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Die Verjüngten

Victor Méric: Die Verjüngten - Kapitel 2
Quellenangabe
authorVictor Méric
titleDie Verjüngten
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorEmil Straßberg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180526
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Erster Teil.
Die Alten dürsten!

I

Das Jahr 1935 war reich an seltsamen Ereignissen. Um diese Zeit war ich nahe an die Dreißig, das heißt in dem Alter, in dem man noch nicht reif und vollgepfropft ist mit Erfahrung, aber dennoch die Grenze dieser Jugend überschritten hat, von der Bossuet behauptet, sie wäre vermessen und unbedacht, während ein anderer Weiser meint, sie wäre das Fieber des Verstandes.

Ich halte es nicht für nützlich, Sie ausführlich über meine bescheidene Person zu unterrichten und diese wunderliche Erzählung schwerfällig zu gestalten durch einen Überfluß an müßigen Einzelheiten, die meine Vorfahren betreffen, meine erblichen Belastungen, meine physiologischen Besonderheiten, meine Fähigkeiten und Begabungen, etwa so, wie es in den Romanen des Herrn Honoré de Balzac und einiger seiner bläßlichen Nachahmer geschieht. Im übrigen wäre dies von einer bewundernswerten Banalität. Ein Vater, der sich im Akkord zu Tode abrackerte, in einem Jahrhundert, da man arbeiten mußte, um zu leben, und nicht leben, um zu arbeiten. Der berühmte Krieg, genannt »Der Krieg der Gerechtigkeit und der Zivilisation«, welcher den Unglücklichen, dem ich meine Tage verdanke, vollends zugrunde richtete. Dann die Schule, das Alumnat, die Examina, dieses ganze mühselige, mittelmäßige Leben ohne Freude, ohne Licht. Ich gehe darüber hinweg. Es mag genügen, anzuführen, daß ich, mit einem Titel bewaffnet, den man damals Doktor der Philologie nannte – jedoch aller Barmittel entblößt –, eines schönen Tages schüchtern meine ersten Schritte in den journalistischen Beruf wagte.

Ich hatte mich für den Journalismus entschieden, weil ich fand, daß ich mit genügend scharfer Intelligenz und bemerkenswerter Anpassungsfähigkeit ausgestattet war. Überdies unterlag ich des öfteren gern den Lockungen eines angenehmen Nichtstuns, und durch eine gewisse Amoralität unterstützt, vereinigte ich alle erforderlichen Eigenschaften, um mich in meinem Beruf glänzend durchzusetzen. Trotz allem war ich in Hinsicht auf meine Gaben und Eigenschaften voreingenommen. Es gehört viel Verschrobenheit und Unwissenheit zu einem vollkommenen Journalisten, es gehört aber noch ein anderes dazu, dieses gewisse, mehr oder weniger poetische Etwas, dieses undefinierbare Nichts, das man Talent nennt. Darüber verfügte ich, das können Sie mir wohl glauben, in erheblichem Maße. Andere aber hatten auf dem großen Markt des Zufalls noch mehr Talent gekauft. So daß ich mich auf einer ehrenvollen Stufe hielt – ohne allzu große Vermessenheit.

Und so lebte ich dahin. In diesen fernen Zeiten lag das ganze öffentliche Vermögen in der Hand einer kleinen Minderheit. Das Geld gab ihnen Macht. Die anderen sahen sich gezwungen, mehr oder weniger zu schuften, um ihren einfachen oder besseren Lebensunterhalt zu sichern. Denn damals war man noch nicht darauf gekommen, daß jedes Lebewesen zunächst und vor allem sein natürliches, unverjährbares Recht, sich zu nähren, zu kleiden und zu wohnen ebensogut fordern kann, wie das Recht zu atmen. Wenn ich auf solche Wunderlichkeiten eingehe, die von unseren Geschichtsschreibern lang und breit studiert und beschrieben worden sind, so nur deshalb, um zu den kleinen Begebenheiten zu kommen, die ich eingangs erwähnt habe.

Eines Nachmittags befand ich mich in dem Redaktionszimmer des »Abend«.

Drelin ... drin ... drrrin ... Ah! das Telephon. Hastig ergriff ich den Hörer. Kein Zweifel. Es war Juliette.

