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Die Verlobten

Alessandro Manzoni: Die Verlobten - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorAlessandro Manzoni
titleDie Verlobten
publisherGutenberg-Verlag, Hamburg
volumeBand 1 und 2
editorDr. Herrman Tiemann
year1929
translatorDaniel Lessmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060803
projectid9d981f8c
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Zwölftes Kapitel.

Es war der zweite Sommer, daß die Felder so kümmerlich lohnten. Was von den früheren Jahren in den Speichern übriggeblieben, hatte im vorhergehenden den Mangel leidlich ersetzt; die Menschen konnten nicht zur Genüge sich sättigen, litten aber auch keinen Hunger. Bei der Ernte des Jahres 1628 hingegen, wo wir uns soeben mit unserer Erzählung befinden, sah sich jeder seines Vorrates durchaus beraubt. Die verheerenden Wirkungen des Krieges stiegen bald zu solcher Höhe, daß in den nächsten Umgebungen viele Strecken Ackers weniger als gewöhnlich den Pflug empfanden und von den Bauern verlassen dalagen; denn statt durch Arbeit sich und den übrigen Brot zu verschaffen, sahen sich die Unglücklichen genötigt, es um Gottes willen zu erbetteln. Eine Ernte, sie mochte ausfallen wie sie wollte, war kaum beendigt, so rissen die Versorgung des Heeres und die unachtsame Vergeudung, welche gewöhnlich damit verbunden, in den Vorrat der Scheunen so gewaltsame Lücken, daß man den Mangel augenblicklich wieder verspürte, und mit dem Mangel seine schmerzliche, aber ebenso heilsame wie unausweichliche Wirkung, die Teuerung sich einstellte.

Sobald aber die Teuerung bis zu einem gewissen Punkte gestiegen, bildet sich immer in vielen Köpfen die Meinung aus, sie sei nicht durch die Dürftigkeit der Zeiten entstanden. Man vergißt, daß man sie gefürchtet, daß man sie vorhergesagt hatte; man hält mit einemmal die Annahme fest, es sei hinreichend Getreide vorhanden, und die Not schreibe sich bloß von den gewinnsüchtigen Wucherern her, die es nicht zum Bedarf hinlänglich verkaufen mögen. Die Aufkäufer des Getreides, sie mochten es in der Tat sein oder nur dafür gelten, die Gutsbesitzer, die es nicht ganz und gar an einem Tage losschlugen, die Bäcker, die es kauften, jedweder, welcher Getreide liegen hatte oder im Rufe stand, Getreide liegen zu haben, wurde als der böse Geist des Mangels und der Teuerung hingestellt, war der Gegenstand der allgemeinen Beschwerden, der Abscheu der Begüterten wie der armseligen Menge. Man vertraute einander als ausgemacht an, wo sich Kornböden und Vorratsspeicher befänden, mit Getreide so vollgepfropft, daß sie von allen Seiten gestützt werden müßten; man verlangte von der Obrigkeit die Anstalten, welche dem Volke immer so billig, so einfach und zweckmäßig scheinen, um das versteckte, zwischen Wände gepreßte und begrabene Getreide, wie man sich ausdrückte, ans Licht hervorzuziehen und den Überfluß wieder herbeizuführen. Die Obrigkeit entschloß sich zu den gewöhnlichen Vorkehrungen: sie stellte den höchsten Preis verschiedener Lebensmittel fest, drohte jedem, der zu verkaufen sich weigerte, mit öffentlicher Strafe und verfuhr, wie bei solchen Umständen verfahren zu werden pflegt. So kräftig aber auch alle menschlichen Vorkehrungen getroffen werden mögen, sie können den Mangel an Lebensmitteln nicht entfernen, können die Erzeugnisse der Jahreszeiten nicht nach dem Drange der Umstände hervorrufen; hier insbesondere vermochte man aus keiner Gegend, die etwa mit Überfluß gesegnet worden, das Fehlende herbeizuschaffen, und so währte das Übel fort, so wuchs die Not von Tag zu Tage. Die Menge schrieb diese Wirkung der Schwäche, der Kargheit der Gegenmittel zu und forderte mit lautem Geschrei eine entscheidendere Hilfe. Zum Unglück fand sie den Mann nach ihrem Sinne.

