Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Victor Méric >

Die Verjüngten

Victor Méric: Die Verjüngten - Kapitel 7
Quellenangabe
authorVictor Méric
titleDie Verjüngten
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorEmil Straßberg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180526
projectid9003ad11
Schließen

Navigation:

II

Zweite Unterredung mit der Ugolin-Brüderschaft.

»Sehen Sie,« beginnt der sanfte Greis, »die Welt, die sich aus kleinen Welten, die wir sind, zusammensetzt, gelangt, je nachdem, ob die eine oder die andere Kategorie überwiegt, zur Güte oder zum Verbrechen, zur Schönheit oder zur Häßlichkeit. Schönheit, Güte, Tugend, alles Worte, leere Begriffe. Trotzdem haben sie eine verhältnismäßige Wirklichkeit. Sie wurzeln in der Harmonie. Sie sind bedingt durch Heiligkeit und Reinheit. Die Moral, die an den metaphysischen Begriffen – Gottheit oder kategorischer Imperativ hängt – ist nichts anderes als die erfahrungsmäßige Gesetzgebung über hygienische Notwendigkeiten. Die Chemie ist der Baugrund der Biologie. Alles, was lebt, ist chemische Verbindung, und die Grenze zwischen der organischen und der reinen Materie ist schwierig zu ziehen.«

»Es ist wahr,« erklärt der schwammige Sekretär, »am Tage, wo wir die chemische Zusammensetzung der organischen Körper genau kennen und ihre Wirkungen und Gegenwirkungen genau bestimmen werden, sind wir Herren des Lebens.«

»Für den Augenblick«, fuhr Ugolin fort, »handelt es sich nur darum, das Altern zu bekämpfen und zum Stillstand zu bringen. Wisset, dies war der Zweck fast meines ganzen Daseins. Schon als junger, gewöhnlicher Laboratoriumsgehilfe vermutete ich, daß das Alter nur eine Krankheit wie alle anderen und vollkommen heilbar wäre. Das Problem bestand darin, aus nächster Nähe die Entwicklung unserer Zellen zu verfolgen, ihren Widerstand den Mikroben gegenüber, ihre Aufstände und den sozialen Frieden des Körpers zu bewerkstelligen. Man mußte den edlen Zellen – Sie machen sich Notizen, ausgezeichnet! – alle Bedingungen einer freien Entwicklung sichern, den Phagozyten und den Gewebezellen jeden Einfall abseits ihres Gebietes untersagen. Wie sollte man das machen? Andere vor mir haben dieser schwierigen Frage ihre ganze Aufmerksamkeit gewidmet. Sie haben verschiedene Schlüsse gezogen, manches Mal entgegengesetzte.«

Er machte eine Pause, schnaufte, betrachtete mich einen Augenblick mit halb geschlossenen Augen. Dann, mit freierer Gebärde, mit sicherem Ton, fährt er fort:

»Jetzt sind wir schon ganz nahe am Kernpunkt. Unser Körper – merken Sie sich das, Herr Journalist – enthält eine gewisse Anzahl von Drüsen, die für unser Dasein unentbehrlich sind, und von denen Sie nicht die geringste Ahnung haben. Zumindest vermute ich, daß Sie keinen blassen Schimmer davon haben ...«

Das ist nur allzu wahr. Es ist mir noch niemals eingefallen, mich zu fragen, ob ich Drüsen hätte, wo sie lägen und wozu sie wohl gut sein könnten. Aber es ist niemals zu spät; man kann immer noch lernen. Ugolin wird mich aufklären.

