Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Victor Méric >

Die Verjüngten

Victor Méric: Die Verjüngten - Kapitel 5
Quellenangabe
authorVictor Méric
titleDie Verjüngten
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorEmil Straßberg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180526
projectid9003ad11
Schließen

Navigation:

IV

»Ich hole dich am Freitag früh ab ... Ja, mein Kleiner, ich entführe dich. Wir machen uns aus dem Staube. Zur normannischen Küste.«

»Aber ...«

»Es gibt kein Aber. Ich denke, du hast doch wohl Anspruch auf einen Urlaub. Deine Anwesenheit bei der Zeitung ist im Augenblick nicht erforderlich. Fünfzehn Tage der Freiheit, fünfzehn Tage voll Zärtlichkeiten, Liebe, voller Freuden – ich sage nicht voller Ruhe.«

»Wo willst du mich hinführen?«

»Zu meinem Onkel. Dieser närrische Alte wird entzückt sein, dich kennenzulernen. Er hat deine Sachen mit Interesse gelesen, was sage ich, mit Leidenschaft. Ich kann über seinen Wagen verfügen. Also einverstanden?«

»Wie könnte ich da nein sagen.«

*

Wir rollten mit rasender Geschwindigkeit in einem prachtvollen Wagen dahin. Köstliche Augustluft! Ein leiser Regen hatte am Tage vorher den Straßenstaub verzehrt und die Hitze gemildert. Zu unserer Rechten leuchtete das Meer wie eine Weißblechtafel. Ich erinnere mich ganz genau, daß wir in Villers haltmachten, vor der Terrasse eines Hotels. Juliette hatte Durst. Wir blieben nahezu eine halbe Stunde da, den Blick auf die schweigsame Mole gerichtet. Wir tranken das Schauspiel des nebligen Horizonts, eines Horizonts mit unentschlossener Wellenlinie und ganz flacher Perspektive. Für Augen, die, wie meine, an die unendliche Bläue der Mittelmeerlandschaften gewöhnt waren, wirkte die normannische See wie ein Miniaturmeer unter einem ungewaschenen Himmel. Ich verweilte aber nicht bei diesen Betrachtungen. Ich hörte nicht auf, Juliette zu mustern, deren Gebaren mir seit der Abfahrt am Morgen seltsam vorkam und deren andauerndes Schweigen voller Heimlichkeit war.

»Was hast du denn?« fragte ich zum zehntenmal. »Man könnte glauben, du langweilst dich.«

Sie stützte ihren Ellenbogen auf meine Schulter, hingebend, graziös und ernst zugleich. Sie heftete ihren Blick auf mich. Sagte:

»Du folgst mir also, ohne genau zu wissen, wohin ich dich führe. Du fürchtest dich also gar nicht?«

Ich wich plötzlich zurück.

»Unsinn!«

»Immerhin, mein Liebling ... Und wenn ich die Helfershelferin deines berüchtigten Ugolin wäre? ... Na? ... Was meinst du?«

Ich zuckte die Achseln, heftig. Ich wollte zeigen, was ich von solch einer abgeschmackten Behauptung hielt und gleichzeitig irgendeine unbestimmte Unruhe verscheuchen. Währenddessen ließ mich Juliette nicht aus den Augen. In ihrem Blick argwöhnte ich eine düstere Ironie, die mit Mitleid durchtränkt war. Meine Verlegenheit wuchs. Ich wandte den Blick.

»Weißt du, noch ist es Zeit.«

»Was willst du damit sagen?«

»Ich will sagen, daß du mich verlassen kannst, zurückkehren. Wer weiß? Nachher ist es vielleicht zu spät.«

»Du bist verrückt!«

Sie brach in ein schrilles Lachen aus, und ihre Hände verkrampften sich auf meiner Schulter. Einen flüchtigen Augenblick war ich erregt. Dann stieß ich sie von mir, schlechtgelaunt, wütend über meine Schwäche.

»Das sind ja Dummheiten.«

Schweigen. Juliette sah nachdenklich weit auf das Meer hinaus. Ich fragte:

»Bist du denn sicher, daß uns dein Onkel aufnimmt?«

Sie zuckte zusammen. Warf mir einen Seitenblick zu:

»Beruhige dich. Er erwartet dich.«

Wenn ich heute behaupten würde, daß die Art, in der sie dieses »Er erwartet dich« sagte, mir einen kalten Schauer über den Rücken jagte, würde man glauben – und ich würde es als erster tun – daß ich damals das Opfer einer seltsamen Einbildung gewesen bin. Immerhin ist es wahr, daß mir sehr unbehaglich zumute war. Juliette mußte es gemerkt haben, denn ihre Hand suchte die meine, drückte sie leicht. Ich lächelte. Plötzlich neigte sie sich mir zu:

»Küss' mich!«

»Aber das ist ja Unsinn! Man kann uns sehen.«

»Ich pfeif' darauf. Ich liebe dich. Küsse mich!«

Das war mehr als ein Kuß, das war ein langes Sichfestsaugen, brutal, gierig, ein brennender Schmerz. Sie ließ mich, wie bedauernd, los. Sie seufzte, schien zu zögern.

