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Die Verlobten

Alessandro Manzoni: Die Verlobten - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorAlessandro Manzoni
titleDie Verlobten
publisherGutenberg-Verlag, Hamburg
volumeBand 1 und 2
editorDr. Herrman Tiemann
year1929
translatorDaniel Lessmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060803
projectid9d981f8c
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Zehntes Kapitel.

Es gibt Augenblicke, wo das Gemüt, zumal das jugendliche, in solcher Stimmung sich befindet, daß jede geringe Bitte hinreicht, um alles, was den Anschein des Guten und der Aufopferung hat, von ihm zu erlangen. Es gleicht dann einer eben erschlossenen Blume, welche, leicht auf ihrem gebrechlichen Stengel schwebend, ihre Düfte dem ersten Hauche des spielenden Windes zu überlassen bereit ist. Diese Augenblicke gerade, welche die übrigen mit scheuer Achtung bewundern und heilig halten sollten, erspäht mit Aufmerksamkeit die eigennützige Verschmitztheit und hascht sie im Fluge, um einen unbewachten Willen zu fesseln.

Als der Fürst den Brief gelesen, sah er für seine alten, unwandelbaren Ansichten im Augenblick das Tor geöffnet. Er schickte zu Gertruden und ließ sie kommen; während er sie erwartete, machte er sich bereit, das Eisen in seiner Glut zu schmieden. Die Tochter erschien. Sie hatte den Mut nicht, das Auge zum Angesichte des Vaters zu erheben, sie warf sich ihm zu Füßen, und »Verzeihung!« war alles, was sie hervorzubringen vermochte. Der Fürst gab ihr einen Wink, sie möchte aufstehen; mit einer Stimme aber, die sich wenig zur Ermutigung eignete, erklärte er ihr, der Wunsch und die Bitte um Verzeihung seien nicht hinreichend; dergleichen fände leicht und natürlich sich ein, wenn man sich schuldig fühle und die Strafe fürchte; verdient müsse die Verzeihung werden. Unterwürfig und zitternd fragte Gertrude, was sie zu tun habe. Darauf antwortete der Fürst – wir haben das Herz nicht, ihn in diesem Augenblicke mit dem Namen eines Vaters zu bezeichnen – nicht geradehin; er fing an, sich mit großen Worten über Gertrudens Vergehen zu verbreiten, und wie wenn eine rauhe Hand über eine Wunde hinstreicht, durchrieselte bei seiner Rede die Seele des unglücklichen Mädchens ein eiskalter Schauer. – Sogar wenn er vorher jemals, fuhr er fort, die Absicht gehabt hätte, ein weltliches Unterkommen für sie zu suchen, so habe sie jetzt selbst dieser Absicht ein unübersteigliches Hindernis in den Weg gestellt; ein Edelmann von Ehre wie er könne nimmermehr das Herz haben, einem Manne von Stande ein Fräulein anzutragen, das solch eine Probe seiner Sittsamkeit gegeben. – Wie vernichtet stand die bejammernswerte Zuhörerin da. Darauf lieh der Fürst allmählich seiner Stimme und seinem Gespräch einen sanfteren Ausdruck und bemerkte, für jedes Vergehen gäbe es Heilmittel und Erbarmen in der Welt; das ihrige sei von der Art, für welche das Heilmittel so bestimmt wie möglich angegeben; sie habe dieses traurige Ereignis als einen Fingerzeig zu erkennen, daß das weltliche Leben für sie zu voll von Gefahren sei.

»Ja, mein Vater!« rief Gertrude. Denn die Furcht hatte sie erschüttert, die Scham sie vorbereitet und eine aufwallende Zärtlichkeit in diesem Augenblick sie gerührt. »Du siehst es endlich selbst ein,« fuhr der Fürst unmittelbar fort. »Gut, so soll vom Vergangenen nicht weiter gesprochen werden; alles ist vergessen. Du hast den einzigen ehrenvollen und geziemenden Entschluß ergriffen, der noch vorhanden; da du ihn aber mit gutem Willen und Anstande ergriffen, so ist's meine Schuldigkeit, dafür zu sorgen, daß er in seinen Folgen so erfreulich wie denkbar für sich werde; meine Schuldigkeit ist's, dir alle Vorteile desselben zukommen zu lassen, sein Verdienst gänzlich auf deine Rechnung zu setzen. Ich werde die Sorge auf mich nehmen.«

Der vermeintliche Entschluß, Gertruden in solcher Weise abgepreßt, wurde sogleich der herbeigerufenen Familie, d. h. Mutter und Bruder, bekanntgemacht. Auch benutzte man ihre Willfährigkeit, die Abreise nach dem Kloster in Monza gleich auf den morgigen Tag festzusetzen.

Dazu sorgte man dafür, daß Gertrude diesen gleichen Tag über nicht zwei Minuten Ruhe hatte. Gern hätte sie ihr Gemüt von so vielen Erschütterungen zu erholen gesucht, hätte ihre wühlenden Gedanken, wenn ich mich so ausdrücken darf, gern sich setzen lassen und von dem, was sie getan, wie von dem, was sie zu tun hatte, sich Rechenschaft abgelegt. Von ihrem eigenen Wollen wünschte sie sich zu überzeugen und dem Triebrade, welches, kaum in Bewegung gesetzt, so furchtbar reißend sich umwälzte, auf einen Augenblick in die Speichen zu fallen. Es war aber unmöglich. Ununterbrochen folgten einander die Beschäftigungen, die eine griff in die andere ein.