»Hallo! ... Ja ... ›Der Abend‹ ... Du bist's? ... Nanu! Sie meinen ... Ah! Du meine Güte! ... Eine dringende Mitteilung ... Ich, ich bin nämlich nicht im Dienst ... ich, wissen Sie, ich gondle hier bloß so 'rum ... Ah! Sie sind's, Tapatou! Gut, ich höre ... Was? ... Das wollen Sie mir weismachen? ... Das ist ja unmöglich ... Die Neulandsbank ... die auch ... Das ist ja ganz verrückt ... Selbstverständlich ... Ich werde den Chef verständigen.«

Ich wandte mich zu den schwatzenden Redakteuren um und errang durch eine gebieterische Geste Aufmerksamkeit:

»Heda! Ihr Leute ... Wißt ihr, was ich soeben erfahre? ... Die Neulandsbank ... Einbruch ... Drei Millionen verdunstet, weggeflogen, verschwunden ... Huschhusch! ... Ein Loch in der Wand ... Ein eingeschläferter Wächter ...«

Tumult im Zimmer. Glucksen, Kläffen, Brüllen ... Das ist aber stark! ... Das ist ja schon das drittemal ... Unerhört! ... Fabelhaft! ... Phantastisch! ... Nestor Coquet, ein alter, dickfälliger, unter Beschimpfungen ergrauter Pamphletist, machte zwei Schritte auf mich zu und sagte mit seiner tiefen Stimme:

»Was für ein herrliches Feuilleton hätte man daraus machen können ... einstmals.«

Er hatte recht, der Altvater ... Als ich bei der Presse anfing, da schrieb man noch. In den Blättern fand man eine Zeitchronik, Echos, »Verschiedenes«, kleine Artikelchen. Man hatte mehrere Rubriken zu versorgen. Man unterzeichnete seine eiligen Schöpfungen, die sich oft durch einen unversiegbaren Schwung hervortaten, und weil man sie eben unterzeichnete, machte man sich zu einer wichtigen Persönlichkeit; man erstieg den Gipfel der Öffentlichkeit, man wurde eine Kanone im Beruf. Heute ist alles ganz anders. Die Zeitungen haben sich in Fabriken verwandelt, die Skribenten in Diener der Druckmaschine ... Ich hatte aber keine Muße, um über die Entwicklung der Sitten und die Niedrigkeit der Menschen zu philosophieren. Der Chefredakteur – der Herr, der über eine furchtbare Macht verfügte – trat gerade ein, die Augenbrauen zusammengezogen, strengen Blickes:

»Was ist los?«

»Eine Nachricht. Man hat in der ›Neulandsbank‹ eingebrochen. Genau so, wie beim ›Unbeschränkten Kredit‹ in der vorigen Woche ... Eine breite Öffnung in der Wand ... Die Geldschränke aufgerissen ... Außerdem ein Wächter in Hypnose.«

»Keine anderen Einzelheiten?«

»Nein.«

»Man muß das so schnell wie möglich besichtigen ... Das ist äußerst interessant. Aber wer; Sie, Farigoulis? ... Nein. Sie taugen ja bloß zum Versespucken, und auch dabei ... Und Sie, Nestor?«

Jetzt noch sehe ich die Ekelgebärde des alten Coquet:

»Das ist nichts für mich! Zu meiner Zeit ...«

»Schon gut, schon gut«, unterbrach der Chef ... »Meiner Seel, mein lieber Doucet« – er wandte sich an meine Wenigkeit –, »ich sehe wohl, nur Sie allein könnten ...«

»Ich habe aber Urlaub ...«

»Das ist mir gleich ... Sie werden an einem andern Tag Ihren Urlaub nehmen. Verstehen Sie denn nicht, daß diese Geschichte unheimlich zu werden beginnt ... Drei unerklärliche Einbrüche in zwei Wochen ... Millionen geraubt ... Wir haben es mit einer organisierten, mit vorzüglichen Werkzeugen versehenen und ausgezeichnet disziplinierten Bande zu tun ... Im übrigen handelt es sich auch darum, sich nicht die Finger dabei zu verbrennen. Daraus können Sie einen fabelhaften ›Sonderbericht‹ fabrizieren ...«

