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Die Verjüngten

Victor Méric: Die Verjüngten - Kapitel 10
Quellenangabe
authorVictor Méric
titleDie Verjüngten
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorEmil Straßberg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180526
projectid9003ad11
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Dritter Teil.
Platz den Jungen

I

Aus der Höhle Ugolins ausgestoßen, taumelnd auf dem Weg, wie ein Betrunkener oder noch besser, aufgeweckt wie ein Nachtwandler, folgte ich dem Weg nach Paris. Nichts Anormales in der Stadt: das gewöhnliche Getöse der Straßen, das Hasten der eiligen und zerstreuten Fußgänger, die leuchtenden Läden, der Heidenlärm der Wagen ... Nein, wahrhaftig, nichts Besonderes. Die Unglücklichen haben nicht die mindeste Ahnung von dem Unvorstellbaren, das jede Einbildungskraft übersteigt, und sich jetzt vorbereitet. Ich kaufe eine Morgenzeitung. Nicht eine Anspielung auf Ugolin.

Einen Augenblick verdutzt, denke ich mir in Hast eine Geschichte aus. Da bin ich nun im »Abend«, inmitten der Bestürzung.

Der Chefredakteur schiebt mich in sein Büro, macht den Neugierigen die Tür vor der Nase zu. Im Büro sind Leute, eine Art von Kriegsrat. Ohne zu warten, befragt mich der Chef, fieberhaft:

»Na also, was? ... Woher kommen Sie? ... Ugolin? ... Was ist vorgefallen?«

Ich lasse meine Geschichte los. So: »Auf dem Weg zu einem galanten Rendezvous wurde ich plötzlich überfallen, so gegen elf Uhr abends, mitten auf dem Boulevard Clichy Ecke Rue de Douai. Ein Knebel, ein Wattebausch auf dem Mund, Äthergeschmack, Wagengeräusch, das war alles. Dann Aufwachen in so einer Art von Keller. Man hat mich dabehalten, sorgfältig, gewissenhaft, ohne mir übrigens ein Haar zu krümmen. Dann – war es Tag? War es Abend? – führte man mich in so einen schwarzen Saal, wo ich Ugolin gegenüberstand.«

»Ugolin? Haben Sie Ugolin gesehen?«

»Nein, ich habe ihn nicht gesehen. Ich habe ihn gehört. Hohle, drohende Stimme. Das Monstrum versteckte sich im Hintergrund des Saales. Im Schatten geduckt. Wächter hielten mich an den Armen. Und das Monstrum hat mir gesagt: ...«

»Er hat gesprochen? ... Er hat gesagt? ...«

»Er hat gesagt: ›Sie haben den Herrn der Welt vor sich, den Gott von morgen. Ich will, daß das ganze Universum sich unter meine Allmacht beugt. Die Regierungen, die Könige, die Mächtigen dieses Erdballs müssen abdanken. Alle Menschen werden meine Diener sein. Ich werde das Gesicht der Dinge ändern ... ‹«

Ich halte einen Augenblick inne, um die erzielte Wirkung zu prüfen. Niedergeschlagene Gesichter. Ich fange wieder an:

»Das Monstrum hat hinzugefügt: ›Ich verfüge über Mittel, die sich niemand vorstellen kann. Ich habe das Geheimnis der Unsterblichkeit. Diese Unsterblichkeit entnehme ich den jungen Leuten, deren seltsames Verschwinden ihr beweint, und deren nicht minder seltsame Wiederkehr ihr begrüßt habt ...‹«

»Aber was macht er denn mit diesen jungen Leuten?«

»Was er mit ihnen macht? Er operiert sie ... Er nimmt ihnen ihre ... Nun ja! ... ihre Kraft ...«

»Und dann? ... Und dann? ...«

»Was weiß ich? Er stellt vielleicht einen Mischtrank her, eine Art von Serum ... er pfropft sie ... er verschlingt sie ...«

»Und dann? ... Und dann? ...«

»Kurz, er wendet die vervollkommnete Methode Voronoff an ... aber nicht mehr mit Hilfe von Affen, sondern von Menschen.«

Schreien, Schimpfen, Ausrufe:

»Das ist ja Irrsinn ... Unmöglich ... toll ... unerhört ... blödsinnig ... Und ist er wirklich so mächtig, wie Sie behaupten? ...«

»Noch mächtiger ... Er kann alles. Er hat unbekannte Kräfte erfaßt ... Er tanzt auf Milliarden ... er macht Gold ... er macht Leben und Tod, wie es ihm gefällt, wie er Lust hat ... Das ist das Ende vom Ende.«

»Ende vom Ende? Ach! Nicht doch! Man wird sich's nicht gefallen lassen. Man wird den Polizeipräfekten benachrichtigen. Man wird mit dem Innenminister die Lage besprechen ... Man wird ...«

Ich zucke die Achseln.

