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Die Verjüngten

Victor Méric: Die Verjüngten - Kapitel 9
Quellenangabe
authorVictor Méric
titleDie Verjüngten
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorEmil Straßberg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180526
projectid9003ad11
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IV

Überraschung. Der endlose Ciron tritt gerade in mein Zimmer. Er beugt sein Haupt im rechten Winkel vor mir. Er bedeutet mir, der Meister schicke ihn vor der »großen Sitzung« mit dem Auftrag, mir alle etwa von mir gewünschten Aufklärungen einzutrichtern – bis ich sie wirklich begriffen hätte. Diese possenhafte Person erzeugt keine großen Sympathieströme in mir. Ich finde ihn pedantisch, langweilig, unerträglich. Dessenungeachtet empfange ich ihn mit einem Seufzer der Befriedigung, so sehr fühle ich das Bedürfnis, mit einem Sprung an die Oberfläche meiner Gedanken zu gelangen.

Ich frage:

»Was ist denn das, diese ›große Sitzung‹?«

»Sie werden sehen«, meint er ausweichend.

Ich beharre:

»Aufrichtig, unter uns, ganz unter uns, Sie scheinen nicht sehr begeistert. Sie strömen über von Einwendungen; Sie erheben Kritik, Sie schwirren, wie eine Widerspruchsfliege, um den Meister herum ...«

»Pah! ...« murmelt Ciron, »ich glaube nur, was ich greifen kann ... mit meinem Verstand. Wenn der Professor Huler der Heiland ist, so muß ich ein wenig dem heiligen Thomas gleichen ...«

»Der heilige Thomas, der Ungläubige ...«

Ciron wankt nicht. Sein ganzer, riesiger, gebeugter Körper entspannt sich wie eine Feder. Er macht einige Schritte in der Zelle, die Hände auf dem Rücken. Und nun pflanzt er sich vor meinem Lager auf, wo ich in der Stellung des Japaners, wenn er Harakiri begeht, hocke. Mit seiner edlen Baßstimme, die noch dumpfer als sonst ist, sagt er:

»Diese Geschichte von der Verjüngung durch menschliche Aufpfropfung hält nicht stand. Der Meister schmeichelt sich in der Vorstellung, sich auf diese Weise zu verewigen. Andere vor ihm haben es auch versucht, Steinach, Knud Sund, Lichtenstern. Die testikulare Einpflanzung hat bisher nur zweifelhafte Resultate ergeben; sie hat nur in den Fällen von männlicher Impotenz oder vorzeitigem Altern gewirkt. Mit den Alten, die siebzig Jahre überschritten haben, ist nichts zu machen. Und das ist begreiflich. Damit die Operation gelingt, müßte man, wie Steinach erwiesen hat, ohne das Nervensystem zu berühren, einen besonderen Punkt aussuchen. Im Kern kommt es darauf hinaus, die Verjüngung zu erzeugen, indem man den Samengang an einer geeigneten Stelle durchschneidet. Welche Sicherheit der Hand und welche Schärfe des Auges erfordert diese Operation! Lichtenstern, der die Methode an Menschen erprobt hat, zitiert Fälle von wunderlicher Verjüngung. Trotzdem aber hat er niemals auf richtige Greise gewirkt, und noch nichts beweist, daß das natürliche Alter nicht eine physiologische Notwendigkeit wäre, die sich durch übliche und unvermeidliche Mängel zeigt ...«

Ciron hält inne, den Blick ins Leere verloren. Dann fährt er fort, als ob ich nicht da wäre, zu sich selbst gewendet:

»Es ist sicher, daß diese Methode die vernünftigste ist, mit der Bedingung, daß sie nicht die ganze Mannbarkeit zerstöre. Benjamin, der in Amerika die Operationen durchgeführt hat, behauptet, siebenundfünfzig Prozent Erfolg erzielt zu haben. Knud Sund ist gleichfalls Lichtenstern günstig. Fraisse hat alte Schafböcke vollkommen verjüngt. Man müßte nur noch wissen, ob die Operierten ihre sexuellen Nebenmerkmale beibehalten und ob sie dem Ansturm der Zellen, die den Fettansatz verursachen, standhalten. In diesem Fall könnte die Steinachsche Operation vorteilhaft die Kastration ersetzen, und das wäre alles, absolut alles. Im übrigen ist das nicht die Methode des Meisters, der nichts anderes als die Transplantation in Betracht zieht, was man im Volksmund das Pfropfen nennt.«

