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Die Verjüngten

Victor Méric: Die Verjüngten - Kapitel 14
Quellenangabe
authorVictor Méric
titleDie Verjüngten
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorEmil Straßberg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180526
projectid9003ad11
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V

Jetzt komme ich zum Ende. Ich werde keine Zeile mehr schreiben, sobald ich meine letzte Unterredung mit Ugolin hier notiert habe. Mag dann dieses unzusammenhängende Manuskript, in dem es von Fehlern und Versäumnissen wimmelt und das ich in den Stunden des Fiebers, der Verzweiflung, der düsteren Bitterkeit auf gut Glück zusammengefügt habe, wandern, wohin es will. Um so schlimmer, wenn die neuen Menschen mir nicht glauben wollen. Ich weiß wohl, daß ich nicht geträumt habe, und daß schon wieder einmal Prometheus fiel, besiegt. Ich weiß es. Und bevor die Stunde, die ich jetzt voraussehe, schlägt, in der ich unter weichen Eiderdaunen in der Abgeschiedenheit des großen Schlafes versinken werde, nehme ich, ein wenig lustig, an den Vorspielen einer neuen Revolution teil.

Man kann nichts Dauerhaftes aufrichten. Die Menschen nehmen fortwährend das, was andere Menschen gemacht haben, auseinander. Was sie Fortschritt nennen, ist nichts als eine lange Folge von Sprüngen nach vorn und nach rückwärts. Es wird wieder Junge geben, die die Alten ins Grab drängen werden. Es wird wieder Alte geben, die den Jungen den Weg versperren werden.

Nein, nichts Ewiges, nichts Beständiges. Alles ist eitel. (Die Heilige Schrift hat bereits etwas Ähnliches kundgetan). Das Leben ist eine Herausforderung an die Logik. (Wer, Teufel, hat das aber gesagt?) Und das Merkwürdigste, das Erstaunlichste, wenn ich so schreiben darf, ist, daß in jedem Augenblick sich Erleuchtete finden, die sich die besondere Aufgabe anmaßen, durch göttliche Vollmacht oder gestützt auf wissenschaftliche Vorschriften die festgesetzte Ordnung umzustürzen, das Glück ihrer Mitmenschen zu verfolgen, ihre besondere Auffassung einer scheinbaren Gerechtigkeit und oberflächlichen Wahrheit aufzuzwingen.

Jawohl! Das ugolinische Experiment ist überzeugend. Ein Federstrich über die verwelkten Jahre. Das ist vorbei, vorbei. Der kleine Alte liegt da, zusammengekrümmt, auf seinem Lager. Ein Fetzen. Ich sehe ihn wieder in seinem kleinen Haus in Meudon, hochtrabend redend, erklärend, kommentierend, höhnend. Was bleibt von seinem glühenden Genie? Ich habe ein armes, zu Tode verwundetes Tier vor mir, mit leeren Lidern. Man glaube aber nicht, daß er von seiner gefürchteten Geschwätzigkeit und von seinem reichen Verstand etwas eingebüßt hätte. Hört ihn:

»Meine Freunde,« sagt er, »meine einzigen wahren Freunde, ich erliege meiner Aufgabe. Habe ich mich getäuscht? Man müßte alles von neuem beginnen. Gewiß, der Grundsatz, den ich aufgestellt habe, bleibt in all seiner Strenge. Der Zweck der Natur kann nichts anderes sein als die Verewigung, und wenn das Leben von einem Individuum zum anderen im Zickzack läuft, in einem verdrießlichen Wiederbeginnen, so geschieht es durch ein Versehen der Natur. Man hätte aber nur das wahre Geheimnis der Unsterblichkeit finden müssen und nicht dieses System vergeblicher Übertünchung, bei dem ich leichtfertig stehengeblieben bin. Wißt ihr, wohin ich in Wirklichkeit gelangt bin? Nur ganz einfach dahin, das Leben zu strecken. Versteht ihr? Ich nahm es und dehnte es wie ein Gummiband, verzweifelt. Man hätte den Gummi nicht loslassen dürfen. Aber durch welches Mittel?«

Wir sind etwa ein Dutzend rings um Ugolin, die nicht ein Krümchen von dieser Art von Testament verlieren. Da ist Potrel, der nicht mehr sieht, Schutzler, dem es sehr, sehr schlecht geht, und Neer, unbeugsam, und einige andere von den Unvergänglichen.