In der Abwesenheit des Statthalters Don Gonzalo Fernandez de Cordova, welcher im Lager bei Casale del Monferrato stand, verwaltete sein Amt in Mailand der Großkanzler Antonio Ferrer, ein Spanier. Dieser sah, daß der mäßige Preis des Brotes an und für sich eine sehr wünschenswerte Sache sei; er dachte also – und das war der Schnitzer –, ein Befehl von ihm sei hinreichend, um solchen Preis entstehen zu lassen. Auf seine Verordnung ward demnach für das Brot ein solcher Preis festgestellt, als wenn der Malter Getreide dreiunddreißig Lire kostete; er ward indessen bis zu achtzig verkauft. Der Großkanzler ging dabei wie eine ältere Dame zu Werke, welche, das Datum ihres Taufscheines ändernd, sich selbst zu verjüngen wähnt.

Weniger unsinnige und weniger ungerechte Befehle waren mehr als einmal, weil die Umstände selbst Widerstand leisteten, unbefolgt geblieben; über die Ausführung dieser Verordnung hingegen wachte die Menge; sie sah ihren Wunsch endlich in ein Gesetz verwandelt und wollte diese Fügung nicht zum Scherz eingetreten wissen. Sie strömte zu den Bäckereien, forderte Brot zum anbefohlenen Preise und forderte es mit dem Blick der Entschlossenheit und der Drohung, welchen Leidenschaft, Gewalt und Befugnis zugleich unterstützen. Ob die Bäcker ein Zetergeschrei erhoben, bedarf keiner Frage. Die Ärmel beständig zur Arbeit aufstreifen, mit eiligem Eifer den Teig kneten, in den Ofen hineinschieben und wieder herausnehmen, wie ein Tagelöhner sich's sauer werden lassen und bis zur Erschöpfung sich abarbeiten, um am Ende Schaden davonzutragen –- jeder sagt sich leicht von selbst, welch eine Miene die Bäcker dazu machen mußten. Fortwährend beklagten sie sich daher über die Unbilligkeit, über die Unerträglichkeit der Last, welche ihnen auferlegt worden, und schworen, den Brotschieber in den Ofen werfen und sich davonmachen zu wollen; indessen leisteten sie der drängenden Not, so gut sie konnten, Genüge und hofften von Stunde zu Stunde, der Großkanzler würde endlich einmal sich eines Bessern besinnen. Antonio Ferrer aber, ein Herr, welchen man heutigentags einen Mann von Charakter nennen würde, rückte nach langem Schweigen mit der Antwort heraus: die Bäcker hätten in früheren Zeiten gar trefflich ihr Schäfchen geschoren und würden in künftigen besseren Jahren gleichfalls wieder ihren Schnitt machen; auch würde man zusehen und vielleicht darauf denken, wie sich ihnen auf Kosten des Staates ein Schadenersatz leisten lasse; einstweilen aber mochten sie nur im Backen und Verkaufen wie bisher fortfahren; kurz, er ging von seinen Verordnungen nicht ein Haarbreit ab. Endlich statteten die Dekurionen, eine städtische, aus Edelleuten bestehende Obrigkeit, dem Statthalter von der Lage der Dinge schriftlichen Bericht ab; er möchte, hieß es, ein Milderungsmittel ausfindig machen, um die alte Ordnung womöglich wiederherzustellen.