»Seit Jahren und Jahren«, fuhr er fort, »studiere ich die Wirkung der Drüsen im menschlichen Körper. Die Arbeiten von Brown-Séquard haben mich auf die richtige Fährte gebracht. Vielleicht ist es Ihnen nicht unbekannt, daß dieser Gelehrte als erster den Gedanken formulierte, daß die Absonderung gewisser Drüsen das Blut mit sehr nützlichen Bestandteilen nähre. Er befaßte sich in der Hauptsache mit der Untersuchung der Sexualdrüsen. Er stellte schnell fest, daß der Extrakt dieser Drüsen die Spannkraft erhöhen, daß er auf die Nervenzentren wirken, die Tätigkeit des Gehirn-Rückenmark-Systems fördern könnte. Natürlich lösten seine Behauptungen dumme Scherze aus. So sind eben die Menschen ... Jede neue Entdeckung, die ihre Denkgewohnheiten stört, bringt sie in Harnisch. Und dennoch? ... Hatte nicht bereits Claude Bernard die Aufmerksamkeit der gesamten wissenschaftlichen Welt auf die Tätigkeit und den Einfluß der Drüsen gelenkt? Man wußte, daß es genügte, dem Menschen die Schilddrüse fortzunehmen, die, wie Sie vielleicht wissen, in der Mitte des Halses liegt, um ihn denkunfähig zu machen. Noch mehr: mit dem Absterben des Gedankens hört das Wachstum auf, die Haare fallen aus, das Fett staut sich in den Geweben, der ganze Organismus wird von den Gewebezellen angegriffen; kurz: vorzeitiges Altern ... Ach! Ja! Jetzt verstehen Sie, worauf ich hinaus will.«

Ein leichter Hustenanfall. Dann ein Zeichen. Diesmal ist es Doktor Schutzler, der das Wort ergreift.

»Es gibt, mein Herr, eine ganze Reihe von Drüsen im menschlichen Körper. Wir konnten einige erforschen. Die anderen kennen wir nicht. Die Drüsen sind richtige kleine Fabriken, in denen eine unserem Leben unentbehrliche Flüssigkeit erzeugt wird. Abgesehen von der Schilddrüse, deren Rolle wesentlich ist, nenne ich noch die Nebennieren, zwei an der Zahl, je eine über jeder Niere, deren Verlust in einigen Stunden den Tod nach sich zieht. Ferner der Hirnanhang, genannt Hypophyse, der an der Gehirnbasis liegt. Und die Zirbeldrüse, gerade in der Mitte des Gehirns, die vielleicht der Sitz des Verstandes ist. Und die Thymusdrüse, die langsam mit dem Wachstum des Lebewesens verschwindet. Die wichtigste aber – und jetzt kommen wir zu unserem Problem – ist die Zwischendrüse, und es wird Brown-Séquards Ruhm bleiben, auf sie hingewiesen zu haben.«

»Unglücklicherweise«, unterbrach Ugolin, »wagte dieser Gelehrte nur einen vorsichtigen Versuch, der bloß schwache Resultate zeitigte. Er begnügte sich mit Einspritzungen unter der Haut mit dem Extrakt der Sexualdrüsen. Man bemerkte von Anfang an ein Wiederaufleben der Muskelkraft bei den Operierten sowie eine größere Leistungsfähigkeit. Brown-Séquard behandelte mit seinem Extrakt chronische Krankheiten wie die Ataxie, die Lepra, Paralyse, die Zuckerkrankheit, die Tuberkulose. Er erzielte aber negative Resultate. Nach und nach verzichtete man auf diese Methode. Zu Unrecht. Währenddessen wandte der Doktor Poehl in Rußland das, was er Spermin nannte, an, einen Extrakt aus tierischen Sexualdrüsen. Der Fehler, den diese Vorgänger machten, war, daß sie nicht aufmerksam genug die Struktur der Drüse untersuchten. Dank Steinach wissen wir jetzt, daß diese Drüse außer Bestandteilen wie die Spermatozoen und Eiern dem Blut einen Stoff liefert, den man Hormon nennt. Das sind die Hormone, die den Urquell des Lebens enthalten. Zahlreiche Experimente erbrachten diesen Nachweis. Die Gelehrten sind sich aber über gewisse Punkte uneinig. Boin und Ancel behaupten, daß die Hormone durch die Zwischendrüsen erzeugt werden. Stave, Voronoff und Retterer sind der Meinung, daß sie aus den Sexualdrüsen selber stammen. Ich aber halte das Problem für viel einfacher.«

In diesem Augenblick streift mich der Sekretär mit einem übelwollenden Blick, streckt seinen knochigen Körper und erhebt sich halb:

»Meister! ...«

Ugolin unterdrückt eine Gebärde des Unwillens.