»Fahren wir?«

Ich bezahlte rasch und erreichte Juliette am Wagen, der sich gleich in Bewegung setzte. Durch die Scheibe sah ich den vorgebeugten Rücken und die breiten Schultern des Chauffeurs, eines bejahrten Mannes, mit weißem Spitzbärtchen, der aber über eine ziemlich ungewöhnliche Kraft zu verfügen schien. Juliette, an meiner Seite, niedergedrückt, mit weit geöffneten Augen, redete kein Wort. Plötzlich warf sie sich auf mich, nahm meinen Kopf zwischen ihre Hände:

»Küss' mich noch!«

Sie umschlang mich wild. Ich befreite mich, nicht ohne Anstrengung.

»Nicht doch, du bist unvernünftig, Kleines. Wirkt das Meer so auf dich?«

Lautes Lachen. Einen kurzen Augenblick betrachtete sie mich mit einem seltsamen Schimmer verachtenden Mitleids in ihren dunklen Augen. Sie hüstelte zwei- oder dreimal. Dann erklärte sie, die Finger an ihrer Handtasche:

»Mir tut der Hals weh.«

Sie zog zwei runde, rosige Pastillen heraus.

»Ich biete sie dir nicht an. Das schmeckt nach nichts.«

Dann beugte sie sich zum Fenster und begann so was wie einen Marsch zu trommeln.

»Was machst du da?«

»Ich,« sagte sie mit einem Lächeln, das ihre scharfen Zähne sehen ließ ... »ich weiß nicht ...«

Dann schien es mir, als bückte der breitschultrige Chauffeur sich nach links, hielt die Hand hin und bemühte sich, irgendeinen Gegenstand aufzuheben. Das ging sehr schnell. Er nahm seine gewöhnliche Stellung wieder ein. Juliette, von neuem schweigsam, ließ sich in die Polster sinken.

Ich begann zu träumen. Welch seltsame kleine Frau, von ihren Nerven beherrscht, launisch und doch so liebevoll. Warum, zum Teufel, schleppte sie mich zu diesem wunderlichen Onkel hin, von dem sie mir niemals anders als mit halben Worten gesprochen? Hatte sie auf ihre übliche Zurückhaltung verzichtet? Beabsichtigte sie, mich in das Geheimnis ihres komplizierten Lebens einzuweihen? Ich wollte sie fragen und wandte ihr den Kopf zu. Da merkte ich, daß ein plötzlicher Schwindel mich befiel. Mein Kopf war schwer geworden. Ich öffnete den Mund, stammelte mühselig:

»Jul ... liette ...«

Ich sah, wie sie sich ängstlich über mich beugte. Ihre Lippen näherten sich den meinen. Ich fühlte die feuchte Wärme. War aber reglos geworden und sank unbeweglich zurück. Meine Augen schlossen sich. Undeutliche Bilder zogen vorüber ... Ein Monstrum mit mehreren Gliedern, einem riesigen Polypen ähnlich ... Ugolin ... Und ringsherum Leichen, Berge von Leichen, die einander umarmten, tanzten, sprangen, grinsten ... dann Juliette, und wieder Juliette, zwei, drei, vier Julietten, die mich umringten, lachend, enteilend, verschwindend ... Und, mit einemmal, ein großes Loch, ein langsames und sehr sanftes Fallen in einen Abgrund ... dann nichts ... Auflösung ... Schlaf ... Hinabsinken in vollkommene Empfindungslosigkeit.

*

»Wo bin ich?«

Soeben hatte ich mich mit Mühe, mit Hilfe meiner Hände erhoben. Ich fühle mich schwach. Was ist mir geschehen? Mit einem Blick mustere ich den Raum, in dem ich mich befinde, ein kleines, rechteckiges Zimmer, mit gestrichenen Wänden, eine Mönchs- oder Gefangenenzelle. An der Decke streut eine elektrische Birne ihr Licht, eine Lichtträne. Ich werde gewahr, daß ich vollständig bekleidet auf etwas Feldbettähnlichem ausgestreckt liege, aber mollig und angenehm. Ach, träume ich etwa? Ich wiederhole laut:

»Wo bin ich?«

Natürlich keine Antwort. Das Zellenzimmer ist leer. Kein einziges Möbelstück. Mit Ausnahme eines kleinen Tisches mit zwei Stühlen, und hinten ein unbestimmter Gegenstand. Es fehlt an Komfort. Ich reibe mir die Augen. Ich muß lange geschlafen haben, lange. Wie, zum Teufel, bin ich hierhergekommen? Undeutlich erinnere ich mich, in meiner Jugend eines Morgens nach einer ausgedehnten Sauferei wie heute in einer Zelle aufgewacht zu sein, die aber weniger sauber war ... Hat man mich etwa nach einem Bummel aufgelesen? Ich setze meine Füße auf den Fußboden. Autsch! Es ist toll, wie schwach, zerbrochen, kaputt ich bin. Nur mir kann so was passieren!

