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Die Verjüngten

Victor Méric: Die Verjüngten - Kapitel 3
Quellenangabe
authorVictor Méric
titleDie Verjüngten
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorEmil Straßberg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180526
projectid9003ad11
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II

Meine »Sonderberichte« über die »Neulandbank«-Sache vermehrten meinen Ruf als Reporter mit feiner Nase und Einbildungskraft nicht. Zunächst hatte mich Millot trotz seiner Versprechungen im Stich gelassen (später erklärte er mir, er hätte die ganze Nacht einen damals sehr bekannten Marseiller Zeichner durch Montmartre verfolgt). Ich war gezwungen, bis Mittag einen mißgestalteten und ungereimten Wisch zusammenzupfuschen. Ich versuchte, es am nächsten Tag besser zu machen, es gelang mir aber nicht. Ein Trost nur war mir geblieben: die anderen Zeitungen wußten, sagten, brachten nicht mehr als der »Abend«.

Währenddessen glaubten die mit Recht beunruhigten Behörden einige Maßnahmen ergreifen zu müssen. Die Anzahl der Nachtwächter in den Banken wurde vervielfacht. Allein bei der Bank der Republik zählte man ein halbes Dutzend.

Tage vergingen.

Nach und nach kam das Vergessen; man fing an, sich mit anderem die Zeit zu vertreiben. Als plötzlich eine unerhörte, tolle Sache geschah und wie eine Bombe einschlug. In der Bank der Republik war eingebrochen worden; sie war buchstäblich ausgeplündert. Und immer wieder dieselbe Unterschrift, die gleiche Fabrikmarke, das gleiche Verfahren. Öffnungen in den Mauern. Öffnungen in den Geldschränken. Ferner die ganze Wächtergruppe umgefallen wie Kegel, in tiefen Schlaf gehüllt.

Ich könnte kaum versuchen, die Aufregung zu beschreiben, die diese unglaubliche Begebenheit nicht nur in Paris, nicht nur in Frankreich, sondern in der ganzen Welt auslöste. Ein amerikanischer Detektiv, durch den Film berühmt gemacht, telegraphierte an die französische Regierung, daß er sich gegen ein Honorar von mehreren tausend Dollars zu ihrer Verfügung stelle. Ein Abgeordneter der Opposition kündigte eine Interpellation an, und die Zeitungen der Rechten und der äußersten Linken entrüsteten sich auf das heftigste und brandmarkten die Schwäche und Nachlässigkeit der Regierung.

Ich stürzte sofort ins Büro des Chefredakteurs, bat ihn, mir die Untersuchung anzuvertrauen und versicherte ihm, ich würde es diesmal besser machen. Ich hielt Wort. Ich versuchte treuherzig, hartnäckig, ich wagte Unmögliches. Vergeblich! Ich stieß auf die gleichen Unbegreiflichkeiten, auf dieselben dunklen Punkte, auf diesen Trottel von Kriminalpolizeileiter, der nur zu wiederholen wußte:

»Schöne Geschichte! Donnerwetter! Schöne Geschichte!«

Am selben Abend Besuch Juliettes. Ich widerstand der Versuchung. Meine Pflicht, mein Artikel vor allem. Vernünftigerweise durfte ich diese Gelegenheit, mich zu rehabilitieren, nicht vorübergehen lassen. Und ich brauchte wohl einige Stunden, um zu überlegen, zu kombinieren. Ich erinnere mich ganz genau, wie die junge Frau mir in diesem Augenblick leichthin versetzte:

»Du bist dumm. Ich an deiner Stelle wüßte wohl, was ich sagen würde.«

Ich lächelte ziemlich überlegen. Juliette schien es nicht zu bemerken. Sie fuhr fort:

»Nun, nehmen wir an, daß deine Einbrecherbande von einem Gelehrten geleitet würde, einer Art Genie mit kühnen Einfällen. Dieser Gelehrte braucht Geld, viel Geld, um sich die Experimentierstoffe zu verschaffen und seinen Hirngespinsten näherzukommen ... Merkst du was?«

Ich merkte! Ich schrieb über dieses Thema zwei dichtgedrängte Spalten. Mein Gelehrter wurde ein Chemiker, der gleichzeitig ein Soziologe war, frei von jeder Hemmung, über jeder Moral stehend. Er setzte sich ein gewaltiges Ziel. Vielleicht das Glück der Menschheit! Vielleicht ihre Zerstörung! Auf jeden Fall verfügte er über derartige Waffen, daß keine Vorsichtsmaßnahme vernachlässigt werden durfte ... In den folgenden Tagen schmückte ich diese Annahme mit Interviews, die ich den Kapazitäten der Sorbonne und des Institut Pasteur entlockte. Um mein Glück voll zu machen, richtete Herr Dudelsack, Mitglied der Akademie der Wissenschaften, einen langen Brief an mich, aus dem hervorging, daß der fragliche Gelehrte wohl die phantastische Idee haben könnte, den Planeten Mars zu erobern. Wollen Sie bitte festhalten, daß in dieser Annahme nichts Unwahrscheinliches lag. Da nach einem englischen Historiker, namens Wells, die Marseinwohner bereits gekommen waren, um die Erde zu besetzen, gab es keinen ernsthaften Grund, warum die Erdbewohner ihnen diese Höflichkeit nicht erwidern sollten.

