohn ankommen zu lassen, daß er mit so entsetzlicher Wut ihm auf das eigene Haupt niederstürzen könne. Der eine oder andere Hausfreund lief dem Schwarm spornstreichs voraus und meldete die Gefahr, die sich nah und näher wälzte. Die Diener, von dem Lärmen vor die Türe gelockt, schauten verzagt die Straße entlang nach der Gegend, aus welcher das Getümmel näher rückte. Während sie Nachrichten anhören, sehen sie den Vortrab schon erscheinen; in ängstlichster Eile wird die Kunde dem Hausherrn überbracht, und während dieser auf die Flucht, auf die Art der Flucht denkt, überläuft ihn schon ein zweiter und meldet ihm, es sei zum Fliehen zu spät. Kaum haben die Diener noch Zeit, die Türe zu schließen. Sie schieben die Balken vor, senken die Stützeisen ein und stürzen fort, um auch die Fenster wohl zu verwahren, wie wenn man ein schwarzes Ungewitter herbeiziehen sieht und von einem Augenblick zum andern den herabstürmenden Hagel erwartet. Das steigende Geheul, wie ein Donner durch die Lüfte brausend, schallt im leeren Hofe erschütternd wieder, jeder Schlupfwinkel im Hause dröhnt davon, und mitten im weitverbreiteten, vielstimmigen Lärm hört man die Steinwürfe gegen die Türe immer heftiger krachen, immer dichter aufeinander folgen.

»Der Speichervogt! Der Tyrann! Der Aushungerer! Den wollen wir, lebendig oder tot!«

Dieser arme Unglückliche lief derweilen in atemloser Beängstigung halbtot von Zimmer zu Zimmer irrend umher, faltete ungestüm die Hände, empfahl dem Himmel sein Heil und bat seine Diener, sich wacker zu halten und ein Mittel, wie er entwischen könne, ausfindig zu machen. Aber wie und auf welchem Wege? Keiner sah einen Ausweg; und in kalter Todesangst zog er sich in einen entlegenen Schlupfwinkel seines Hauses zurück.

Renzo befand sich diesmal in der eigentlichen Masse der Empörung; nicht von der wogenden Menge hineingetragen, mit gutem Vorbedacht hatte er sich zu der Meute gesellt. Bei der ersten Forderung des Blutdurstes fühlte er, wie sein eigenes Blut in den Adern erstarrte. Was die Plünderung betraf, war er allerdings nicht ganz mit sich einig, ob sie in diesem Falle erlaubt oder sündlich wäre; der Gedanke aber, daß von Abschlachtung eines Menschen die Rede war, erfüllte ihn unmittelbar mit dem eigentlichen Schauder des Abscheus. Leidenschaftliche Gemüter besitzen eine unheilbringende Gelehrigkeit; was die andern in Leidenschaftlichkeit ihnen vorreden, glauben sie augenblicklich, und so war auch Renzo vollkommen überzeugt, daß der Speichervogt die erste Ursache der Hungersnot, der große Schuldige sei. Die Ermordung des Schuldigen aber war ihm ein Greuel; da er nun beim ersten Aufbrechen des Schwarmes zufällig einige Worte gehört hatte, die einen Fingerzeig enthielten, es seien einige willens, um den Mann zu retten, sich keine Aufregung verdrießen zu lassen, so hatte er plötzlich den Entschluß gefaßt, zu einem so löblichen Werke das Seinige gleichfalls beizutragen; in dieser Absicht drängte er sich nah an die Türe mit vor, gegen welche auf hundertfache Weise gewaltsam verfahren ward. Der eine schlug mit Steinen gegen die Nägel des Schlosses, um es zu zertrümmern; der andere lief mit Brecheisen, mit Meißel und Hammer herbei und suchte das Werk kunstgerechter zu betreiben; andere schabten mit scharfen Kieseln, mit abgebrochenen Messern, mit alten Hufeisen, mit Nägeln und selbst mit ihren eigenen Fingern, wenn sonst nichts da war, die Mauer ab, fuhren die Ritzen zwischen den Steinen entlang und versuchten diese nach und nach herauszuheben, um eine Bresche zu machen.