Anputz, feierliche Ausfahrt, von der man erst mit dämmerndem Abend zurückkehrte, Besuche und Abendmahl nahmen Tag und Abend in Anspruch. Kaum zu Bette, trugen daher Jugend und Ermüdung über den nagenden Gram den Sieg davon. Der Schlaf war ängstlich, unruhig, voll peinlicher Traumbilder, doch unterbrach ihn erst der Weckruf der neu bestellten Kammerfrau, welche am frühen Morgen sie rüttelte, damit sie sich für die Fahrt nach Monza bereite.

Als gemeldet ward, die Kutsche stehe fertig da, zog der Fürst die Tochter beiseite. – »Wohlan, Gertrude,« sagte er, »gestern hast du dir selbst Ehre gemacht, heute mußt du dich übertreffen. Es kommt darauf an, in dem Kloster und in der Stadt, wo du die erste Rolle zu spielen bestimmt bist, aufzutreten. Sie erwarten dich.« – Es braucht wohl nicht erst gesagt zu werden, daß der Fürst am Tage vorher der Äbtissin Nachricht zugesandt hatte. – »Sie erwarten dich, und aller Augen werden auf dich gerichtet sein. Würde und ungezwungener Anstand! Die Äbtissin wird dich fragen, was du willst; das ist einmal so die leere Form der Gewohnheit. Du kannst antworten: Du suchst die Erlaubnis, in dem Kloster, worin du so liebevoll erzogen worden, wo du eine so zarte Begegnung erfahren hast, wie es in der Tat nicht anders ist, das heilige Gewand anlegen zu dürfen. Sprich die wenigen Worte mit zwangloser Offenheit, damit es nicht etwa heiße, man habe sie dir in den Mund gelegt und du verständest nicht, für dich selbst zu sprechen. Von dem, was vorgefallen, wissen die guten Mütter dort nichts; das ist ein Heiligtum, welches begraben in der Familie bleiben muß. Mache aber auch kein trübseliges, unsicheres Gesicht; das könnte Verdacht erwecken. Laß sehen, aus welchem Blute du entsprossen; sei artig und bescheiden; zugleich aber erinnere dich, daß an jenem Orte, mit Ausnahme der Familie, kein Höherer als du sich befindet.«

Ohne Antwort zu erwarten, setzte sich der Fürst in Bewegung; Gertrude mit Mutter und Bruder folgten ihm, gingen die Treppe hinab und stiegen in den Wagen. Während der Fahrt waren die Drangsale und die Verdrießlichkeiten dieser Welt, mit dem seligen Leben im Kloster verglichen, vorzüglich für junge Leute von hochadligem Blute, der Hauptgegenstand der Unterhaltung. Gegen das Ende des Weges erneuerte der Fürst die gegebene Anweisung und wiederholte ihr mehr als einmal die Formel, wie sie zu antworten habe. Beim Eintritt in die Stadt fühlte Gertrude, wie es ihr gewaltsam durchs Herz zuckte; aber noch weit ungestümer schlug es, als der Wagen vor jenen Mauern, vor jener Pforte des Klosters hielt. Zwischen zwei Scharen von Volk, welche die Diener zurücktreten ließen, stieg man aus. Alle die Augen, die an die Unglückliche sich hängten, zwangen sie unaufhörlich, auf ihr Benehmen aufmerksam zu sein; mehr aber als sie alle zusammen hielten sie in Unterwürfigkeit die beiden Augen des Vaters, welchen sie vielfach, so unheimlich sie sich auch vor ihnen fürchtete, die ihrigen wie notgedrungen zuwandte. Und wie durch einen unsichtbaren Befehl lenkte dies Augenpaar alle ihre Bewegungen, alle Schritte ihres Auftretens. Man ging über den ersten Hof und betrat den zweiten; hier erschien die Pforte des inneren Klosters, weit geöffnet und von Nonnen zahlreich besetzt. In der ersten Reihe die Äbtissin, von den ältesten Schwestern umgeben; dann andere Nonnen, dichtgedrängt, einige auf den Zehenspitzen; zuletzt die Laienschwestern, auf Schemeln stehend. Aus diesem Gedränge schollen Begrüßungen hervor; viele Arme sah man wie zum Empfang und zur Freudenbezeugung ausgebreitet. Man kam ans Tor, und Gertrude fand sich der Mutter Äbtissin gegenüber. Nach den ersten Verneigungen, wobei diese ein feierliches, aber heiteres Wesen annahm, legte sie ihr die Frage vor: Was sie an diesem Orte, wo niemand ihr etwas verweigern würde, wolle?