Die interpellierte Regierung erklärte in einer stürmischen Sitzung, daß alle Gerüchte in den Zeitungen aus der Luft gegriffen wären; man hatte ganz einfach mit Einbrechern zu tun, die über gewisse Mittel verfügten, welche man bis dahin nicht gekannt hatte; daß außerdem die Polizei bereits auf ihrer Spur wäre und man im übrigen alle notwendigen Maßnahmen ergreifen würde, um die Wiederholung derartiger Vorfälle (der Minister hatte »Vorfall« gesagt, im »Offiziellen Anzeiger« hatte man aber dafür »Attentat« gesetzt) zu verhindern.

Daraufhin beruhigte sich die öffentliche Meinung. Um so mehr, als die angekündigten Maßnahmen ausreichend erschienen. Posten von Polizisten und Soldaten wurden nachts vor jeder Bank und Schildwachen an allen Ecken der Gebäude aufgestellt. Im Innern wurden in jedem Saal je zwei Polizisten und Wächter angeordnet. Unter diesen Umständen war es für alle Welt sonnenklar, daß diesen Verbrechern nichts anderes übrigblieb, als zu verzichten.

Wochen vergingen. Von neuem senkte sich Vergessen über die »Vorfälle«, wie sie der Ministerpräsident nannte. Die Leiche einer Frau, die zwischen ihren verkrampften Fingern einen abgeschnittenen Männerkopf hielt, nahm die leidenschaftliche Aufmerksamkeit des Publikums gefangen. Dann sprach man von einer Sozialrevolution in Afghanistan und von der Bildung einer sechsten Internationale in Kandahar. Zahlreiche ausländische Propagandisten, die sich im Lande umhertrieben, Millionen in ihren Geldbeuteln, wurden verhaftet und verursachten aufsehenerregende Prozesse, die mit glorreichen Freisprechungen endeten. Und die Bankeinbrüche verschwanden nach und nach aus den Gehirnen.

Urplötzlich ereignete sich eine neue Explosion von Bestürzung und Wut zugleich. Trotz der Jahre, die seither vergingen, werde ich niemals den Heidenlärm vergessen, der an diesem Sommermorgen in den Büros des »Abend« ausbrach. Vergeblich versuchte der Chefredakteur, durch sein Gebrüll die Ordnung wiederherzustellen. Das Telephon, das verhaßte Telephon, brachte uns die furchtbare Neuigkeit. In der »Internationalen Bank«, der reichsten und mächtigsten, war ebenfalls eingebrochen worden. Und das trotz der Soldaten und Polizisten draußen; trotzdem andere Polizisten und Aufseher im Innern wachten. Besaßen die Verbrecher etwa die Gabe der Unsichtbarkeit? Wie sollte man ein derartiges Rätsel erklären? Das grenzte an Wunder!

Gegen elf Uhr morgens erhielt man nähere Einzelheiten. Die Wächter und Polizisten hatte man schlafend vorgefunden. Draußen hatte man nichts gehört, nichts gesehen. In der Decke aber und dann bis zum Dach hinauf enorme unregelmäßige Öffnungen, wie von einem riesigen Bohrer. Diesmal waren die Einbrecher von oben gekommen.

Die Verblüffung in Paris kannte keine Grenzen. Fiebrig, fassungslos, hielt es mich nicht mehr an meinem Platz; ich stürzte mich auf die Boulevards. Man begegnete lauter aufgeregten, heftigen Gruppen, die ungestüm miteinander stritten. Vor der »Internationalen Bank« hielt ein dreifacher Schutzmannkordon mit Mühe die feindliche Menge zurück. Trotz meiner Eigenschaft als Journalist gelang es mir nur schwer, das Gebäude zu betreten. Ich untersuchte den Tatort. Ich stellte die Öffnung in der Decke fest, durch die die rätselhaften Verbrecher eingedrungen waren. Ich betrachtete die Geldschränke; ich fragte ergebnislos die verdutzten, kaum erwachten Wächter. Schließlich brachte ich von diesem schleunigen Besuch nur das groteske Klagelied des Kriminalpolizeileiters heim, der immer mehr und mehr verdattert war:

»Schöne Geschichte! Donnerwetter! Donnerwetter! Schöne Geschichte!«

Noch am gleichen Tage beschuldigte der »Abend«, der Konkurrenz zuvorkommend, die Verwaltung als nachlässig und verlangte die Absetzung der Polizeibeamten. Die Zeitungen des nächsten Tages stimmten im Chor ein. Die große Tageszeitung »Lutetia« ging aber noch weiter als die anderen. Sie erinnerte daran, daß Deutschland, entgegen den Friedensbestimmungen, seit Jahren geräuschlose Flugzeuge konstruiere und fragte, ob es nicht gestattet wäre, in den jüngsten Ereignissen die Hand des Feindes zu vermuten.

Diese Beschuldigung entfesselte eine ungeheure Aufregung. Die Regierung glaubte, in einer Bekanntmachung, die von der gesamten Presse wiedergegeben wurde, diese Angabe dementieren zu müssen. Niemand aber nahm das Dementi ernst. Und die Politik mischte sich natürlicherweise ein.