Die obrigkeitlichen Personen, die zuerst eine Nachricht vom Lärm erhielten, schickten sogleich zum Befehlshaber der Festung und forderten eine Unterstützung an Kriegsleuten. Der sandte ihnen eine Fahne zu. Während aber die Nachricht ankam, der Befehl erschien, die Schar sich versammelte, sich auf den Weg machte und das Haus erreichte, befand sich dieses von zahllosen Angreifern schon belagert; ziemlich weit davon, am äußersten Rande des Gedränges, machten die Kriegsleute halt. Der Offizier, der sie befehligte, wußte nicht, welchen Weg er einzuschlagen habe. Dort war im Grunde nichts weiter als ein zusammengelaufenes Volk, an Alter und Geschlecht verschieden, müßig und waffenlos. Sobald man ihnen andeutete, sie sollten auseinandergehen und Platz machen, antworteten sie mit einem dumpfen, weithin hallenden Gemurre; keiner bewegte sich von der Stelle. Auf die Masse Feuer zu geben, schien dem Offizier nicht nur eine grausame, sondern auch eine gefahrvolle Sache; es beleidigte die weniger Schrecklichen und würde die Gewalttätigen erst reizen; übrigens hatte er auch dazu durchaus keine Anweisung. Die Unentschlossenheit des Anführers und die Unbeweglichkeit der Kriegsmänner hatte, mit Recht oder Unrecht, das Ansehen von Furcht. Indessen begnügte sich das Gesindel, welches sich dicht neben ihnen befand, mit einer Miene, als wenn die Mailänder zu sagen pflegen: »Wo du bist, da lach' ich!« ihnen ins Gesicht zu sehen; die ein wenig weiter fort standen, konnten sich nicht enthalten, sie mit hämischen Grimassen und mit verspottendem Zuruf zu necken; noch weiter hin wußte man nicht oder kümmerte sich wenig darum, wer da wäre; die Zerstörer fuhren fort, auf die Mauer loszugehen, und hatten nichts anderes im Sinne, als so bald wie möglich mit ihrer Arbeit ins reine zu kommen; die Zuschauer ließen nicht ab, sie durch ihr Geschrei zu ermuntern.

Unter diesen trat, selbst ein Schauspiel, ein Greis von widrigem Ansehen hervor, riß die beiden hohlen flammenden Augen weit auf, verzerrte seine Unholdszüge zum Schmunzeln einer teuflischen Freundlichkeit, hielt über sein spärlich behaartes graues Haupt die Hände empor, schwang in der Luft einen Hammer, einen Strang und vier große Nägel und sagte, er wolle damit den Speichervogt, sobald er seine Höllenseele ausgeächzt habe, an die Pfosten seiner eigenen Türe nageln.

»Herr Gott, schämt Euch!« brach Renzo los, den bei diesen Worten ein Schauder durchrann. »Schämt Euch!« fuhr er fort. »Wollen wir vom Schinder das Handwerk borgen? Einen Christenmenschen ums Leben bringen! Wie wollt ihr, daß Gott uns Brot schenke, wenn wir derlei Missetaten begehen? So wird er uns seine Blitze herabschicken, nicht Brot.«

»Du Hund! Du Verräter deines Vaterlandes!« schrie ihm mit gespensterartigem Wutgesicht, rasch sich nach ihm umdrehend, einer von denen zu, welche durch den Lärm hindurch die kindlich frommen Worte, die er gesprochen, hatten vernehmen können. – »Warte, warte! 's ist einer von des Speichervogts Leuten, als ein Ausländer verkappt, ein Spion! Los auf ihn! Gebt ihm sein Teil!« – Hundert Stimmen schallen ringsum empor: »Wer ist's? Wo steckt er? Was ist's für ein Halunke? – Ein Bedienter des Speichervogts. – Ein Spion. – Der Speichervogt, als Ausländer vermummt, er ist's selbst, sucht sich wegzuschleichen. – Wo ist er? Wo? Auf ihn los! Auf ihn los!«

