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Die Verjüngten

Victor Méric: Die Verjüngten - Kapitel 12
Quellenangabe
authorVictor Méric
titleDie Verjüngten
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorEmil Straßberg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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III

Die Vorfälle, die sich nachher ereigneten, hatten nichts mehr mit der revolutionären Bewegung gemein. Paris schien von einem plötzlichen epileptischen Anfall befangen zu sein. Die Hauptstadt war wie ein riesiger, kochender Topf, aus dem alle krankhaften Ausdünstungen irrsinniger Angst und Abschweifung entströmten. Was vor allem trotz der polizeilichen Aktivität und des proletarischen Terrors diese fieberhafte Krise bestimmte, war der erwartete und befürchtete Eingriff Ugolins einerseits, andererseits der plötzliche Abbruch der Beziehungen aller Staaten.

Ugolin hatte den Sturm ohne ein Zeichen vorbeiziehen lassen. Kaum aber schien sich die Erregung gelegt zu haben, um den Anzeichen einer neuen Ordnung zu weichen, als Ugolin sich entschloß, ein Wort dreinzureden. Eine lange Botschaft erreichte Bordeaux und Paris gleichzeitig. Der Meister kündigte an, daß die Regierung der Elite nahte. Er befahl die vollkommene Unterwerfung unter seinen Befehl und das sofortige Aufhören der Feindseligkeiten unter der Bevölkerung. Keine bürgerliche Reaktion mehr. Keine sozialen Forderungen mehr. Die Wissenschaft allein sollte von nun ab die Geschicke der Menschen leiten. Und er erklärte zynisch, daß die Greise, die im Besitz des phantastischen Geheimnisses der Verewigung wären, das Universum beherrschen wollten. Diese Botschaften lösten bei einigen zermalmende Niedergeschlagenheit aus; bei den anderen spornten sie den Haß an, einen mörderischen Haß.

Banden erhoben sich. Es waren kleine Jungen, die sich unter der Fahne: »Bis fünfundzwanzig Jahre« scharten und die Hetze gegen die Alten beschlossen. Im Anfang begnügten sie sich, die Straßen und die Boulevards zu durchschreiten und zu brüllen: »Nieder mit Ugolin! Nieder die Alten!« und alle bejahrten Männer, denen sie begegneten, zu beschimpfen. Die Polizei ließ sie gewähren. Die entwaffnete Regierung, die hauptsächlich auf die Jugend und ihren kommunistischen Schwung rechnete, um sich zu festigen, hütete sich wohlweislich einzugreifen. Bald aber gingen die »Bis fünfundzwanzig Jahre« dazu über, die Alten zu belästigen und anzugreifen. Durch einige Widerstände außer sich geraten, begannen sie alsdann zu morden. Fast überall las man Leichen mit weißen Haaren auf, von denen einige gräßlich verstümmelt waren. Das Leitmotiv wurde: Krieg den Alten! Da gruppierten sich die Alten nun ihrerseits, um sich zu verteidigen. Es gab blutige Zusammenstöße. Väter gegen Söhne! Der Bürgerkrieg erstand wieder unter verändertem Aussehen. Es waren nicht mehr die Klassen, die sich bekriegten, sondern die Alter und die Generationen. Der Krieg der Jungen gegen die Alten! Seltsame Sache. Die Männer von vierzig Jahren teilten sich in zwei Lager: die einen nahmen Partei für die Älteren, die anderen für die Jüngeren.

Die seltsamsten Legenden, die schlimmsten Lügennachrichten wurden weitergegeben, unter die Leute gebracht, man wußte nicht wie. Man sagte, daß Ugolin, der sich auf Mont-Saint-Michel zurückgezogen hatte und von dort aus seine Botschaften sandte, ein Langlebigkeits-Elixier fabrizierte, daß man entweder in Form von Pillen schluckte oder in flüssiger Form einnahm. Eine englische Gesellschaft wurde mit riesigen Kapitalien gegründet, zum Zwecke, die Erfindungen Ugolins auszubeuten. Indessen kam eine neue Botschaft, die die Dinge zum Reifen brachte und das Pulver entzündete. Man wußte genau, was Ugolin wollte: Die unmenschliche und sonderbare Verwendung junger, gesunder und kräftiger Leute zum Nutzen von Greisen, die von Altersschwäche gezeichnet waren; die Beseitigung von schwächlichen, kränklichen Individuen, die erblich belastet waren ... Das Ganze, um eine neue Gesellschaft zu formen, die keine anderen Regeln als diejenigen der Hygiene kennen und in der der Gelehrte Herrscher sein sollte. Keine Kriege mehr, rief Ugolin, keine unnützen Morde mehr! Keine schmutzigen Gefängnisse wie Fabriken, Ateliers, riesige Magazine, in denen unter dem Bleigesetz der Arbeit Armeen von Geopferten krepierten. Die Menschen würden leben und ihr Dasein auf diesem Globus unter der wohlwollenden Überwachung der Wissenschaft vollenden. Ugolin würde Papst und König sein und seine höchste Macht im Geistigen und im Zeitlichen ausüben. Im übrigen keine Götter mehr. Die Kirchen, die Tempel, die Synagogen, all die finsteren Lokale für Gebete, für Litaneien, für mystische Narreteien würden geschlossen oder zerstört werden. Das Geld für immer abgeschafft. Das aber, was skandalös, unsinnig, unannehmbar erschien, war die Art, in der Ugolin das Geschick der Frau festlegen wollte.