Die Politik! Kann man heutzutage die Bedeutung eines derartigen Wortes auch nur ahnen, das – nach so vielen Jahren, die in der Schublade der Zeit verstaut waren – nichts Wirklichem mehr entspricht? Es möge genügen, wenn ich angebe, daß man damals in Frankreich, wie übrigens in allen sogenannten zivilisierten Ländern, zahlreiche Gruppen von Individuen zählte, die auf einen Mann hörten und ihm folgten, die sich hinter eine Fahne drängten, auf eine Gesamtheit von Ideen eingeschworen waren und sich bemühten, ihre Regierungsmethoden als besser nachzuweisen. Der Traum der einen war die vollkommene Zerstörung der sozialen Ordnung mit ihrer Armee, ihrer Polizei, ihrer Verwaltung, ihrem komplizierten Räderwerk. Andere wieder dachten, daß alles aufs beste eingerichtet sei in dieser besten aller Gesellschaftsformen und beschützten die Ordnung und zugleich ihr Portemonnaie. Diese Vereinigungen oder politischen Parteien waren in verschiedene Gruppen eingeteilt: die einen klerikal, die anderen weltlich; die einen pazifistisch, die anderen kriegerisch ... Über all diesen Parteien, Gruppen, Organisationen, Ligen, die im Lande wie Unkraut wucherten, erhoben sich in den Stunden der Unruhe, wie Schaum auf dem stürmischen Meer, Kohorten von Erleuchteten, die sich selbst »Nationalisten« tauften. Ihr Programm war in einem Wort ausgedrückt: Krieg; ihr Feldgeschrei: »Es lebe das Heer!« Vom Anfang bis zum Ende des Jahres wetterten sie gegen einen Feind, der niemals weder ganz und gar der gleiche, noch ganz und gar ein anderer war, der aber immer drohend schien. Der Haß und das Herumfuchteln vertraten bei ihnen die Überzeugung, und wenn sie genügend oft gebrüllt hatten: »Nieder mit Deutschland!« brüllten sie sofort: »Nieder mit England!«

Die beunruhigenden Zeitungsartikel, die fieberhafte Gärung, die das Volk ergriffen hatte, die allgemeine Angst gaben diesen schreienden Banden ebensoviel Gründe zur Betätigung. Eine neue Interpellation, die in der Kammer einen Faustkampf entfesselte, das Ministerium aber nicht zu stürzen vermochte, stachelte die Leidenschaften noch mehr auf. Und auf der ehemaligen Place de la Concorde erlebte man eine flammende Protestkundgebung unter Führung eines alten Generals a. D., dessen hervorstechendstes Verdienst es war, vom großen Krieg 1914 bis 1918, bei dem er sich lauter Niederlagen geholt hatte, nichts verstanden zu haben. Eine Gegenkundgebung entstand spontan, ein Tumult brach aus. Da die Polizisten eingriffen, herrschte bald der tollste Wirrwarr. Blut rötete das Pflaster. Ich hatte bereits mehrere derartige Kundgebungen erlebt. Ich kann aber versichern, daß ich niemals soviel zertretene, zerraufte, kreischende Frauen und zerschundene Gesichter gesehen hatte. Es war sozusagen homerisch, und ich machte daraus einen Artikel, der Aufsehen erregte.

Dies gab uns aber trotzdem nicht die Lösung des Rätsels. Man erfuhr daraus nichts Neues über die gefürchteten Nachtvögel, die so gut die Kunst verstanden, in die am hermetischsten verschlossenen Gebäude einzudringen, unter der Nase der Polizisten, Soldaten und Wächter. Was man aber besser wußte, war die genaue Summe der verflüchtigten Gelder. Das Ganze überschritt zwei Milliarden. So groß auch die Verteuerung des Lebens nach dem Kriege war – ein riesiger Betrag.

*

Eines Abends, als ich ängstlich in die Augen Juliettes spähte, diese dunklen Augen, in denen die Ironie sich nicht einmal zu verbergen suchte, umfing sie mich mit einem seltsamen Blick.

»Es ist komisch, was für dummes Zeug ihr quatscht. Wenn die Deutschen wirklich über geräuschlose Flugzeuge und über solche gewaltigen Hilfsmittel verfügten, wie die von den unbekannten Einbrechern angewandten, weshalb sollten sie sich damit die Zeit vertreiben, Banken und deren Geldschränke anzugreifen? Es würde für sie viel leichter sein, die Hälfte von Paris in einigen Stunden zu zerstören ...«

»Ich habe niemals an das Märchen geglaubt«, protestierte ich. »Aber deine Geschichte vom Gelehrten ...«

»Das ist nicht meine Geschichte,« unterbrach lebhaft Juliette, »das ist einfach eine Idee, die mir kam ... Du kannst dir denken, daß ich nicht mehr weiß als du.«

»Freilich«, lachte ich. »Ich will annehmen, daß dein Gelehrter, mein Gelehrter, unser Gelehrter Geld brauchte, um gewisse Experimente zu Ende zu führen und sich unentbehrliche Materialien zu beschaffen. Zwei Milliarden aber ... was gedenkt er mit einer derartigen Summe anzufangen?«

Ein spitzes Lächeln zeichnete sich auf Juliettes Lippen. Sie machte eine Bewegung, als wollte sie erwidern, dann, nachdem sie ihren Kopf geschüttelt hatte, verharrte sie in Schweigen.