Alle schweigen, gebrochen von einer heftigen Erregung, in die sich Angst mischt, die dumpfe Angst um das Morgen. Und sie spannen ihre ganze Aufmerksamkeit an, besorgt, nichts von den letzten Worten des Meisters zu verlieren.

»Ich habe mich getäuscht«, wiederholt Ugolin. »Ich habe mich getäuscht ... Alles, was mir nahezu gelang, war, das Leben zu verlängern in seinen aufeinanderfolgenden Perioden. Jetzt weiß ich. Seht euch die schöne Arbeit an; bei jeder Erneuerung erlangt der Mensch Jugend. Das erlaubt ihm, die unvermeidlichen Stadien seines Daseins zu verlängern. Er bleibt länger jung; er vermeidet aber nicht die Periode des Alters, die gleichfalls verlängert wird. Früher, vor unserem Eingreifen, dauerte sie nur einige Jahre. Nur einige Jahre, denen es an Freude mangelte. Jetzt, dank unserem wiederholten Loskauf, kann es sich nahezu auf ein Jahrhundert erstrecken. Das ist alles, was wir gewonnen haben.«

Er stützt sich auf einen Ellenbogen, stöhnend. Ich strecke meinen Hals vor, voll einer gefräßigen Neugier, und versuche, diese rätselhafte Physiognomie zu entziffern, der das Licht fehlt. Es ist ein mageres Gesicht der Verzweiflung, das sich meinen Blicken bietet, ein Gesicht, das wie vernarbt ist, in dem die Ängste tiefe Rillen geschnitten haben, wie Vitriol. Da sind auch die Hustenanfälle, dieses schauerliche Knirschen. Von neuem habe ich das Gefühl, als wäre ich in dem Keller von Meudon; als hätte ich mich nicht fortgerührt von diesem düsteren Ort, an dem der kleine Herr Huler, genannt Ugolin, seinen langweiligen Vortrag über die Zwischendrüsen, die Hormone, die edlen Zellen, die Ionen und die Elektronen fortsetzen würde. Ich spähe um mich, um zu sehen, ob der lange Ciron sich nicht aufrichten wird mit seinem starren Gesicht, um seinem Meister zu widersprechen. Ich begegne dem kalten, aufmerksamen Blick Neers. Seine Lider klappern.

»Das Alter,« fängt Ugolin wieder an, »das Alter und sein Gefolge von Mängeln, von unvermeidlichen Krankheiten, seine Schwächen und Leiden, seine Fehler, seine Widerwärtigkeiten, das ist es, was wir verewigt haben, verlängert ... Ich habe die Rechnung gemacht. Als ich meine ersten Experimente unternahm, war ich dreiundachtzig Jahre alt; heute bin ich an meinem zweihundertvierundzwanzigsten Lebensjahr angelangt, und mein Alter hat erst angefangen. Ich habe mehr als ein Jahrhundert kräftiger Jugend in voller Frische errungen, im Glanz meines Verstandes. Jetzt ist der Augenblick gekommen, zu zahlen. Ein Jahrhundert krankhaften und abstoßenden Alters, voller Gebrechen, zernagt von Besessenheiten, ist mir vorbehalten, um zu büßen. Ich sage: büßen. Denn ich hab' zuviel Vertrauen zu mir gehabt; ich hätte noch suchen müssen, suchen ... Denn es gibt etwas anderes ... ein anderes. Und mein Fehler ist riesig. Unverzeihlich. Ach! ach! (Er lacht höhnisch.) Ich wollte die Menschheit emporheben, durch die Drüsen. Das ist mein Fehler ... Man kommt nicht sehr weit, wenn man sich auf Niederes stützt.«

Diese Erklärung verwirrt mich. Was ist in Ugolins Geist vor sich gegangen?