*

Ich verließ das Büro, ziemlich verdrießlich. Draußen, auf den Boulevards, wimmelte in der lauen Mailuft eine ungleichförmige, bunte Menge, aus der die hellen Frauenkleider hervorstachen. Es roch nach Lebenslust, nach dem Rausch des Nichtstuns. Und ich, der auf einen wonnigen Abend mit Juliette gerechnet hatte! Ich tobte innerlich vor Wut, und, ohne mich zu beeilen, näherte ich mich langsamen Schrittes der Rue Bataille, in der sich die Bank befand. Nach und nach wirkten die Straßengeräusche und die Sonne auf mein Gemüt; meine Unlust schwand. Wenn auch mein Abend fehlschlug, so erhielt ich doch schließlich und endlich einen kleinen, guten »Sonderbericht« dafür. Hier muß ich rasch erst beschreiben, wie eine Zeitung im Jahre des Heils 1935 aussah.

In ganz kurzer Zeit hatte die französische Presse unter dem Einfluß amerikanischer Methoden und amerikanischen Geschmacks auf die alten, lieben, teuren Gewohnheiten verzichtet. Sie hatte gründlich alles ausgemerzt, was ihr überflüssig erschien, ich meine alles, was mehr oder minder an Literatur grenzte. Man kümmerte sich nicht mehr um den Stil. Die Kunst des Journalisten bestand darin, im Flug die geringsten Begebenheiten zu erhaschen, in einige Zeilen zusammenzupressen, sie, falls erforderlich, mit einer bedeutungsvollen Überschrift zu versehen. All dies wurde mit Photos und Skizzen verziert. Jedes Blatt war in acht oder neun Spalten eingeteilt, die ebenso vielen Rubriken entsprachen. Nehmen wir beispielsweise die Rubrik: Selbstmorde (21. April 1935). Da stand:

»Junges, siebzehnjähriges Mädchen, blond, verzweifelt, stürzt sich in die Seine. Liebe. Liebe.

Gewisser Jean Siroce, Bankbeamter, jagt sich eine Kugel in die Schläfe. Grund unbekannt.

Portierfrau Adelaide Blanchard, fünfzig Jahre, krank, erhängt sich mit dem Klingelzug. Rechtzeitig abgeschnitten und ins Spital gebracht.

Zwei junge Leute, er fünfundzwanzig, sie neunzehn, vergiften sich mit Gas in einem Hotelzimmer. Zwei Briefe auf dem Tisch geben Aufschluß über ihre Gründe, diese Welt zu verlassen: er wollte ein Kind; sie wollte keins.

Pol Kerrh, ein junger Dichter, konnte keinen Verleger für seinen ideosynthetischen Roman finden. Er vergiftet sich, indem er sein Manuskript verschluckt. Liegt im Sterben.«

Und so weiter, und so weiter.

Die anderen Rubriken waren ähnlich zusammengestellt. Sie betitelten sich: Diebstähle und Einbrüche, Feuersbrünste, Morde, Unfälle, Eifersuchtsdramen ... Die Politik hatte ihre Sonderspalte. Sie enthielt die Sitzungen der Kammer und des Senats mit kurzen Kommentaren, knappe Besprechungen der Gesetzesvorlagen, der Veränderungen und Reden der Minister. Alle Zeitungen erhielten ihre Richtlinien von der Regierung und stützten diese Regierung, wie immer sie auch war. Ich führe noch die Rubriken an, die der Volkswirtschaft, der Wissenschaft und Kunst, dem Sport, den Theatern gewidmet waren ... Bei den letzteren spielte das Inserat eine ausschlaggebende Rolle.

Am wichtigsten war: »Verschiedenes«. Denn es war eine Blütezeit für Attentate, Morde, Diebstähle, Keilereien ... Das damalige soziale Gebilde war auf Besitz aufgebaut. Unter wenigen Fäusten glücklicher Auserwählter seufzte die Menge und wurde so zu Revolten und Verbrechen gereizt. Diejenigen, die sich für die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts besonders interessieren, tun gut, in den Werken unserer Spezialisten nachzuschlagen. Sie werden sehen, daß die Gesellschaft, in der sich meine Jugend entfaltete, Gefängnisse, Zuchthäuser, Festungen an allen Ecken des Landes benötigte, daß sie ein ungeheures Heer von Gendarmen, Schutzleuten, Gefängnisaufsehern unterhielt, um die Verwüstungen des anderen Heeres abzuwenden, das man Verbrecherheer nannte.