Wir redeten lange nicht, in Nachdenken versunken. Juliette sprach zuerst:

»Wenn ich Journalist wäre wie du ...«

Mit den Augen befragte ich sie, ohne ein Wort.

»Wirklich! Wenn ich die Ehre hätte, im ›Abend‹ zu schreiben und mit einer so aufregenden Geschichte betraut worden wäre, so wüßte ich ganz genau, was ich den Lesern erzählen würde.«

»Und was würdest du sagen, Prophetin?«

»Was ich sagen würde, du beschränkter Mann, ich würde sagen, daß mein Gelehrter, dein Gelehrter, unser Gelehrter ein genialer Kopf ist, ohne eitle Vorurteile, fähig, die Welt umzuwerfen und den Ablauf der menschlichen Schicksale zu verändern. Ich würde hinzufügen, daß vielleicht das Leben und der Tod des Erdballs in seiner Hand liegen, daß er vielleicht auch davon träumt, seine Herrschaft auf das All auszudehnen ... Ich würde ihn zeigen, umringt von treuen und ergebenen Mitarbeitern. Gelehrter und Prophet gleichzeitig. Übermensch, wenn du willst.«

Sie hatte sich erhoben, ganz rot, mit diesen tanzenden Lichtern in den Augen, die mich so tief beunruhigten. Wahrhaftig, ihre Erkenntnisse entwaffneten mich. Ohne Zweifel, überhitzte Fraueneinbildungskraft. Waren aber diese Hypothesen nicht durchaus annehmbar? In diesem Augenblick war ich weit davon entfernt, zu ahnen, wie sehr sie der unbarmherzigen Wirklichkeit entsprachen, und mir schien diese kleine, neckische Puppe von köstlicher Perversität nichts anderes als die herrlichste aller Geliebten, entzückend unschuldig und teuflisch erfahren zugleich.

*

Ungefähr in diesen Tagen, um die Mitte des Monats, erfuhr man einen Vorfall, der in der nicht gedämpften Erregung, die durch so viel Attentate entstanden war, nahezu unbemerkt blieb. Dieser Vorfall jedoch war nur der erste einer großen Serie; und er leitete eine neue Ära verblüffender Begebenheiten ein.

Hier ist er, so wie ich ihn in einer Nummer des »Abend« in der Rubrik »Kleine Zwischenfälle« vorfand, trocken, kurz und bündig:

 

»Herr Abbé Forel, Vikar der Gemeinde von Bourg-les-Dames, ist seit zwei Tagen verschwunden. Man sucht ihn vergebens.«

 

Das war alles, und man muß wohl zugeben, daß es dafür auch genug war. Ein verschwundener Vikar, das ist kein Ereignis, um die öffentliche Meinung mit Besorgnis zu erfüllen. Niemand achtete auf diese drei Zeilen, und ich selbst hätte ihnen keinerlei Aufmerksamkeit geschenkt, wenn ich nicht zwei Tage später den Besuch eines verehrungswürdigen Pfarrers erhalten hätte, der vorgab, Abbé Constant zu heißen.

»Mein Herr,« sagte dieser gesetzte und vierschrötige Kirchenmann, mit einem runden und puppigen Gesicht, in dem das Lächeln zweier kindlicher Augen leuchtete, »ich komme, um mit Ihnen über die Sache Forel zu sprechen.«

»Wie sagten Sie? ... Forel?«

»Der Abbé Forel ist mein Vikar. Sie selbst haben sein Verschwinden angezeigt.«

»Ah! Ja! ... ganz recht ... Herr Abbé! ... jetzt hab' ich's! Wissen Sie was Neues darüber?«

Der brave Priester hob seine beiden kurzen Arme zur Decke.

»Leider, leider! Nicht die geringste Spur. Und ich beginne, ernstlich besorgt zu sein. Denn es sind schon fast fünf Tage her, mein Herr, seit der unglückliche Forel plötzlich verschwunden ist, ohne die mindeste Erklärung ... Was mag ihm geschehen sein? Ich befürchte ein Verbrechen, einen tödlichen Unfall, irgendein Unglück.«

»Herr Pfarrer, Sie haben unrecht, sich so zu beunruhigen ... Ein Vikar ist auch nur ein Mensch ... Wer weiß, ob das alles nicht ein kleiner Streich ... eine Liebelei ... ein kleines Abenteuer ...«

Der Pfarrer Constant warf mir einen wütenden Blick zu.