»Bei meinem ersten Anfall war ich vor Überraschung erschlagen. Ich dachte an einen Unfall. Seither aber? Rings um mich ... fühlte ich, wie der Neid sich rührte. So eine Stelle kriegt man nicht alle Tage, nicht wahr? Sich in der Wissenschaftlichen Dreieinigkeit festsetzen, auf dem Sessel Ugolins, des Verbrauchten, Erledigten, Verurteilten, welch Traum! Und welche Dummheit! Denn ich hatte Zeit gehabt, nachzudenken, und, während meine Sehkraft schwand, wurde meine Vision immer klarer, immer schärfer. Die Stelle Ugolins? Ach geht! Wenn Alexander stirbt, zerstreuen sich seine Generale und verlieren das Reich. Wie aber sollten sie sehen, was ich sah? Sehen Sie selbst es denn? Haben Sie sich dem Tod gegenüber befunden, so wie ich ihn betrachtet habe, mit seinem traurigen und brüderlichen Gesicht? Ach, der Tod! Sie fahren fort, ihn zu fliehen, ihn zu fürchten. Sie stoßen ihn von sich ... Und er öffnet seine wohltätigen Arme.«

Ein langer, zerreißender Hustenanfall. Ugolin bewegt seine knochigen Finger, als wollte er uns den anderen zeigen, den Schweigsamen, den, den er so lange siegreich bekämpft hat und mit dem er soeben Frieden geschlossen hat.

»Ich habe ihn gesehen, sage ich euch. Er hat nichts gemein mit diesen schauderhaften Karikaturen, die ihn entfleischt, mit durchbohrten Augenhöhlen, darstellen. Er ist der Bruder. Er ist der Vater. Er sprach mit mir. Er sagte mir, hört, was er mir sagte: ›Weshalb mich zurückweisen? Sie werden notwendigerweise zu mir kommen, wenn die Müdigkeit sich Ihrer bemächtigen wird. Am Ende klopft man immer an meine Tür. Ich bin der gute, gastfreie Wirt, ohne Groll. Wenn ich nicht da wäre, um die Verletzungen zu verbinden, um die Schmerzen zu lindern, die Wunden zu waschen, das große Bett der Ruhe vorzubereiten, was würde aus euch armseligen Wesen werden, die dem fortwährenden Leben geweiht sind? Und vor allem ist mir diese Anziehungskraft auf die Herzen und die Seelen eigen: das Geheimnis. Ich sporne den Unglückseligen, der aus Fleisch gebaut und von Empfindlichkeit gezeichnet ist, zum Traum an, der erleichtert, der tröstet. Ich bin der, der leben hilft. Ohne mich gibt es nichts als das Leben, das sich durchwindet durch das Labyrinth der Ewigkeit, das heißt, eine andere Form des Todes, des Todes ohne Ruhe, des Todes, den man fühlt, des Todes, den man weiß. Kind, aus Stolz geknetet, verzichte an meinem Busen. Was gehen dich die Geschöpfe an – diese vorübergehenden Zusammensetzungen blinder Elemente – die Gewissen beanspruchen, weil sie undeutlich manche ungenaue Zusammenhänge zwischen den Dingen wahrnehmen! ... ‹ Und wie wahr er sprach, wie wahr er sprach! ... Ich habe mich zu seinen Füßen geworfen und ihn gebeten, mir zu verzeihen.«

Eine schmerzhafte Unruhe bewegt mich, während er spricht. Ist das wirklich Ugolin, den ich höre? Ugolin? Herr Nihil? Ja, der Mann, der da hochtrabend redet, ist immer der gleiche. Er hat nichts von seiner Sicherheit eingebüßt.