Don Gonzalo, in die Angelegenheiten des Krieges über und über verwickelt, ernannte einen öffentlichen Gerichtshof und übertrug ihm das Recht, einen gangbaren Preis des Brotes festzusetzen; beiden Teilen sollte auf diese Weise Recht und Billigkeit erwiesen werden. Die Stadtverordneten versammelten sich; man stattete einander tausend Verneigungen ab, sagte sich Höflichkeiten, hielt einleitende Vorträge, beseufzte die traurigen Zeiten, schwieg gedankenvoll, trat mit unhaltbaren Vorschlägen auf, suchte zögernd Zeit zu gewinnen, sah sich durch eine allgemein empfundene Notwendigkeit zur Beratschlagung gezwungen und empfand die gefährliche Wichtigkeit der Zusammenkunft, war aber überzeugt, es lasse sich nichts anderes tun, als den Preis des Brotes erhöhen. Die Bäcker atmeten auf, das Volk ergrimmte.

Am Vorabend des Tages, da Renzo nach Mailand gekommen war, wimmelten Straßen und Plätze von Menschen; von grollendem Unwillen erbittert und beherrscht von einem gemeinsamen Gedanken, hatten sich Bekannte und Fremde, ohne vorher deshalb übereingekommen zu sein, ohne es selbst gewahr zu werden, wie Tropfen, die einander auf demselben abschüssigen Dache sich begegnen, in Kreisen, in einzelnen Haufen zusammengerottet. Jedes Gespräch steigerte die Überzeugung und die Leidenschaftlichkeit der Zuhörer wie des Redners. Unter so vielen Hitzköpfen gab es indessen auch einige von kälterem Blute; diese standen mit innigem Vergnügen von fern, gaben acht, wie das Wasser sich trüben würde, versuchten, durch Gespräche und Neuigkeiten, welche die Schelme zu erdichten wissen und die bewegten Gemüter jederzeit bereitwillig glauben, die Wogen immer stürmischer zu trüben, und nahmen sich vor, das Wasser nicht zur Ruhe kommen zu lassen, ohne ihr Netz mit einem guten Fang herausgezogen zu haben. Tausende von Menschen gingen mit dem unbestimmten Bewußtsein zu Bette, daß etwas geschehen müsse, daß etwas geschehen werde. Die Zusammenrottungen kamen der Morgenröte zuvor; Kinder, Frauen, Männer, Greise, Handwerker und Bettler traten aufs Geratewohl zusammen; hier brauste ein verworrenes Geflüster von unzähligen Stimmen; dort hielt ein Redner eine Ansprache, und die andern jubelten ihm Beifall zu; überall Klagen, Drohungen, Verwunderung.

Nur ein Anfangspunkt fehlte, eine zufällige Gelegenheit, ein spornender Stoß, so wurden die Worte zu Handlungen. Es währte nicht lange. Mit Tagesanbruch traten aus den Bäckerläden die jungen Burschen, die in hölzernen Butten das Brot nach den Häusern der gewöhnlichen Kunden zu tragen pflegten. Kaum kam einer dieser unglücklichen Boten einem Haufen Volkes ins Gesicht, so war's, als wäre ein angezündeter Schwärmer in eine Pulverkammer gefallen. – »Da gibt's ja Brot!« schrien hundert Stimmen zugleich. – »Freilich,« rief einer, »aber das ist für die Tyrannen, die im Überflusse waten und uns gern vor Hunger möchten sterben sehen!« Mit diesen Worten geht er auf den Burschen los, legt die Hand oben an den Rand der Butte, tut einen Ruck und sagt: »Laß sehen! Herunter mit der Butte!« Man greift mit vielen Händen danach, und schon steht sie auf der Erde; das Handtuch, welches sie bedeckt, wird weggeschleudert, ein warmer Duft steigt auf und verbreitet sich umher. – »Wir sind auch Christen,« sagt derselbe Kerl, »wollen auch Brot zu essen haben.« Er nimmt eins, hält es in die Höhe, zeigt es dem Haufen und fährt mit den Zähnen hinein; die Hände gleiten wühlend in die Butte, die Brote fliegen durch die Luft; ehe man sich versieht, ist keins mehr vorhanden. Wer nichts erbeutet hat, läßt sich durch den Anblick des fremden Gewinnes reizen; die Leichtigkeit des Unternehmens erfüllt selbst den Feigen mit Mut; man macht sich in Schwärmen auf und sucht anderen Buttenträgern zu begegnen; so viele man trifft, so viele werden ausgeplündert. Einen Angriff auf die Träger zu machen, war dabei nicht einmal nötig; die Burschen, welche sich unglücklicherweise unterwegs befanden, merkten bald, welch ein Ungewitter daherzog, setzten ihre Last freiwillig nieder und machten sich auf die Flucht. Dessenungeachtet waren diejenigen, welche mit nüchternem Gaumen abziehen mußten, immer noch bei weitem die Mehrzahl; die Beutemacher selbst fühlten sich durch einen so unbedeutenden Fund keineswegs befriedigt; zu diesen und jenen sich gesellend, standen die Schelme, welche auf eine besser begründete Ordnungslosigkeit ihren Plan gebaut hatten. Und so erscholl denn plötzlich das Geschrei: »Zu den Öfen! zu den Öfen!«