»Ich weiß. In diesem Punkt sind wir verschiedener Meinung. Aber gestatten Sie mir, Sie daran zu erinnern, daß ich Ihnen, abgesehen von den Arbeiten Voronoffs, auch meine eigenen entgegenhalten kann. Meine Schlüsse sind zwingend. Die hormonenerzeugenden Sexualdrüsen schaffen Jugend, fördern die edlen Zellen. Nur muß man die Einspritzung durch das viel wirksamere Verfahren des Aufpfropfens ersetzen. Durch die Pfropfung rettet man den Menschen. Dank sei dafür Olier, Carel, all denen, die uns den Weg gezeigt haben.«

Er hält seinen Blick auf mich gerichtet. Hastig fahre ich fort, Notizen zu machen. Ich bin aber nicht ganz sicher, ob ich richtig folge und verstehe. Am Abend habe ich mein Gekritzel ins reine gebracht und lange darüber nachgedacht. Diese Geschichten von Zellen, Drüsen, Hormone, von Mizellen, von unendlich Kleinen, die gegeneinander kämpfen, tödliche Gifte oder wohltuende Flüssigkeiten absondern, bringen mich aus der Fassung. Das soll das Leben sein? Das soll das Individuum sein? Jawohl, das ist's, nichts anderes! Trilliarden von Zellen spazieren in unserem Blut, in unserem Mark, in unserer Substanz. Und wir sind nichts anderes als Zellen, die an dem Leben eines riesigen Organismus teilnehmen. Zellen und abermals Zellen, ohne Ende.

Der kleine Alte aber, der abscheuliche, kleine, hüstelnde und höhnende Alte erscheint mir nicht mehr so lächerlich. Soll ich's gestehen? Er erscheint mir weniger widerwärtig.

Genie oder Irrsinn? Zweifellos beides.

Ich nehme den Vortrag Ugolins dort auf, wo ich ihn unterbrochen habe.

»Alles in unserem Organismus ist nichts anderes als chemische Reaktion und Kombination. In Zukunft werden wir die Körper und ihre Verbindungen untersuchen müssen, die Biologie eng mit der Chemie verknüpfen. Alles ist nichts als grausamer Kampf ums Dasein. Wer wird die unsinnigen Massaker beschreiben können, deren Schauplatz unser Körper ist? Wer wird diese neue Iliade besingen? Denn Mikroben, Phagozyten, edle Zellen haben ihren Achilles, ihren Ajax, ihren Hektor. Der Bakterienfresser vertilgt die Darmmikroben. Die Phagozyten stürzen sich auf die Bazillen, locken so die Gehirn- und Nervenzellen, die sie angreifen, sobald sie sich zahlreich und stark genug fühlen. Und was sind diese unendlich Kleinen selbst? Planetarsysteme, lieber Herr! Jedes Atom, aus dem unser Organismus besteht, ist eine Welt, um die sich mit rasender Geschwindigkeit andere Welten drehen, die das Mikroskop als Elektronen und Jonen bezeichnet hat. Ach! Ach! Sehen Sie sich diesen menschlichen Körper an, ausgedehnt wie das Unendliche, Sammelplatz von Trilliarden und Trilliarden von Welten mit ihren mathematischen Gesetzen, ihren Entwicklungen, ihrem eigenen Leben! Und nun, schauen Sie nach oben! Was ist der Mensch? Ein unbedeutendes Wesen auf einem unmerklichen Punkt, der im Verhältnis zum Atom Sonne nur ein einfacher Elektron ist. Und das Atom Sonne, die Atome Sterne, alle Systeme, deren Gesetze wir suchen, sind nichts anderes als lebende Zellen, die einen Organismus bilden, dessen Ausmaße wir nicht fassen können. Und all dies, immer, ewig, bis ins Unendliche, im Kleinen und im Großen. Das große All ist nichts anderes als ein großes Loch. Nun? Was meinen Sie zu diesem Schauspiel, Herr Journalist?«

Was ich dazu meine? Einfach, daß mich auf solchen Höhen der Schwindel ergreift. Ich bin nicht für derartige Spekulationen gemacht. Es fällt mir schwer, nicht um Gnade zu bitten.

»Was sind«, fuhr Ugolin, immer lebhafter, fort, »die zerbrechlichen Gebäude des menschlichen Geistes? Was wird aus ihren Moralen, aus ihren Religionen? ... Antworten Sie.«

Ich antworte nicht. Ich schüttle den Kopf. Ich fühle das Bedürfnis, aufzustehen, zu gehen, Bewegung zu machen. Es kribbelt mir in den Waden. Es muß ein Tumult unter meinen Zellen sein.