»Ich bin hier ...,« fing Gertrude an; doch im Begriff, die Worte hervorzubringen, die ihr Schicksal unwiderruflich entscheiden sollten, zauderte sie einen Augenblick und ließ die Augen unbeweglich auf dem Haufen weilen, welcher vor ihr stand. In diesem Momente bemerkte sie eine bekannte Gespielin, welche mit boshaftem Mitleid sie betrachtete, als wollte sie sagen: Ei, hat sich die Heldin doch fangen lassen! – Dieser Anblick weckte in ihrem Gemüte alle die alten Empfindungen lebhaft wieder, gab ihr aber zugleich auch ein wenig von dem alten Mute zurück, und schon suchte sie nach einer Antwort, welche von der gebotenen sich ziemlich auffallend unterscheiden sollte. Indem sie aber, gleichsam um ihre Kraft zu versuchen, ihren Blick zum Angesichte des Vaters erhob, bemerkte sie auf diesem eine so finstere Unruhe, eine so drohende Ungeduld, daß sie, vor Furcht entschlossen, mit derselben Schnelligkeit, womit sie vor einem Gegenstande des Entsetzens die Flucht ergriffen hätte, in ihrer Antwort fortfuhr. – »Ich suche hier die Erlaubnis, in diesem Kloster, worin ich so liebevoll erzogen worden, das heilige Gewand anlegen zu dürfen.« – Die Äbtissin antwortete auf der Stelle, sie bedaure, daß die Gesetze ihr verböten, augenblicklich ihre Einwilligung zu geben; diese könne erst nach der gemeinschaftlichen Zustimmung der Schwestern erfolgen, und die Erlaubnis der Obern müsse vorangehen; Gertrude aber wisse hinlänglich, was man an diesem Orte für sie empfinde, und könne daher wohl voraussehen, wie die Antwort ausfallen würde; bis dahin aber hindere kein Gesetz Äbtissin und Schwestern, die Freude, welche sie über dieses Gesuch empfänden, alle Welt sehen zu lassen. Da erhob sich ein verworrener Lärm von Glückwünschen und Beifallstimmen. Die Äbtissin ließ den Fürsten bitten, nach dem Gitter des Sprechzimmers zu kommen, woselbst sie ihn erwarten würde. Sie war von zwei älteren Schwestern begleitet und sagte, als sie ihn erscheinen sah: »Um den Regeln zu gehorchen, um einem Gebrauche, der sich nicht umgehen läßt, Genüge zu leisten, wiewohl in diesem Fall ... dennoch muß ich es sagen ... sooft ein junges Mädchen zur Einkleidung zugelassen zu werden wünscht, so ist die Vorgesetzte, die ich unwürdigerweise bin, verpflichtet, die Eltern zu benachrichtigen, daß, falls etwa ... wenn sie etwa dem Willen der Tochter Gewalt angetan, sie den Kirchenbann zu fürchten haben.«

»Sehr wohl, sehr wohl, verehrte Mutter,« erwiderte der Fürst. »Ich lobe Ihre Gewissenhaftigkeit; es ist nur allzu gerecht. Aber Sie dürfen nicht zweifeln.«

»O, bedenken Sie, Herr Fürst, ich habe nach ausdrücklicher Verpflichtung gesprochen; übrigens ...«

»Gewiß, gewiß, Mutter Äbtissin.«

Nachdem man diese wenigen Worte miteinander gewechselt und von beiden Seiten der Vorschrift hinlänglich nachgelebt zu haben meinte, verneigten sich gegenseitig die beiden Sprechenden und trennten sich, als fiele es beiden schwer, die unerfreuliche Unterhaltung fortzusetzen. Jeder begab sich zu seiner Gesellschaft, die Äbtissin innerhalb, der Fürst außerhalb der heiligen Klosterschwelle. – »Nun, wohlan,« sagte der Fürst; »Gertrude wird bald vollkommene Gelegenheit haben, nach ihrem Gefallen sich der Gesellschaft dieser guten Mütter zu erfreuen. Für jetzt ist es Zeit, daß wir sie ihres ängstlichen Ungemachs wieder ein wenig entheben.« Er verneigte sich und gab das Zeichen zum Aufbruch; die Familie setzte sich in Bewegung, die höflichen Redensarten umschwirrten den Wagen aufs neue, und so fuhr man zurück.

Auf diesem Rückwege hatte Gertrude nicht viel Lust zum Sprechen. Erschreckt durch den Schritt, welchen sie getan, über ihre unbehilfliche Zaghaftigkeit beschämt, gegen die andern wie gegen sich selbst aufgebracht, rechnete sie die Gelegenheiten, welche ihr noch zum Neinsagen übrigblieben, traurig zusammen und leistete sich selbst ebenso schwach wie verwirrt das Versprechen, sie wolle bei dieser oder bei der andern oder auch bei der dritten weit gewandter und herzhafter gegen ihr Schreckenslos sich wehren. Aber den finsteren Zornblick des Vaters und seine schreckende Nachwirkung konnten diese Gedanken alle nicht mildern; als sie sodann durch einen Blick, den sie in verstohlener Eile auf sein Gesicht warf, sich überzeugen konnte, daß keine Spur des Zornes mehr darin vorhanden, als sie bemerkte, daß er sich ganz außerordentlich zufrieden mit ihr bewies, dünkte es sie daher ein Glück, und so war sie für einen Augenblick vollkommen ruhig.

Nach der Ankunft gab's eine lange Putzstunde, dann die Mittagstafel, dann einige Besuche, den Spaziergang, die gesellschaftliche Unterhaltung und endlich die Abendmahlzeit.