»Und was weiter, was weiter? ...«

»Weiter? ... Weiß nicht ... Ich bin eingeschlafen. Und plötzlich erwachte ich auf einer Bank auf dem Boulevard Clichy, nicht weit von der Stelle, wo man mich entführt hatte ... Ich kann nichts weiter sagen. Ich weiß nichts mehr.«

Von neuem Schreie, Fragen, Ausrufe.

»Und Sie werden dies alles schreiben?«

»I wo!«

»Doch!«

»Nein!«

»Sagen wir nichts. Man darf die Menge nicht erschrecken.«

»Das ist eine unerhörte Sache ... un ... er ... hört ...«

Sie gingen hinaus, die Arme gen Himmel, einer den anderen stoßend. An der Tür hielt mich der Chefredakteur am Arm fest:

»Sag' mal, Kleiner, ist diese Geschichte wahr?«

Ich klatsche mit der Hand auf meinen Schenkel und schminke die Fassade meines Gesichts mit Unschuld.

»Nee ... unter uns ... Das ist ein dummer Scherz. Sie werden mich doch nicht, mir ... Immerhin ... 's gibt keinen Ugolin ... Das gibt's gar nicht ... diesen Ugolin ... ich will Ihnen sagen, was das ist ... das ist St ... u ... ß ...«

Er bleibt bei diesem Wort. Man würde sagen, er kaut es ... Dann faßt er mich an die Schultern, wütend. Und mit lautem Lachen kommt er wieder darauf zurück:

»Also, mein Lieber ... Stuß, was? Stuß? ...«

»Sie werden schon sehen.«

*

Ich kehre nach Hause zurück. Ein Brief. Ein langer Schmerzensschrei Juliettes, eine Bitte um Verzeihung. Die Unglückselige gesteht ihre verabscheuungswürdige Rolle und vertraut mir die ganze Unruhe ihrer Seele, die Verwirrung ihres Geistes an. Sie hätte mich retten wollen; sie hätte es vergeblich versucht, auf der Terrasse von Villiers-sur-Mer. Dann, als das Verbrechen vollbracht war, wurde sie von Reue erfaßt, einer verzehrenden Reue. Sie liebte mich, sie liebte mich, ach! Warum mußte das Schicksal gerade mich aussuchen, um unter die Opfer des Meisters eingereiht zu werden? ... Übrigens hat sie eine Entschuldigung: sie hatte sich nicht vorgestellt, daß er die Dinge so weit treiben würde, und daß der Größenwahnsinn ihres Adoptivvaters solches Ausmaß annehmen würde. Heute aber, weiß sie; sie sieht, wie die Welt, aus den Angeln gehoben, aus dem Gleichgewicht gebracht, umgestürzt wird durch das wütende Genie eines schrecklich bewaffneten Dingos. Das aber würde sie nicht gestatten. Sie weiß, daß sie verurteilt ist, aber sie wird die Gesellschaft warnen. Wenn es sein muß, wird sie die ganze Erde gegen den Tyrannen und seine Helfershelfer aufrichten. Und mit einem Schlag wird sie mich rächen, wird sie ihre Liebe rächen, die sie blutigen Utopien dumm geopfert.

Armes Mädchen. Ich lese und lese diesen Brief, noch warm von Fieber. Es ist in der Tat Juliette, die die Polizisten angestiftet und die Höhle des anderen angegeben hat. Ihre Liebe, sagt sie. Welch furchtbare Widersprüche stoßen sich denn in dieser unerreichbaren Mördergrube, die man die Seele einer Frau nennt?

Ein Lächeln spielt auf meinen Lippen. Was aber mehr vermag Juliette, als die von Ugolin vorgesehene Schlacht zu entfesseln, die Schlacht, die mit ihrer Hilfe vorbereitet wurde, und deren Ausgang mir unzweifelhaft erscheint. Wahrhaftig, sie kann schreiben, verraten, alle Kräfte der Menschen auf das Haus des alten Mannes leiten, die Sache ist entschieden. Es ist das Ende vom Ende, sagte ich der Zeitung. Und es ist auch der Anfang.

Juliette ist tot für mich. Adieu Juliette, doppelte Verräterin, wortbrüchig ihrem Liebsten, wortbrüchig ihrem Herrn. Sie gehört der Vergangenheit an; und ich, ich gehe mit mutigem Schritt in die Zukunft – eine Zukunft, in der Sturzbäche brausen, Blitze zerstieben.

*

Ich habe die Zudringlichen fliehen, meine Wohnung verlassen, aus meinem Büro flüchten müssen. Meine Worte, so unbestimmt sie auch waren, gingen von Mund zu Mund, verunstaltet, übertrieben. Man fühlt, daß eine unendliche Unruhe über allen Hirnen liegt. Das ist die Erwartung und Angst, aber eine Erwartung, in der sich viel Neugierde und fast Hinnahme verbirgt.

Wann wird der Blitz einschlagen?

Eine Woche ist verstrichen, seit Ugolin mich auf der Straße nach Paris absetzen ließ, und noch hat sich nicht der geringste Vorfall ereignet. Die Ungeduld quält mich. Der Zweifel nagt an mir wie ein Frettchen, und es gibt Augenblicke, da ich mich ernsthaft frage, ob ich nicht geträumt habe.