Ugolin betrachtet mich, mit einem Lächeln in den Mundwinkeln. Er beruhigt sich nach und nach. Die anderen, ihre Blicke auf den Meister gerichtet, weichen ebensowenig wie Karyatiden. Nur der eigensinnige Ciron schneidet ein verächtliches und herablassendes Gesicht.

Ugolin beginnt wieder:

»Kehren wir zurück auf diesen Globus. Vielleicht bin ich zu genau auf die Geheimnisse unseres organischen Lebens eingegangen. Es war aber notwendig, damit Sie meine Gedanken besser fassen. Denn, sehen Sie, alle Operationen, auf die ich angespielt habe, alle Experimente, die versucht worden sind, waren nichts, gemessen an dem, was ich erträumt, was ich verwirklicht habe. Ich weiß nicht, welch blöder Sentimentalität man bis jetzt folgte; man wandte sich nur an das Tier, und man impfte den Menschen nur mit Hilfe des Tieres. Ganz einfach verlorene Zeit. Ich aber habe verstanden und erkannt, daß man zum Menschen greifen müßte, wenn man zum Ziel gelangen will. Das ist der geniale und fruchtbare Gedanke, der die Wissenschaft umwälzt und Wunder wirkt. Endlich ist das Problem gelöst, das gelöst werden mußte. Um das Alter zum Stillstand zu bringen, die Gebrechen zu beseitigen, einem zur Altersschwäche verurteilten Wesen Kraft und Stärke wiederzugeben, braucht man nur einem anderen Individuum die Jugend zu nehmen. Die Aufpfropfung, gut! nach der Methode Voronoff. Aber nur die Pfropfung mit den Sexualdrüsen des Menschen selbst, nicht mehr mit denen des Affen.«

Was nützte mein Schaudern. Seit langem sah ich die Sache kommen. Ich zuckte auf, machte eine leise Bewegung. Ugolin grinst:

»Himmelherrgott! Das hab' ich erwartet. Der moralische Einwand. Armselige Geschöpfe, geboren aus dem Unrat blöder Herkömmlichkeiten. Was denn? Männer mit klarem und mächtigem Geist, Männer, die die bitteren Früchte des trügerischen Baumes der Wissenschaft gepflückt haben, sollen verschwinden, während niedere Exemplare der Menschheit, Erzeugnisse von in Alkohol getauchten, von der Kralle der Syphilis gezeichneten Begattungen ungestraft auf dieser Ansammlung von Schändlichkeiten, die unseren Globus bildet, ihre idiotischen Bösartigkeiten ausüben dürfen? Ihnen erscheint das also ganz natürlich. So begreifen Sie doch, Unglücklicher, daß es nur zum Wohle der ganzen Menschheit geschieht, wenn ich die Elite des Geistes und der Wissenschaft verewigen will. Das, was ich vollziehen will, ist eine Revolution. Nicht diese herkömmliche, unfruchtbare, die darin besteht, die Macht zu verschieben und die verjährte Autorität der Herren in die Hände der Sklaven zu legen. Sondern eine andere, eine fruchtbare und dauerhafte Revolution, nicht mehr nach den willkürlichen, sozialen, sondern nach den natürlichen, mit unvermeidlicher Erdrosselung verknüpften Gesetzen ersonnen und ausgeführt.«

Während er diese letzten Worte spricht, erhebt sich Ugolin. Ich sehe ihn jetzt, wie er kreuz und quer den Saal durchschreitet, mit gestrecktem Körper, erhobenem Haupt. Etwas Bezwingendes geht von ihm aus. Gegen meinen Willen unterliege ich diesem Reiz. Abwechselnd fühle ich mich angezogen und abgestoßen. Welche unwiderstehliche Energiequelle ist in diesem Greisenkörper aufgespeichert?