»Ich kenne den Abbé Forel«, betonte er. »Das war ein strenger Mann, ganz seinen religiösen Pflichten hingegeben ... Er hatte das Fleisch bezwungen ... Die Zaubereien der Frau konnten seiner Seele nichts anhaben ... Ich stehe für ihn ein wie für mich selbst.«

Ich verneigte mich, da ich es nicht für nötig hielt, darauf zu bestehen ... Der Pfarrer fuhr fort:

»Der Abbé Forel verließ mich Montags, wie gewöhnlich, indem er angab, noch einen kleinen Spaziergang vor dem Essen machen zu wollen. Er liebte einsame Wege, andächtige Betrachtungen. Abends, bei Tisch, habe ich mich nicht zu sehr über sein Ausbleiben beunruhigt. Als aber am nächsten Tage keine Nachrichten über ihn da waren, stellte ich schnell Nachforschungen an. Ein Bauer glaubte, ihn in einer von Linden- und Kastanienbäumen gesäumten Allee, die auf die Landstraße nach Paris führt, hinter der Kirche, gesehen zu haben. Er kann es aber nicht bestimmt versichern. Und das ist alles. Mehr weiß ich nicht. Die benachrichtigte Polizei hat sein Zimmer durchsucht. Man hat nichts gefunden ... als seine Bücher und eine nicht vollendete Chronik für die Kirchenzeitung. Mein Herr, es ist furchtbar, daß Menschen so verschwinden können. Ich habe Angst, Herr ... Ich habe Angst ...«

Ich bemühte mich, den braven Mann zu trösten und versprach, in den nächsten Nummern der Zeitung auf diese Angelegenheit zurückzukommen. Dann – soll ich's gestehen – kaum war der Pfarrer fort, hörte ich auf, daran zu denken.

Ich hatte übrigens anderes im Kopf. Der Abbé Forel war nicht der einzige, über dessen Schicksal ich nichts wußte. Juliette, auch sie, blieb unsichtbar. Juliette geruhte nicht, mir ein Lebenszeichen zu geben. Vergessen? Zufall? Ich wütete, weil ich sie nicht wiederfinden, sie nicht erreichen konnte, und vor allem, weil ich es nicht verstanden hatte, von ihr auch nur das geringste über sie zu erfahren. Was wußte ich? Daß sie Juliette hieß; sie hatte mir alles gegeben und mir alles verheimlicht.

An diesem Morgen hatte ich Dienst und saß traurig an meinem Tisch. Gähnte, daß meine Kinnbacken fast aus der Angel gingen. Als der Dichter Coquelicot plötzlich seinen Einzug hielt.

»Was gibt's Neues?« fragte ich, ohne den Kopf zu heben.

»Bah! Nichts ... Ah! Doch ... Ein junger Abbé, der seit drei Tagen verschwunden ist, unauffindbar ...«

»Sie sagen, ein junger Abbé ... Wo denn?«

»Bei Suzy-les-Bois, im Vorort.«

»Das ist merkwürdig ... Das ist der zweite seit einer Woche ... Erinnern Sie sich ... ein Vikar namens Forel, den man noch nicht wiedergefunden hat.«

»Man könnte glauben, sie hätten sich verabredet«, bejahte Coquelicot. »Da schaut ein Weiberrock heraus.«

Die Unterhaltung schweifte ab. In einer Ecke des Büros erzählte der junge Level lachend, daß man auf den Dächern der bedrohten Banken und in allen Etagen Posten aufgestellt hätte ... Die Polizisten, sagte er, wären unzufrieden. Sie befürchteten, in Hypnose zu verfallen, plötzlich, in der Luft, und das Gleichgewicht zu verlieren ... Niemals hätte man gewagt, eine so schwierige und zugleich so tragische Situation auszudenken. Das ist »shakespearisch«, entgegnete Farigoulis, der Autor des Gedichtbandes »Kleine Löckchen«.

Trotzdem – ich mochte sagen, was ich wollte – dieses doppelte Verschwinden in so kurzer Zeitspanne gab mir zu denken. Ich wußte, daß ein geheimnisvolles Gesetz diese Art von Ansteckung verursacht. Wir, die wir in unserer Eigenschaft als Journalisten gewissenhafte Beobachter der kleinen und großen sozialen Begebenheiten sind, haben die Überzeugung, daß zu manchen Zeiten richtige Epidemien dieser Art ausbrechen. Ich bemerkte während vieler Monate ein derartiges Anwachsen der Rubrik »Selbstmorde«, daß ich mich schließlich fragte, ob die Sache nicht in der Luft läge, ob die Häufigkeit der Selbstmorde nicht von einer Form der Neurose herrührte, von irgendeiner unbekannten Bakterie hervorgerufen. Andere Male häuften sich die Keilereien, und die Messerstechereien folgten einander mit mathematischer Pünktlichkeit. Die Flucht junger Priester konnte sehr wohl diesem Phänomen klassischer Wiederholung eingereiht werden. Und dennoch – ich weiß nicht, durch welch seltsame Intuition – brachte ich die Bankeinbrüche mit dem Durchbrennen der Gottesdiener in Verbindung und war von einer Hypothese behext, die ich vergeblich abzuschütteln mich bemühte, weil sie mir so widersinnig erschien. Gegen meinen Willen versuchte ich, diese zwei Kategorien von so verschiedener Art auf ein und dieselbe Ursache zurückzuführen.