Am andern Morgen ward Gertrude durch den Gedanken geweckt, daß heute der Vikar der Nonnen kommen würde, um eine letzte Prüfung mit ihr vorzunehmen. Während sie nachsinnend dastand, wie sie diese so entscheidende Gelegenheit zum Rückschritt benutzen könnte, ließ der Fürst sie rufen. – »Wohlan, Tochter,« hieß es, »bis jetzt hast du dich vortrefflich benommen; heute handelt sich's darum, dem Werk die Krone aufzusetzen. Alles, was bisher geschehen ist, geschah mit deiner Einwilligung. Wenn dir währenddessen ein kleiner Zweifel angekommen sein sollte, ein Schatten von Reue, jugendliche Grillen, so hättest du dich darüber erklären müssen; da aber die Sache so weit einmal gediehen, so ist's zu dergleichen Kinderpossen keine Zeit mehr. Der gute Mann, der heute vormittag kommen soll, wird dir hundert Fragen über deinen Beruf vorlegen; ob du dich aus freiem Willen dazu entschlossen, warum, auf welche Weise, und was weiß ich? Nach all den öffentlichen Erklärungen, die bereits geschehen, würde das geringste Schwanken, welches an dir bemerkt wird, meine Ehre in Gefahr bringen, würde die Leute glauben lassen, daß ich einen Gedanken, den du etwa flüchtig hingeworfen, für einen festen Entschluß genommen habe, daß ich mit Gewalt auf dich eingestürmt und wohl gar ... was weiß ich? In diesem Fall würde ich notgedrungen zwischen zwei höchst unangenehmen Auswegen wählen müssen; entweder müßte ich zugeben, daß die Welt sich von meinen häuslichen Verhältnissen einen sehr widerwärtigen Begriff macht – ein Ausweg, welcher sich durchaus mit dem, was ich mir selbst schuldig bin, nicht verträgt – oder ich müßte den wahren Beweggrund deines Entschlusses vor aller Leute Augen enthüllen, und ...«

Hier aber ward er gewahr, daß Gertrudens Gesicht von flammender Scham glühte; ihre Augen traten schwellend hervor, und das Gesicht zog sich gleichsam zusammen, wie die Blätter einer Blume während der schwülen Hitze, welche dem Sturme vorhergeht. Er brach das Gespräch ab und nahm eine freundliche Miene an.

»Laß gut sein,« fuhr er fort, »laß gut sein, es hängt alles von dir, von deinem richtigen Urteil ab. Ich weiß, du bist vernünftig, bist kein kindisches Mädchen, um eine gut eingeleitete Sache am Ende zu verderben; ich mußte aber vorsichtig auf jeden Fall denken. Wir wollen weiter nicht davon reden; genug, wir sind beide darin übereingekommen, daß du mit ungezwungener Offenheit reden wirst, damit im Kopfe des guten Mannes keine Zweifel aufsteigen. Auf diese Weise kommst du auch weit schneller aus dem Handel.«

Darauf gab er ihr einige Antworten, mit welchen sie den mutmaßlichen Fragen zu begegnen habe, an die Hand, ließ sich in die gewöhnliche Abhandlung über die süßen Freuden und die Genüsse ein, welche im Kloster für die vornehme Nonne bereit wären, und hielt sie damit hin, bis ein Diener die Ankunft des Vikars meldete. Der Fürst rief ihr die wichtigsten Fingerzeige noch einmal ins Gedächtnis zurück und ließ dann die Tochter, wie die Vorschrift es gebot, mit dem Manne allein.

Der gute Herr kam ein wenig mit schon vorgefaßter Meinung, daß Gertrude einen außerordentlichen Beruf zum Kloster habe; denn so hatte ihm der Fürst, da er ihn einlud, gesagt. Freilich wußte der brave Priester sehr wohl, daß Mißtrauen bei seinem Amte gerade eine der vorzüglichsten Tugenden war, und hatte den Grundsatz angenommen, dergleichen Versicherungen nur mit zögernder Behutsamkeit zu glauben, gegen jede vorgefaßte Meinung sehr wachsam auf seiner Hut zu sein. Doch die Behauptungen, welche eine Person von bedeutendem Ansehen mit sicherem Tone ausspricht, pflegen meist der Gesinnung des Zuhörers ein wenig von ihrer Farbe mitzuteilen. Nach den gewöhnlichen Ausdrücken der Höflichkeit begann er: »Ich komme, mein fürstliches Fräulein, die Rolle des Teufels zu spielen; was Sie in Ihrer Bittschrift als gewiß vorgetragen, komme ich in Zweifel zu ziehen, komme, Ihnen die Schwierigkeiten alle vor Augen zu halten und mich zu überzeugen, ob Sie dieselben auch hinlänglich in Erwägung gezogen. Erlauben Sie also, daß ich Ihnen einige Fragen vorlege.«

»Sprechen Sie nur,« erwiderte Gertrude.

Somit begann der gute Priester, sie in der vorgeschriebenen Form der Verordnungen zu befragen. – »Fühlen Sie in Ihrem Herzen einen freien, zwanglosen Entschluß, Nonne zu werden? Sind keine Drohungen oder Schmeicheleien dabei ins Werk gesetzt worden? Hat man sich keines schreckenden Ansehens bedient, um Sie zu diesem Schritte zu verleiten? Reden Sie mit Offenherzigkeit, ohne Rückhalt; Sie stehen vor einem Manne, dessen Pflicht es ist, Ihren wahren Willen zu erfahren; er soll verhindern, daß ihrem freien Entschlüsse auf irgendeine Weise Gewalt angetan werde.«

Die wahre Antwort, welche eine solche Frage verlangte, stellte sich Gertrudens Geiste augenblicklich in schrecklicher Klarheit dar. Aber um sie zu geben, mußte man sich in eine Erklärung einlassen, von den erhaltenen Drohungen Bericht erstatten und eine vollständige Geschichte erzählen. Die Unglückliche floh erschrocken vor diesem Gedanken zurück und suchte eiligst eine Antwort, welche am besten und schnellsten aus dieser peinlichen Verlegenheit sie retten konnte.