»Der Tod«, sagt er mit einer feierlichen Stimme, »ist der wahre Schlaf, ohne Alpdruck, der vollkommene Friede ohne Risse. Wie konnten wir ihn fürchten? Denn wir haben ihn verjagt, von uns entfernt, und jetzt haben wir nicht mehr die Kraft, uns in seine Arme zu werfen. Ich sehe euch bereits, armselige Ewige, zerfallen durch Abnutzung, gebrochen in einer heillosen Entartung, mit erloschenem Willen, den Tod bittend, euch zu befreien, die Geste nicht wagend, die erlöst.

Ich sehe, ich sehe noch mehr. Wir sind noch einige Hundert junge Alte auf dem Planeten. Wir haben alles besiegt, alles erobert; die Rassen und der Raum beugen sich unserem Gesetz. Wir sind aber die Beute des eisigen Alters. Und wir haben die Heftigkeit und die Energie verlernt. Wir streben nach dem Tod. Er lacht uns aus. Er ruft uns zu: ›Kommt doch mich erobern und mich verdienen.‹ O Unglück! Wir können nicht mehr, wir verstehen nicht mehr zu sterben.«

Ugolin fährt fort:

»Ich habe mit ihm einen Pakt geschlossen. Er erwartet mich zur Stunde, die ich gewählt habe. Wir haben ein Stelldichein. Nur, bevor ich gehe, will ich die Dinge hier ordnen.«

Er unterbricht sich einen Augenblick, in einem bleischweren Schweigen, in dem brennende Ströme von Angst sich schlängeln.

»Ihr müßt zunächst zugeben, daß es unser größter Irrtum, mein Irrtum, war, den Menschen, diesen verachtungswürdigen Zweifüßler, als den Endzweck der Anstrengungen der Natur anzusehen, der in sich alle Möglichkeiten, zu werden, enthält. Der Mensch aber ist nur ein Versuch wie viele andere, und ein verfehlter Versuch. Er wird nicht weiterkommen. Er ist beschränkt in seinen Möglichkeiten, beschwert durch seine Fleischnahrung. Seine Art ist festgenagelt wie ein Schmetterling an die Wand und nicht geeignet für unbegrenzte Entwicklung. Mit einer erheiternden Eitelkeit erklärt er sich als das Endziel und letzte Wort der Schöpfung, und er glaubt das, was er sagt, weil er einige geringfügige Geheimnisse ausgebrochen hat aus dem großen Korb des sichtbaren Alls. Dieses All erblickt er übrigens nur durch seine sehr primitiven Sinne oder baut es mit seiner ausschweifenden Einbildungskraft auf. Die Einbildungskraft aber ist das Ergebnis von Empfindungen und Eindrücken, die nicht in ihm sind, und seine Sinne werden durch die Außenwelt bestimmt. Weiter. Ich bin im Zuge, euch einen Vortrag zu halten, wie ehemals. Ich frage euch ganz einfach: warum wollt ihr, daß es nicht außerhalb des Menschen, auf anderen Ebenen, die uns unerreichbar sind, Wesen geben soll, die ein anders geartetes Leben leben sollen, die aus einem Stoff gebaut sind, der unserer Wahrnehmung entgeht, und die fähig sind, uns zu beobachten, und uns mit Verachtung zu verfolgen in unserem schmutzigen Gebaren. Die Natur hat als einziges Objekt nicht dieses haltlose Insekt gehabt: den Menschen. Sie hat ihre Antennen auch nach anderer Richtung gespannt. Die Wesen, die ich meine – es scheint mir, daß ich sie rings um mich sehe, durch mich fließend und durchdringend, die Schwere und unsere sinnlosen mathematischen Gesetze nicht ahnend. Sie sind reine Geister. Seht in dieser Hypothese vor allem keinerlei Mystik. Das Leben in all seinen Formen, mit all seinen Überraschungen, schließt nicht im mindesten das Nichts aus, diesen Ausdruck des Alls.«

Ich fange an, mir zu sagen, daß der kleine Alte uns mißbraucht. Wenn er sich auch verteidigt, keinen Vortrag zu halten. Ich bin soeben plötzlich unterwegs nach Meudon gewesen und stehe zitternd vor drei wissenschaftberauschten Auguren, abstoßend und düster. Und ich lächle Juliette zu, der Verräterin, der Giftmischerin, die daran schuld ist, daß ich in diese Höhle geworfen wurde. Ohne sie wäre ich weit fort, oder vielleicht wäre ich wiedergekommen, in neuer Haut. Man muß auf diesen Erdball wiederkommen, von Zeit zu Zeit, wie man auf Ferien geht, periodisch.