»Sie wissen also genau, wie er operiert?«

»Genau nicht! Er hat sein Geheimnis, und das ist's, was mich skeptisch macht. Er geht von den Ergebnissen Voronoffs aus, während dieser nichts anderes gemacht hat, als in Frankreich Methoden wieder einzuführen, die jenseits des Rheins bereits aufgegeben worden sind. Heute werden wir es aber erfahren. Der Meister wird uns einweihen.«

Kurzes Schweigen. Ich frage:

»Also heute? ...«

»Heute, in dem großen Laboratoriumssaal, werden alle Alten der Vereinigung für die Herrschaft der Elite (V. H. E.) vertreten sein. Sie werden auch dabei sein. Spitzen Sie Ihre Ohren. Danach, meiner Treu ...«

Er knallt mit dem Daumen und dem Mittelfinger.

»... kommt die Schlacht. Vorwärts zur Eroberung der Welt und der Unsterblichkeit. Nun fangen die Dummheiten an.«

*

Diesmal ist's nicht der Saal, in dem mich Ugolin bereits mehrmals seit meiner Haft empfangen hat. Dieser hier scheint wie für eine Konferenz vorbereitet. Bänke, Tische, Sessel. In einer Ecke, rechts, ein düsterer Marmortisch mit Messern, Zangen, Schwämmen, Deckelgläsern, Becken, zwischen Bergen von schneeiger Watte. Weiter hinten eine Bibliothek, zu der ich instinktiv gehe, müßig, verloren in der Menge, die den Saal füllt. Ich beachte die Titel der Bände. Ich habe mich inzwischen mit diesen Büchern und ihrem Inhalt vertraut gemacht. Damals aber? Ich hatte das Gefühl, in einer fremden Welt zu versinken, die meinem schwachen Verstand unerreichbar war. Alle Sprachen waren vertreten, einschließlich dem gräßlichen Kauderwelsch der Gelehrten, die von jeher sich bemüht haben, eine eigene Sprache für ihren Gebrauch zu fabrizieren. Und ich las: Die Unsterblichkeit der einzelligen Organismen von Metalnikow; Unsterblichkeit und Verjüngung von demselben; Münchener Medizinische Wochenschrift; Wiener Medizinische Wochenschrift; die natürliche und experimentelle Parthenogenese von Ives Dalage und N. Goldsmith; die Bluttransfusion von Rosenthal; Verjüngung von Steinach und viele, viele andere mehr. Sammlungen von Zeitungen, Zeitschriften, Broschüren, Dissertationen ... Es war entsetzlich. Wenn man außer den berüchtigten Drüsen noch diese ganze wissenschaftlich-medizinisch-chirurgische Literatur aufnehmen muß, um sich zu verjüngen und sein Dasein zu verlängern, so ist das keine Sinekure.

Ich verlasse die Bibliothek und blicke um mich. Hehre Versammlung von Knasterbärten aller Art und aller Farben. Das Licht der elektrischen, von der Decke herabhängenden Lampen beleuchtet polierte Schädel von ungewisser Färbung und bizarren Formen. Von oben gesehen ähnelt dieses Parterre von verheerten Schädeln einem Champignonbeet. Das läßt mich an eine dieser Sitzungen des Hohen Gerichts denken, wo Richter, die der Tagespolitik obliegen, die Unschuld ihrer Herzen durch die Reinheit ihrer Schädelwölbungen bezeugen, die nicht mal ein flaumiger Schatten befleckt. Wenn man sich überlegt, daß aus diesen gebeulten Elfenbeinkugeln, von Löchern und Unebenheiten besät, göttliche Kraft, der Weisheitsfunke, strömt, und daß dieser verdammte Ugolin das alles ewig machen will ...