»Ich werde Nonne,« sagte sie, ihre Bestürzung verbergend, »aus eigener Neigung werde ich Nonne, freiwillig.«

»«Wie lange ist's her, daß Sie diesen Gedanken gefaßt?« fragte jener.

»Ich habe ihn jederzeit gehabt,« war die Antwort. Denn nach dem ersten Schritte ward Gertrude mutiger und freier, um gegen sich selbst zur Lügnerin zu werden.

»Welches aber ist der Beweggrund, der Sie zur Wahl des heiligen Schleiers geleitet hat?«

Der gute Priester wußte nicht, welche furchtbare Saite er angeschlagen hatte. Gertrude tat sich mit Anstrengung Gewalt an, um in ihrem Gesichte die Wirkung, die seine Worte in ihrem Gemüte hervorgebracht, sich nicht verraten zu lassen. –- »Der Beweggrund,« sagte sie, »ist, eine Dienerin Gottes zu werden und den Gefahren dieser Welt zu entfliehen.«

»Hatte irgendeine Kränkung Ihnen diese Welt verleidet? Sollte es vielleicht auch nur, Sie entschuldigen mich, ein trauriger Entschluß des Augenblicks sein? Eine plötzliche Ursache kann bisweilen einen Eindruck machen, welcher auf ewig in der Seele haften zu wollen scheint; hört aber nachher die Ursache auf, nimmt der Geist eine andere Wendung, und dann ...«

»Nein, nein,« antwortete hastig Gertrude; »die Ursache ist keine andere, als die ich Ihnen angegeben.«

Um indessen seiner Schuldigkeit in allen Punkten Genüge zu leisten, fuhr der Vikar noch eine ganze Zeit hindurch in seiner Prüfung fort; Gertrude aber hatte sich bereits vorgenommen, ihn in allen Stücken zu hintergehen. Der Gedanke, den würdigen und wackeren Priester, welcher so weit entfernt schien, etwas Ähnliches in ihr zu argwöhnen, mit ihrer Schwäche bekanntzumachen, erfüllte sie mit unausstehlichem Widerwillen. Er konnte sie freilich von der Notwendigkeit, den Schleier nehmen zu müssen, befreien; damit hatte aber auch die Wirkung seines Ansehens und sein Schutz ein Ende. Hätte sie dieses Mittel ergriffen, so stand sie dem Fürsten allein gegenüber. Von all den Qualen, welche sie nachher im Hause auszustehen haben würde, wußte der gute Priester nichts, und hätte er es auch gewußt, so konnte er doch bei all seinen wohlwollenden Absichten nichts weiter, als sie beklagen. So ward endlich der Prüfende eher müde zu fragen, als die Unglückliche, die Wahrheit zu verheimlichen; er überzeugte sich, daß die Antworten fortwährend gleichförmig lauteten, und glaubte keine Befugnis zu haben, in ihre Aufrichtigkeit einen Zweifel zu setzen. Daher änderte er endlich die Sprache und sagte ihr, was er am meisten geeignet hielt, sie in ihrem guten Vorsatze zu befestigen. Nachdem er sodann sich ihrer frommen Entschlüsse mit ihr gefreut, nahm er seinen Abschied.

Indem er beim Weggehen durch die Zimmer des Palastes schritt, stieß er auf den Fürsten, der zufällig daselbst vorüberzugehen schien, und stattete ihm über die glückliche Stimmung, worin er die Tochter gefunden, seine Glückwünsche ab. Der Fürst hatte bis dahin in unangenehmer Zuversichtslosigkeit geschwebt; bei dieser Nachricht aber atmete er wieder auf, setzte die gewohnte Würde seines Betragens aus den Augen, lief spornstreichs zu Gertruden, überhäufte sie mit Lobsprüchen, mit freigebigen Verheißungen und Liebkosungen; der Jubel seiner Freude war herzlich, seine Zärtlichkeit um ein großes Teil aufrichtig. Von solcher Art ist die verworrene Natur des menschlichen Herzens.