»Ich habe geglaubt,« fängt Ugolin wieder an, »den Weisen aller Weisen um Rat fragen zu müssen, denjenigen, der sich vereinsamt, und der immer unsere Beschäftigungen zu verachten schien, den Repräsentanten einer alten Rasse von Betrachtern, den Alten aller Alten, Tu-Tsin-Fu. Ich rief ihn wie einen Bruder. Und er hat mich eingeweiht. Er hat mich gelehrt, daß es noch etwas anderes gibt. Etwas anderes, fühlt ihr das? Aber laßt mich euch fragen. Hat irgendeiner jemals diesen Gelben sich erneuern sehen, nach unserer Methode, mit Hilfe des Messers und der Drüsenübertragung? Überflüssig, zu antworten. Tu-Tsin-Fu hat sein Verfahren, das niemand ihm entreißen konnte, und das er mir verraten hat. Er verachtet unsere Viehoperationen. Er erntet die Jugend, die er braucht, durch elegantere Mittel. Haltet euch fest, meine Freunde, und überzeugt euch, daß meine Vernunft noch ganz ist. Tu-Tsin-Fu saugt die Kraft, die Energie, die Vernunft, mit einem Wort, die Seele seiner Mitmenschen auf, durch die Augen. Er stellt den Patienten vor sich hin, frei, und nur mit Hilfe seines Blickes, dem nichts widersteht, unterwirft er ihn. Der andere versucht vergeblich, sich zu wehren. Er muß der magnetischen Kraft nachgeben. Nach und nach, seinen ganzen Willen in den Augen geballt, zieht der alte Gelbe die lebende Substanz seines hypnotisierten Opfers zu sich, dessen Geist wie ein Vogel flattert. Und er trinkt ihn, er trinkt ihn ... Was meint ihr, welchen Wert unsere Erneuerungen ohne Tragweite für ihn haben, für diesen Seelenschlucker, der nach seinem Schlangenmahl nur ausgetrocknete Überreste zurückläßt? Unglücklicherweise hat diese Methode einen sehr ernsten Nachteil. Tu-Tsin-Fu ist gezwungen, oft wieder anzufangen, zu oft, fast jede Woche. Er hat seit Beginn – und wer weiß, vielleicht noch vorher – eine unberechenbare Zahl von jungen Leuten vertilgt. Dies ohne Lärm, ohne sich um das Schicksal der menschlichen Gesellschaften, die er grausam verachtet, zu kümmern ...«

Was kracht in meinem Kopf? Eine Welle des Entsetzens kommt über mich. Ich frage mich, ob diese ganze Geschichte sich wirklich nicht in einem Irrenhaus abspielt, und ob ich selbst ... Ich drehe mich zu den anderen um. Neer ist aschfahl, und seine Finger zittern. Meine Augen begegnen den seinen. Kurzer Blitz. Seine Lider schließen sich.

»Dann, dann,« ertönt Ugolins Stimme, »wozu sollte ich mich entschließen? Dies hatte ich nicht gewollt, ihr wißt es. Man will niemals das, was sich an Unvorhergesehenem, Unvorstellbarem ereignet, trotzdem es in der Logik dessen, was man erdacht und vorbereitet hat, liegt. Man scheitert aber vor dem Nichtwiedergutzumachenden. Die Eroberung des Lebens stürzt zusammen in dieser herzlosen Absorbierung! Dann mein Fehlschlag, die Blindheit, die plötzlich kam und uns alle bedrohte, die Blindheit, die einer ganzen Skala von unheilbaren Leiden voranging, mit der Angst, der furchtbaren Angst vor dem Tode am Ende. Ach nein! Eher sich befreien, solange es noch Zeit ist. Eher gehen, solange der Verstand unberührt ist. Bevor man sich aber zum großen Untertauchen entscheidet, auch die anderen befreien ...«

Er steht fast aufrecht in seinem Bett, und in seinen Augen, in denen das Licht erloschen ist, glitzert ein Schimmer.