Zusammenfassend möchte ich sagen: die Zeitung, die große Zeitung, war wie ein riesiges Bienenhaus, eine Art mächtiger Handelsfirma, diesen ungeheuren Warenhäusern vergleichbar mit ihren Bataillonen verhungerter Angestellter. Um eine Zeitung zu gründen und zu verbreiten, zu entwickeln, brauchte man riesige Kapitalien. Geschäftsleute, Industrielle, Händler, Bankiers lieferten diese unentbehrlichen Mittel und bildeten den Verwaltungsrat, diese geheimnisvolle und gefürchtete Wesenheit, deren Entscheidungen sich im Dunkel vollzogen.

Trotzdem sprach man gern über die Freiheit der Presse, und die Bürger der dritten französischen Republik erklärten sich stets bereit, gegen jeden Versuch einer Zensur zu kämpfen.

Unter diesen Umständen läßt sich leicht ermessen, welchen hehren, dankbaren und gemütlichen Beruf ich ausübte. Aber, wie unsere Zeitgenossen damals um 1935 sagten, man mußte eben leben. »Primum vivere« fügten manche, mit zweifelhaftem Latein behaftete Klugschnacker hinzu.

Dieser »Sonderbericht«, der mir dank der Freigebigkeit meines Chefredakteurs zufiel, würde meinen für gewöhnlich sehr mageren Geldbeutel ein wenig anschwellen lassen. Der »Sonderbericht« war ein gefundenes Fressen; man ließ es nicht jedermann zukommen. Abgesehen von dem ungewöhnlichen Ereignis, das ihn rechtfertigte, war er bedingt durch viele Gaben. Man mußte einen guten Riecher, untrügliche Erfahrung haben und verstehen, den Dingen auf den Grund zu gehen! Ich hatte bereits des öfteren Gelegenheit gehabt, mich mit Erfolg als eine Art von Detektiv in dunklen Affären zu betätigen. Mein Ruf in Journalistenkreisen verschaffte mir viele Vorteile. Unter den »Schnüfflern«, an die man sich in bedeutenden Sachen wandte, war ich der richtige Mann.

*

Ich durchschritt mit Leichtigkeit die dicke Schutzmannskette, die eine vor krankhafter Neugier zitternde Menge zurückhielt. Gelangte in einen der großen Säle der Bank, in der Richter, von Polizisten umrahmt, dem Direktor und seinen Abteilungsleitern gegenüberstanden. Einer Methode treu bleibend, die mich immer zum Ziel geführt hat, schlich ich mich in eine Ecke, um zu horchen. Man erntet viel mehr, wenn man beobachtet und zuhört. Unglücklicherweise brachte das Gespräch dieser Herren nichts Neues.

Hinten im fast leeren Raum konnte ich den Geldschrank wahrnehmen, dessen Metalltür ein Loch, ungefähr in der Form eines schlecht gezeichneten Kreises, aufwies, so groß, daß ein Kind fast hätte durchkriechen können. In der Eingangstür des Gebäudes hatte ich bereits mit raschem Blick eine ähnliche Öffnung, jedoch von größerem Umfang, festgestellt. Durch welches Mittel war es den geheimnisvollen Einbrechern gelungen, ein so widerstandsfähiges Metall zu durchbohren? Die Hypothese des klassischen Sauerstoffgebläses, selbst eines noch so vollkommenen, hielt nicht stand. Ich erinnerte mich an die klugen Schlußfolgerungen des Herrn Professors der Chemie Henriet, des Direktors des städtischen Untersuchungslaboratoriums, die wahrscheinliche Verwendung unbekannter Strahlen mit unberechenbarer Zerstörungskraft betreffend. In diesem Fall – ich hatte die Hypothese dem »Abend« mitgeteilt – hatten wir es nicht mit gemeinen Einbrechern, sondern mit vollkommenen Technikern zu tun, ungewöhnlich gut organisiert und ausgerüstet.