In der Straße Corsia de' Servi war eine Bäckerei, die noch heutigentags vorhanden ist und denselben Namen, nämlich »Der Krückenofen«, noch führt. Hierher strömte der Schwarm. Die Gesellen im Laden fragten eben den Knaben aus, welcher ohne seine Butte heimgekommen; mit bestürztem Angesichte und verwilderten Haaren stattete dieser von seinem kläglichen Abenteuer stotternden Bericht ab, als das Geräusch einer wühlenden Volksmenge sich hören ließ. Das Lärmen stieg und näherte sich; die Vorläufer des Haufens erschienen.

Die Not war groß, der Drang gebot Eile. Der eine läuft, um bei dem »Hauptmann der Gerechtigkeit« Hilfe zu suchen; die andern schließen in aller Geschwindigkeit den Laden, legen von innen die Querstangen vor die Türflügel und klammern die Halteisen ein. Die Menge fängt an, sich draußen dicht zusammenzurotten, und »Brot! Brot!« wird gerufen, »macht auf! macht auf!«

In demselben Augenblick langt mit einer Schar von Hellebardieren der Hauptmann der Gerechtigkeit an. »Platz, Platz, Kinder!« rufen er und seine Leute, »geht nach Hause, nach Hause; Achtung vorm Hauptmann!« – Das Volk, sich noch nicht hinlänglich bei Kräften fühlend, weicht ein wenig nach beiden Seiten zurück; so konnten der Hauptmann und die Seinen näherkommen und vor der geschlossenen Türe des Ladens sich aufstellen. – »Aber, Kinder,« sprach von hier aus der Hauptmann, »was macht ihr hier? Geht nach Hause. Wo bleibt eure Gottesfurcht? Was wird der König, unser Herr, sagen? Es soll euch kein Leid geschehen, aber geht nach Hause. Geht als brave Leute nach Hause!« – Doch nur die vordersten sahen das Gesicht des Sprechers und vernahmen seine Worte; hätten sie also auch seinem Rate gehorchen wollen, so wären sie dennoch nicht imstande gewesen; denn von denen, die hinter ihnen standen, wurden sie vorgeschoben. Der Hauptmann fing an, die Ängstlichkeit seiner Lage zu empfinden. – »Heißt sie seitwärts weichen, damit ich zu Atem kommen kann,« gebot er den Hellebardieren, »tut aber keinem etwas zuleide. Wir wollen suchen, in den Laden hineinzukommen; klopft an und laßt indes das Volk zurücktreten.«

»Zurück, zurück!« riefen die Hellebardiere, indem sie sämtlich auf die vordersten losgingen und sie mit dem Schafte ihrer Waffen nach der Straße hintrieben. Diese schreien, treten zurück, wie sie können; es entsteht ein Gedränge, ein Stoßen und Pressen, daß diejenigen, welche sich in der Mitte befanden, etwas darum gegeben hätten, wenn ein Zaubergespann sie anderswohin versetzt hätte. Indessen bildete sich dicht an der Türe etwas leerer Raum, und den Soldaten gelingt es, in den Laden zu gelangen. Der Hauptmann steigt einige Stufen hinan und tritt an ein Fenster. Himmel, welch ein brausendes Gewühl!