»Ja, die anderen befreien, die, die kommen, unsere Kinder ... Ihnen ihr Gewissen wiedergeben, ihre freie Willensbestimmung, von der sie den Gebrauch machen sollen, der ihnen zusagt. Und ich habe beschlossen, sie zu unterrichten, sie zu bewaffnen, sie zunächst zu schützen. Daher die Entführungen. Die Geschichte wiederholt sich. Mein lieber Doucet ...«

Er sucht mich und ruft mich, mit seinem zugemauerten Blick. Ich nähere mich.

»Ich habe Ihnen ehemals viel Kummer zugefügt. Das Schicksal will es, daß ich Ihnen von neuem Schmerz bereite. Was wollen Sie aber? Ich hatte keine Wahl. Ich habe wie das andere Mal mit Hilfe des Weibes ...«

Ein Röcheln entsteigt meiner Kehle.

»Judith!«

»Ja, Judith, Ihre Gemahlin ... diejenige, die Sie lieben, wie Sie Juliette geliebt haben. Alle beide haben Sie verraten, was nur natürlich ist.«

»Die Dirne!«

»Schweigen Sie! Judith hatte mehr als eine Entschuldigung, eine Rechtfertigung. Denn sie ist nicht nur das Weib ...«

»Was wollen Sie damit sagen?«

Er läßt sich Zeit und sagt mit eindrucksvoller Sanftheit:

»Sie ist die Mutter.«

Das Wort fällt auf meine Erregung wie ein Kübel Eis. Judith, die Mutter ... die Mutter meiner Kinder ... und das Weib des Wüterichs. Sie hat ihre Brut gegen mich verteidigt. Ich klappe zusammen, vernichtet.

»Durch das Weib konnte ich die Entführungen bewerkstelligen. Ihr habt diese Kinder hartnäckig gesucht, aber ohne Erfolg. Sie lebten fröhlich auf einer Insel des Stillen Ozeans, durch mich unsichtbar gemacht. Ich habe die Wellen um sie getrübt, das Licht zerstört, die Klänge erstickt. Unmöglich, sie zu finden. Und sie haben alles, was ihnen, um ihre Rache durchzuführen und ihre Zukunft zu sichern, nützlich sein konnte, gelernt. Sie können sich zeigen. Die Welt gehört ihnen. Deshalb habe ich Judith gestattet, zu sprechen.«

Neer macht einen Schritt vorwärts und fragt, brutal:

»Warum den anderen das Bett wärmen?«

»Warum?« versetzt Ugolin mit einem leichten Lachen, »weil ich vermutlichen Nachfolgern, die sich der eroberten Allmacht nur zu persönlichen Absichten bedienen würden, den Weg versperren will. Sie kennen sie, zum Teufel! Diese unfruchtbaren Ehrgeizigen! Dann, weil ich weiß – ein Irrtum ist unmöglich –, daß wir alle dahin kommen; wir, die Ältesten, zuerst; ihr, die letzten, die in die Elite aufgenommen worden sind, danach. Die Verewigung hat als Folge eine lange Periode des Verfalls und die schließliche Auflösung. Muß man es also erwarten, daß wir alle dahin gelangen werden? Kämpfen? Ich kann nicht mehr. Man müßte alles von vorne anfangen. Die Weisheit und die Vernunft legen ein Mea culpa auf, ernsthaft und voller Folgen. Legen wir die Führung des sozialen Lastwagens in berufenere Hände.«

Er sinkt erschöpft in seine Decken und endet mit ferner, geschwächter Stimme:

»Schließlich habe ich mich nur zur Hälfte getäuscht. Meine Revolution wird Spuren hinterlassen. Jede Revolution düngt ihren Mist. Aber sie treibt wunderbare Blüten. Man wird von uns alles nehmen, was zu nehmen sein wird, ohne die unvermeidlichen Übertreibungen zu berücksichtigen. Der verjüngte Mensch, befreit von seinen erblichen Belastungen, von den materiellen Schlingen, dem niederdrückenden Schlendrian, den widerwärtigen Vorurteilen, den niedrigen Leidenschaften ... Und man wird vor allem die menschliche Eitelkeit ermessen haben. Es gehört nicht viel dazu, den Teufel zu ärgern. Man kann, was man kann. Immerhin, das wäre eine gewonnene Lebenserfahrung.«

Er hüstelt mühevoll, krümmt sich. Ich höre ihn kaum:

»Laßt mich allein. Fast alles ist bereits gesagt. Die Jungen werden kommen, die wahren Jungen, die nichts von unserer schmutzigen Vergangenheit in sich haben, und die wir nach unseren Träumen geformt haben. Die Jungen, die Jungen, unsere Herren ...«

Er sagt noch:

»Ach! Wenn ich wirklich jung wäre, würde ich die Welt fressen.«

Mit dem Zeigefinger weist er auf die Tür.

*

Die Jungen! Die Jungen! Kaum bin ich Ugolin entwichen, mit schwerem Kopf, als ein ohrenbetäubender Lärm mich empfängt. Neer war mir gefolgt, die Stirn von störrischen Falten übersät. Die von weißen und rosa Häusern eingefaßten Straßen, die für gewöhnlich von Stille wattiert waren, sind voller Lärm. Massen von Neutriden haben sich versammelt. Schon? Neer sagt mir:

»Sie wissen.«

Sie wissen, und sie blicken nach oben. Und im sehr klaren Himmel zeichnet sich eine Flottille von Schiffen ab. Sie steigen mit einer ungeheuren Geschwindigkeit auf uns nieder. Plötzlich, ein Donnerschlag. Ich zittere. Ich erkenne dieses Geräusch, vergessen, fern, aus einer anderen Zeit. Eine heftige Detonation. Explosionen, die zurückprallen. Bomben. Die Jungen haben die Verfahren von ehemals wieder aufgenommen. Den Methoden des zwanzigsten Jahrhunderts etwas entlehnt. Sie haben die Waffen der Ahnen wiederauferstehen lassen. Sie stürzen sich auf das Palais der Dreieinigkeit der Wissenschaft.

Ich will nichts sehen, ich will nichts wissen. Ich schleppe Neer fort, der mir zuflüstert:

»Das ist der Anfang vom Ende.«

Wir durchschneiden die Menge der Neutriden, die sich immer mehr und mehr verstärkt. Die Unglücklichen erheben ihre Arme gen Himmel, als ob sie ihre Befreiung erhofften. Ich schiebe sie mit Widerwillen beiseite. Feigheit von Sklaven. Und immerzu der gleiche Ruf: die Jungen! die Jungen! Ich laufe, bestürzt. Ich verkrieche mich in die Behaglichkeit von Meudon. Neer ist auf seinem Selbstflieger fortgeflogen. Ich suche Judith. Ich brauche Judith. Sie allein wird mir gestatten, mich in meinen Gedanken wieder zurechtzufinden. Sie hat gesiegt. Ich verlange nichts anderes, als mich ihr zu Füßen zu werfen. Judith ist aber nicht da. Da schließe ich mich in mein Arbeitszimmer ein und warte: ich warte auf die Neuigkeiten, die nicht säumen werden, zu mir zu dringen.

*

Die Neuigkeiten? Ach! Das ging schnell. Durch den plötzlichen Einfall der Jungen aus dem Gleichgewicht gebracht, organisierte der Große Kreis schwachen Widerstand. Das Palais war von den delirierenden Neutriden belagert. Man wollte den Überstrahl gegen die Flugzeuge anwenden, die Stürme von Feuer und Eisen aussandten. Der Überstrahl brach gegen eine stärkere Kraft, die ihn direkt auf die Sendeposten zurückbog. Die Alten verloren ihr kaltes Blut. Eine Delegation wurde zu Ugolin gesandt.