Plötzlich aber geht mir ein Licht auf. Mit einem Satz richte ich mich auf, brüllend. Ich erinnere mich. Ich sehe. Ich weiß ... Juliette, Juliette ... Die Terrasse von Villers ... Der Wagen ... Der Chauffeur, der sich bückt ... Die Lippen der Frau auf meinen ... dann der Schlaf, der unwiderstehliche Schlaf, der mich umfängt. Und die Wahrheit drängt sich auf, schrecklich, unbarmherzig. Juliette hatte nicht gescherzt. Juliette hat mich in eine Falle gelockt. Da bin ich nun, in der Gewalt des Monstrums ... In den Händen Ugolins.

Verloren. Ich bin verloren, verloren, unrettbar verloren. Ugolin wird aus mir, aus meinem Körper, aus meinem Verstand, aus meiner Persönlichkeit machen, was er aus den anderen gemacht hat ... einen lebenden Fetzen.

Dennoch ... dennoch ... Es ist nicht diese Aussicht, die mich im Augenblick schaudern macht. Nein. Ich denke nur an Juliette. Ach! die niederträchtige, die unglückselige Dirne, die Kupplerin, die Schlepperin, die Pennenwirtin, das Mensch. Eine Flut von Schimpfworten entschlüpft meinen Lippen. Jetzt verstehe ich alles, alles, ihr Schweigen, ihre Zurückhaltung, ihre Lügen über den alten Onkel, ihr Verschwinden, ihre Andeutungen ... Ich sehe auf den Boulevards einen unglückseligen jungen Mann, einen Geck, der sich über ihr Ohr beugt, ihr zärtliche Worte zuflüstert; auch dieser da ein Opfer, ein Opfer wie ich, und ein Trottel ... Ein unermeßlicher Trottel, wie ich ... wie all diese – und wie viele sind's schon? –, die geglaubt haben, die gewagt haben zu glauben, die sich nicht gefürchtet haben, an Juliette zu glauben, an Juliettes Liebe, an Juliettes Aufrichtigkeit, an das Gewissen und an das Herz dieses unsagbaren Weibsbilds ...

In dem engen Verschlag, in den man mich geworfen hat, mache ich mühsam einige Schritte. Nach und nach werden meine Gedanken deutlicher, und der schmerzhafte Schraubstock, der meine Stirn umklammert, scheint sich zu lockern. Ein Zerren in der Bauchhöhle lehrt mich, daß es unumgängliche Notwendigkeiten gibt. Ich habe Hunger ... Seit wieviel Stunden habe ich nicht mehr gegessen? Ich gehe durch mein Zimmer auf und ab, suche mit den Augen einen Klingelknopf, irgend etwas, durch dessen Hilfe man rufen könnte. Wird man mich etwa hier allein lassen ... allein ... ohne mir einen Bissen zu reichen? Sollte Ugolin seine Opfer, bevor er sie quält und ihnen ihre Lebenskraft entzieht, etwa mästen wie Hühner, die für den Rost bestimmt sind?

Plötzlich aber habe ich das Gefühl, nicht mehr allein in meinem Gefängnis zu sein. Ich drehe mich mit einem Ruck um. Es ist richtig. Da ist jemand soeben unhörbar durch die geräuschlose Tür eingedrungen. Und diesen Jemand habe ich sofort wiedererkannt. Es war der Chauffeur, der Mann mit dem mächtigen Rücken, mit dem weißen Spitzbärtchen. Ich stürze auf ihn zu.

»Werden Sie mir erklären?«

Er lächelt, legt den Zeigefinger auf die Lippen und macht:

»Pst!«

Er zieht ein kleines Fläschchen aus seiner Tasche, entfernt rasch den Pfropfen und gießt den Inhalt in einen Silberbecher, den er in der linken Hand hält, und reicht ihn mir, noch immer lächelnd.

»Trinken Sie, das wird Sie aufmöbeln.«

»Aber ...«

»Trinken Sie. Sie werden doch nicht Angst haben, daß man Sie vergiftet ... Wenn man Ihnen an den Kragen gehen wollte, würde man es nicht so anstellen.«

Ich zögere einen Augenblick. Der andere lächelt noch immer, ein ganz sanftes Lächeln. Ich flüstere wieder:

»Wo bin ich?«

»Bald werden Sie alles wissen ... Ein bißchen Geduld, zum Teufel! Zunächst trinken Sie nur.«

Mit einem Zug leere ich den Becher. So schnell, daß ich kaum eine parfümierte Kühle am Gaumen empfinden kann; ich fühle mich plötzlich neu belebt. Das Blut scheint stürmisch in meinen Adern zu brausen. Die Schwere, die auf meinen Schädel drückte, verflüchtigt sich wie durch Zauberei. Ich strecke mich, glücklich, lasse meine Muskeln krachen. Welchen Kraft- und Lebenstrunk hat mir dieser Unbekannte eingeschenkt? Fast mache ich eine Bewegung, um ihm zu danken. Er aber, immer lächelnd, fragt:

»Sie müssen hungrig sein?«

»Appetit wie ein Menschenfresser ...«

Bei diesen Worten, die ich sprach, ohne mir etwas dabei zu denken, erscheint plötzlich in meinem Geist die Erinnerung der letzten Begebenheiten: die Einbrüche, die Entführungen, Juliette, die Fahrt ans Meer, der Verrat der Frau. Dies alles zieht rasend schnell vorbei, in wenigen Sekunden. Und ich füge hinzu – meine Worte hämmernd – wie eine Herausforderung:

»Einen Appetit ... wie Ugolin!«

Der Mann zuckt leicht die Achseln.