»Kinder!« ruft er, und viele sehen hinauf. »Kinder, geht nach Hause. Durchgängige Verzeihung jedem, der auf der Stelle sich heimmacht.«

»Brot, Brot! Aufgemacht, aufgemacht!« – Diese«Worte ließen sich in dem unermeßlichen Geschrei, womit die Menge antwortete, deutlicher als die übrigen unterscheiden.

»Vernünftig, Kinder! Seht euch wohl vor, noch ist's Zeit. Geschwind, geht, kehrt nach Hause zurück. Ihr sollt Brot haben; aber das ist keine Art. Heh! Heh! was macht ihr da unten? Was, gegen die Türe? Wartet, wartet, ich seh' es! Vernünftig! Seht euch vor! Ein gewaltiges Vergehen! Ich komme hinunter, auf der Stelle. Heda! Weg mit dem Eisen, weg mit den Händen! Was ist da? Ah, die Schurken!«

Dieses plötzliche Umschlagen des Tons war die Wirkung eines Steines, welcher die Stirn des Redners getroffen hatte. – »Schurken! Schurken!« fuhr er fort zu schreien, warf mit rascher Heftigkeit das Fenster zu und zog sich zurück. Was er aber vorhin gesehen hatte, war ein Arbeiten gegen Türe und Fenster mit Steinen und Eisen, die man in der Schnelligkeit unterwegs sich verschafft hatte, um die Türflügel zu sprengen und das Eisenwerk daran gewaltsam loszubrechen; auch war die Arbeit bereits sehr weit gediehen.

Die Herren und Gesellen des Ladens waren währenddessen an die Fenster der oberen Zimmer getreten. Sie hatten den Hof entpflastert, waren mit einem ziemlichen Vorrat von Steinen versehen, erhoben ein Geschrei und fingen, nachdem Drohungen fruchtlos geblieben waren, wirklich an, ihre Geschosse zu schleudern. Nicht ein einziger Stein flog vergebens gegen den Feind; das Gedränge war so groß, daß kein Hirsekorn zur Erde fallen konnte.

»Die Schufte! die niederträchtigen Seelen! Ist das das Brot, welches ihr armen Leuten gebt? – Weh! Weh mir! – Ach! – Jetzt, jetzt! Jetzt geht's auf uns!« So schrie es von unten hinauf.- Mehr als einer ward übel zugerichtet; zwei Knaben blieben auf der Stelle tot liegen. Mit der aufflammenden Wut wuchs die Stärke der Menge; die Türflügel, die eisernen Gebälke wurden niedergeschmettert, und tobend stürzte der Strom zu allen Öffnungen hinein. Die Leute im Hause sahen ihr Unheil vor Augen und flüchteten sich eiligst nach dem Söller hinauf. Hier hielten sich der Hauptmann, die Hellebardiere und einige Mitglieder des Hauses unter den Ziegeln versteckt; andere krochen zu den Bodenfenstern heraus und schlichen wie Katzen auf dem Dache umher.

Der Anblick der Beute unterdrückte bei den Siegern den Vorsatz, eine blutige Rache zu nehmen. Sie fallen über die Kasten her, das Brot geht reißend ab. Andere dagegen stürzen auf die Kasse zu, brechen das Schloß auf, packen die Geldschwingen, nehmen eine Hand voll nach der andern heraus, füllen sich die Taschen und kommen, mit kleiner Münze beladen, zurück, um nun gleichfalls Brot zu erraffen, wenn noch etwas vorhanden. Darauf ergießt sich der Strom in die inneren Vorratskammern. Säcke werden betastet und ergriffen; dieser schleppt einen aus seinem Winkel her, zerrt ihn rasch auf und schüttet, um die Last für seine Schultern tragbar zu machen, einen Teil des Mehles auf die Erde; jener schreit: »Warte! warte!« und bückt sich darunter, um mit Tüchern und Kleidern den niederstäubenden Segen aufzufangen; ein anderer macht sich an einen Backtrog und läuft mit einem Klumpen Teig davon, welcher sich in die Länge zieht und ihm nach allen Seiten hin entgleitet; ein vierter hat einen Mehlbeutel erwischt und trägt ihn hoch in die Luft emporgehoben; ein Teil kommt, ein Teil geht oder steht bei der Arbeit; Männer, Frauen und Kinder drängen und werden gedrängt; verworrenes Geschrei erfüllt das Haus, und eine weiße Staubwolke hüllt jeden Menschen und jeden Gegenstand wie ein weitverbreiteter Nebel ein.