Renzo verstummt, kriecht kleinlaut zusammen und möchte gern sich davonmachen; einige von den nächsten um ihn leihen ihm ihren Beistand, sich zu verstecken; durch lautes und anderartiges Geschrei suchen sie jene feindseligen Mordstimmen zu verwirren. Was aber mehr als alles andere zu seinem Entkommen beitrug, war ein »Platz! Platz!«, welches ganz nahe sich hören ließ: »Platz! Die Hilfe ist da, Platz, he!«

Was war es? Eine hölzerne Leiter, die einige herbeitrugen, um sie an das Haus anzulegen und so in ein Fenster zu steigen. Was aber die Sache leicht gemacht hätte, war glücklicherweise selbst nicht leicht auszuführen. Die Träger sowohl am einen und am andern Ende, als zu beiden Seiten die Leiter entlang wurden vom Gedränge gestoßen, in Unordnung gebracht und gerieten ins Schwanken; der eine, der mit dem Kopf zwischen zwei Stufen steckte und auf den Schultern die Seitenleisten liegen hatte, sah sich wie unter einem hin- und hergeschleuderten Joche erdrückt und brüllte vor Angst; der andere wurde durch einen Stoß von seiner Last weggetrieben; die verlassene Leiter fiel auf Köpfe, Schultern und Arme nieder, und nun denke man sich, was die Besitzer dieser getroffenen Teile sagten. Der Bedrohte machte sich die Verwirrung zunutze, duckte sich anfangs darunter fort, arbeitete dann mit den Ellenbogen, so rüstig er konnte, und entfernte sich von dem Punkte, wo die Luft für ihn so gefährlich war, mit der Absicht, sobald wie möglich sich überhaupt aus dem Getümmel fortzumachen und den Pater Bonaventura aufzusuchen oder zu erwarten.

Da pflanzt sich unversehens eine neue Bewegung durch die Menge hindurch, ein neues Gerücht verbreitet sich, läuft zischelnd von Munde zu Munde, von Haufen zu Haufen. – »Ferrer! Ferrer!« heißt es. Wo immer der Name sich hören läßt, erstaunt dieser, freut sich jener, macht ein anderer eine verächtliche Miene, jubelt ein vierter, verrät ein fünfter seinen Unwillen. Der eine schreit die Kunde nach, der andere will sie unterdrücken; dieser behauptet es, jener will nichts davon wissen; hier wird dem Himmel gedankt, dort geflucht.

»Ferrer ist hier! – Nicht wahr, 's ist 'ne Lüge! – Ja, ja. Ferrer lebe! Ferrer, der uns wohlfeiles Brot verschafft. – Nein, nein! – Da ist er, da ist er in der Kutsche! – Was will der? Was hat der hier zu schaffen? Wir brauchen keinen. – Ferrer! Ferrer lebe! Der armen Leute Freund! Er kommt, den Speichervogt gefangenzunehmen. – Weg damit, wollen uns selber Gerechtigkeit verschaffen; zurück mit ihm, zurück! – Ja, ja, Ferrer, Ferrer soll kommen; ins Gefängnis mit dem Speichervogt!«

Alle zugleich stellen sich auf die Zehen und recken die Hälse in die Höhe, um dem unerwarteten Ankömmling entgegenzusehen. Während alle sich erhoben, bekam ein jeder nicht mehr und nicht weniger zu sehen, als wenn sie mit den Fersen ruhig an der Erde geblieben wären; nichtsdestoweniger aber fuhren alle mit den Köpfen empor.