»Ach, seien Sie nicht kindisch und folgen Sie mir.«

Er geht. Ich trete hinter ihm in einen langen Flur, der von Zeit zu Zeit durch elektrische Lampen beleuchtet ist. Wir biegen nach rechts in einen anderen Flur ein, unter einem sehr hohen Gewölbe, das sich auf glatte Wände stützt. Ich habe das deutliche Gefühl, mich unter der Erde zu befinden, in einer Art von riesigem Keller. Ich passe gierig auf, um irgend etwas anderes als die entsetzlich kahlen Wände zu bemerken. Der Mann bleibt stehen. Er drückt mit dem Finger auf einen Knopf, und eine Tür, die ich überhaupt nicht wahrgenommen hatte, verschwindet geräuschlos in der Zwischenwand. Ich trete in einen Saal. Der Mann zeigt mit einer Bewegung auf den Tisch in der Mitte des Raumes:

»Man wird Ihnen gleich servieren.«

Er entfernt sich. Ist es etwa die Wirkung des Tranks, den ich soeben heruntergestürzt habe? Alle Unruhe ist in mir erloschen. Ich fühle mich imstande, den schlimmsten Gefahren zu trotzen, selbst Ugolin in Person die Stirn zu bieten ... Während ich warte, sehe ich mich um. Mein Eßzimmer ist nicht sehr luxuriös. Ein Tisch, Stühle, ein Sessel, Lampen, die das Sonnenlicht ersetzen ... nicht der kleinste Gegenstand, nicht der Schatten eines Schmuckes auf den unerbittlich trostlosen Wänden von zartem Blau. In bezug auf Gemütlichkeit läßt es viel zu wünschen übrig. Was wird mir wohl Ugolin zu essen geben? Ich setze mich und rufe, mit den Knöcheln auf den Tisch trommelnd:

»Ober!«

Im gleichen Augenblick zeichnet sich in der gähnenden Öffnung der Tür die Gestalt eines schwarzen Mannes ab, der einfältig lacht, eine Doppelreihe leuchtender Zähne entblößend. Ein Neger. Er trägt ein Tablett auf seinem Arm und, unaufhörlich lachend, stellt er Teller, Tücher, Gläser auf den Tisch, auf eine Ecke eine kleine, weiße Flasche, die wahrscheinlich Mineralwasser enthält und eine andere, grün, vergoldet, wohl mit irgendeinem Rheinwein. All das ohne ein Wort. Ich frage ihn:

»Sagen Sie mal, Freundchen, was werden Sie mir Gutes bringen?«

Große, runde Augen rollen in ihren Höhlen und blicken mich an. Der Schwarze stellt sein Tablett hin; dann tut er die Hand nacheinander auf Mund und Ohren. Was soll das bedeuten? Ich verstehe nicht. Der Mann wiederholt aber seine Gebärde. Ein Glucksen entsteigt mühselig seinem Mund. Jetzt hab' ich's. Der Mann hört nicht, spricht nicht. Dieser Neger ist taubstumm.

Unwillig drehe ich ihm den Rücken zu und tue, als kümmerte ich mich weder um ihn noch um seinen Tisch. Und dabei quält mich der Hunger entsetzlich, und außerdem die Angst vor einem zu einfachen oder zu besonderen Mittagmahl. Wenn mir Ugolin bloß nicht irgendeinen von ihm erfundenen furchtbaren Mischtrank zu schlucken gibt.

*

Ich hatte unrecht. Ugolin versteht seine Sache sehr gut. Von den Vorspeisen und der saftigen Hammelkeule mit köstlichen Schoten bis zur Nachspeise war alles vorzüglich. Das Monstrum hat einen erstklassigen Oberkoch. Ich würde mich glücklich schätzen, ihm deswegen mein Kompliment machen zu dürfen. Hingegen hat sich der Kellermeister etwas knauserig gezeigt. Die kleine Flasche Weißwein, wundervoll und wärmend, war mir nicht genug. Ohne Zweifel neigt Ugolin zum Antialkoholismus, und das ist ärgerlich, sehr ärgerlich. Glücklicherweise ist er kein Gegner des Tabaks. Denn dieser verdammte taubstumme Neger hat mir eine Kiste auserwählter Zigarren unter die Nase geschoben, wie ich sie selten geraucht habe.

Bequem in meinen Sessel zurückgelehnt, genieße ich andächtig meine Zigarre und betrachte die blauen und grauen Rauchspiralen, wie sie sich schnörkeln. Ein ungeheures Wohlbehagen überkommt mich. Ich werde froh. Ohne Reue denke ich an mein Abenteuer, das sehr gut angefangen hat, aber sehr wohl schlecht enden kann. Einen Augenblick bin ich gerührt über Juliette. Hat mir nicht die geliebte Kleine schließlich all ihre Gewissensbisse durch ihr ganzes Gehaben gestanden und vor allem durch den wilden Kuß, den sie mir so plötzlich auf die Lippen drückte, da unten, auf der Terrasse von Villers? Sie muß schrecklich gelitten haben an ihrem Verrat, ich habe die Überzeugung, die feste Überzeugung. Wie ist sie aber zu diesem Beruf einer Kupplerin für Minotauren gekommen? Wem gehorcht sie? Wie klar wurde mir jetzt das lebende Rätsel, das Juliette verkörperte. Armes Ding. Unergründliches Kind! Ich glaube wohl, ja, ich glaube, o Juliette, daß, wenn du in diesem Augenblick eintreten würdest, demütig, bereuend und ergeben, ich dir verzeihen könnte.