Als die Delegation wiederkam, war alles erledigt. Das Palais der Dreieinigkeit war in Händen der Jungen, und die Mitglieder der Elite, gefoltert durch eine unbesiegbare Angst, flohen nach allen Seiten, verstört. Sie verstopften sich die Ohren, um den Heidenlärm der Explosionen nicht mehr zu hören. Ein grauenhafter Lärm durchlief die Reihen, erscholl weithin: Ugolin ist tot! Ugolin ist tot! Der kleine, wunderbare Alte, dessen Genie das All und die natürlichen Gesetze verändert hatte, war gegangen, ohne einen Gruß, ohne ein Wort ... im selbstgewollten Augenblick.

Ugolin fort. Das Ende. Das Ende! ...

Und der Tod! Komm, Bruder, wir müssen ein wenig an den Sensenmann denken. Sterben, es handelt sich um Sterben, Ewiger! Aber diese Aussicht ängstigt mich nicht mehr. Ich habe genug. Ich habe zu lange gelebt, zu lange, für das, was des Lebens Wert ist. Und Sterben, das ist eine Art von Wiederverjüngung.

*

Immerhin, hier ist eine Gesellschaft, die das Feld räumt. Was wird daraus werden? Für den Augenblick vollzieht es sich genau so wie das vorige Mal. Aufrufe an die Neutriden und die Sterilisierten, Freiheitsversprechungen, Versprechungen von Sicherheit, Wohlleben. Haß und Drohungen rings um die gefallenen Herren. Hinrichtungen. Ich muß aber feststellen, daß die Revolutionen, was Schnelligkeit und Schmiß anbelangt, gewonnen haben. Die neuen Jungen haben das Zauberkunststück mit erstaunlicher Fingerfertigkeit durchgeführt. Nur, Ugolin stand dahinter. Auch das ist noch das Werk Ugolins. Ugolin. Immer Ugolin.

Drei Tage habe ich mich geduldet, mich fragend, ohne die geringste Unruhe, was mit mir, dem jungen Alten, geschehen würde. Eine Bewegung im Hause zog mich aus meiner Andacht. Ich hörte Stimmen. Ich stieß eine Tür auf. Und fiel um vor Überraschung. Judith war da, fast in Ekstase, zu Füßen eines jungen Mannes, der ihr die Stirn streichelte. Der Mann hob den Kopf: es war Simon.

Simon. Mein Sohn: Der Sieger. Der Führer der jungen Aufrührer. Er erhebt sich in voll aufgeblühter Jugend, wirklicher Jugend, nicht diese getünchte Jugend, diese Talmi-Jugend. Welch Feuer in den Augen! Welche großartige und heitere Macht! Ich wage nicht, vorzutreten. Er ist es, der zu mir kommt, lachend, mich umarmt, mir ins Ohr raunt:

»Beruhigen Sie sich, mein Vater. Sie werden leben ... Sie werden leben und Sie werden sterben! ...«

Judith lächelt unter Tränen.

Leb' wohl, Ugolin! Lebewohl, Meister! Auch du bist jetzt ein Zweig der Vergangenheit. Morgen werde ich dich beweinen. Ich sehe nur noch Simon. Er steht aufrecht, immerfort lächelnd. Er gibt Befehle. Man bringt Schriftstücke, Werkzeuge, Flaschen ...

»Das sind die Geheimnisse und die sonderbaren Formeln Ugolins«, erklärt Simon. »Ich stelle sie sorgfältig an einen sicheren Ort.«

»Was gedenkst du aber damit anzufangen?«

Er wirft seiner Mutter einen flüchtigen Blick zu und sagt mit gedämpfter Stimme:

»Ich weiß noch nicht ... vielleicht wird man's noch brauchen ... später!«

Später? ...

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