Wirklich kam am Ende des Haufens, der Seite gegenüber, wo sich die Soldaten aufgestellt hatten, Antonio Ferrer, der Großkanzler, in seiner Kutsche dahergefahren; es war ihm wahrscheinlich aufs Gewissen gefallen, daß er durch seine verkehrten Befehle und durch sein ratverachtendes Benehmen zu dieser Empörung die Ursache oder wenigstens die Gelegenheit gegeben hatte, und so erschien er in der Absicht, die Besänftigung derselben zu versuchen oder die schrecklichsten Wirkungen, welche sich nicht wieder gutmachen lassen, vorbeugend abzuleiten.

Bei Volksaufständen findet sich immer eine gewisse Zahl von Menschen, welche aus erhitzter Leidenschaft oder wildverblendeter Überzeugung, aus frevelhaftem Vorsatze oder aus heillosem Wohlgefallen an der Verwüstung das Übel aus allen Kräften bis zum schrecklichsten Punkte zu treiben suchen; sooft die Flamme einen Augenblick matter zu lodern beginnt, fachen sie geschäftig sie wieder empor; die Welle des Verderbens steigt ihnen niemals hoch genug. Ihnen aber wirkt jederzeit auch eine gewisse Zahl von andern Menschen entgegen, denen es, vielleicht mit der nämlichen Hitze und der nämlichen Unbeständigkeit, um die entgegengesetzte Wirkung zu tun ist.

Antonio Ferrer war der Menge genehm; seine Erfindung war der Brotpreis gewesen, dessen sich die Käufer freuten, und mit heldenmäßigem Starrsinn hatte er allen Vernunftgründen, welche zum Gegenteile rieten, das Gehör versagt. Waren ihm die Gemüter schon vorher zugetan, so bezauberte sie jetzt das mutige Vertrauen des alten Mannes, der ohne Leibwache, ohne alle Anstalt zur Verteidigung eine so grimmschnaubende, eine so stürmisch empörte Menge aufzusuchen kam. Überdies hieß es, er komme, den Speichervogt ins Gefängnis zu werfen, und dies Gerücht war von wunderbarer Wirkung.

Daher atmeten die Freunde der Ruhe auf und suchten dem Kanzler auf jede Weise Beistand zu leisten; die Nächsten um ihn strengten sich an, durch ihren grüßenden Zuruf das Beifallsgeschrei der Menge zu wecken, und drängten, so gelinde es sich tun ließ, das Volk zurück, um einen Durchweg für die Kutsche zu öffnen; die übrigen brachten ihm ihr Lebehoch dar, wiederholten seine Worte und ließen sie umherwandern, oder riefen ihren Nachbarn zu, was er allenfalls gesagt haben könnte; sie suchten mit ihrer Stimme die wuterfüllten Starrköpfe zu übertönen und die neue Gemütsbewegung der schwankenden Versammlung gegen sie zu lenken.

»Wo gibt's hier einen, der gegen den Ruf: ›Ferrer lebe hoch!‹ etwas einzuwenden hat? Was, du willst etwa nicht, daß wir das Brot um wohlfeilen Preis kaufen? Schurken sind sie, die von christlicher Gerechtigkeit nichts wissen mögen, und es stecken hier welche drunter, die lauter als die anderen kreischen, um den Speichervogt entwischen zu lassen. Ins Gefängnis mit dem Vogt! Ferrer lebe! Laßt Ferrer durch!«

Je lauter sich diese Gesinnung durch wiederholtes Geschrei kundtat, desto kleinmütiger neigte sich die Kühnheit der entgegengesetzten Partei. So ließen es dann jene beim Verweise nicht bewenden; sie gingen auf die Eigensinnigen, die in der Zerstörung des Hauses noch immer fortfuhren, gebieterisch los, stießen sie zurück und rissen ihnen die Werkzeuge aus den Klauen. Nach kurzem Handgemenge waren die Stürmer zurückgetrieben; die andern bemächtigten sich der Türe, verteidigten sie gegen jeden neuen Angriff und suchten für den Kanzler den Eintritt möglich zu machen; einige derselben riefen durch die Öffnungen, an denen es schon nicht mehr fehlte, ins Haus hinein, gaben den Bewohnern von der angelangten Hilfe Nachricht und rieten, der Speichervogt möchte sich fertig halten, »auf der Stelle ins Gefängnis zu wandern.«