Es ist nicht Juliette, die eintritt. Es ist der Chauffeur mit seinem Spitzbärtchen und seinem Lächeln. (Beides konnte er natürlich nicht draußen lassen.) Er fragt mich:

»Nun! Geht's besser?«

»Ausgezeichnet! Mittagessen vorzüglich. Prachtvolle Zigarre. Wohlriechender Kaffee. Nur an Wein und einem Gläschen Schnaps fehlt es.«

»Man hat für Sie eine Ausnahme gemacht. Wein ist hier selten. Alkohol ist ganz und gar verbannt.«

Ich kann eine Grimasse nicht unterdrücken. Diese Leute verstehen wahrlich nicht zu leben. Und unbefangen erhebe ich mich, mit geschmeidigen Gliedern, ungezwungener Haltung. Ich frage:

»Den wievielten haben wir?«

»Den fünfundzwanzigsten August.«

Ich rechne rasch. Juliette und ich sind am dreiundzwanzigsten morgens fortgefahren. Der Schlaf überwältigte mich im Wagen am Abend des gleichen Tages. Das macht also zwei volle Nächte und mehr als einen Tag, die ich geschlafen habe. Eine Kleinigkeit!

Alles war also bis ins letzte von Meisterhand vorbereitet, unter Mithilfe der Frau. Welch gefährliches Wesen hielt mich in seiner Gewalt? Und über welche unerhörte Machtmittel verfügte es?

Mein ganzer Optimismus war im Nu verflogen.

Ich fühlte von neuem, wie ein Angstschauer meine Wirbelsäule entlang lief. Ich betrachtete den Mann. Er lächelte. Machte ein rasches Zeichen und befahl:

»Folgen Sie mir.«

*

Der Saal, in den ich, von meinem Führer geschoben, hereintrete, hat riesige Ausmaße und ist von abstoßendem Aussehen. Ein grelles Licht zwingt mich, mit den Augen zu blinzeln. Ich unterscheide nichts als einen gelben Nebel. Langsam aber gewöhnen sich meine Augen. Dieses Licht ist leider nicht das der Sonne. Und ich stelle fest, daß wir die Katakomben nicht verlassen haben. Der Saal hat etwas von einem Amphitheater und von einem Laboratorium. Ein riesiger Marmortisch in einer Ecke rechts. So etwas wie ein Schreibtisch hinten in der Mitte. Auf den Wänden schlängeln sich Flaschenhälse, kreuzen sich Rohre, die einen riesig, die anderen eng wie Makkaroni, schnurren Ventilatoren, leuchten Metall- und Porzellanknöpfe. Ich unterscheide auf anderen Tischen kleine Becken, Reagenzgläser, Retorten, das ganze Arsenal eines Chemikers, eine Gesamtheit von Instrumenten, die für mich neu sind, und die ich vergeblich zu bestimmen suche. Was mich vor allem anzieht, ist eine Reihe von Deckelgläsern, mit grünen Etiketten versehen und einer rötlichen Flüssigkeit gefüllt, in welcher seltsame Gegenstände schwimmen, die zum Verwechseln Anatomiepräparaten gleichen ...

Über all dem winzige elektrische Lampen von rötlichem Schimmer, wie Seelen der Finsternis.

Oh, wo bin ich denn? In der Mördergrube eines Henkers? In einer Sezierwerkstätte? In der Höhle eines Alchimisten? Erforscht man hier die Verwandlung der Metalle oder zerstückelt man Leichen? Ich stelle mir all diese Fragen mit dem einzigen Gedanken, die Unruhe, die mich beherrscht, zu verjagen.

Ein trockenes Hüsteln, knirschend wie der Seufzer eines alten Schlosses. Der Mann mit dem Spitzbärtchen schiebt mich noch weiter vor. Jetzt bin ich an dem Schreibtisch hinten. Drei Männer sitzen da, drei seltsame Männer. Unbeweglich und aufmerksam. Drei Greise und dennoch ... Ihre Gesichter, von Falten durchfurcht und Runzeln durchschnitten, gelb und ausgetrocknet, haben ein ungewöhnliches Aussehen von Jugend ... einer Jugend, die man im ruhigen und forschenden Blick errät, den sie auf mich richten. Der eine, links, ist groß, gebeugt, seinen Schädel schmückt ein Büschel Meergras; seine beweglichen Nasenflügel scheinen irgend etwas Unsichtbares aufspüren zu wollen. Er ist glatt rasiert, und unter dem Gesims der Brauen leuchten seine durchbohrenden Augen mit einem Schimmer wie Stahl. Der zweite, rechts, von kleinerer Statur, ziemlich vierschrötig, mit mächtigem Bauch, erhebt ein Gesicht, das gekrönt wird von grauen, gelben, kaffeebraunen Haaren, die die Backen bedecken und die Schläfen verbergen, das Scheitelbein umklammern, sich an das weiße Dickicht der Haare anschließen. Man sieht nur das an ihm, den haarigen Reichtum rings um eine flachgedrückte Nase, unter kleinen, gelblichen, zusammenstehenden Augen. Das Charakteristischste ist aber die Erscheinung in der Mitte, auf einem Sessel zusammengeschrumpft. O dieser da! Meine ganze Aufmerksamkeit gehört ihm, unwiderstehlich, leidenschaftlich. Er erschreckt und reizt mich gleichzeitig und gibt mir diese wahnsinnige Lust zu lachen, die die Nerven der Kinder bei der Vorstellung irgendeines Zauberers oder einer Karnevalsmarionette kitzelt.