Während dieser Bäckerladen auf solche Weise geplündert wurde, war auch kein anderer in der Stadt ruhig und ohne Gefahr. Nirgends aber drängte sich das Volk in so vielköpfiger Zahl zusammen, um sich alles unterstehen zu können; in einigen hatten die Herren etwas Hilfsmannschaft zusammengebracht und standen schlagfertig da; anderwärts, wo sie an Armen sich weniger zahlreich fühlten oder von der Furcht mehr eingeschüchtert waren, kam man von beiden Seiten in Verträgen überein; unter der Bedingung, sich alsbald zu entfernen, erhielten die Empörer, die sich bereits vor dem Eingang des Ladens aufgestellt hatten, Brot. So vermehrte sich das Gewirre und das Zusammenlaufen beständig vor jener unseligen Bäckerei; denn wem die Hände juckten und das Herz nach einer schönen Heldentat verlangte, der nahm dort seinen Weg hin; die Freunde waren daselbst in stärkerer Zahl, und die Straflosigkeit gewiß.

So standen die Dinge, als Renzo, der eben, wie wir erzählt, sein Brot verzehrt hatte, durch die Vorstadt des Tores gegen Morgen daherkam und, ohne es zu wissen, gerade nach dem Mittelpunkte des Aufruhrs seinen Weg nahm. Während er ging, ward er von dem Gewühl bald vorwärts geschoben, bald aufgehalten; zugleich merkte er im Gehen mit angestrengten Augen und Ohren auf, um aus dem verworrenen Gesumme der Gespräche vom Stande der Dinge eine deutlichere Kenntnis zu erhaschen. Die Reden, die er zur Rechten und Linken vernahm, mußten ihm bald den letzten Schleier lüften.

»Jetzt ist doch endlich einmal,« schrie der eine, »die Gaunerlist der Hundsfötter entdeckt, die da immer sagten, es sei kein Brot, kein Mehl, kein Getreide vorhanden. Jetzt liegt die Sache klar vor aller Welt Augen da, und sie sollen sich nicht mehr unterstehen, uns die Lüge aufbinden zu wollen. Segne uns Gott den Überfluß!«

»Platz, Platz, Leute! Seid gebeten! Laßt einen armen Hausvater durch, der seinen fünf Kindern zu essen heimträgt.« So sprach einer, der unter einem mächtig großen Mehlsack schwankend daherkeuchte, und jeder wich bereitwillig zurück, um ihm den Durchweg zu öffnen.

»Ich?« gab ein anderer unter der Hand seinem Gefährten zu verstehen, »ich schlage mich nach Hause durch. Ich kenne die Welt und weiß aus Erfahrung, was dergleichen Geschichten für 'ne Wendung zu nehmen pflegen. Alle die Schlingel, die jetzt so einen wütenden Lärm machen, hocken morgen oder übermorgen in ihren Häusern versteckt und wissen sich vor Furcht nicht zu lassen. Ich habe schon so etliche Gesichter erkannt, etliche Edelleute, die herumziehen und aufpassen und sich merken, wer da ist oder nicht da ist; wenn hernach alles vorbei ist, so wird Musterung gehalten, und wen's dann trifft, der hat sein Schmerzenslied zu pfeifen.«

»Derjenige, welcher die Bäcker unter seine Flügel nimmt,« schrie eine klanghelle Stimme, die Renzos Aufmerksamkeit besonders fesselte, »das ist der Amtsvogt bei den öffentlichen Speichern.«

»Sie sind alle Schurken, alle,« sagte ein anderer neben ihm.