»Ist denn das der Ferrer, der die Verordnungen ausfertigen hilft?« fragte unser Renzo einen Mann, welcher neben ihm stand; denn alsobald war ihm jenes vidit Ferrer eingefallen, welches ihm der Doktor Knotenhauer unter dem Regierungsbefehl gezeigt und ihm ins Ohr geschrien hatte.

»Freilich, der Großkanzler,« ward ihm geantwortet.

»'s ist ein wackerer Mann, nicht wahr?«

»Ei, weit mehr noch als bloß ein wackerer Mann! Er eben hat uns das Brot zu wohlfeilem Preise verschafft; das stand ihnen aber nicht an, und nun kommt er her, um den Speichervogt ins rechte Loch zu schmeißen, weil er sich sündlich benommen hat.«

Es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß unser Fremdling augenblicklich für Ferrer eingenommen war. Er wollte sogleich ihm entgegengehen, aber das war nicht leicht; indem er es jedoch als ein rüstiger Bergbewohner an Stößen mit Schultern und Ellenbogen nicht fehlen ließ, machte er sich glücklich Platz und kam in die erste Reihe zu stehen, der Kutsche dicht zur Seite.

Diese war bereits ein wenig ins Gedränge vorgerückt und stand eben still, durch ein Hindernis, wie es unter solchen Umständen unvermeidlich und gewöhnlich, aufgehalten. Der alte Ferrer ließ bald durch das eine, bald durch das andere Fenster des Kutschenschlages ein leutseliges Gesicht voller Liebe und herablassender Freundlichkeit blicken. Er sprach, aber das Geschrei und das Gesumse so vieler Stimmen, die Jubelgrüße selbst, die man ihm entgegengellte, ließen nur leise und wenigen nur seine Worte zu Ohren kommen. So half er sich denn durch Gebärden; bald legte er die Fingerspitzen an die Lippen und drückte ihnen einen Kuß auf, welchen die Hände, schnell sich lösend, nach allen Seiten hin als Beteuerung seines Dankes für das öffentliche Wohlwollen verteilten; bald streckte er die Arme durch die Fenster und machte eine leichte Bewegung damit, um sich Platz zu erbitten, bald senkte er sie höflich und drückte so sein Gesuch um Stillschweigen aus. Sobald sich das Getöse auf einen Augenblick gelegt hatte, vernahmen die Nächsten umher seine Worte und sprachen sie nach. – »Brot, Überfluß. Ich komme, um euch Gerechtigkeit zu verschaffen; nur ein wenig Platz, bitt' ich.« – Überschrien und durch das Getöne so zahlloser Stimmen wie erstickt, zog er sich beim Anblick so vieler gedrängter Gesichter, so vieler beobachtender Augen einige Minuten zurück, blies die Backen auf, ächzte, seine Beklemmung zu erleichtern, und sagte: »Por mi vida, qué de gente!«

»Ferrer lebe! Keine Furcht, Herr Staatskanzler! Der Herr Staatskanzler sind ein wackerer Mann. Brot! Brot!«

»Ja, Brot, Brot!« erwiderte Ferrer, »im Überfluß; ich verspreche es euch.« Dabei legte er die rechte Hand aufs Herz. »Ein wenig Platz,« rief er darauf mit der ganzen Gewalt der Stimme, deren er fähig war, »ich komme, ihn ins Gefängnis zu setzen, die verdiente Strafe über ihn zu verhängen ... si es culpable fügte er leise hinzu. Darauf neigte er sich nach vorn zum Kutscher hin und rief ihm hastig zu: »Adelante, Pedro, si puedes