Ich versuchte dem Leiter der Kriminalpolizei irgendeine vertrauliche Mitteilung zu entlocken. Für gewöhnlich empfing er mich mit Wohlwollen und unterzog sich willig meinem Interview. Heute aber trug er eine todernste Miene zur Schau, rollte seine furchtsamen Spürhundaugen von rechts nach links und hörte nicht auf zu wiederholen:

»Donnerwetter, Donnerwetter! Das ist ja eine schöne Geschichte!«

»Nichts gefunden?«

Er machte eine müde Gebärde.

»Was soll ich denn gefunden haben? ... Nichts ... nichts ... Ein Loch ... Dieser Trottel, der döste ... das ist alles ... Donnerwetter! Donnerwetter! Schöne Geschichte!«

Ich wandte mich an den Wächter. Der Leiter der Kriminalpolizei hatte die Wahrheit gesagt. Der »Trottel« erinnerte sich an nichts und war unfähig, zu erklären, warum und wieso er eingeschlafen war. Vergebens drang ich in ihn.

Plötzlich klopfte mir jemand leicht auf die Schulter. Mich umsehend, erkannte ich die lachenden Augen des kleinen Millot von der »Morgendämmerung«.

»Schad' um die Mühe«, sagte er. »Du wirst nicht mehr erfahren. Die Leute, die dieses Ding gedreht haben, sind fabelhaft. Die stecken uns allesamt in die Tasche.«

Ich betrachtete ihn ein wenig mißtrauisch.

»Wirklich, hast du nichts erfahren?«

»Nicht mehr als du ... Soll ich dir meine Meinung sagen? Wir verlieren hier unsere kostbare Zeit. Komm, laß uns auf den Boulevards ein Helles trinken; wir werden überlegen, wie man einen genießbaren Wisch zusammenbraut.«

Ich folgte ihm. Draußen war das Gedränge nicht mehr so groß. Der Abend kam, ein sehr sanfter Abend, in dem sich der Duft der Blumen mit dem der Frauen und dem schimmligen Geruch der Stadt vermischte. Paris nickte ein.

Wir hatten kaum die Schwelle überschritten, als ich hinter mir die wütende, enttäuschte Stimme des Leiters der Kriminalpolizei vernahm:

»Schöne Geschichte! Donnerwetter! Schöne Geschichte!«

*

Als wir uns durch die Menge der Neugierigen hindurchdrängten, plötzlich ein Schrei:

»Robert.«

»Du, du bist es, hier?«

Juliette, lächelnd, errötend, Juliette, die ihre behandschuhte Rechte auf meinen Arm legte und mich mit sich zog, schnell, schnell, mit einer knappen Gebärde, mit einem Blick, einem leichtgeflüsterten »Verzeihung« die dichten Reihen der eigensinnigen Menge auseinanderschiebend. Ich habe es stets bewundert, daß eine Frau sich so leicht einen Weg bahnt und sich durchschlängelt, selbst da, wo der hartnäckigste Mann unterliegt. In wenigen Sekunden waren wir auf dem Bürgersteig, weit weg von den Maulaffen. Sie lächelte glücklich.

»Wie kommst du bloß hierher?«

»Das ist ganz einfach, Lieber. Ich sollte dich anrufen.«

»In der Tat, und ich habe darauf gewartet.«

»Das wußte ich. Na, und da ich mich verspätet hatte, sagte ich mir: ich werde an der Redaktion vorbeigehen. Man wird mir da Auskunft geben, und ich werde dich vielleicht finden können.«

»Hat man dir gesagt ...«

»Ja, ein komischer Kauz ... drollig ... Ein Dichter: Sag' doch, wie heißt er bloß?«

»Farigoulis.«

»Ganz recht. Farigoulis. Welch ulkiger Name ... Er hat mir gesagt, daß du die Sache ›Neulandbank‹ bearbeitest ... Natürlich bin ich da gleich hergerannt. Aber die Angst, dich in dieser Menge nicht zu finden ... Und dann, weißt du, dein Fagri ... dein Faroulis ... dein Dichter nämlich, ach!«

»Ja, und?«

»Nun, dieser Kerl wollte mich nicht fortlassen. Er versicherte mir, es würde mir doch nicht gelingen, dich zu erwischen, und dann wäre es besser, mit ihm den Abend zu verbringen, statt ihn zu verlieren.«

Ich lachte laut auf.