Dumpfes Gemurmel. Ugolin ist soeben in den Saal getreten, begleitet von seinen beiden Helfershelfern. Der lange Ciron folgt, gebeugt und melancholisch. Der kleine Alte ist erstaunlich; seine Blicke verraten eine außerordentliche Lebenskraft. Mit festem Schritt, aufgerichtetem Körper, selbstsicher, geht er auf einen großen Tisch zu, der in der Mitte auf etwas Podiumähnlichem steht. Das Gemurmel rings um ihn verstärkt sich und erstirbt zu seinen Füßen. Einen Augenblick bückt er sich, um einen Stoß von Papieren durchzublättern; dann gebietet er mit dem Finger Schweigen.

Jetzt steht er, und ich kann ihn von vorn sehen; ich muß einen Schrei der Überraschung unterdrücken. Das ist ganz und gar nicht mehr der Alte der vorhergehenden Tage. Licht spielt auf diesem klaren Gesicht, das von zwei brennenden Augen belebt wird, ein Licht, das aus dem Innern kommt. Alles in ihm ist Kraft und – man muß schon sagen – Jugend, ja, Jugend. Das ist ein Mann, der im vollen Besitz seiner geistigen Kraft und seines physischen Gleichgewichts ist. Vergeblich spähe ich gierig in seinen Gesten, in seinen geringsten Bewegungen, in seinem Mienenspiel – ich finde nichts an ihm, keine Spur seiner dreiundachtzig Jahre.

Er spricht, spricht mit seiner sanften, ausdrucksreichen Stimme und hämmert mitunter die Worte. Vergeblich warte ich auf die Anfälle des rostigen, knirschenden Hustens. Wunder der Wunder. Dieser Mann, dieser alte Mann drückt sich ohne Mühe aus; leicht fließen die Worte und die Bilder von seinen Lippen; magnetische Ströme gehen von ihm aus und hüllen uns ein, bemächtigen sich unseres Geistes, besiegen uns widerstandslos.

»Habt Dank, meine Freunde«, sagt Ugolin. »Ihr seid alle meinem Ruf gefolgt, wie ich es erwartete. Keiner blieb aus. So hat denn nun die Stunde geschlagen; die letzte Schlacht kann beginnen. Bevor wir aber die Hauptfrage anschneiden, die uns heute zusammenführt, gestatten Sie mir, die langweilige, aber unumgängliche Zeremonie des Aufrufs und der Identifizierung vorzunehmen.«

Er macht ein Zeichen, und der schwere Potrel richtet sich auf, den Bauch vorgestreckt, mit vor Zufriedenheit strahlendem Gesicht. Auch dieser scheint mir außerordentlich jung. Mit sicherer Hand schiebt er ein großes Register vor sich hin und beginnt, die Namen aufzurufen.

»Schmidt, Leipzig?«

»Hier.«

»Wie viele?«

»Zwölf.«

»Van Deer, Antwerpen?«

»Hier.«

»Wie viele?«

»Sechs.«

»Nevy, Grenoble?«

»Hier.«

»Wie viele?«

»Drei.«

»Karujew, Moskau?«

»Hier. Zwei.«

»Bradler, Berlin?«

»Hier. Zehn.«

Und das geht so weiter. Die Alten, aus allen Ecken der Welt herbeigeeilt, erheben sich einer nach dem anderen, antworten alle durch ein »Hier« und geben durch eine Zahl die Mitglieder an, die sie vertreten. Da sind Amerikaner, Russen, Norweger, Rumänen, Perser ... viele Engländer, Deutsche, Franzosen. Ich merke mir im Fluge einen chinesischen Namen Tu-Tsin-Fu. Und ich zähle nach, je weiter der Professor aufruft. Als er fertig ist, habe ich eine Gesamtzahl von hundertzwanzig erhalten. In diesem Keller stehen sie nun, ähnlich den Operettenverschwörern, diese hundertzwanzig Gelehrte, Professoren, Doktoren, Chemiker, Physiker, die ganz genau neunhundertvierundzwanzig revoltierende, in der ganzen Welt verstreute Greise vertreten. Mit dieser Phalanx wird Ugolin der unwissenden und untertänigen Menge den Kampf liefern.