Währenddessen bemühten sich die tätigeren Gönner, den Wunsch nach Platz, welcher so höflich geäußert worden, zu befriedigen; einige brachten durch gute Worte – »Zurück, zurück, ein bißchen Platz, ihr Herren!« – die Leute vor den Pferden zum Weichen, legten ihnen die flachen Hände auf die Brust und drückten sie sanft seitwärts; andere taten zu beiden Seiten der Kutsche dasselbe, damit sie weder mit den Rädern über Zehen hinrollte noch Schnauzbärte außer Fassung brachte; denn das hätte nicht bloß zu Klagen Anlaß gegeben, sondern auch den Lichtglanz, welcher den Kanzler umfloß, um viele Strahlen gebracht.

So rollte die Kutsche vorwärts, bald rascher, bald langsamer, nicht ohne wiederholt aufgehalten zu werden. Endlich langte sie vor dem Hause des Speichervogtes an.

Renzo, welcher bald vorn freien Durchweg machte, bald seitwärts als Begleitung ging, war mit der Kutsche zugleich vor der Türe angekommen; so konnte er in die Vorderreihe der gutmeinenden Freunde treten und, mit ihnen neben der Kutsche sich aufstellend, gegen die beiden andrängenden Wogen des Volkes ein Bollwerk machen helfen. Und während seine beiden taktfesten Schultern ihm treffliche Dienste dabei leisteten, stand er zugleich an bequemem Platze, um alles gehörig mit ansehen zu können.

Indem Ferrer den Platz und die noch verschlossene Türe frei sah, atmete er tief auf. Eine verschlossene Türe heißt hier so viel wie eine noch nicht erbrochene; denn die eisernen Angelbänder waren so ziemlich aus den Seitenpfosten schon herausgebrochen; die übelbehandelten Türflügel ließen, zersplittert, abgerissen und voneinander gesprengt, durch eine weite Öffnung das Stück einer Kette sehen, welche, verdreht, gebogen und fast zerrissen, sie notdürftig noch zusammenhielt. An diese Öffnung trat einer der Gutgesinnten hin und rief hinein, man möchte aufmachen; ein anderer lief und riß den Kutschenschlag auf; der alte Herr steckte den Kopf hinaus, stand auf, faßte den Arm des hilfreichen Gönners, stieg hervor und setzte den Fuß auf den Tritt.

Von beiden Seiten hielt das Gewimmel die Köpfe in die Höhe gereckt, um nichts vom Schauspiel zu verlieren; tausend Gesichter, tausend emporgehobene Bärte; allgemeine Neugier und Aufmerksamkeit erzeugten einen Augenblick allgemeinen Stillschweigens. Der Großkanzler blieb ein wenig auf dem Tritte stehen, lenkte den Blick umher und begrüßte die Menge, wie von einem Rednerstuhl herab, mit einer Verneigung; dann legte er die linke Hand auf die Brust und rief: »Brot und Gerechtigkeit!« – In aufrechter Haltung, unbefangen und mit der ganzen Würde seines Ranges stieg er alsdann unter dem Beifallrufen, das gellend zu den Wolken emporschmetterte, zur Erde.

Die Leute im Hause hatten währenddessen die Türe geöffnet oder vielmehr die Kette mitsamt den locker wankenden Fugringen vollends losgerissen. Dem so sehnlich erwarteten Gaste tat das Haus sich auf; zugleich aber war man vorsichtig darauf bedacht, keine größere Öffnung entstehen zu lassen, als er allein, um hereinzutreten, bedurfte.

Nachdem die Türflügel wieder angedrückt und, so gut es ging, zur Schließung benutzt worden, stützte man sie einstweilen von innen durch Stangen. Währenddessen arbeiteten draußen alle diejenigen, welche sich dem Kanzler zu seinem Schutze angeboten, mit Armen, Schultern und Kehle, um den Platz frei zu halten, beteten aber im Herzen zum lieben Herrgott, daß Ferrers Geschäft drinnen bald abgetan sein möchte.