»Wo beginnt das Verbrechen«, fängt er mit röchelnder Stimme wieder an. »Beim Menschen oder beim Affen? Und was ist der Mensch im Verhältnis zum Affen? Ach! Ach ... Verdrehen Sie Ihre erschrockenen Augen doch nicht so. Der Mensch ist nichts als ein Affe, mein lieber Herr, aber kein entwickelter Affe, wie Sie sich in Ihrem sinnlosen Stolz einbilden. Vielmehr ein degenerierter Affe ... Ja, so ist es. Die einen wie die anderen haben gemeinsame Ahnen, sehr wahrscheinlich diese Halbaffen, von denen man noch vereinzelte Exemplare in Madagaskar findet, und die man im Eozän nachgewiesen hat. In diesen fernen Zeiten waren die Säugetiere Vegetarier. Der Ahne des Menschen hat nach und nach die Fleischkost angenommen. Ihr verdankt er die Grausamkeit, diese Eigenschaft, die ihn immer ausgezeichnet hat. Das ist aber noch gar nichts. Was den Menschen eigentlich erst gemacht hat, das sind die Spirochäten. Setzt Sie das in Erstaunen? Hören Sie gut zu. Die ersten Abkömmlinge der Halbaffen, die die Syphilis ergatterten und einzeln verschwanden, nachdem sie sich zu Stammvätern bejammernswerter, physisch heruntergekommener Wesen gemacht hatten, führten zu dem unerhörten Ergebnis der krankhaften Vergrößerung des Gehirns. Diese Hypertrophie ist eigentlich die Quelle unserer berühmten Intelligenz. Die Entwicklung des Gehirns ging weiter, weil die Spirochäten in Aktion traten. In Wirklichkeit ist der Mensch im Vergleich zu seinen Vettern, den Affen, nichts anderes als ein zurückgebliebener Typus. Das erkennt man am Rückgang des Haarsystems, an der Länge der Gliedmaßen und der Zerbrechlichkeit des Skeletts ... Diese verlängerte Kindheit zeitigte nach Jahrhunderten die Sprache – die man einer Schwäche des Kehlkopfs verdankt – und die intellektuelle Überlegenheit als Gegensatz zur physischen Unterlegenheit. Schließlich hat sich das zu unseren Gunsten gewendet. Wie eben Unglück immer auch sein Gutes hat. Gesegnet seien die Spirochäten. Wenn auch Generationen von Trotteln auf ihrem Altar geopfert wurden, so hat doch die überlebende und angepaßte Rasse durch sie neue und kostbare Fähigkeiten erworben. Fügen Sie noch den Alkohol hinzu, den köstlichen Alkohol, dessen Wirkung sich vorwiegend auf die Hirnsubstanz ausgewirkt hat. Und das geht so weiter, mein Bester. Die Syphilis und der Alkohol sind die Hauptfaktoren des menschlichen Geniums, und die Zweifüßler, die wir sind, Sie und ich, erscheinen den Blicken des Beobachters als die unerwünschten Erben der Affen.«

Er bleibt stehen, kreuzt die Arme auf seiner Brust und richtet einen fahlen Blick, in dem gelbe und blaue Lichter schimmern, auf mich. Ich neige den Kopf. Dieses Mal – ich muß es im stillen zugeben – bin ich knock-out. Ein unmenschliches und undeutliches Bild stellt sich zwischen Ugolin und mich: die unausdenkbare Vereinigung eines Affenweibchens mit einem ungeheuerlichen Spirochät mit mehreren Köpfen. Meine Lider schließen sich.