»Freilich,« entgegnete jener, »der aber ist der Erzschuft, der Leithammel.«

Der Amtsvogt, jährlich vom Statthalter aus sechs Edelleuten, welche einen Ausschuß der Dekurionen bildeten, erwählt, hatte im Gerichtshofe der öffentlichen Speicher den Vorsitz. Diesem Gerichtshof, welcher aus zwölf Edelleuten bestand, war der Ankauf und die Auflagerung des öffentlichen Getreides übertragen. Ein Mann in solchem Amte mußte in einer stürmischen Zeit, wo Hunger und Unwissenheit das Wort führten, notwendigerweise für den Urheber des Elends gelten. Überdies hatte er den Schritt, welchen Ferrer getan, nicht zu tun gewagt; denn wenn er selbst damit umgegangen wäre, so hätte es doch nimmermehr in seinen Kräften gestanden.

»Brot?« sagte einer, der eilig vorwärts zu kommen suchte. »Brot? Ei freilich, pfundschwere Steine an den Kopf. Stücke von der Größe, wie Hagel kamen sie herunter gewettert. Und was für zerquetschte Rippen hat's da gegeben! Ich sehe die Stunde nicht, wo ich nach Hause komme.«

Durch solche Gespräche umlärmt, die allerdings ihn weniger von den Ereignissen des Tages belehrten, als in sprachloses Staunen versetzten, langte Renzo endlich, von kräftigen Ellenbogen weidlich gestoßen, bei jenem Bäckerladen an. Das Volk hatte sich daselbst bereits ziemlich verlaufen, und so konnte er sich von der traurigen, frischen Verwüstung hinlänglich überzeugen. Von den Mauern hatten Steine und Ziegel die Bekleidung abgesprengt, und überall gab es Löcher und Risse; die Fenster standen aufgerissen, die Haustüre eingeschlagen.

Das ist denn doch wahrhaftig nicht hübsch, dachte Renzo; wenn sie alle Öfen so zurichten, wo wollen sie denn Brot backen? In den Brunnen etwa?

Von Zeit zu Zeit kam einer aus dem Hause hervor und hatte ein Stück von einer Kiste, einem Backtrog oder einem Mehlkasten in der Hand, die Stange einer Flachsbreche, eine Bank, einen Flechtkorb, auch wohl ein Kontobuch, eine Papierschachtel, kurz irgend etwas aus der unglücklichen Bäckerei; er rief: »Platz! Platz!« und schritt durch die Leute. Alle diese wandten sich sodann nach derselben Seite, nach einem verabredeten Orte, wie man bald begreifen mußte. Renzo wollte auch sehen, was es hier gäbe; er folgte einem Manne, welcher aus gespaltenen Brettern und Scheiten sich ein Bündel gemacht und es auf die Schultern genommen hatte, hielt sich hinter ihm und ging wie die andern die Gasse entlang, welche sich an der Nordseite des Domes hinzieht. Um die Ecke gekommen, warf er einen Blick auf die Vorderseite des Domes, damals großenteils noch roh und von der Vollendung weit entfernt; dabei aber folgte er seinem Manne immer auf den Fuß, und dieser nahm seine Richtung nach der Mitte des Platzes. Je weiter man vorwärts schritt, desto dichter standen hier die Leute nebeneinander; da der Mann aber zu tragen hatte, so machte man ihm Platz. So durchschnitt er die Welle des Volkes, und Renzo, gleich hinterher in die leere Stelle hineinschlüpfend, gelangte mit ihm zum Mittelpunkte des Haufens. Hier öffnete sich ein freier Raum, und mitten auf diesem sah er ein schnell aufloderndes Feuer, einen Haufen von glühenden Kohlen und die Bruchstücke der obengenannten Werkzeuge darauf. Ringsumher ein schallendes Händeklatschen, ein Stampfen mit den Füßen, ein gellendes Getöse von Freudengeschrei und Flüchen.