»Rasch, rasch,« sagte auch er unter der Halle drinnen zu den Dienern, welche sich keuchend um ihn gesammelt hatten und mit allen möglichen Titeln einer freudigen Ehrfurcht ihm zusetzten.

»Rasch, rasch,« wiederholte Ferrer; »wo ist der gute Mann?«

Der Vogt kam zur Treppe herab, weiß wie gebleichte Leinwand, halb von seinen Leuten geschleppt und getragen. Als er seine Hilfe erblickte, machte er sich in einem tiefen Seufzer Luft, der Puls kehrte in seine Adern zurück, das Gefühl des Lebens rann ihm in den Beinen, und die Wangen beseelten sich mit einem Anflug von Farbe wieder. Hastig schritt er auf den Großkanzler zu und sagte: »Ich bin in den Händen Gottes und Eurer Exzellenz. Aber wie hier hinauskommen? Von allen Seiten Volk, das mir ans Leben will!«

»Venga usted conmigo,« sprach der Kanzler, »und sein Sie guten Mutes; draußen steht mein Wagen, rasch, rasch!« – Dabei nahm er ihn an der Hand, führte ihn nach der Türe zu und suchte ihn immer noch zu ermutigen; im Herzen aber dachte er: »Aqui está el busilis, Dios nos valga!«

Die Türe geht auf, zuerst tritt der Großkanzler hinaus, hinter ihm zusammengeduckt der andere, sich anhängend und den rettenden Mantel umklammernd, wie ein Kind das Kleid der Mutter. Die Geschäftigen, die währenddessen den Platz frei halten, strecken Hände und Hüte in die Höhe und bilden so gleichsam ein Netz, eine Wolke, um dem gefährlichen Blick der Menge den Speichervogt zu entziehen; dieser steigt eilig in die Kutsche voran und drückt sich in einem Winkel derselben fest zusammen. Ferrer folgt ihm, der Schlag fliegt zu. Die Menge blickt hin und wieder durch, sie erklärt sich's, errät, was geschehen, und läßt ein verworrenes Getöse von Beifall und Flüchen zum Himmel emporsteigen.

Kaum saß Ferrer, so neigte er sich zum Vogt hin, ermahnte ihn, sich wohlbedächtig im Hintergrunde verborgen zu halten und um Himmels willen sich ja nicht sehen zu lassen; die Warnung war ziemlich überflüssig. Er hingegen mußte sich zeigen, mußte die sämtliche Aufmerksamkeit des Volkes beschäftigen und auf sich lenken. Und während der ganzen Fahrt hielt er, wie bei der ersten, an die wechselnde Versammlung von Zuhörern eine Rede, von so ununterbrochenem und zugleich so wenig zusammenhängendem Sinne, wie jemals auf Erden gehalten worden. Hin und wieder schob er jedoch ein spanisches Wörtchen mit hinein, welches er in aller Geschwindigkeit seinem zusammengekauerten Reisegefährten ins Ohr raunte. – »Ja, meine Herren; Brot und Gerechtigkeit! Ins Kastell, ins Gefängnis, ich will ihn bewachen. Dank, Dank, tausend Dank. Nein, nein, er entwischt nicht – por ablandarlos. 's ist nur allzu billig; wir werden's untersuchen, werden sehen. Auch ich will euch wohl, ihr Herren. Eine strenge Strafe – esto lo digo por su bien. Ein gerechter Brotpreis, ein anständiger Preis und Strafe für die Aushungerer. Zur Seite ein wenig, bitte! Ja, ja, ich bin ein Mann von Wort und ein Freund des Volkes. Soll bestraft werden; 's ist wahr, er ist ein Schurke, ein freventlicher Unhold – perdone usted. Es soll ihm übel bekommen, übel bekommen ... si es culpable Ja, ja, wir wollen die Bäcker ehrlich zu Werke gehen lehren. Es lebe der König und die guten Mailänder, seine allergetreuesten Untertanen! Es geht gut, geht gut. Animo, estamos ya quasi fuera