*

Ugolin hat sich wieder erhoben:

»Meine Freunde,« beginnt er, »meine Brüder in der Unsterblichkeit, wisset alle, daß die große Operation geglückt ist. Ich habe lange die Berichte und Einwände durchstudiert, die Aufzeichnungen und Ratschläge, alles, was ihr freundlicherweise mir habt zukommen lassen, seit unsere Vereinigung besteht. Ich habe die Freude – ich sage es mit aller Bestimmtheit –, euch davon zu unterrichten, daß kein Einwand den Resultaten meiner Experimente und Demonstrationen standhält, standhalten kann. Ja, ich kann es mit bestem Gewissen behaupten, wir sind heute im Besitze des Geheimnisses des langen Lebens, das die Weisen des Altertums suchten und die finsteren Alchimisten ahnten. Wir haben aber dieses Geheimnis nicht Hexenformeln und Beschwörungen abgerungen. Die moderne Wissenschaft allein ist hier im Spiel. Es ist die Wissenschaft, die uns die Mittel gibt, durch sehr einfache und leichte Verfahren die Verjüngung der Menschen und die Verewigung zu erzielen.«

Er läßt seinen Blick über die Anwesenden gleiten, die ihm mit stiller und feuriger Aufmerksamkeit folgen.

»Eure Einwände kannte ich, ahnte ich. Während vieler Jahre habe ich sie selbst formuliert. Sie sind besiegt, zerstreut. Die Gefäße, die Kanäle, die unzähligen Netze des sympathischen Nervensystems, die durch die testikulare Transplantation zerschnitten und zerstückelt zu werden bedroht waren, streife ich kaum und stelle sie durch mein Serum wieder her. Ich wiederhole, alles ist jetzt glücklich gelöst. Aber um zu diesem Resultat zu gelangen, mußte der Geber der Drüsen nicht mehr Anthropoid, sondern der Mensch sein. Von diesem Augenblick ab stand das Gelingen der Menschenpfropfung nicht mehr in Frage.«

Kurze Pause. Ugolin sammelt sich. Die Ruhe steigert sich bis zur Feierlichkeit.

»Ist das alles, genügt die Neubelebung durch die Aufpfropfung? Ich habe gesagt, daß ich mein Serum hatte, dessen Eigenschaften Sie feststellen und dessen Formel Sie eines Tages kennenlernen werden. Ich habe aber auch an die Bluttransfusion gedacht, und an die Arbeiten von Landois, die leider in Vergessenheit geraten sind; an diejenigen von Crile, Hedon, Hustin und viele andere. Jaworski vor allem hat mich auf eine fruchtbare Spur gebracht. Es ist sicher, daß die Vermengung der Zellen, wie die der Individuen, zur Vitalität des menschlichen oder sozialen Organismus beiträgt. Amphimixie ist das Gesetz aller Befruchtung. Die Zelle, die ein Opfer der Individualisation wird, geht ihrem Tod entgegen. Der äußere Einschuß verwandelt sie. Indem sie sich mit einer anderen verbindet, bleibt sie leben. Diese Wahrheit ist verblüffend. Jaworski hat richtig gesehen, und Carrel lange vor ihm. Das Blut eines jungen Organismus, der in voller Tätigkeit ist, gibt etwas von seinen Lebenskräften einem gealterten Organismus, teilt ihm seine fördernden und lösenden Eigenschaften mit. Das degenerierte Blut erobert seine Kraft wieder und wirkt auf die Zellen. Die Hauptsache ist, die qualitative und quantitative Wirksamkeit des Blutes, das man einflößt, zu bestimmen. Auch hier habe ich die Frage gelöst. Kleine Mengen Blutes genügen. Man braucht nur die Eigenschaften des Gebers genau zu untersuchen und die Verwandtschaft zwischen den verschiedenen Temperamenten zu überprüfen. Alles in allem wende ich das an, was man die Vermählung des Blutes nennen könnte, welches man durch die Aufpfropfung der Drüsen wieder auffrischt. Das alles aber, meine Freunde, wird ausführlich in der Studie, die ich für Sie, extra für Sie, vorbereitet habe, behandelt. Wir werden jetzt eine Operation vornehmen.«