Wer ist denn diese groteske und unsinnige Dreieinigkeit, die in Feierlichkeit gehüllt ist? Bin ich vor einem Tribunal, soll ich meinem letzten Gericht beiwohnen? Minos, Äakus, Rhadamante! Ich befühle mich, um zu sehen, ob ich wirklich noch lebe. Immerhin, mein Schicksal hat mich nicht in die Unterwelt geführt. Was haben diese drei alten, schweigsamen Biedermänner mit mir vor?

Wieder ein Hüsteln, das Rutschen eines schimmligen Strickes über einer verrosteten Rolle. Der Mann in der Mitte beginnt zu sprechen. Er hält ein Papiermesser in seinen mageren Fingern, ein Papiermesser aus Elfenbein, mit dem er ein wenig fieberhaft spielt. Er betont mit einer Stimme, deren unerwartete Sanftheit wie Öltropfen (Olivenöl) in meine Ohren rinnt:

»Herr Doucet, wollen Sie sich bitte setzen.«

Mechanisch lasse ich mich in einen Sessel gleiten, gegenüber dem Schreibtisch, auf dem sich Bücher und Papiere in Unordnung häufen. Die drei Richter beobachten mich mit einer unangenehmen Beharrlichkeit, die mich grausam stört. Ich richte mich auf, betrachte den Kerl in der Mitte. Ich sehe nichts anderes als seine schmalen, langen, zitternden Finger. Eine Hand schwingt das Papiermesser, die andere klimpert auf dem Schreibtisch, der aus einem seltenen, ungebräuchlichen Metall sein muß, und einen merkwürdigen Ton von sich gibt. Nur sein Kopf taucht hervor, so zusammengefallen ist der Mann, so in sich selbst gebeugt. Welch Gesicht! Gefurcht, durcharbeitet, ausgehöhlt, mit trockener Haut, die die Knochen vorspringen läßt, mit unbeschreiblichen Haaren, wie altes Elfenbein schimmernd. Die Jochbeine ziehen hü und hott und geben ihm ein Aussehen, das bald hämisch lachend, bald weinerlich ist. Die Stirn ist kahl, und auf der Kuppel des Schädels sind kaum einige Hälmchen schneeiger Haare, blutleere Blumen auf einem Berggrat. Die Augen verschwinden hinter dicken Polstern. Es ist kein Gesicht, es ist eine Maske, hinter der ich dennoch eine feurige Seele fühle. Welches Alter dürfte dieser Mann wohl haben?

»Herr Doucet, ich bin gerade dreiundachtzig Jahre alt geworden und bin dennoch jünger als Sie.«

Eine Bestürzung durchläuft meinen Körper. Dieser Greis da hat eine eigene Art, jung zu sein und in der Seele eines Menschen zu lesen! Ich mache mich ganz klein in meinem Sessel, halte den Atem an; mein Herz schlägt heftig in meiner Brust. Steine stoßen sich in meinem Kopf.

»Herr Doucet, ich stelle mich vor ... Sie haben den grausamen, den fürchterlichen, den unerbittlichen, den gräßlichen Ugolin vor sich ...«

Ich wage nicht, mich zu rühren. Im übrigen hatte ich diese Erklärung erwartet. Der andere fährt fort:

»Ugolin, das bedeutet nichts. Was meinen Sie dazu? Lernen Sie mich genauer kennen. Hier in diesem Hause, oder besser gesagt, unter diesem Hause, da, wo ich mich niedergelassen habe, bin ich der kleine, gute Herr Merlin – nicht der Zauberer –, der Photograph, der gelehrte Photograph, der in Experimenten über die Farben aufgeht. Merlin ist aber nur ein Mummenschanz. In Wirklichkeit, nach meinen Personalakten, bin ich der Professor Huler, eine Art von Original, verhöhnt und verunglimpft von allen Akademien und allen Fakultäten der Welt. Das ist nicht alles. Ich bin auch der Onkel Ihrer Freundin Juliette.«

Ich konnte meine Überraschung nicht verbergen. Der Alte verzerrte sein Gesicht zu einem Lächeln und begann zu hüsteln. Seinen knirschenden, klirrenden Husten.