Wirklich hatten sie das größte Gedränge schon durchmessen und waren im Begriff, gänzlich freies Feld zu betreten. Während der Kanzler hier seiner Lunge ein wenig Ruhe zu gestatten anfing, erblickte er die nachhinkende Hilfe, die spanischen Soldaten, die indessen zuletzt nicht ganz untätig gewesen; denn von verschiedenen Bürgern unterstützt und geleitet, hatten sie ihre Hilfe geleistet, einen ziemlichen Teil der Menge nach Hause zu schicken und den Durchweg zur letzten Seitenstraße hin frei zu halten. Da die Kutsche ankam, reihten sie sich seitwärts auf und erwiesen dem Großkanzler ihre Ehrenbezeugungen mit den Waffen. Dieser verneigte sich auch hier zur Rechten und Linken, und als der Offizier näher herantrat, um ihm seinen Gruß abzustatten, sagte er, die Worte mit einem Wink der rechten Hand begleitend: »Beso a usted las manos«; das hieß so viel als: Ihr habt mir da eine schöne Hilfe geleistet – und der Offizier nahm es auch sogleich in diesem Sinne. Zur Antwort stattete er einen zweiten Gruß ab und zuckte die Achseln.

Während es durch die beiden Reihen von Söldnern, durch diese ehrfurchtsvoll erhobenen Flintenläufe ging, fühlte auch der Kutscher das alte Herz in der Brust wieder. Seine Verblüffung löste sich auf, er erinnerte sich, wer er war und wen er im Wagen hatte, er rief sein »Heda!«, ohne weitere Umstände zu machen, sah, daß der Schwarm schon dürftig genug war, um sich geduldig solch eine Behandlung gefallen zu lassen, gab seinen Pferden die Peitsche zu kosten und ließ sie trabend den Weg zum Kastell nehmen.

»Levántese, levántese; estamos ya fuera sagte Ferrer zum Speichervogte. Dieser, durch das Aufhören des Geschreies, durch das rasche Fortrollen des Wagens und seines Nachbars Worte von der Sicherheit überzeugt, blickte umher, wickelte sich aus seiner zusammengefalteten Lage empor und stand auf. Bald war er zu sich selbst gekommen und überschüttete sodann seinen Befreier mit einer ganzen Sammlung von Danksprüchen. Dieser gab ihm zu erkennen, wie ängstlich nahe ihm seine Gefahr gegangen und wie er sich nun seiner Rettung freue. – »Ach!« rief er, indem er die flache Hand über die nackte Glatze hingleiten ließ, »qué dirá de esto su excelencia? Hat über das verdammte Casale, das sich nicht ergeben will, ohnehin so viele schlimmgelaunte Stunden! Qué dirá el Conde Duque, der unwirsch die Stirn faltet, wenn ein Blatt stärker als gewöhnlich rauscht? Qué dirá el Rey, nuestro señor? denn etwas kriegt er auf jeden Fall von einem so ärgerlichen Lärm zu hören. Und wird es damit schon sein Ende haben? Dios lo sabe

»Eh, was mich betrifft,« meinte der Vogt, »ich habe nicht Lust, mich weiter dreinzumengen; ich wasche mir die Hände, überlasse mein Amt der Weisheit Euer Gnaden und gehe, in irgendeiner Höhle zu leben, im Gebirge, will wie ein Einsiedler ruhig in Frieden wohnen, weit, weit weg von diesem mörderischen Menschengeschlechte.«

»Usted werden tun, mein Herr, was sich geziemt por el servicio de su magestad antwortete der Großkanzler mit vollständiger Amtswürde.

»Seine Majestät werden nicht meinen Tod wollen,« erwiderte der Speichervogt, – »in einer Höhle, in einer Höhle, fern von denen hier!«

Was aus seinem Vorsatz hernach geworden war, sagt unser Autor nicht; er begleitet den armen Mann bis zum Kastell und kümmert sich um sein ferneres Leben nicht weiter.

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