Ich muß zugeben, daß in dieser Periode meines Daseins die andauernde und unerträgliche Abwesenheit Juliettes, von der ich doch immerhin heftige Beweise einer ungestümen Leidenschaft erhalten hatte, schrecklich auf meinen Geist und meinen Willen einwirkte. Ich verfiel langsam in eine Art von dunkler Schwermut, verschmähte alle Freuden, floh die Kameraden, wurde unempfindlich allem gegenüber, was nicht mein Leid war. Wahrhaftig, ich litt! Ich wurde durch dieses undefinierbare Gefühl gequält, das man damals Eifersucht nannte. Ah, ja! So um 1935 war man eifersüchtig, was bedeutet, daß man unfähig war, ohne Wut und Schmerz den Gedanken zu ertragen, die geliebte Frau könnte in die Arme eines anderen übergegangen sein – Nebenbuhler nannte man ihn – und ihm die gleiche Liebesglut schenken. Gefährliches und kompliziertes Gefühl, ursprünglich entstanden aus dem Besitz- und Machtinstinkt, das zu den Verblendungen des Wahnsinns und des Verbrechens führte. Man begreift heutzutage nur mit größter Mühe die Offenbarungen dieser ungesunden Leidenschaft, und daß sie in den Herzen derartige Verheerungen anrichten konnte.

Der Mann betrachtete die Frau als sein Eigentum.

Sie gehörte ihm an von Kopf bis zu Fuß und bis in die verborgensten Winkel ihrer Seele. Er spähte in ihren Gedanken, forschte in ihren Träumen. Er quälte sie grausam, indem er sich als Herrscher in ihren geheimsten Erinnerungen und flüchtigsten Versuchungen einnistete. Und das Weib, noch scharfsichtiger als er, gab es ihm wieder – mit Zinseszins.

Eines Abends hatte ich mich wie ein Irrer durch die Reihe der Fahrzeuge gestürzt, die Menge wie eine Feuerkugel spaltend, weil ich geglaubt hatte, Juliette zu erkennen, wie sie auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig ungezwungen einem bartlosen und begeisterten Jüngling den Arm reichte, der ihr sanft etwas ins Ohr flüsterte. Juliette, Juliette! Hatte mich meine Liebe hellsehend gemacht oder war ich nur das Opfer einer Halluzination, einer fixen Idee? Auf dem Bürgersteig stieß ich mit Gruppen von Einfaltspinseln zusammen, die keine Ahnung von dem Drama hatten, das sich in mir abspielte. Ich suchte, aber ohne Erfolg. Das Paar war verschwunden. Mit verkrampftem Herzen, vor Zorn und Hoffnung zugleich bebend, kehrte ich langsam zurück. Und da erkannte ich sie. Sie war es wirklich ... Mit schlaffen Armen, stumpfsinnig, unfähig, die geringste Bewegung zu machen, sah ich sie, sie, Juliette, wie sie sich gewandt und lachend in ein Auto schwang, dessen Tür sich mit einem harten Schlag schloß. Der Wagen machte sich aus dem Staube und verschwand in einer Straße, bevor ich noch genau begriffen hatte, was geschehen war.

Niedergeschmettert setzte ich mich auf die Terrasse eines Cafés. Ach! Weib! Weib! Wesen voll ewiger Falschheit. Abgrund von Hinterlist und Lüge! Ich war so sehr überzeugt gewesen, daß Juliette mir rückhaltlos angehörte, daß es für sie keinen anderen Mann, keinen anderen Liebhaber geben könnte ... Elende Abenteurerin!

Ich glaube wohl, daß ich ganz nah daran war, nicht wieder gutzumachende Dummheiten zu begehen. Ich dachte ernsthaft an den Tod. Glücklicherweise bestehe ich nur aus tatlosem Willen und Einbildungskraft, und es ist selten bei mir, daß die Tat auf den Gedanken folgt. Ohne Ziel durch Paris herumirrend, durchlebte ich eine Fiebernacht und trank dummerweise mehr als nötig. Die Folge davon war äußerste Müdigkeit am nächsten Tag. Ich war physisch zerbrochen, und unter der Last dieser Ermattung schienen mir die Vorfälle, die man mir mitteilte, ohne jedes Interesse.

Sie hatten trotzdem ihre Bedeutung, diese zwei geringfügigen, vermischten Nachrichten, die am gleichen Tag aufgetaucht waren. Es handelte sich um nichts Geringeres als um ein neues doppeltes Verschwinden. Zwei junge Priester entführt oder flüchtig, ohne jede Spur. Vergeblich bemühte sich mein Chefredakteur, mich aufzumuntern.

»Nanu, mein Kleiner, Sie sind ja ganz kopflos seit einigen Tagen ... Geht es Ihnen nicht gut? ... Unglückliche Liebe? ... Bah! Das wird vergehen ... Sie sollten wieder anfangen zu arbeiten.«

Ich zuckte müde die Achseln.

»Aber wirklich ... Schauen Sie ... Sie haben eine blendende Sache ... und gestatten Sie mir, mich vor Ihrem Scharfsinn zu verneigen ... Sie hatten vollkommen recht. Dieses Verschwinden von Priestern ist mehr als seltsam ... Vorwärts, suchen Sie, sehen Sie, machen Sie etwas daraus.«

Ich versprach unbestimmt und ging nach Hause, entschlossen, nichts zu tun. Ich wußte wirklich nicht, wo mir der Kopf stand. Als ich aber an der Loge vorbeikam, rief mir die Portierfrau zu:

»Mein Herr, eine Dame war hier.«

»Eine Dame, sagen Sie?«

»Ja, diese Dame, die ... nun, Sie verstehen, vermutlich Ihre Freundin.«

Juliette. Das Herz hämmerte in meiner Brust. Sie wagte ... Sie wagte, die Heuchlerin. Und ich, der nicht dagewesen war, um sie zu empfangen!