Es ist höchste Zeit. In meiner Ecke mache ich die größten Anstrengungen, um ein fortwährendes, gebieterisches Gähnen zu unterdrücken. Dabei habe ich den denkbar besten Willen; die Trockenheit der wissenschaftlichen Ausführungen stößt mich aber ab, bis zur dumpfen und undurchdringlichen Langeweile.

Ugolin geht zum Marmortisch, eine Woge von Neugier umgibt ihn. In diesem Augenblick fühle ich, wie mich jemand mit dem Ellenbogen stößt. Ciron streckt seinen großen, mageren Körper und lächelt mir zu:

»Er schickt mich zu Ihnen. Er bittet mich, Ihnen zu sagen, daß Sie auf den Anblick dieses Schauspiels verzichten dürfen.«

Ich zögere ein wenig.

»O Gott, ist denn das so schlimm?«

Ciron schüttelt sein Haupt.

»Bah! ... Man muß daran gewöhnt sein ...«

»Nun gut! Dann möchte ich's sehen.«

»Wie Sie wünschen.«

Jetzt sind alle diese Greise aufrecht, umgeben den Marmortisch, auf Bänken, Stühlen. Ruhig, als ob es sich um einen sehr einfachen Vortrag handelte, beugt sich Ugolin über einen unbeweglichen Körper, der auf dem Tisch ausgestreckt ist. Zwischen den Fingern hält er eine Spritze mit Gradeinteilung. Er neigt sich langsam. Ich fühle, wie ein kalter Schauer mir durch die Rippen fährt. Das Schauspiel Ugolins, wie er ein lebendes Wesen, das aus Schmerz und Nerven besteht wie ich, operiert, zieht mich an und stößt mich gleichzeitig ab. Ugolin macht mir Angst.

*

Ich habe nichts begriffen. Ich habe absolut nichts von seiner Demonstration begriffen, ebensowenig wie ich die Einzelheiten der ganzen Sache gesehen habe, so schnell hat er hantiert, wie ein Taschenspieler, ich fühle aber, daß er da vor uns allen eine unsinnige, geniale Operation von unberechenbarer Tragweite durchgeführt hat.

Und das seltsamste ist, daß kein Abscheu mich ergreift, obwohl ich kein Blut sehen kann und jedes Attentat auf ein lebendes Wesen mich schauern macht. Ich finde das ganz natürlich, vollkommen annehmbar. Bin ich mit Unempfindlichkeit gewappnet? Ich höre Ugolin, der seine Erklärungen fortsetzt. Worte erreichen mich, stoßweise. Sie erreichen mich aber nur einzeln und verflüchtigen sich, ohne mich zu durchdringen. Ich träume, ich bin weit weg von dem Operationstisch, weit weg von Ugolin, weit weg von den versammelten Greisen, ich träume von ewigem Leben.

*

Ugolin beginnt wieder:

»Ich sagte, ein Vierteljahrhundert. Und sogar noch mehr. Verstehen Sie, was das bedeutet? Alle dreißig Jahre werden wir uns erneuern. Und nur der Unfall, der Unfall allein, den wir im übrigen beseitigen werden, könnte das Leben zerstören ... das Leben, dessen Herren wir werden, das wir nach unserem Gutdünken leiten werden. Wir sind die Ewigen. Wir werden kein anderes Ende haben, als das des Atoms Erde, zur Stunde, da das Sonnensystem auseinanderfallen wird. Wenn dennoch ... Aber wir wollen nicht vorgreifen, treiben wir die Hypothesen und die Hoffnungen nicht zu weit. Sicher ist, daß die Zukunft uns gehört. Ich bin, Sie sind, wir alle sind die Vertreter der Intelligenz. Die ganze moderne Wissenschaft ist in uns zusammengefaßt. Bedenken Sie, daß wir es nicht nötig haben werden, die Fackel weiterzugeben, die unerschütterlich in unseren Händen verbleiben wird. Wir werden nicht mehr durch den Zustand des Stammelns, des Tappens, der Kindheit hindurchgehen müssen. In unserem unversehrten Gedächtnis werden sich die Errungenschaften, die Gewißheiten anhäufen ... Wir werden von Jahr zu Jahr, von Jahrhundert zu Jahrhundert, immer mehr und mehr vollgepfropft sein mit Weisheit und Wahrheit ... Und nun frage ich Sie: Was gibt es, das wir nicht fordern könnten, wir, die neuen Menschen, die einzigen wirklich lebenden, die auf dem Dünger des menschlichen Stumpfsinns erblüht sind? ...«