Ich hatte damit gerechnet, erklärte der gefährliche und rätselhafte Menschenfreund, genau so wie beim Manne auch eine periodische Verjüngung bei der Frau vorzunehmen. Gewisse Zwischenfälle und eine tiefere Kenntnis des weiblichen Wesens haben mich dazu gebracht, meine Pläne zu ändern. Die Frau wird auf normale Weise geboren werden und sterben, ohne sonstige Veränderung in ihrem Lebenslauf, als daß sie sich dem »Freiwilligen Verschwinden« unterwerfen muß. Sobald sie für die Liebe ungeeignet wird, sobald sie nicht mehr die Begierde erweckt, sobald sie sich als unfähig erweist, die Sinnesfreude zu entfachen, zu gebären, wird sie verurteilt; sie wird ohne Schmerz heiter, ruhig erlöschen, wenn ihre Zeit gekommen ist. So wird die alte Frau nach und nach aus der Gesellschaft von morgen ausgerottet sein. Das nicht nur, um die Hinterlist und die Perfidie unserer teuren Schwestern zu bestrafen, sondern vor allem, um die endgültige, absolute Herrschaft des Mannes zu sichern. Die Frau wird von nun ab nichts anderes als Vergnügungsobjekt sein, Vorwand zur Wollust und Fortpflanzung. Und ihre Aufgabe wird trotz allem großartig bleiben.

Der neue Herr fügte wohl hinzu, daß die Frau, während ihres kurzen Daseins, alle Freiheiten genießen solle, daß sie nach ihrem Gutdünken über ihren Körper verfügen könne, ohne die mindeste Sorge um die verfallenen und grotesken moralischen Begriffe, die die menschliche Dummheit erfunden hat. Dieser von dem weiberfeindlichen Monstrum auferlegte Zwang, im Augenblick, da die weiblichen Reize welken, zu verzichten, erschien allen, besonders aber den Frauen, unerträglich. Die alten Schachteln fühlten sich sofort bedroht; die reifen Frauen heulten und versicherten – wie die junge Gefangene des Gedichts –, sie wollten noch nicht sterben. Anerkannte Frauenrechtlerinnen, die sich meist direkt betroffen fühlten, vollführten einen Teufelstanz. Es gab ein Element der Unordnung mehr. Meuten von Furien richteten sich auf, rotteten sich an allen Straßenecken zusammen, predigten den heiligen Krieg gegen die Männer und warfen in ihrer Rache junge und alte zusammen.

Kampf der Alter! Kampf der Geschlechter! Man erfuhr, daß von einem Ende Frankreichs bis zum anderen dieser unsinnige Kampf tobte. Haufen von zerzausten, wutberauschten Weibern durcheilten die Straßen und griffen wild die Soldaten an. Andere verschanzten sich in Kirchen, verbrachten ihre Tage und ihre Nächte mit Gebeten. In Paris aber gab es nur Raufereien, Keilereien, Revolten. Die Regierung der Kommune, vollkommen entwaffnet, wußte nicht, wo zuerst anpacken. Sie hatte alles vorausgesehen, den Widerstand des Bürgertums, die Notwendigkeit der Arbeiterdisziplin, den Terror, alles, nur nicht diesen wütenden Haßausbruch, diese Raserei des Mordens. Es gelang ihr dennoch, einige Kräfte zu bewahren; unter Strömen von Blut einige Ordnung wiederherzustellen. In diesem unvorhergesehenen Chaos, in diesem tollen Durcheinander, wo man Frauen sehen konnte, die gegen ihre Männer, Söhne, die gegen ihre Väter vorgingen, begann unglücklicherweise der Kampf in einer noch verabscheuungswürdigeren Form von neuem. Die Produktion war auf Null gesunken. Niemand arbeitete. Niemand produzierte. Die Hungersnot hielt ihren Einzug! Der Bauch führte Krieg. Man stritt sich mit Messerstichen, mit Faustschlägen, mit Bissen um ein Stück schimmligen Brotes, um ein Stück halbverfaulten Fleisches. Die Menschen, zur Bestialität der Urzeiten zurückgekehrt, ermordeten einander, um leben zu können.

In diesem Augenblick, da die zivilisierten Zweifüßler in die erniedrigendste Vertiertheit zurücksanken, rückten feindliche Armeen vor.

Die revolutionäre Regierung wandte sich an das Volk, trompetete die heilige Pflicht der »Proletarischen Verteidigung«, errichtete auf den öffentlichen Plätzen Altäre, ähnlich denjenigen der großen bürgerlichen Revolution. Aber es waren nur wenige, die auf diese höchsten Notschreie antworteten. Die jungen Leute weigerten sich unter dem Vorwand, daß immer sie es waren, die die Kosten zu tragen hatten, während die Alten, die schon in die Faulbütte gehörten, allen Gefahren entgingen. Die Arbeiter behaupteten, daß sie unter den anderen Arbeitern jenseits der Grenzen keine Feinde hätten, ohne wahrzunehmen, daß die gleichen Arbeiter, sobald sie Uniform angezogen hatten, sich in Haudegen verwandelten, und daß nichts dem brutalen, tötenden Vieh so nahe kommt wie der friedfertige Arbeiter, der von sozialer Befreiung und allgemeiner Verbrüderung träumt.

Das führte schnell zur Auflösung. Jeder dachte nur an sein kostbares Fell, und die Drückebergerei nahm phantastische Ausmaße an. Der Höhepunkt aber war das Erscheinen Benito I., des römischen Imperators, des erbärmlichsten Tyrannen dieser Zeiten, der unter dem Vorwand, Korsika, Nizza und Savoyen zurückerobern zu wollen, sich in Erwartung eines Besseren auf die Seite der Feinde schlug. Zu gleicher Zeit willigte England, das um seine Hegemonie besorgt war, darin ein, Frankreich zu unterstützen und ihm auch etwas Geld zu borgen unter Berücksichtigung eines günstigen Kurses und reichlicher Zinseszinsen. Und schnell stürzten sich alle europäischen Nationen in den Wirrwarr.