»Sie werden sie wiedersehen«, sagte die Portierfrau; »sie bat mich, den Herrn zu benachrichtigen, er möchte sie zu Hause erwarten.«

Ah, so was! Träumte ich? ... Diese Frau wagte aber allerhand. Es ist ja wahr, sie ahnte nicht, daß ich sie überrascht hatte. Ich hatte aber vor, ihr die Wahrheit zu sagen, und nicht zu knapp! Ah! Sie hatte keine Angst, sich zu zeigen. Na gut! Wir werden sehen ...

Sie trat ein, leicht, ungezwungen, warf mir ein »Guten Tag, Liebster« zu, legte im Handumdrehen ihren Hut ab. Ich betrachtete sie, reglos. Sie prüfte mich mit einem scharfen Blick.

»Was hast du?«

»Ich,« stammelte ich, »nichts ...«

»Wie siehst du bloß aus? ... Du bist doch nicht krank? ... Nun! Worauf wartest du, statt mich zu umarmen?«

Worauf ich wartete? ... Sie umarmen? ... Nun war es an der Zeit, von ihr Rechenschaft zu fordern, sie für ihre Niedertracht zu ohrfeigen ... Ja ... jetzt war es Zeit! Ich öffnete den Mund.

»Juliette!«

Ich fiel ihr zu Füßen, tränenüberströmten Gesichts.

*

»Weißt du,« sagte Juliette, die Augen tiefschwarz, eine Falte auf der Stirn, »ich liebe diese Art von Krisen nicht sehr ... Packt dich das öfters? ... Es schien dir, mich mit einem jungen Mann gesehen zu haben, so behauptest du. Und wenn schon? ... Was für Rechte hast du denn über mich? ... Beanspruchst du, mich gänzlich zu annektieren, Körper und Seele? ... Mein armer Freund ... Guck mich nicht so an, mit diesen Augen eines lutschenden Babys, das nach der Milch seiner Frau Mutter dürstet. Hör' mir lieber zu. Was denkst du denn, was ein Mann für mich ist? Was ist er schon anderes als ein Vergnügungswerkzeug, ein mehr oder minder angenehmer Zeitvertreib. Und wer würde wagen, mir zu verbieten, mein Spielzeug zu wechseln?«

Ihre Stimme hatte einen heiseren Klang, und ihre gespannten Züge verliehen ihr einen seltsam strengen Ausdruck. Es war eine neue Juliette, so weit entfernt und so verschieden von dem kleinen, entzückenden und lachenden Ding, das sich wie ein zitterndes Reh an meine Brust schmiegte. Wie vielfältig das Wesen einer Frau sein kann! Und dann diese Sprache, die ich so gut kannte, die ich so oft aus reizenden Mündern voller Versuchung gehört hatte! Die Rechte der Frau! Ihr Leben leben! Dem Manne gleichen! Herrin ihres Körpers! All diese Torheiten, die stürmisch durch weibliche Stirnen brausten, Heime zerstörten, Dramen entfesselten ...

Juliette hatte sich wieder gefaßt. Sie änderte den Ton; ihre Stimme wurde zärtlicher.

»Großer Dummkopf!«

Mit Worten dieser Art beugt man den Mann. Großer Dummkopf, sagte sie. Ich flüsterte: »Liebste!«

Danach, in der Umarmung, die uns verschmolz, verfolgte mich hartnäckig eine Vision. Ohne Unterlaß sah ich Juliette wieder auf dem Boulevard, am Arm eines anderen, wollüstig und herausfordernd. Dieses Bild schlich sich zwischen uns. Ich versuchte, es zu zerstören, es zu vernichten und umschlang sie noch fester. Immer wieder verdeckte die andere Juliette die, die ich keuchend hielt, unter Küssen, die fast Bisse waren. Wut und Haß mischten sich in mein Deliriumsgestammel.

*

Juliette lächelte, beschwichtigt. Sie sagte von neuem:

»Großer Dummkopf!«

Dann, ohne Übergang:

»Übrigens, was ist denn aus deiner Untersuchung geworden?«

Ich machte eine unbestimmte Bewegung.

»Ich habe so oft an diese Geschichten gedacht«, behauptete sie kopfschüttelnd. »Das ist außerordentlich merkwürdig ... Jetzt entführt man am hellichten Tage Priester, ohne daß man weiß, was aus diesen Unglücklichen geworden ist ...«

»Juliette,« unterbrach ich, »was geht mich dies unerklärliche Verschwinden an. Ich möchte lieber von dir sprechen, alles über dich wissen, was man wissen darf. Kleine, rätselhafte Frau, willst du mir nichts von deinem Geheimnis verraten?«

Sie wurde plötzlich ernst.