Er schweigt einen Augenblick, während ein Zittern durch die Versammlung läuft. Und seine Stimme erhebt sich, trompetend:

»Wir werden die Herren sein, die Herren. Sie wissen, wie ich die zukünftige Rangordnung geregelt habe. An der Spitze, die Drei: Ich und meine beiden langjährigen Mitarbeiter, meine beiden Teilhaber und Mittäter: Potrel und Schutzler. Dann, der Rat der Zwölf, so wie ich ihn festgesetzt habe. Schließlich der Große Kreis, in den stufenweise diejenigen eintreten werden, die wir als würdig anerkennen. Das ist die Regierung von morgen. Der Geist wird König sein. Bis jetzt beugten sich die Massen unter die Autorität der Gottesleute, der Kriegsleute, der Geldleute; sie knieten vor den Auserwählten von Gottes Gnaden, von Geburts Gnaden und von Gnaden des allgemeinen Stimmrechts. Sinnlosigkeit! Der Gelehrte wird alles umwerfen und Herrscher werden, zum größten Wohl der Menschheit. Er wird nicht allein die Erde säubern, er wird auch den Himmel auskehren müssen, einen Himmel, bewohnt von Nachtgespenstern, die die Einbildungskraft und die Angst ausgespien haben. Die Wissenschaft an Stelle Gottes! Gott ist übrigens nur noch ein Wrack, ein kläglicher, von Mythen angenagter Plunder. Keine Götter mehr. Keine Götter mehr oben, keine Götter mehr unten. Alles, was unsere Mitmenschen erdacht, geträumt und hervorgebracht haben an Absurdem, Blutigem, Tyrannischem, Irrsinnigem, wird ins Nichts zurückgeschleudert. Die aus menschlichen Hirnen entsprungenen Götter, wie Minerva dem Schädel Jupiters, folgten und verfolgten einander im Laufe der Jahrhunderte, von den Brahmas, den Osiris, den Astarots, den Molochs, den Jehovas, den Zebaoths bis zum letzten Dahergelaufenen, dem Narr vom Kalvarienberg! Bis zu den spiritistischen Larven und den theosophischen Ungereimtheiten. All das wird für immer verschwinden, vom Hauch der wissenschaftlichen Wahrheit fortgeblasen.«

Ein sanfter Rippenstoß. Ciron flüstert mir mit unerschütterlichem Ernst ins Ohr:

»Mach', daß du wegkommst, damit ich mich hinsetze!«

Aber Ugolin ist nicht mehr zu halten. Er mordet Götter, zerschmettert Götzen. Seine rauhe Stimme erreicht Trompetenklang. Er posaunt:

»Ja, alles wird verschwinden vom Himmel und von der Erde, alles, die Götter und ihre Nachahmungen ... die Wesenheiten, die Moral, die Begriffe: Gerechtigkeit, Gleichheit, Freiheit, Tugend, all dieser Unfug, all das Blendwerk, all dieser Ersatz des Göttlichen ... In der Unendlichkeit der Zeiten und des Raumes gibt es nichts ... nichts, als die gähnende Leere. Das Nichts, mit dem, was wir, wir selbst hineinlegen; das Nichts, das allein Gott und dessen Prophet der Gelehrte ist.«

Er richtet sich noch einmal auf und erscheint mir diesmal ungeheuer groß.