Europa wurde in einen blutigen Ozean verwandelt. Der Mord wurde zum Gesetz der Welt.

*

Das dauerte kaum einige Wochen. Die Werkzeuge der Zerstörung hatten eine so fabelhafte Vollkommenheit erreicht, daß die Kämpfe grausam todbringend waren. Überall Gemetzel. Schließlich lehnten sich die Soldaten verzweifelt gegen diejenigen auf, die ihnen befahlen, töteten ihre Führer. Sie verstreuten sich in die Städte und über das Land, wie zu Zeiten der mittelalterlichen Freikorps, Brot erbettelnd, den Besitz zerstörend, Frauen vergewaltigend, jeden tötend, der sich ihren Wünschen entgegensetzte. Ekelhafter Triumph einer entfesselten Soldateska, die von nichts anderem als den schmutzigsten Instinkten geleitet war.

Wie soll man aber die Wechselfälle dieses unwahrscheinlichen und ekelerregenden Epos schildern? Blut, Blut! Vertierte Mengen, in dunkles Entsetzen gedrängt. Verheerende Epidemien. Die Tünche der Zivilisation zerplatzt. Wenn ich hier die einzelnen Phasen dieses unsagbaren Alpdrucks festhalten wollte, müßte ich meine Feder in – ich weiß nicht welche – verpestete Tinte tauchen. Um alles zu sagen: die Wut und der Wahnsinn hielten die Menschheit an der Kehle gepackt.

Da geschah es, daß Ugolin, der Gott Ugolin, sich am Himmel zeigte. Er tauchte eines Nachts auf, über dem Schlachthof Paris, an der Spitze einer Flottille von leichten und schnellen Flugzeugen. Der Überstrahl begann zu wirken; die armen Stadtteile, die Ställe, die Wanzenlöcher, die Schabenkisten zerbarsten unter der Wirkung des rächenden Fluidums. Und gleichzeitig gab der Meister seine Befehle. Er trieb die Mengen zu den Wohnungen der Reichen, zu den Palais, den Hotels, und seine Kommandos, die auf die Stadt regneten, befahlen: An die Arbeit!

Was von halborganisierten Truppen übrigblieb, floh über die Grenzen. Man dachte nicht mehr an den überflüssig gewordenen Krieg. In Bordeaux gab es noch den Schatten einer Regierung. Sie demissionierte untertänigst. Und die Ära der Organisation begann.

Ich fühle mich gezwungen, die Erzählung dieser unglaublichen Verwandlung, dieser Verwandlung, an der gemessen die tiefsten Umstürze der Geschichte wie Kinderspiele wirkten, einfach zu skizzieren. Ich konnte sie übrigens nur von weither verfolgen. Eines Abends, als ich, vom allgemeinen Delirium angesteckt, ohne Zweck durch die Straßen strich, richtete sich plötzlich ein Schatten hinter mir auf. Er machte ein gebietendes Zeichen, warf mich in einen Wagen und von da in ein Flugzeug. Einige Stunden später war ich auf dem Mont-Saint-Michel Ugolin gegenüber. Der kleine Alte hielt sich aufrecht, verklärt, mit ruhigem Gesicht, mit strahlenden Augen. Sein ganzes Wesen atmete majestätische Kraft aus, strömte über von Jugend. Er sagte mit gewaltiger Sanftmut:

»Wir nähern uns dem Ziel. Die neue Welt wird auf dem Dung der anderen aufblühen.«

Ich falte die Hände.

»Meister, es gibt Unmengen von Männern, von Frauen, von Kindern, die wie wütende Wölfe sind.«

»Ich weiß,« sagt er nebenhin, »ich weiß. Sollen sie krepieren. Es muß sein. Zuviel Abfall vergiftet die Menschheit, die sich zum Leben erhebt. Machen wir reinen Tisch.«

Er fügte hinzu:

»Man hat Ihnen eine harte Prüfung auferlegt. Sie haben Ruhe nötig. Gehen Sie.«

Man steckte mich einsam in ein Zimmer. Später erfuhr ich, daß ich zwei volle Tage geschlafen hatte. Als ich die Sonne wiedersah, befragte ich einen der Männer, die die Aufgabe hatten, mich zu bewachen.

»Sie werden je nach Maßgabe auf dem laufenden gehalten werden. Bleiben Sie friedlich.«

Nach und nach, in der Ruhe und der Heiterkeit des Mont-Saint-Michel, weitab von den blutigen Orgien, die ich gerade miterlebt hatte, erholte ich mich. Es wurde mir gestattet, im Freien spazierenzugehen. Das Meer breitete sich vor meinen Blicken aus, ruhig und teilnahmsvoll. Weiße und rosa Tierchen stritten sich auf den Kämmen der Wogen. Traumhafte Lieblichkeit. Meine ruhelose Einbildungskraft raste mit Schnellzugsgeschwindigkeit. Was machten die Menschen, meine Mitmenschen? Was geschah mit der Welt?

Was geschah? Sie stürzte zusammen, ganz einfach. In den Hauptstädten, in den großen Städten, besaß Ugolin Helfershelfer, die ihn in seiner Arbeit der sozialen Chirurgie unterstützten. Ganze Stadtteile wurden dem Erdboden gleichgemacht. Haufen von Individuen wurden angeworben, denen man Auskommen und Bleibe sicherte, und die sich in eifrige Diener des Herrschers verwandelten. Die Intellektuellen, die Techniker, die Künstler schlossen sich zu allererst an. Was die Arbeiter anbelangt, die nichts zu verlieren hatten, so nahmen sie die ihnen auferlegte Arbeit mit einem gewissen Fatalismus an. Die sich entgegenstellten, waren die entrechteten Herren, die Geldleute, die Gesetzesleute, die Priester, die Militärs ... Für sie bedeutete Ugolins Sieg das Ende.