»Wenn ich sage, der Onkel von Juliette, so ist das so eine Redensart. Die Wahrheit ist, daß diese Kleine, die ich adoptiert hatte, der öffentlichen Fürsorge entrissen und auf meine Kosten erzogen wurde. Sie kennt weder Vater noch Mutter, nicht den Schatten einer Familie. Nun wissen Sie Bescheid, was Juliette anbelangt. Lassen Sie mich jetzt die Vorstellungen beenden.«

Mit seinem Papiermesser zeigte er auf den mageren Mann, dessen zitternde Nasenflügel anfingen zu beben, als wollten sie mich verschlucken.

»Doktor Schutzler, einer der besten Biologen unseres Zeitalters.«

Der magere Mann richtet sich auf, macht eine Verbeugung, die mir gilt.

»Schutzler aus Königsberg«, erklärt er mit dumpfer Stimme, in der das Brummen einer fernen Posaune rollt.

Der Professor Huler zeigte mit einem dürren Finger auf den Mann mit dem Buschwerk-Gesicht:

»Doktor Potrel, mein bester Schüler ... Franzose.«

Der lebende Busch wackelt mit dem Haupt.

Ugolin, der, dem ich den Beinamen Ugolin gegeben hatte, klimpert fortwährend auf dem Tisch. Die anderen, in Unbeweglichkeit erstarrt, ähneln wächsernen Biedermännern im Dunkel eines pathologischen Museums.

»Mein Herr,« begann plötzlich mit festerer Stimme Professor Huler, genannt Merlin, genannt Ugolin, Chemiker, Gelehrter, Photograph oder Dentist, »ich habe das Vergnügen, festzustellen, daß Sie ein intelligenter, ein sehr intelligenter Bursche sind. Von all Ihren Kollegen haben Sie allein mit einem Scharfblick, der uns verwundert hat, das Rätsel der Einbrüche und der Entführungen durchschaut ... Zweifellos hat Sie Ihre Freundin Juliette, entsprechend meinen Anweisungen, auf die richtige Fährte gebracht. Ein anderer aber hätte nicht auf sie gehört, hätte ihre Hypothesen als Wahnsinn betrachtet. Sie, Sie haben sofort gesehen, welchen Vorteil man aus ihren Einflüsterungen ziehen konnte. Überdies sind Sie einer, der was vertragen kann. Meine drohenden Warnungen haben Ihren Mut nicht erschüttert. Mit einem Wort, Sie sind der Mann, der uns fehlt. Wir brauchen für die kommende Zeit ein Exemplar Ihrer Gattung. Unserer Sammlung fehlt noch ein Journalist.«

Ich öffne meine erschrockenen Augen, ohne den mindesten Versuch zu machen, meine Bestürzung zu verbergen. Was will er sagen, dieser Ugolin, mit seiner kommenden Zeit und seiner Sammlung, der ich fehle? Sollte er mich etwa zufällig von neuem in Hypnose versetzen wollen, um mich in einigen hundert Jahren zu erwecken?

Der Alte hat sich aufgerichtet, die Lider weit offen, und heftet den Glanz seiner durchbohrenden Augen auf mich; ich muß zurückweichen, instinktiv. Das ist kein Blick. Das ist wie die unerträgliche Projektion zweier strahlender Leuchttürme. In diesem Blick leuchten Höllenfeuer oder göttliche Funken. Dann richtet er sich ganz auf, der Oberkörper wird sichtbar. Er ist nicht so gebeugt, so gedrängt, so zusammengefallen, wie er aussieht, dieser Professor von dreiundachtzig Jahren.

»Hören Sie mich gut an«, betont er mit ernster Stimme. »Sie haben hier absolut nichts zu befürchten. Wir werden nichts mit Ihnen unternehmen, ohne Ihr ausdrückliches Einverständnis. Hören Sie also auf, zu zittern, mein lieber Herr. Denn Sie zittern, wahrhaftig, als wären Sie in einen dunklen Brunnen gefallen, der von unheimlichen Tieren wimmelt ... Die Furcht macht Sie kleiner. Wir werden eine traurige Meinung von Ihrem Charakter bekommen.«

Er hüstelt wieder und klappt zusammen. Sein Blick, der mich versengt, versteckt sich unter der Dicke seiner gefalteten Lider.

»Sie müssen wissen, wer wir sind und was wir wollen ... Halten Sie sich fest, mein lieber Herr Doucet. Als Sie diesen hinterlistigen Beinamen Ugolin auf mich losgelassen haben, ahnten Sie gar nicht, wie recht Sie hatten. Ugolin! ... Ach! ... Ach! Der prachtvolle Fund! ... Nun gut, ich nehme die Herausforderung an. Soll es bei Ugolin bleiben! Die kommenden Zeiten werden die Zeiten Ugolins sein, der Sieg Ugolins. Denn schließlich, wenn man im Herzen der Fabel wühlt, was ist denn Ugolin? Ein armer, alter Mann, der vor Hunger und Schwäche umkommt. Ein Kranker, der im Sterben liegt ... Er entweicht dem Schicksal nur, indem er die Kräfte, die er braucht, jüngeren, unverbrauchten, gesunden Körpern entleiht ... Er verwirklicht das wunderbarste Osmose-Phänomen, die fruchtbarste Anpassung ... die herrlichste Übertragung ... Aber ... seien Sie nur still ... ich verstehe Sie ... Und ich bitte Sie, zu glauben, daß ich nicht verrückt bin ... Vor allem aber, was wissen Sie vom Wahnsinn, von seinen Übergängen und seinen Grenzen, Sie beschränktes Gehirn, aufgewachsen auf dem Misthaufen der Vorurteile? ...«

Er versetzt mir einen harten Blick. Es ist wahr. Gerade fragte ich mich, ob ich nicht einen sehr charakteristischen Wahnsinnsfall vor mir hatte. Die Sicherheit aber, mit der er in mir selbst liest, entwaffnet mich. Ich verlange nichts mehr, ich denke an nichts mehr. Ich höre.