Wir wollen Gertruden durch das fortwährende Gefolge von Schauspielen und Ergötzlichkeiten, mit welchen sie jetzt wie übertäubt ward, nicht folgen. Ebensowenig mögen wir der Reihe nach die verschiedenen Empfindungen ihres Busens während dieser Zeit beschreiben; es wäre eine Darstellung von Schmerzen und schwankenden Entschlüssen, welche zu eintönig herauskäme und dem bereits Gesagten allzu ähnlich sein dürfte. Die Anmut der Gegend umher, der Wechsel der Gegenstände, die Freude, in freier Luft umherschwärmen zu können, machten ihr den Gedanken an den Ort, wohin sie am Ende für alle künftigen Zeiten den letzten Gang tun mußte, noch verhaßter. Verwundender noch wirkten die Eindrücke, welche sie in den Gesellschaften und bei den festlichen Lustbarkeiten der Stadt erhielt. Die Gegenwart der Bräute, welchen man diesen Namen in weit gewöhnlicherem und natürlicherem Sinne gab, erfüllte sie mit Neid und unerträglich nagendem Grame; bei andern Gelegenheiten glaubte sie aus dem Anblick eines solchen Mädchens schließen zu müssen, daß mit diesem Namen der Gipfel aller irdischen Glückseligkeit verbunden sei. Bisweilen versetzten sie der reiche Prunk der Paläste, der Glanz der Geschmeide, das Gewimmel und der festliche Lärm geselliger Unterhaltungen in eine so schwindelnde Trunkenheit, flößten ihr einen so glühenden Hang zum fröhlichen Weltleben ein, daß sie augenblicklich sich selbst das Versprechen gab, ihre Einwilligung zurückzunehmen und lieber alles geduldig zu ertragen, als wieder hinzuschleichen in den kalten und finstern Schatten des Klosters. Überlegte sie aber in ruhiger Stimmung die Schwierigkeiten, heftete sie ihr Auge auf das Gesicht des Fürsten, so verdampften bald auch diese Vorsätze alle wieder. Der Gedanke, solchen Genüssen für immer entsagen zu müssen, machte ihr manchmal die kurze Probe derselben, welche man ihr soeben gestattete, widerwärtig und peinlich, wie ungefähr ein durstgequälter Kranker den Löffel Wassers, den ihm der Arzt mit Mühe gestattet, voll bitteren Grolls betrachtet und von sich stoßen möchte.

Indessen hatte der Vikar der Nonnen das nötige Zeugnis gegeben, und die Erlaubnis, zu Gertrudens Aufnahme das Kapitel zu versammeln, langte an. Die Versammlung fand statt; die Wahlstimmen sprachen, wie sich's erwarten ließ, zugunsten der jungen Braut des Herrn, und Gertrude ward aufgenommen. Sie selbst bat am Ende, der langen Plage müde, sobald wie möglich ins Kloster eintreten zu dürfen. Einem solchen Eifer widersetzte sich niemand. Ihr Wille geschah demnach, und in stattlichem Aufzuge nach dem Kloster geleitet, legte sie das heilige Gewand an. Zwölf Monate des klösterlichen Probedienstes vergingen unter Reue und Gegenreue; dann erschien der Tag des Bekenntnisses, der Tag, an welchem entweder das seltsamste, unerwartetste, ärgerlichste Nein ausgesprochen oder das Ja, welches sie so oft schon gesagt, wiederholt werden mußte. Sie wiederholte es und ward Nonne, Nonne für immer.

Es ist eine von den besonderen und unmitteilbaren Kräften der christlichen Religion, daß sie jedem, der seine Zuflucht, es sei in welcher Lage, unter welcher Bedingung es wolle, zu ihr nimmt, auf die rechte Bahn verhilft und ihm Ruhe gewährt. Aber die unglückliche Gertrude rang beständig unter dem Joche ihres Nonnentums und empfand um so drückender die Last und die Zerknirschung. Die unaufhörliche Reue über die aufgeopferte Freiheit, der schaudernde Abscheu vor ihrer gegenwärtigen Lage, ein abmattendes Schweifen hinter Wünschen, welche niemals befriedigt werden konnten, das waren die vorzüglichsten Beschäftigungen ihres rastlosen Geistes. Sie ging die bittere Vergangenheit immer wieder durch, rief sich ins Gedächtnis alle die Umstände zurück, unter denen sie an den Ort gelangt, wo sie sich befand, und zerstörte, was sie durch einen wirklichen Schritt getan, tausendmal fruchtlos durch den Gedanken. Sie klagte sich der Zaghaftigkeit, andere der Tyrannei und der Treulosigkeit an und marterte sich bis zur Erschöpfung ab. Sie vergötterte und beweinte zugleich ihre Schönheit, bejammerte eine Jugend, welche bestimmt sei, im langsamen Märtyrertume hinzusterben, und beneidete in gewissen Stunden jedes Mädchen, das frei, in welcher Lage, mit welchem Gewissen es auch sei, die Güter dieser Welt genießen durfte.

Der Anblick der Nonnen, welche bei ihrem Eintritt ins Kloster mitgewirkt, war ihr verhaßt. Einigen Trost schien sie bisweilen im Befehlen zu finden; sie sah sich im Kloster mit Ergebung verehrt, von auswärts oft mit schmeichelnder Hochachtung besucht, nahm manche Verbindlichkeit mit glücklichem Erfolge auf sich, ließ ihren Schutz glänzen und hörte sich mit dem Tone der Unterwerfung »edle Schwester« genannt. Was für ein Trost aber! Das Gemüt empfand seine Unzulänglichkeit und hätte hin und wieder gern den Trost der Religion ihm zugesellt, um an diesem sich kräftiger zu erlaben. Solch ein Trost aber wird nur denjenigen zuteil, die jenes ersten sich begeben, wie der Schiffbrüchige, wenn er das Brett, welches ihn sicher nach dem Ufer tragen kann, erfassen will, die geschlossene Faust auftun muß, um Schilf und Zweige, die er im Drange der Lebensangst umklammert hatte, fahren zu lassen.