Nach einem zwischen den kämpfenden Nationen geschlossenen Waffenstillstand wurde vereinbart, daß der entscheidende Angriff gegen Ugolin stattfinden sollte. Schwärme von Schiffen, Torpedoboote, Kampfflugzeuge wurden gegen den Mont-Saint-Michel losgelassen. Die große Schlacht wurde geschlagen. Der Ausgang war aber vorherzusehen! Man nahm an einer verstärkten Wiederholung des Vorfalls in Meudon teil. Weder die Bomben, noch die Torpedos, noch die Granaten konnten ihr Ziel erreichen; sie wurden durch einen undurchdringlichen Widerstand glatt gebrochen. Gleichzeitig ließen die Flugzeuge Ugolins ganz hoch vom Himmel ein Flammenmeer über den Feind fallen, arbeiteten unausgesetzt mit dem Überstrahl. In wenigen Stunden war alles in Staub verwandelt. Man fand nicht einen einzigen Überlebenden, nicht die geringsten Trümmer.

Diese Einzelheiten sind in unseren Geschichtswerken nicht genau erwähnt. Das Volk der Neutriden und Sterilisierten weiß nicht alles. Man lehrt sie bloß, daß es ehemals einen furchtbaren Krieg zwischen der Wissenschaft und der Barbarei gab, und daß, zum größten Glück der Menschheit, die Gelehrten siegten. Es weiß gleichfalls nicht, daß diejenigen, die es leiten, sich verewigen, indem sie periodisch Existenzen aufsaugen. Für diese armen Wesen hat es immer Unsterbliche gegeben, die einen Zweig der menschlichen Familie für sich bilden und wie Götter sind. Ugolin hat es so angeordnet. Nur die Eingeweihten kennen die Wahrheit. Es gibt aber furchtbare Geheimnisse, die das Monopol der Zwölf bleiben, und andere, noch unzugänglichere, die von den gefürchteten Propheten der Wissenschaftlichen Dreieinigkeit eifersüchtig gehütet werden.

Ich, der inmitten der Begebenheiten diesen überspannten Roman gelebt hat, ich fühle wohl, daß es ein sinnloses Unterfangen ist, die einzelnen Kapitel wiederherzustellen. Die Periode des Tastens dauerte fast ein halbes Jahrhundert. Ugolin begann mit der systematischen Eroberung des alten Europa. In allen Gemeinden und in allen Vierteln der großen Städte setzte er seine Komitees von »Vigilanten« ein, deren Aufgabe darauf beschränkt war, die Individuen zu beobachten und die Beseitigung eines jeden, der erblicher Übel verdächtigt wurde, anzuordnen. Die weniger Kranken wurden sterilisiert; ihre Fortpflanzung unmöglich gemacht. Das hinderte sie nicht im mindesten, die Lüste kennenzulernen.

Die Neugeborenen wurden durch die Vigilantenmeister einer genauen Untersuchung unterzogen, die Kränklichen unerbittlich geopfert. Die anderen sahen sich, obwohl sie kräftig und gesund waren, einer kleinen Operation unterzogen, die aus zwei Stichen am Nacken und in der Leistengegend bestand, und die ihre Leistungsfähigkeit und physische Kraft nicht im mindesten verkleinerte, aber endgültig jede Entwicklungsmöglichkeit in ihnen verhinderte. Sie waren neutralisiert. Ugolin verurteilte sie, sich zu vermehren, ohne daß sie neue Eigenschaften erwerben konnten. Der Neutrid blieb ständig sich selbst gleich; es war eine festgelegte Rasse.

Ich habe mich hartnäckig bemüht, die Formel der Spritzen, die den Neutriden verabfolgt wurden, zu entdecken. Die drei weigerten sich, sie preiszugeben. Im Großen Kreis tuschelte man, daß es sich um eine Zusammensetzung von Gehirngiften handelte, in der sich das besonders präparierte Gift gewisser Reptilien mischte. Niemand aber hatte Gewißheit darüber.

Der Große Kreis hatte sich fortlaufend erweitert. Ugolin bereicherte ihn mit allen wirklichen Gelehrten und hellsehenden Geistern, die er entdecken konnte. Sie bildeten die ugolinische Verwaltung, überwachten die Hygiene der Städte, führten die Gesellschaft, die sich in eine Art von Gestüt verwandelt hatte. Sie kontrollierten die Geburten, formten die Zukunft der Kinder, trieben die Frauen zum vollkommenen »Verzicht«. Denn nach der von Ugolin aufgestellten Forderung mußte die Frau im gefährlichen Alter einwilligen, zu verschwinden. Sie kam in eines der Laboratorien, genannt die der Ewigkeit, und einige Minuten später trat sie die große Reise an, in der Form einer unmerklichen Wolke. Die willkürlich miteinander verbundenen Elemente, die ihre Seele ausmachten, schwebten auf der Suche nach neuen ungesunden Verbindungen.