»Mein Geheimnis,« sagte sie, »ja, vielleicht habe ich ein Geheimnis. Beruhige dich aber. Bald wirst du alles wissen.«

Der Klang der Worte ließ mich – ich weiß nicht warum – erzittern. Forschend betrachtete ich Juliette. In ihren Augen zuckte ein unruhiges Licht. Sie senkte die Lider.

Kurzes, drückendes Schweigen. Ich träumte von all dem Geheimnisvollen, das dieses betörende Geschöpf umgab. Verdächtigungen, noch völlig unbestimmte Verdächtigungen, stürmten auf mich ein. Beunruhigt fragte sie:

»Woran denkst du denn?«

»Ich,« sagte ich, mich zusammennehmend, »an nichts ... oder vielmehr an viele Sachen ... Dieses Verschwinden, in der Tat ... es ist unerhört ...«

Ich sprach, um meine Verlegenheit zu verbergen, streute Worte um mich, auf gut Glück. Sie aber präzisierte:

»Dieses wiederholte Verschwinden kann, wenn man es mit den Einbrüchen der letzten Zeit in Zusammenhang bringt, alles vollkommen erklären.«

»Ich verstehe nicht recht, wie.«

»Kind! Und dein Gelehrter, dein großer Gelehrter, das Haupt der Einbrecherbande, was ist mit ihm? ... Pass' auf, wir haben als sehr plausibel angenommen, daß diese Persönlichkeit, weil sie viel Geld brauchte, sich ziemlich ungewöhnlicher Methoden bedient hat ... Nun gut, jetzt ist er im Besitz eines riesigen Vermögens. Er kann sich das erforderliche Material kaufen. Wer sagt dir aber, daß dieser Kerl da nicht ausgerechnet menschliches Material braucht?«

Ich fuhr auf.

»Wie? Für seine Experimente?«

»Warum denn nicht? Wenn er wirklich so ist, wie wir ihn uns vorstellen, eine Art von Phänomen, von Genie ohne Glauben, ohne Gesetz, weshalb sollte er dann nicht am lebenden, bebenden Fleisch experimentieren?«

»Wo hast du solche Gedanken aufgegabelt?«

Ich war verblüfft und ein klein wenig entsetzt, aber genau besehen, gab es in dieser Annahme, so ungeheuer sie mir auch schien, nichts Unwahrscheinliches. Denn schließlich, vier junge Priester in einigen Tagen! ... Ich zögerte dennoch, solche Wechsel auf das Unbekannte zu eskomptieren.

In diesem Augenblick rückte Juliette noch näher an mich heran. Durch ihre halb geschlossenen Augenlider leuchteten zwei Flammen. Niemals werde ich diese Minute vergessen. Sie sprach ganz leise, sanft, ihre Lippen auf den meinen, als wollte sie mir ihren Gedanken einhauchen, als sollte ich ihre Überzeugung aufsaugen.

»Überlege. Es gibt in der Geschichte der Menschheit Erzählungen, die Grauen hervorrufen ... Experimente Verblendeter. Wer hindert dich, ich weiß nicht was für eine Transfusionsoperation jungen Blutes anzunehmen? ... Oder barbarische Forschungen im menschlichen Hirn? ... Oder aber, denn alles ist möglich, nicht wahr, einen Fanatiker, der für den Ruhm einer blutigen und grausamen Göttlichkeit arbeitet? Und das ist noch nicht alles. Ich habe irgendwo gelesen, daß es noch Menschenfressersekten gibt ... Nicht etwa, weil diesen Wilden das Menschenfleisch besonders schmeckt, sondern weil sie ihm verjüngende Wirkung nachrühmen. Merkst du nun, worauf ich hinauswill? ... Ich liefere dir das Thema. Suche, mein Lieber, suche und schmücke die Sache aus.«

Ich hatte mich erhoben, von einer fieberhaften Erregung befallen. Meine Absätze schallten durch das Zimmer.

»Das geht nicht ... das ist unsinnig. Nun, wahrhaftig, ich kann nicht solche Dinge schreiben. Man würde mich einen faselnden Feuilletonisten schelten.«

Von neuem ließ Juliette ihr spitzes Lachen flattern, das diesmal seltsam falsch klang.

»Ich, du weißt, wenn ich was sage! ...«

*

Ich verließ sie, recht spät nachts, auf ihr ausdrückliches Versprechen hin, sie würde in der nächsten Woche wiederkommen. Sie hatte sich jedoch energisch geweigert, mir die geringste Einzelheit über ihr Leben anzuvertrauen. Ich war nicht weiter als nach unserer ersten Begegnung.

Teils befriedigt, teils mißgestimmt, blieb ich auf der Straße vor einem Kiosk stehen, um eine Zeitung zu kaufen, die ich ohne Hast, zerstreut, auseinanderfaltete. Kaum war mein Blick auf die erste Seite gefallen, mußte ich einen Schrei der Überraschung unterdrücken. Es flimmerte mir vor den Augen. Ich hatte zunächst diesen Untertitel gelesen:

Schon wieder ein Priester verschwunden.

Darüber, in fetten Großbuchstaben, riesig, flammend, dieser Locktitel, der mich brüllen machte vor Wut:

DIE PRIESTERFRESSER.

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