»Ugolin. Wundervolles Symbol. Ja, mein lieber Herr, ich bin, wir sind Ugolin. Das heißt, daß wir unsere Kinder essen. Verstehen Sie. Wir zehren sie auf. Wir nehmen ihr Leben, ihre Jugend, ihre Kraft, die wir ergänzen, die wir verdauen, die wir in Unsterblichkeit verwandeln.«

Er hatte sich erhoben, die Hände auf den Tisch gestützt, seinen ganzen Körper mir zugeneigt. Es ist ein kleiner Alter, ein ganz kleiner, jämmerlicher und mitleiderregender Alter, dessen hartes Augenfeuer mich entsetzt. In welche unwiderstehlichen Ströme hüllt er mich ein? Ich erleide gegen meinen Willen seine Macht, die ganze Überredungskraft, die aus seinem Wesen strahlt. Alle Angst flieht aus meinem Hirn und läßt nur eine brennende Neugier zurück. Ich höre, ich höre zu mit meiner ganzen aufgewühlten Seele:

»Das Leben? Was ist das: Leben? Denken Sie etwa, daß es ganz einfach in den engen Grenzen eines Wesens eingeschlossen ist? Sind Sie der Meinung, daß es sich nach dem Zufall fortpflanzen muß, ohne Methode, von einem Individuum auf das andere? Warum sollten wir nicht Herr über das Leben sein? Warum sollten wir es nicht einfangen, es nach unserer Phantasie leiten, nach unserem Willen? Leben, Leben, alles liegt darin! Aber leben in Macht, in Tat, in Willen. Leben mit der gehäuften Erfahrung, genährt durch den ununterbrochenen Zuschuß neuer Jugend. Hier haben Sie, mein Herr, das Problem, das ich lange, mühevoll, hartnäckig untersucht und gelöst habe.«

Ich rühre mich nicht.

In meinem Schädel ist ein Getöse, ein betäubender Sturm, etwas wie eine Auflösung meines Verstandes, der sich zerfasert, entflieht. Ich weiß nicht mehr, ob ich träume, und ob meine Füße fest auf dem Boden stehen.

Der kleine Alte fährt fort mit seiner bezwingenden Stimme, die manchmal plötzlich in stoßweisem Husten abbricht. Und er fährt fort, fährt fort ... Er erklärt, er kommandiert, er beweist. Die Worte tanzen in meinen Ohren. Mein Hirn ist voller Musik.

»Die Alten verzehren die Jungen ... Das ist letzte Logik. Wir wollen leben, leben, die Welt umwandeln. Platz den Männern voller Weisheit und Wissen. Platz den Auserwählten. Wir dürsten nach Kraft, Klarheit und neuem Verstand ... nach Verjüngung, um das Wort zu sagen und den Begriff genau zu umschreiben ... Und die jungen Leute, die wir in so bedauernswertem Zustand zurückgeschickt haben – diese unglückseligen jungen Leute, über die Sie Ihr Mitleid in großen Wellen ausgegossen haben, und die nichts mehr sind als Schatten – nun denn! Wir sperren sie in uns ein, wir haben sie heruntergeschluckt, uns einverleibt, materiell, chemisch, mathematisch. Ihr Phosphor kriecht in unseren Knochen; ihr Blut rinnt in unseren Adern, hämmert in unseren Herzen; ihr Gewebe verbindet sich mit unserem Gewebe; ihre Zellen vereinigen sich mit unseren Zellen. Wunder der Wesenseinheit. Sie sind es, die zu Ihnen sprechen, die aus uns sprechen, die den vollständigen, endgültigen Sieg des Lebens ausrufen, des einzigen und harmonischen Lebens, das über den Zufällen der gemeinen und ziellosen Befruchtungen steht ...«

*

Welch Aufruhr in meinem armen Kopf! Welch Durcheinander! Eine betäubende Jazz-Band hämmert auf meine Hirnhaut, befreit meine Neuronen, die sich in einem Gepolter aneinanderstoßen. Tsching! Bumm! Tsching! Bumm! Emanzipation der Substanz. Anarchie des Gehirns! Meine entfesselten Bestandteile brüllen die »Internationale«! Und ich fühle die Worte, die fallen, die wie ein harter Regen, wie Bleitropfen auf meinen überhitzten Schädel fallen. Eine gewaltige Feuersbrunst am Horizont ... Ich falle in einen bodenlosen Abgrund ... ohne anderen Boden, wahrlich, als den Velours meines Sessels, in dem ich nur noch ein jämmerliches Ding bin, der Schatten eines Dinges, ein erdrücktes und schwankendes Etwas ...

*

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.