*

Jahre und Jahre kämpfte Ugolin gegen den Moder eines besiegten Jahrhunderts. Der alte Kontinent beugte sich ziemlich rasch unter sein Zepter. Er unterwarf Persien, China, Japan, die afrikanischen Kolonien. Dann wandte er sich Amerika zu. Er betrachtete die Neue Welt, wie man sie damals nannte, als den Zufluchtsort der Barbarei, durch eine bis aufs Äußerste getriebene, gewissenverschlingende Mechanisierung entwickelt. In diesen Gegenden war das Individuum nur der Sklave der Maschine und Liebediener des Dollar. Ugolin erschöpfte sich in der Bändigung dieses Utilitarismus, in den sich unerwarteter- und seltsamerweise lächerlicher Aberglaube und die gröbsten Fanatismen mischten. Es gab gewaltige Blutbäder. Ugolin ging mit den Kindern der Vereinigten Staaten um wie mit einfachen Indianern.

Dreiviertel Jahrhundert schwanden dahin. Ich durchlebe wieder diese Vergangenheit, die sich unter Aufständen, Kämpfen, Unterdrückungen, Leid und Trauer auflöst. Mein Geist lichtet sich. Düstere Beschwörungen! Die Städte wurden zerdrückt, wie Schnecken unter dem Absatz des Wanderers. Der Tod, dem man das Handwerk legen wollte, schmauste nach Herzenslust, bevor er die Waffen streckte.

Dreiviertel Jahrhundert! Die Welt war nahezu besiegt. Ugolin und sein Gelehrtenheer hatten sich einer dreifachen Aufgabe zugewendet: Verjüngung der Individuen, Beseitigung der Maschine, Zerstörung der Städte. Der Mensch wurde von der Geburt bis zu seinem Ende das Opfer des Chirurgen, der ihn zum Experimentierfeld machte, ihn mit Arzeneien überhäufte, ihn mit seinem Messer von Kopf bis Fuß bearbeitete. Vierzig Jahre nach der ugolinischen Revolution ereignete sich das, was wir das große Turnier der Ärzte nannten. Das war unbeschreiblich und stellte fast den Sieg und die Herrschaft der Jung-Alten in Frage.

Die Ärzte bildeten die Haupttruppe Ugolins und wurden von Chemikern unterstützt. Ihre hauptsächlichste Beschäftigung, die einzige Aufgabe, die sie verfolgten, war – wie sie selbst sagten – die Reinigung des menschlichen Individuums. Sie reinigten es auf solche Weise, daß fast nichts mehr übrigblieb. Der Doktor Bell-Uhr aus Chicago wollte die Gedärme erforschen und begann, nach den Theorien Metschnikoffs, sie ihres Bakteriengehalts zu befreien. Tausende von Unglücklichen wurden mit dem verschiedenartigsten Zeug vollgestopft; man begegnete nur noch traurigen Überbleibseln ohne Kraft und ohne Mut, flachgedrückt, ächzend, leidend wie Verurteilte. Währenddessen behauptete der Doktor Korusko aus der Tschechoslowakei, daß man die Bäuche nicht reinigen sollte, indem man sie wie Schornsteine fegte, sondern daß man sie öffnen müßte, um das Innere zu desinfizieren. Und der Professor Bille aus Montelimar erdachte das Verfahren, sie mit einer sehr feinen, in Ameisensäure getauchten Klinge abzuschaben.

Der Doktor Polpol aus Paris kam darauf, daß alle Krankheiten durch Spritzen in die Nase zu heilen waren. Er ging, wie er sagte, den Knollen auf den Leib. Bei der mindesten Neuralgie, beim geringsten Schmerz, schwupp, ein Stich in die Nase. Der Nasenansatz leuchtete in allen Farben. Die Nasen schwollen an, wechselten undefinierbare Farben, sahen grotesk und bejammernswert aus. Der Professor Morton aus Liverpool erhob sich ungestüm gegen diese Praktiken und erklärte, daß die Handfläche der wirkliche Sitz der Empfindlichkeit wäre. Der Doktor Pougeol aus Carcassonne griff seinerseits ein, um die Fußsohle zu rühmen.

Diese Dispute dauerten lange. Eine Gruppe von Ärzten tat sich zusammen und erklärte, daß es unumgänglich notwendig wäre, das Individuum in einer luftleeren Glocke zu internieren, in die man ein besonderes Produkt einführte, das aus starken Dosen Jod und Chlor zusammengesetzt war. Diese Behandlungsweise hatte zur Folge, daß alles Schädliche aus dem Organismus herausgepumpt und das Blut gründlich gereinigt wurde. Sie hatte eine unberechenbare Anzahl von Opfern zur Folge. Eine andere Gruppe, nicht weniger überzeugt als die erste, versicherte, daß man unbedingt ein Übel durch das andere bekämpfen müßte. Den Schnupfenkranken wurde die Pestmikrobe eingeimpft. Allen, die an Halsweh litten, flößte man den Choleraerreger ein. Auf diese Weise heilt die Pest den Schnupfen, die Diphtherie die Pest, die Grippe die Diphtherie, die Syphilis die Grippe, die Tuberkulose die Syphilis, der Krebs die Tuberkulose, die Bronchitis den Krebs, die Ruhr die Bronchitis ... Die Hühneraugen heilten Zahnweh, und das Zahnweh heilte die Hühneraugen. Phänomene wurden bekannt, die alle Krankheitsvarietäten sammelten, in dem sie eine durch die andere vertrieben, und die – nach dem, was ihre Pfleger sagten – auf unlogische Weise an Erkältung starben.