So hatte sie einige Jahre verlebt, ohne daß eine günstige Gelegenheit, etwas Weiteres zu beginnen, sich einstellte, als plötzlich ihr Unstern solche Umstände herbeiführte.

Unter die übrigen Freiheiten und Auszeichnungen, welche ihr bewilligt worden, um sie einstweilen für die Äbtissinwürde zu entschädigen, gehörte auch die, daß sie in einem besonderen Teile des Klosters wohnte. Diese Seite des Gebäudes stieß an ein Haus, in welchem ein junger Mann, ein Bösewicht von Beruf, hauste; einer von den vielen, die um jene Zeit mit ihrem bewaffneten Gesinde oder in Verbindung mit andern ihres Gelichters bis zu einem gewissen Punkte sich über die öffentliche Gewalt und die Gesetze lustig machen durften. Unsere Handschrift nennt ihn Egidio, erwähnt aber weiter nichts. Aus einem seiner Fenster ließ sich in den kleinen Hof jener Klosterseite hinuntersehen. So hatte er verschiedentlich Gertruden aus Langeweile auf- und niedergehen oder umherschwärmen bemerkt. Von der Gefahr und der Heillosigkeit des Beginnens eher angelockt als zurückgeschreckt, wagte er es einst, sie anzusprechen, und die Unglückliche gab ihm Antwort.

Die ersten Augenblicke gewährten ihr, wenn auch nicht eine ungetrübte, doch eine lebhafte Befriedigung. Die träge Leere ihres Gemütes war durch eine kräftige, fortwährende Geschäftigkeit wie durch ein triebreiches Leben beseelt worden; doch diese Befriedigung glich dem erquickenden Getränke, welches die erfinderische Grausamkeit der alten Völker dem Verurteilten kredenzte, damit er zur Ertragung seines Märtyrertunis desto kräftiger wäre. Es verriet sich um dieselbe Zeit ein neues Wesen in allen ihren Bewegungen; sie wurde plötzlich ordnungsliebender und ruhiger, verhöhnte die übrigen nicht mehr, hörte auf zu wehklagen und benahm sich selbst höflich und liebkosend. Die Schwestern freuten sich der glücklichen Verwandlung; keine einzige ahnte den wahren Beweggrund oder begriff, daß diese neue Tugend nichts weiter war als Heuchelei, zu ihren alten Gebrechen hinzugekommen. Diese scheinbare Holdseligkeit aber, dieses Fortschaffen aller äußeren Flecken, wofern der Ausdruck gestattet wird, währte gleichfalls nicht lange, wenigstens behauptete sich auch hier keine Beharrlichkeit und Gleichmäßigkeit; bald meldete sich der gewohnte verdrießliche Trotz, die gewohnte Grillensucht wieder, die Verspottung und Verwünschung des klösterlichen Gefängnisses ließen sich wieder hören und wurden nicht selten in einer Sprache ausgedrückt, wie man sie an solchem Orte, aus solchem Munde niemals vernommen. Jedem Ausbruch indessen folgte eine Reue, und Gefälligkeit sollte mit aller Gewalt ihn wieder in Vergessenheit bringen. All diesen Wechsel der Unbeständigkeit ertrugen die Schwestern, so gut sich's tun ließ; die wandelbare und wunderliche Gemütsstimmung der Edelnonne deuchte ihnen die einzige Ursache zu sein.