»Hören Sie, hören Sie«, erschallt Ugolins Stimme. »Wir sind aus der Herde der Anthropoiden hervorgegangen. Der Mensch von morgen aber, der Übermensch, der Mensch, der in uns schlummert, muß heraus aus der Herde seiner Mitmenschen, die in Unbeweglichkeit und Unfähigkeit zur Entwicklung verharren. Er geht unter in dieser Herde, er versinkt darin, verliert seinen ganzen Schwung. Während andere Schicksale auf ihn warten, während er sich an Hoffnungen berauschen und auf die Göttlichkeit Anspruch erheben kann, erfaßt ihn wieder die kalte, die sinnlose, die widerliche Wirklichkeit, verbietet ihm jede Flucht. Die Last der sozialen Vorurteile und Übereinkünfte beschwert seine Füße, zieht ihn in den Schlamm hinab. Es ist höchste Zeit, alle Fesseln abzuwerfen. Das menschliche Leben ist heilig, werden Sie sagen. Zugegeben, jede Moral und alle Religionen sind sich über diesen Punkt einig – theoretisch. Sehen wir uns aber nun die Wirklichkeit an, mein Herr, halten wir uns an die Wirklichkeit. Die Geschichte der Menschen ist eine Kette von Blutbädern. Sie ist mit Blut geschrieben. Mordtaten, Raub, Plünderungen, Torturen. In jedem Kapitel Gemetzel. Der Mensch mordet, um zu stehlen, um seine Güter zu bewahren, für seine Frau, für Gott, für seine Ideen, für seinen Stamm, für sein Vaterland, für das Gesetz und selbst – o welch Hohn – für nichts, für das, was er Ehre nennt! Ist ein Individuum nicht der Meinung des Priesters oder des Gesetzgebers, erwartet ihn das Gefängnis, die Tortur, der Tod. Römische Zirkusspiele und das Elend der Katakomben! Inquisition und Bartholomäusnacht! Kriege und Revolutionen! Immer, überall, Meuchelmord! Verbrechen und Leiden. Hinrichtungen, Galgen, Kreuze, Foltern, Scheiterhaufen, eiserne Jungfrau, hochnotpeinliche Fragen, Guillotine, elektrischer Stuhl und dazu noch Maschinengewehre, Kanonen, Flugzeuge, Giftgas, bald werden die Bakterien den Reigen beschließen ... Ach! milde Menschlichkeit! Der Mensch zum Menschen ist tierisch wie ein Wolf, sagt der Weise. Die Tiere töten, nach ihrem Gesetz, um zu fressen. Der Mensch, nur er, tötet, um zu töten!«

Er fängt wieder an zu hüsteln. Seine Augen leuchten fieberhaft. Eine Sekunde frage ich mich, ob ihm nicht ein Anfall droht. Aber er beruhigt sich plötzlich. Mit einem Achselzucken setzt er sich wieder an seinen Tisch, und seine Stimme wird sanfter.

»Ist das die Menschlichkeit, die Sie uns erhalten wollen? Für dieses Geschenk danke ich. Sie finden, ohne Frage, daß die moderne Gesellschaft vollkommen ist, und daß es überflüssig wäre, ihre gewaltsame Umwandlung zu betreiben? Indessen, auch andere haben schon das gleiche gewollt, ohne nennenswertes Ergebnis. Immer im Laufe der Zeiten haben die Entrechteten, bei den Parias des Orients, unter den Völkern Israels, in der antiken Sklaverei ebensogut wie im zeitgenössischen Proletariat, sich bemüht, die soziale Ordnung umzustoßen. Die Aufstände und die Revolutionen folgten einander. Die Bürgerkriege waren die blutige Antwort auf die Nationalkriege. Dies alles ohne Zweck. Weil das Individuum es nicht verstanden hat, sich Wissen anzueignen, und weil die Männer der Macht, durch welche Umwälzungen sie auch dazu gelangt sein mögen, Menschen bleiben mit ihren Mängeln, ihren Schwächen und ihrem Ehrgeiz, ihrem elenden Stolz, den das Ausüben der Autorität noch stärkt. Haben Sie mich verstanden? Sie werden entgegnen, daß die Revolutionen immer einen fühlbaren Fortschritt erzeugt haben, die Herde immer von einem verhaßten Joch befreiten. Bah! Der Sklave macht dem Leibeigenen Platz, der Leibeigene dem Besoldeten. Im Grunde handelt es sich immer um die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Die Revolutionen ändern nur die äußeren Formen. Komödie in mehreren Akten. Die Jakobiner haben Leichen aufgehäuft, eine Herrschaft des unerbittlichen Terrors aufgerichtet, um dem Menschen einige Scheinrechte zu gewähren. Robespierre führt zum Direktorium, zum Kaiserreich, zum Krieg. Die Nutznießer nisten sich im Nachlaß der Besiegten ein. Die Industrie ersteht, und das Individuum, einen Augenblick befreit, gerät nun unter die Gewaltherrschaft der Arbeit. Neue Propheten erheben sich, um zu lehren, daß nur die Welt der Arbeit und des Schaffens alle Rechte hat. Sie predigen die soziale Revolution. Die Macht den Proletariern! Da ist Lenin. Apotheose. Ach, mein Guter! Das Lasttier, das Arbeitspferd, von seinen alten Herren befreit, gewinnt nur eine neue, noch mächtigere und grausamere Sklaverei.«

Er läßt wieder sein Hohngelächter los, dessen Knirschen mich bis in die Knochen schmerzt. Er hat aber den Fehler begangen, mich auf ein Gebiet zu locken, daß mir ziemlich vertraut ist. Ich erhebe Widerspruch (die Unterhaltung beginnt kontradiktorisch zu werden).