Diese miteinander wetteifernden Schulen griffen sich, voll finsterer Wut, an, mit Thesenhieben, mit Demonstrationen, Experimenten, Rapporten. Es gab die Sekte der »Auspumper« und diejenige der »Bazillentreiber«. Außerdem die Eklektiker, die auf jeden Fall alle Systeme anwandten! Was die Opfer anbelangt, ob krank oder nicht, so war ihr Schicksal im voraus besiegelt. Die Todesbrüderschaft richtete in einigen Jahren fast ebenso viele Verheerungen an wie der Überstrahl. Ugolin, der diese eitlen Streite satt hatte, mußte eingreifen und gab bekannt, daß man in Zukunft die Untertanen nur nach seinen Anweisungen behandeln und pflegen dürfe. Aufruhrversuche kamen vor. Der Doktor Triturant, der sich besonders auszeichnete, wurde gefaßt und ins Laboratorium der Ewigkeit geworfen! Dieses Beispiel genügte, um die Widerspenstigen zur Ordnung zu rufen.

*

Die Mechanisierung überlebte den Sieg der Alten nicht lange. Die Entdeckung der Strahlen, die bis dahin unbekannt waren, verdrängte den Dampf, die Kohle, das Erdöl ... Die Hüttenwerke, die Eisenbahnen, die Fabriken, die Bergwerke verschwanden! Das Laboratorium nistete sich überall ein.

Dank der unbekannten Kräfte, über die Ugolin verfügte, nahm die menschliche Industrie einen unerwarteten Aufschwung. Der Mensch war nicht mehr, wie ehemals, die Hilfskraft der Maschine; er entwickelte sich rapide zum aufmerksamen und bewußten Überwacher der Dinge. Das Handwerk wurde selten, und der Angestellte (man sagte nicht mehr der Arbeiter) erfreute sich reichlicher Muße. Er dachte nicht mehr daran, sich zu beklagen. Einige Stunden Beaufsichtigung täglich, und seine Arbeit war beendet. Danach konnte er in aller Ruhe seinen eigenen Beschäftigungen nachgehen, sich Arbeiten zuwenden, die er selbst auswählte, oder Spielen. War es das soziale Paradies? Nein, denn unter den Neutriden und Sterilisierten gab es in den untersten Schichten Kohorten von Sklaven für die unumgänglich notwendigen niederen Arbeiten. Diese waren aus den minderwertigen Rassen gewählt, die man seelenruhig in ihrer filzigen Unwissenheit fortwursteln ließ, und die man mit dem Namen »Fleischfresser« bezeichnete.

Man muß wissen, daß Ugolin langsam aus der Nahrungsweise seiner Mitlebenden alles beseitigt hatte, was Tierfleisch war. Die Chemie stand der Küche vor. Trotz allem entging das eßbare Vieh seinem Schicksal nicht, eine wissenschaftliche Zubereitung veränderte aber seine Erzeugnisse und Nebenerzeugnisse, die man unter den verschiedenartigsten Formen und in einer solchen Weise auftischte, daß es schwierig war, ihre Herkunft festzustellen. Die Abfälle blieben das Monopol der tötenden und wegräumend-fleischfressenden Sklaven, der Exkremente der Gesellschaft. Diese fleischfressenden Sklaven waren die Wunde der neuen Welt. Ugolin behauptete aber, daß es keinen Sozialkörper ohne niedrige Zellen gäbe.

Es geschieht recht oft – man hat's gesehen –, daß ich zurückgreife. Wenn man sich auch verjüngt, eine neue Haut bekommt, so hört man doch immer den alten Mann hindurch. Schon wieder einmal beschwöre ich die kindlichen Forderungen meiner Zeitgenossen vom Jahre 1935. Die Maschine dem Arbeiter! Die Leitung und die Verwaltung der Industrie in die Hände der Proletarier! Kindische Utopien. Heutzutage gibt es kein Proletariat mehr. Das soziale Leben benötigt diese ausgedehnten, rauchenden und erzitternden Fabrikanhäufungen nicht, in denen so viele Individuen, Arbeitgeber oder Arbeitnehmer, vegetierten, keine Sicherheit kannten, einander ausspionierten, unerbittlich entgegengesetzt in ihren Interessen, ihrem Streben, ihren Begierden. Der Wind der Unsicherheit blies über alle Stirnen. Jetzt werden die in der Welt verstreuten Energien zum gemeinsamen Wohl ausgenützt und ihre vernünftige Verwendung führt den Mechanismus der Vergangenheit auf seinen einfachsten Ausdruck zurück.

Ugolin weiß, wie man der Luft, dem Wasser, der trägen Materie die Kräfte entlehnt, die mit einem Minimum von Handarbeit die Selbstflieger, Transportfahrzeuge, die Konstruktionsmaschinen in Bewegung setzen ... Der Selbstflieger – wir haben ihn so getauft – ist uns vor etwa einem halben Jahrhundert durch den Professor Stein, einen der jüngsten Alten des Großen Kreises, geschenkt worden. Er läuft ohne Pilot, mit Sicherheit, und entlehnt der Luft die Energie, die ihn fortbewegt. Die Erfindungen folgten einander, schränkten die Anwendung der Muskeln immer mehr ein. Die Natur ist nahezu bezähmt worden. Die Jahreszeiten haben gar keinen Einfluß auf die Ergebnisse des Ackerbaues; Früchte, Gemüse, Blumen sprießen, entwickeln sich schmerzlos, wann man will, zur Stunde, die man festgesetzt hat. Ugolin erzeugt den Regen nach seinem Wunsch, speichert die Sonne auf, leitet den Lauf der Gewässer ab. Unten aber gibt es noch immer Handhabungen, die Mühe machen, die Sklaven, deren Arme unentbehrlich sind. Und diese, diese sind die ständige Sorge der herrschenden Elite, trotz der Versicherungen des Meisters, der alles von der Zukunft erhofft.