Einige Zeit hindurch schien keine von den Nonnen an etwas Weiteres zu denken. Einst aber geriet Gertrude mit einer Laienschwester um einer winzigen Kleinigkeit willen in Wortwechsel und machte sie über alle Maßen, ohne ein Ende zu finden, herunter. Die Laienschwester ließ es sich anfangs gefallen und biß knirschend in den Zaum, endlich aber gab sie der Geduld den Abschied und warf ein Wort hin, sie wisse etwas und würde zu ihrer Zeit zu sprechen verstehen. Von diesem Augenblick an hatte die Edelnonne keinen Frieden mehr. Nicht lange nachher ward die Laienschwester eines Morgens vergeblich in ihren gewöhnlichen Amtsgeschäften erwartet; man sucht sie in ihrer Zelle und trifft sie daselbst nicht an; man ruft sie mit lauter Stimme, sie antwortet nicht; man späht umher und kehrt vom Keller bis zum Dachboden alle Winkel um, sie ist nirgends zu finden. Und wer weiß, auf welche Vermutungen man geraten wäre, wenn sich nicht eben beim Nachsuchen in der Gartenmauer eine große Öffnung gefunden hätte; so waren nun alle der Meinung, sie habe sich auf diesem Wege davongemacht. Nun schickte man augenblicklich nach allen Seiten hin Eilboten, um ihr auf dem Fuß zu folgen und sie einzuholen; auch wurden außerhalb fleißige Nachsuchungen angestellt, und doch erhielt man über die Vermißte niemals nur die geringste Kunde. Vielleicht hätte man mehr erfahren können, wenn, statt in der Ferne zu suchen, die Nähe durchmustert worden wäre. Nach vielen Verwunderungen, da niemand ihr einen solchen Schritt hatte zutrauen mögen, nach vielen Verhandlungen kam man überein, daß sie weit fort, sehr weit fort ihre Flucht genommen. Und weil eine der Schwestern sich einmal geäußert hatte, sie habe sich gewiß nach Holland geflüchtet, nahm man endlich im Kloster als ausgemacht an, sie sei wirklich nach Holland entlaufen. Die Edelnonne scheint aber dieses Glaubens nicht gewesen zu sein. Sie ließ zwar keine andere Meinung blicken, noch bestritt sie die allgemeine Annahme mit besondern Gründen; wenn sie dergleichen hatte, so wurden sie niemals meisterhafter verstellt; auch vermied sie nichts sorgfältiger, als jene Geschichte wieder ins Gespräch zu bringen, und darum bekümmerte man sich weniger, als man jenem Geheimnis auf den Grund zu kommen wünschte. Je weniger Gertrude aber davon sprach, desto anhaltender beschäftigte es ihre Gedanken. Wie oft stellte sich den Tag hindurch das Bild jener Schwester unversehens ihrem Geiste dar und schien sich nicht von der Stelle bewegen zu wollen! Wie oft würde sie gewünscht haben, sie lieber wirklich, lebendig vor den Augen zu sehen, als sie unaufhörlich in ihrer Einbildungskraft festgewurzelt zu fühlen und Tag für Tag sich in der Gesellschaft der leeren, schrecklichen, leidenlosen Schattengestalt befinden zu müssen! Wie weit lieber hätte sie die wirkliche Stimme der Laienschwester vernommen, ihr Geschwätz, welches sie durch Drohungen zum Schweigen bringen konnte, sich gefallen lassen, als daß sie im Ohre des inneren Geistes beständig das wesenlose Gesumme derselben Stimme wahrnahm und ihrem Munde Worte entschallen hörte, auf die sie nicht zu antworten vermochte, Worte, mit Beharrlichkeit, mit unnachläßlicher Unermüdlichkeit ausgesprochen, wie es an einem lebenden Menschen nimmer der Fall sein konnte! Ein Jahr war seit diesem Ereignis verflossen, als Lucia der Edelnonne vorgestellt wurde und die Unterredung mit ihr hatte, bei welcher wir in unserer Erzählung stehen geblieben. Don Rodrigos Verfolgung war der Gegenstand, um den sich die Fragen der Nonne vielfach drehten; sie ging dabei auf die einzelnen Umstände mit einer Scheulosigkeit ein, die für Lucien nicht bloß etwas Neues, sondern auch eine gehässige Neuigkeit war; das unerfahrene Mädchen hatte nie gedacht, daß die Neugier der Nonnen sich an solche Dinge mit solcher Teilnahme hängen könnte. Die Urteile, welche sie sodann unter Fragen mischte oder gleichsam durchschimmern ließ, waren nicht weniger seltsam. Es schien fast, als lachte sie über den gewaltsamen Schrecken, den Lucia beständig vor jenem Herrn empfunden; sie fragte, ob er denn gar so häßlich wäre, um ein Mädchen so sehr in Furcht zu setzen, und fand den Widerwillen der Verfolgten fast närrisch und unvernünftig, wenn sie nicht aus guten Gründen ihrem Renzo den Vorzug gegeben hätte. Und auch über diesen ließ sie sich in Fragen aus, worüber die Befragte erstaunte und errötete. Indessen bemerkte sie bald, sie habe, dem fluchsüchtigen Schwunge der Einbildungskraft folgend, ihrer Zunge zu unbesonnen den Lauf gelassen; sie suchte ihr Geschwätz wieder gutzumachen und ihm eine bessere Absicht unterzulegen, konnte aber doch nicht verhindern, daß bei Lucien eine unerfreuliche Verwunderung, ein verworrener Schrecken zurückblieb.

Der Wunsch, sich dem Pater Guardian zu verpflichten, das schmeichelhafte Bewußtsein, eine mächtige Beschützerin zu heißen, der Gedanke, daß ein so fromm gewährter Schirm auf ihren Ruf den günstigsten Einfluß haben müsse, eine gewisse Zuneigung zu Lucien, vielleicht auch ein stärkender Trost, indem sie einem unschuldigen Geschöpf Gutes erwies und unterdrückten Armen mit Rat und Tat zur Hilfe eilte, alles dies hatte die Edelnonne wirklich bewogen, sich das Schicksal der beiden armen Flüchtlinge zu Herzen zu nehmen. Aus Achtung vor den Befehlen, welche sie gab, und vor dem Eifer, den sie zeigte, wurden beide, dicht am Kloster selbst, in der Wohnung der Wirtschafterin untergebracht und behandelt, als gehörten sie zu den Dienerinnen des Hauses. Mutter und Tochter freuten sich miteinander, so schnell einen sicheren und ehrenvollen Zufluchtsort gefunden zu haben. Gern wären sie auch von jedermann unbemerkt geblieben; in einem Kloster aber war das keine leichte Sache. Überdies befand sich ein Mensch daselbst, der nur allzu entschlossen war, um sich über eine von ihnen Auskunft zu verschaffen, ein Mensch, in dessen Gemüt sich mit der Leidenschaft und dem schon gereizten Eigensinn der Ärger verband, daß man ihm zuvorgekommen und ihn getäuscht hatte.

Doch wir lassen die beiden Frauen an ihrer Zufluchtsstätte und kehren nach dem Palast des Mannes zurück, welcher dem Erfolg seines lasterhaften Beginnens ungeduldig entgegensah.

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