Der Mann mit dem Bündel stürzt seine Last auf die Kohlen; ein anderer hat den halbverbrannten Stumpf einer Schaufel in der Hand, schürt die Glut und stört die Kohlen von unten und von den Seiten auf; der Rauch wächst und wird zur dichten Wolke, die Flamme lodert wieder empor, und mit ihr zugleich erhebt sich ein noch stärkeres Geschrei. – »Gott gesegne uns den Überfluß! Den Aushungerern den Tod! Den Tod der Teuerung! Verrecken sollen die Vorratsmänner, verrecken der Gerichtshof! Das Brot, das Brot soll leben!«

Schon hatte sich die Flamme wiederum gesenkt; man sah niemanden weiter mit brennbaren Stoffen herbeikommen, und der Schwarm fing an sich zu langweilen. Da kam plötzlich das Gerücht auf, am Cordusio, einem kleinen Platze in der Nähe, wo mehrere Straßen sich kreuzen, habe man eben angefangen, eine Bäckerei zu stürmen. Bei solchen Gelegenheiten gibt das Verkünden eines Ereignisses ihm erst die Entstehung. Die Nachricht war kaum laut geworden, so verbreitete sich in der Menge die Lust, hinzulaufen. – »Ich gehe. Gehst du? Ich komme, laß uns gehen,« hörte man von allen Seiten; die Schar gerät in Bewegung, sie bricht wimmelnd auf und macht sich auf den Weg. Renzo blieb zurück und bewegte sich bloß, insofern er vom Strome mit fortgerissen ward; währenddessen überlegte er, ob er sich aus dem Gedränge hinauswinden und nach dem Kloster zurückkehren sollte, um den Pater Bonaventura aufzusuchen, oder ob er auch diese neue Geschichte mit ansähe. Auch hier siegte die Neugier. Indessen nahm er sich vor, in das Getümmel des Haufens selbst sich nicht hineinziehen zu lassen; er hatte nicht Lust, das Schauspiel mit zerstoßenen Gliedern zu bezahlen oder wohl noch etwas Schlimmeres zu wagen.

Wo sich im Seitenwinkel des Platzes die Straße öffnet, war das lärmende Heer bereits in die kurze und enge alte Fischergasse eingedrungen und zog von dort aus, unter dem schrägen Schwibbogen weg, auf den Budenmarkt. Von hier drängte sich der ungestüme Schwarm in das Raschmachergäßchen und zerstreute sich sodann auf den Cordusio. Sobald er den Fuß auf den Platz gesetzt, wandte sich jeder nach dem Bäckerladen hin, welchen das Gerücht angegeben. Sie hatten einen Schwarm von Freunden erwartet, die sie bereits in voller Arbeit zu finden hofften; was sie aber antrafen, waren einige wenige, welche müßig dastanden und in ziemlicher Entfernung vom Laden unschlüssig hin und her gingen. Der Laden war geschlossen, und an den Fenstern standen bewaffnete Leute, welche es deutlich merken ließen, daß sie sich im Fall der Not verteidigen würden. Man blieb stehen oder wandte sich; man erkundigte sich bei den Hinzugekommenen, was für Schritte sie wohl zu wagen gedächten; verschiedene machten kehrt und hielten sich von fern. Man geht aufeinander zu und hält einander auf; der eine fragt, der andere gibt Aufklärung; ein allgemeines Stehenbleiben, ein schwankendes Zögern, ein verworrenes Gesumse rathaltender Freibeuter. Mit einem Male aber läßt sich mitten im Haufen eine unheilvolle Stimme hören: »Hier dicht an ist das Haus des Speichervogts; laßt uns gehen und uns Gerechtigkeit verschaffen, wir wollen es plündern.« – Es war, als erinnerte man sich plötzlich einer festgesetzten Verabredung, nicht als nähme man einen bloßen Vorsatz an. – »Zum Speichervogt! zum Speichervogt!« Das war der einzige Ruf, der sich unterscheiden ließ. Und so setzte sich der Haufen mit einstimmiger Wut gegen die Straße in Bewegung, wo das Haus stand, dessen in so unglücklichem Augenblicke Erwähnung geschehen war.

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