Indessen, ich will es nicht verhehlen, ist die ugolinische Gesellschaft, verglichen mit der meiner ersten Jugend, in der gleichen Lage wie diejenige des zwanzigsten Jahrhunderts, verglichen mit der der Höhlenbewohner. Die Individuen können froh sein wegen der erreichten Glückseligkeit, die sie – das ist nicht zu leugnen – mit dem Preis ihres Verzichts und Unkenntnis der geheimen Triebfedern des sozialen Mechanismus bezahlt haben. Sie leben ohne Schmerz, ohne Furcht, ohne Erschütterung, ein bis ins einzelne geregeltes Dasein, befreit von den Bürden von ehemals. Kann man dies aber als Glück bezeichnen? Vergeblich habe ich mir viele Male diese Frage gestellt. Es ist der Ahne in mir, der mich foppt und mir in lieblichen Flötentönen die Freiheit und ihre Reize besingt. Freiheit? Bah! ein Wort. Aus welchem Teig bin ich geknetet, und welch eitriges Blut stagniert in meinen Adern, daß ich vor Leid darüber runzlig werde? Was für eine abgeschmackte Fratze würde ich ohne Ugolin sein, im Strudel des großen Nichts – der großen Kloake – wie dieser lustige Ritter von der traurigen Gestalt, Ciron, sagte.

Wo aber sind die großen und schönen Städte von damals geblieben, ihre breiten Avenuen, von Läden, von Kaufhäusern, rot leuchtenden Kneipen umrahmt; die hohen Häuser, die stolzen Paläste, die hochmütigen Kathedralen? Ugolin hat alles niedergerissen. Er hat aus dem schmutzigen und blendenden Gestern nur das beibehalten, was ihm geeignet schien, zur Erbauung seines Volkes beizutragen. Die Tempel und die Kirchen sind in Museen umgewandelt, in denen man das Schauspiel der antiken Albernheit genießt – bemustert, etikettiert, klassiert und eingeteilt. So wie man um mein dreißigstes Jahr in die Säle von Cluny ging, um über die Fußtapfen einer verstorbenen Zivilisation nachzusinnen. Die menschlichen Wohnungen kleben nicht mehr aneinander in einem lausigen Haufen. Sie stoßen nicht mit der Nase in den beleidigten Himmel; sie sind inmitten grüner Rasenflächen gepflanzt, an den Ufern von Straßen, breit wie Ströme. Der ganze Erdball neigt dazu, sich mit leichten Häusern zu schmücken, die von buschigem Laub umgürtet sind. Paris ist nicht mehr Paris. Straßen, Plätze, Boulevards; ebensoviel verjährte Bezeichnungen und ungebräuchliche Dinge, die die Menschen dieser Zeit nicht mal in Gedanken wiederherzustellen vermögen. Gefängnisse, Kasernen, Hüttenwerke, Festungen, Klöster, Schulen, Bordelle, umzäunte Aussätzigenspitäler, mächtige Pilze des sozialen Schimmels, ihr seid nur noch Wolkenflaum!

Die Laboratorien verteilen alles: Wärme, Licht, Lebensstrahlen, Nahrung. Die schwitzende, durchwühlte, überarbeitete Erde tut das übrige. Und wenn ich mich auch noch so sehr auf die Brust schlage, in mein tiefstes Inneres hinabsteige, wenn ich mein Bewußtes und mein Unbewußtes noch so quäle, ich kann es nicht leugnen: die Menschen sind von vielen Übeln befreit; sie entwickeln sich glücklich, ohne Sorge um ihre Zukunft. Sie sind glücklich. Glücklich! Glücklich! Ich sage euch, daß sie glücklich sind, daß sie sich wie Enten in einem Tümpel ergötzen, in den spiegelglatten Gewässern eines – ach, da ist das Wort, das aus meiner Feder quillt ... das Wort, das ich zu schreiben zögere – lest es nicht; ich schreibe: sozialen Automatismus!

*

Ugolin ist zäh. Er mußte einen Willen aus Stahl und das Bewußtsein seiner außerordentlichen Überlegenheit haben, um solch eine vollkommene Umwälzung durchzuführen. Eine Welt zerstören, die Attilas Zeichen trug, das war nichts. Üblen Landplagen an die Gurgel springen, die Maschine kaltstellen, die stinkenden Ameisenhaufen, die die großen Städte waren, zertreten, das war ein einfacher Zeitvertreib für ihn. Aber damit die Grundlagen seiner Gesellschaft dauerhaft seien, mußte er die menschliche Natur häuten. Alles in den Individuen war abgestorben vor lauter Religiosität, Aberglauben und niedrigen Überzeugungen. Ihre Erziehung erforderte Jahrhunderte. Der Meister hat es vorgezogen, ihnen das Gegengift einzuflößen, indem er sich sofort nach ihrem Landen auf dem Kai des Lebens ihrer bemächtigte und jede Vorstellungskraft in ihnen erstickte. Die Vorstellungskraft ist ein großer Faktor des intellektuellen Fortschrittes, aber auch ein nagendes Gift, das die geistige Sophisterei hervorruft. Sie geht vom Dunkel zum Licht, vom Freien in ekelhafte Keller, in denen sich ein klebriges und kriechendes Geschmeiß windet. Ugolin hat die Vorstellungskraft getötet. Er hat nur die kalte, messerscharfe Vernunft bestehen lassen. Neutriden und Sterilisierte sind nicht schöpferisch. Sie überlegen nur. Ihr Gehirn ist ein Räderwerk, das wir düngen, das wir mit dem Öl der Tatsachen speisen. Hirnmotor, das ist der Mensch Ugolins.