»Gestatten Sie ... bis hierher habe ich Sie ohne ein Wort angehört ... Glauben Sie nicht, daß es trotzdem eine große Veränderung geben wird an dem Tage, da diejenigen, die alle wirklichen Reichtümer der Menschen in Händen halten – weil nur sie allein sie erzeugen – wirklich die Herren ihrer Geschicke sein werden?«

Ein harter Schlag auf den Tisch. Ich sehe, wie Ugolin von ganzem Herzen lacht und wie alle anderen, der große deutsche Professor, die dicke Kugel und der Besenstiel, der ihm als Sekretär dient, seine Heiterkeit teilen.

»Was sagen Sie, was?« schnaubt der kleine Alte. »Diejenigen, die erzeugen ... ihre Schicksale ... Ach! Ach! Worte, mein Herr, Formeln ... Das ist Ihr Karl Marx, der Ihnen den Verstand durcheinandergebracht hat. Antworten Sie mir doch mal! Was soll Ihnen die Intelligenz, die Wissenschaft bei der Erzeugung all der Reichtümer? Und die Technik? Sie bilden sich also ein, es genüge, den Arbeiter bis zum Gipfel hinaufzutragen, damit alles gut sei? Und vor allem, wie werden Sie es denn anstellen, um diese geniale Operation durchzuführen? Die Macht den Proletariern? Gut. Sie werden den Ausbeuter, den Zwischenhändler, den Parasiten beseitigt haben. Ausgezeichnet! Wunderbar! Wie soll aber das organisierte Proletariat seine Macht ausüben, wenn nicht durch seine Delegierten, die es glauben wird, gewählt zu haben, die aber in Wahrheit von der Willkür eingesetzt sein werden? Einfältig, einfältig ist das! Sehen Sie denn nicht, daß Sie nur Vorrechte, Kasten und Klassen beseitigen werden, um der hundertmal schlimmeren und niedrigeren Tyrannei der Masse anheimzufallen – der unwissenden und blinden Masse – der Masse, die ein Sklave bleiben wird, auch wenn sie zu regieren glaubt, und die über sich selbst nur durch Mittelsmänner herrschen kann.«

Er ist wieder aufgestanden.

»Nur die Wissenschaft kann die einzige, die wahre Revolution verwirklichen. Die Revolution der Weisheit wird fruchtbar und endgültig sein. Ohne Zweifel wird man ein letztes Mal Blut vergießen müssen. Das hängt von dem Widerstand ab, den man uns entgegensetzen wird, und von den Mitteln, über die wir verfügen. Überlegen Sie sich, daß wir jetzt dem Menschen lediglich gewisse Bestandteile entnehmen, die er nur sehr unheilvoll zu verwenden versteht, und zwar im Interesse des Menschen selbst. Was schadet es der Menschheit von morgen, daß einige Tausend ihrer Kinder der Genitalien beraubt sind, wenn die Kommenden das Glück der Ruhe und die Wonne kennen werden, im sozialen, freien Glück zu leben.«

Ich flüstere:

»Warum aber der Mensch?«

Brüllen:

»Genug! Ich durchschaue Sie! Auch Sie wollen, daß ich mich an den Affen wende. Das, niemals. Und vor allem, wissen Sie denn, was ein Affe ist? Sind Sie je in die Nähe eines Affen gekommen? Kennen Sie seine Gewohnheiten? Dann schweigen Sie. Übrigens, wir werden über die Affen später sprechen. Ich werde Ihnen schon sagen, was so ein Affe ist. Und Sie werden urteilen.«

Er schweigt, wie erschöpft, die Stirn in seinen Händen, in einem dichten Traumnebel verloren.

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.