»Brüder, Freunde, wir werden der Dummheit und der Unwissenheit jetzt einen Kampf liefern. Wir werden eine neue Menschheit erschaffen. In dem Tumult, der sich ankündigt, werdet ihr ein Herz aus Erz brauchen, einen harten Willen, einen klaren Verstand. Schwört alle, daß ihr unserer gemeinsamen Aufgabe würdig bleiben werdet, die gewaltigste Aufgabe, die je Zweifüßler, vom Weib geboren, vorbehalten war! Schwört, daß ihr zur Eroberung des Lebens, des einen und ewigen Lebens mit mir schreiten werdet! Schwört, Götter zu sein durch Weisheit, durch Willen, durch Wissen.«

Ein betäubendes Durcheinander aus allerlei Sprachen: Kläffen, Kreischen ... rauhe Kehllaute; heisere Musik, schrille Töne! Wir schwören es! ... Wir schwören es! ... All diese Alten sind entfesselt. Wir schwören es! ... Sie sind grotesk. Wir schwören es! ... Sie sind verheerend ...

*

»Heda! ... Aufstehen, mein Herr ... Folgen Sie mir bitte.« Ich reibe mir die Augen, wütend. Ich habe gerade eine furchtbare Nacht verbracht, von Alpdruck beschwert, von schmutzigen Bildern besät. Ich blicke den Mann, der zu mir spricht, an. Es ist mein alter Freund, der Chauffeur, mein Entführer, der Helfershelfer Juliettes. Wo wird er mich jetzt hinbringen?

Im Nu bin ich fertig. Korridore, Korridore ... Treppen. Und plötzlich: der Himmel über meinem Kopf, das Licht, Wind im Gesicht, die Luft der Freiheit ... Große Bäume umgeben mich, neigen mir ihre brüderlichen Zweige zu ...

»Steigen Sie ein!«

Der Mann schiebt mich in einen Wagen und schließt die Tür, plötzlich, ohne ein Wort. Wir sausen. Ich versuche, durch die undurchsichtigen Scheiben zu blicken. Vergeblich. Ich kann nichts von der durcheinandergerüttelten Landschaft sehen, die ausgelassen tanzt und wie ein Zicklein hüpft.

Plötzliches Halten. Der Chauffeur hilft mir beim Aussteigen:

»Sie sind frei, mein Herr.«

Ich bleibe in der Mitte des Weges aufgepflanzt, hilflos, ratlos, und bemühe mich, meine Gedanken zusammenzufassen. Ich stammle:

»Und ... der Meister? ...«

»Sie werden bald von ihm hören.«

Er springt auf den Sitz. Ich habe kaum Zeit, eine Bewegung zu machen. Das Auto ist schon weit.

Wo bin ich? Die Reise hat nicht lange gedauert. Hat man mich auf freiem Feld im Stich gelassen? Weit entfernt von Städten, bloß, um mich irrezuführen? Ich fasse in meine Taschen. Ich finde meine Börse unberührt. Donnerwetter! Ugolin ist kein Gauner. Wie dem auch sei, ich atme. Ich verschnaufe. Vorwärts, marsch!

Ich gehe einen Fußpfad am Wald entlang. Sieh da, Häuser, Laternen, eine Kneipe, sicheres Zeichen der Zivilisation. Da bin ich wieder unter Menschen, unter Menschen wie ich, unter Menschen, die sich wenig aus ihren edlen Zellen, aus ihren Hormonen, aus ihren Drüsen, und der wissenschaftlich-ugolinischen Gesellschaft von morgen machen.

Auf gut Glück frage ich einen Vorübergehenden: »Verzeihung, mein Herr, ist's noch weit bis Paris?«

Der Mann scheint sich über die Frage gar nicht zu wundern, er antwortet so natürlich, wie man sich nur denken kann:

»Gehen Sie diesen Weg weiter bis zum Ende, dann schwenken Sie ab. Sie müssen dann rechts, und dann wieder links. Dort brauchen Sie nur 'runterzugehen und die Seilbahn nach Paris zu nehmen.«

*

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