Wo die Vorstellungskraft zerstört ist, kann die Leidenschaft nicht weiterleben. Liebe, Haß, Streben, Gewinnsucht, all diese Triebfedern des menschlichen Tätigkeitsdranges, schwächten sich immer mehr ab, bis zum Erlöschen. Man vollführte die Liebe, heiter, mit Ruhe, wie man aß, ohne die widerwärtigen Komplikationen der Eifersucht, dieser verheerenden Landplage. Lieben wurde eine motorische Handlung, eine natürliche Forderung. Nur die jungen Alten gaben sich ihr hin, mit Raserei, und pflegten diese schwierige Kunst genau so, wie sie sich gern mit der wissenschaftlichen Kochkunst beschäftigten. Freude der Sinne, aller Sinne.

Der schwächende Alkohol wurde vollkommen beseitigt. Aber nach stürmischen Auseinandersetzungen gestattete Ugolin den Wein, dessen Mißbrauch er jedoch streng ahndete. Mit einem Schlage siechten die Kunst und die Dichtung, ihrer Nahrung beraubt, dahin. Man versuchte wohl, sie vor dem Untergang zu retten. Was können aber die Versemacher ausdrücken, wenn sie nicht mehr über die nützlichen Zutaten verfügen: Liebe, Gott, Geliebte, mein Herz, kleine blaue Blümchen, kleine Löckchen ... Schließlich verkündete Ugolin, daß diese Herren, die es verstanden, Worte nach einer bestimmten Regel zusammenzufügen, und sich in der Seide der Gleichnisse oder in den Schleiern der Sinnbilder verwickelten, ganz und gar unerwünscht wären. Was die Künstler anbelangt, die noch weniger begünstigt waren als die Lyrenzupfer, so machte die Wissenschaft, die mit Sicherheit die Farben, Formen, Bewegungen einzufangen gestattete, ihre geometrischen Phantasien und ihre synthetischen Anmaßungen lächerlich.

Hingegen gewährte Ugolin den Musikern seine ganze Unterstützung. Die Musik war für ihn wie eine Hirnvergiftung, die durch das Ohr eindrang. Er verordnete Musikbäder mit Begleitung zarter Wohlgerüche (eine andere Form der Vergiftung), denen die Neutriden in einem fast vertierten Zustand entstiegen. Das nützte seinen Absichten zur Zähmung einer Menge, die beeinflußt und erweckt werden konnte von Instinkten, die trotz allem bestehen geblieben waren.

Welch schweres Werk war das! Während der harten und arbeitsamen Jahre der Organisation mußte Ugolin vor allem gegen die Tücke des Todes kämpfen, der sein Opfer nicht lassen wollte und über tausend Mittel verfügte. Der Meister war darauf versessen, den Unfall zu bekämpfen, der ihm überall begegnete, der sich in allen Ecken und Schlupfwinkeln einnistete. Er hetzte ihn, verfolgte ihn, befahl die Zerstörung aller Waffen, aller gefährlichen Werkzeuge. Gewehre, Pistolen, Revolver, Säbel, Dolche, Messer, Explosivstoffe, Kanonen, Maschinengewehre, und die Arsenale und die Fabriken, alles, was von nah oder fern an Mord erinnerte, alles wurde zerbrochen. In diesem Zweikampf und Versteckspiel mit dem Tode gewann Ugolin nicht gleich die Oberhand. Der Unfall blieb. Er versteckte sich in der Luft, unter dem Wasser, unter der Erde! Der arme Ciron wurde einer der ersten, die umkamen. Er hatte sich bereits dreimal verjüngt und verfolgte seine Studien über die einschneidenden Veränderungen, die durch die edlen Zellen hervorgerufen wurden, wenn man sie in ein neues Milieu verpflanzte. Er hatte es verstanden, gewissen niedrigen Teilen des Individuums eine Art von geistiger Aktivität zu verleihen, und legte Neutriden vor, bei denen das Geschlechtsorgan den Sitz der Gedanken vertrat, was nach Ugolin eine überflüssige Rückentwicklung zu den Verirrungen des zwanzigsten Jahrhunderts darstellte. Ich habe immer Ciron verdächtigt, daß er in diesem Abenteuer nichts anderes als einen Vorwand zu paradoxaler Belustigung gesehen hat. Eines Morgens kam er an, lauter Verbände um den Kopf, bereits delirierend, und hielt uns eine große Rede über den Übermenschen, der sich anzeigte und aus einer Abzweigung der Tierheit kommen mußte, die viel weiter entwickelt war, als wir dachten. Der Mensch, dieser Irrtum der tastenden und zickzacklaufenden Natur, würde verdrängt werden. Und Ciron starb aufrecht – seinen mächtigen Körper gereckt, mit eingeschlagenem Schädel, dem Sensenmann trotzend, wie Cyrano.

Andere Unfälle warfen ein Dutzend junger Greise um; die einen fielen durch einen Ziegelstein, der vom Dach fiel, die anderen durch Ertrinken, Ersticken, Verbrennen, Stürzen in irgendeiner Katastrophe. Man mußte eingreifen. Ugolin vervielfachte die Vorsichtsmaßnahmen. Langsam riß er dem Tod seine Krallen aus, beugte jeder möglichen Überraschung vor. Und auf einer Erde, in der sich die Jahreszeiten verwirrten, die in einem grauen Frieden begraben war, wurden die gegen die Rückkehr der Begierden und Gewalttätigkeiten immunisierten Menschen wie Schafherden, die in dem Überfluß der Wiesen grasten. Sicherheit und Friede! Unschuld und goldenes Zeitalter! Nur die vor dem Unbekannten verantwortlichen Schäfer erschöpften sich in der Suche nach den Ursachen, durchforschten das Geheimnis, gequält durch den Kitzel der Erkenntnis – dieser verborgenen und beunruhigenden Gottheit.

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