»Dieser Farigoulis! ... Der hat sich vielleicht den Mund fusselig geredet!«

Juliette schnitt eine Grimasse, die Lippen aufeinandergepreßt, die Nase gerümpft, Grübchen in den Wangen. Sicheres, untrügliches Zeichen der Unzufriedenheit.

»Na, und wenn schon! ... Das ist gar nicht zum Lachen ... Es ist nicht der einzige, der um mich 'rumscharwenzelt – und gewiß nicht der erste.«

»Richtig ... sei böse ... ereifere dich ... du bist entzückend.«

Ich dachte nur noch an sie und zog sie fort.

Ich schob meinen Arm unter den ihren. Plötzlich schlug ich mir mit der Faust an die Stirn, wütend.

»Teufel noch mal! Und ich vergaß schon ...«

»Was denn,« fragte Juliette, »was ist denn los?«

»Meinen Artikel, Herrgott nochmal, diesen Wisch! Ich muß den Wisch schreiben. Und Millot, den ich fast habe aufsitzen lassen.«

»Ist das da Millot, dieser Herr?« fragte Juliette.

»Gnädiges Fräulein«, grüßte der Reporter.

»Und der Herr ist Journalist?«

»Zu Ihren Diensten, Gnädigste.«

»Nun denn! Weshalb sollten Sie nicht einmal freundlicherweise seinen Wisch schreiben, als guter Kamerad?«

Sie sagte dies in einem solchen Ton, mit einer so süßen Stimme und mit einem so zauberhaften Lächeln, daß der kleine Millot mich verdutzt anguckte, bereit, fortzugehen.

Und ich begann auf ihn einzureden:

»Warum denn nicht? Wenn du deinen Wisch beendet hast, wird es dir leicht fallen, ihm gewisse Einzelheiten zu entnehmen, sie zu verdrehen, sie umzustellen ... Du kannst schreiben, was du willst ... aber keinen Stuß ... nicht wahr?«

»Oh! Mein Herr,« flötete Juliette, »versprechen Sie, daß Sie es tun werden.«

»Meiner Treu,« erwiderte Millot lachend, »Sie machen es mir unmöglich, nein zu sagen. Einverstanden! Ich werde deinen Artikel zusammenschmieren; ich bringe ihn dir morgen um zehn zu Triboulet.«

»Also, Triboulet, zehn Uhr, morgen.«

*

»Wo führst du mich hin?« fragte Juliette und stützte sich etwas fester auf meinen Arm.

»Nun, zunächst gehen wir einen Schnaps trinken. Das versteht sich von selbst.«

»Gut ... Und essen? Wo denn?«

»Willst du im ›Grauen Kater‹ da oben?«

»In demselben Salon? ...«

»Natürlich.«

»Dann?«

»Dann? ... Theater ... Music-Hall ... und dann Baba machen?«

»Einverstanden!«

Sie drückte sich fester an mich.

Es war ganz genau das fünfte Rendezvous, das mir dieses seltsame Geschöpf gewährte. Ohne es zu merken, begann ich mehr an ihr zu hängen, als für die Ruhe meines Geistes zuträglich war. Bis dahin hatte ich nur vorübergehende, flüchtige Liebschaften gekannt, ohne große Freuden, ohne wirkliches Leid, diese flüchtigen Liebesstunden, die schon am nächsten Tag einen schmutzigen Staub im Herzen zurücklassen. Diesmal aber hatte es mich erwischt – wie man sagt –, ganz toll erwischt. Das Fieber, mit dem ich ungeduldig auf ihren vielversprechenden Anruf wartete, hatte mir gerade an diesem Tage die Diagnose der Krankheit deutlich gezeigt.

Eines Abends hatte ich mich, von Langeweile getrieben, in eine Tanzdiele gewagt. So nannte man gewisse Säle, in denen sich, sobald es Nacht geworden war, Zweifüßler beiderlei Geschlechts, die ihr Gleichgewicht verloren hatten, wüst drängten und beim Klang eines verstimmten Orchesters wackelten, sich die Glieder verrenkten, Grimassen schnitten und schwitzten. Dies nannte man Tanzen. An diesen Stätten war die Choreographie durch Gymnastik und Arithmetik kompliziert worden. Man mußte zählen können. Eins ... zwei ... springen ... zurück ... Eins ... zwei ... drei ... Fuß hoch ... vier ... fünf ... drehen ... Vor allem die Five steps, die Hupa-Hupa, Gisaskas, die Vollas, die Passo-doblos, die Saladéiskas, die Trustustosts, die Grattoskis ... Charleston, Black bottom, Maboultom ... Der heilige Veit überwachte diese inbrünstige Zappelei, die durch Rückenverdrehungen und wollüstiges Wiegen unterbrochen wurde. Und Satan führte den Ball.

Dort traf ich Juliette. Um die Wahrheit zu sagen, sie schien sich hier nicht mehr zu amüsieren wie ich. Eine Prise Konversation, ein Kelch Champagner, und wir waren alte Kameraden. Ach! diese entzückende kleine Frau, am ganzen Körper vibrierend, ohne überflüssige Hypokrisie, Und so wunderlich! Ihre Augäpfel, die manchmal riesig groß wurden, schienen unter dem Schleier der Wimpern irgendein unergründliches Geheimnis zu bergen. Augäpfel von verwirrender Beweglichkeit und so wechselnden Farbtönen, daß sie zwei zitternden Achatsteinen vergleichbar waren. Manchmal, wenn die Begierde in ihr hochflammte, durchzuckten beunruhigende Blitze diese Augen, tief wie Lichtbrunnen. Die Augen der Frau haben stets den Mann gelockt; er erschauert vor dem ewigen Problem, das sich in ihnen spiegelt. Vergeblich forscht man in ihnen. Sie entziehen sich jedem Eindringen. Sie enthalten jedes Versprechen und jeden Verrat. Wenn mein Blick sich mit dem Juliettes verband, ließ meine Einbildung die heißen Augustabende erstehen, da ich, auf dem leichten Sand ausgestreckt, vor dem murmelnden Meer meine Seele in die Himmelsuntiefen schleuderte, durch den Feuerregen der Sterne. Ja, die Augen der Frauen sind Himmelszelte, voller Fallen, in denen die Seele versinkt und sich verliert. Ich wiederholte hauchend ferne Verse, vergessene Verse eines alten Poeten:

Oh! Welch Verlocken, durch schöne
Augen still zu wandern!

Waren sie in Wirklichkeit blau oder grün, diese Augen, die in der Stunde der Verzückung wie dunkelvioletter Samt schimmerten und, wenn Wut sie peitschte, metallhart, mit drohender, zückender Flamme leuchteten? Ich habe gefühlt, wie ihre durchdringende Sanftheit mein ganzes Wesen auflöste. Die Verwüstungen der Leidenschaft entflammten sie; dann glühten sie rötlich, wie zwei Feuerherde. In der Ruhe prägte sich ihr Geheimnis am stärksten aus, so sehr offenbarten sie heiteren Ernst, und ich weiß nicht welch unfaßbares Körnchen von Ironie und Mitleid.

Wie soll ich die Beweglichkeit ihres schlanken Körpers schildern, der leicht durch meine Arme glitt, rosig wie der junge Tag, und die vollendete Süße ihrer Haut? Juliette, Juliette, das ist alles, was ich von dir wußte, die Morgenröte deines Körpers und der Taumel deiner Augen! Was ging mich das andere auch an? Sie hatte mir anvertraut, daß ein alter, biederer Onkel sie als junge Waise aufgenommen hatte; daß dieser Sonderling ihr vollkommene Freiheit ließ, ihre Zeit zu verwenden, wie sie mochte. Hinzugefügt hatte sie, daß sie ihre Muße mit einer Vertretung von Spitzen, feinen Taschentüchern, weiblichen Luxusgegenständen, die für die Angelsachsen bestimmt waren, ausfüllte. Keine weiteren Einzelheiten. Was mehr aber konnte ich von ihr verlangen, als die unschätzbare Gabe ihres bebenden Körpers, wissend um tolle Lüste, geschmeidig in sinnberaubendem Entgleiten? ...

*

Jetzt hielt ich sie rücklings, ihre roten Lippen halb geöffnet wie eine reife Frucht, die Doppelreihe ihrer scharfen, bißbereiten Zähne zeigend. Sie schrie unter meiner Umarmung. Ihr Mund trank den meinen.

Auf diese Weise begann ich meine Untersuchung über die aufsehenerregenden Einbrüche, die die Skandalchronik des Jahres 1935 beschäftigten und die Massen aufreizten.

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