Eines Tages, als ich den »Abend«, meine eigene Zeitung, auseinanderfaltete, blieb ich plötzlich starr, wie versteinert, auf dem Bürgersteig stehen. Die Feindseligkeiten begannen. Es war aber nicht Ugolin, der die ersten Schläge führte. Es war die Regierung, die ihm zuvorgekommen war. Auf der ersten Seite der Zeitung las ich in fetten Großbuchstaben diesen unsinnigen Titel: UGOLIN, EINE POSSE. Darunter: Die verbrecherischen Hirngespinste eines Irren. Was der Doktor Boret darüber sagt. Ich verschlinge diesen Artikel gierig, in einem Zuge:

Hat man uns genug Angst gemacht, sagte der Autor des Artikels, mit dem Monstrum Ugolin, dem Menschenfresser, dem Wüterich, dem allmächtigen Gelehrten, der die Welt beherrschen wollte? Jeden Tag war nur von den neuen Heldentaten Ugolins die Rede. Ugolin, Ugolin. Man sprach nur darüber. Jetzt aber hat's ein Ende. Ugolin kann sich mit der Meerschlange zusammentun.

Immerhin ist nicht alles in der ugolinischen Geschichte Hirngespinst. Der Kerl existiert in der Tat, und seine Verbrechen sind nicht zu leugnen. Die Aufklärungen, die wir heute besitzen, gestatten uns aber, ihn auf sein wirkliches Maß zurückzuführen.

Ugolin ist nichts anderes als ein alter, verirrter Professor von achtzig Jahren, den Enttäuschungen und Erfolglosigkeit verrückt gemacht haben. Der Unglückselige hat während seines ganzen Daseins die gleiche Chimäre verfolgt: die Unsterblichkeit zu erobern. Es ist nahezu ein halbes Jahrhundert her, seit er seine Verjüngungstheorien vor einer Versammlung von Gelehrten darlegte, die ihn abfallen ließen. Seither hat er nicht abgerüstet. Und da der Irrsinn sich weiter entwickelte, ist er dazu gekommen, folgende widernatürliche Idee verwirklichen zu wollen: die Methode Voronoff anzuwenden, unter Benutzung des Menschen; jungen Körpern das Leben zu entleihen, um sie alten Wracks, solchen wie er selbst, zu übermitteln.

Hat diese pseudo-wissenschaftliche Theorie irgendeinen Wert? Doktor Voronoff selbst verneint es. Das Aufpfropfen der Zwischendrüsen, ganz gleich, ob sie den Affen oder dem Menschen entnommen sind, kann nur eine vorübergehende Vermehrung der Kraft hervorrufen und das Leben eines Menschen nur um einige Jahre verlängern. Alles andere ist Kinderei.

Man kennt heute die wahre Persönlichkeit und den Namen des geheimnisvollen Ugolin. Er heißt Jean Louis Anathase Huler und stammt aus einer elsässischen Familie. Es scheint, daß er ehemals ein ausgezeichneter Schüler war, der zu den schönsten Hoffnungen berechtigte, daß aber ein maßloser Ehrgeiz seine wertvollsten Eigenschaften verpfuscht hat. Wir konnten übrigens einige Einzelheiten über diese interessante Persönlichkeit erhalten. Doktor Boret, der ihn sehr genau kannte und unter denjenigen war, die siegreich seine Spitzfindigkeiten ablehnten, hatte die Freundlichkeit, uns alles, was er über ihn wußte, anzuvertrauen.

»Ich kannte Huler«, sagte der alte Gelehrte, den ganz Europa bewundert, »vor etwa fünfzig Jahren – was mich gar nicht verjüngt«, fügte er lächelnd hinzu. »Er war gewiß ein seltsamer Geist, hervorragend begabt. Seine Phantasie aber ging mit ihm durch. Seine Vorstellungskraft lief wie ein Zebra. Ganz jung noch, wagte er sich an die kompliziertesten Probleme. Er behauptete, die schwierigsten metaphysischen Rätsel gelöst zu haben, und machte aus der Negierung eine Art von Religion. Nihil, Nichts, das war seine Devise. Wir hatten ihn Herr Nihil getauft, wir sagten lachend: Er raucht nur den Nihil! Wir hatten stürmische Diskussionen mit ihm. Damals war er ganz zart und klein und richtete sich auf seinen Hacken auf wie ein Hahn; er duldete keinen Widerspruch; weshalb ich aufhörte, mit ihm zu verkehren. Der Zufall ersparte mir später, mit diesem erstaunlichen Menschen zusammenzutreffen. Ich muß Ihnen sagen, daß er ein ganz hübsches Vermögen besaß, und daß er es in mühseligen Forschungen vergeudete. Er überflutete die Akademie der Wissenschaften mit unsinnigen Mitteilungen. Was ihn quälte, war die Sorge, das Geheimnis der Unsterblichkeit wiederzufinden (er sagte: wiederfinden). Er behauptete gleichfalls, der Mensch müßte Gott werden (Renan hat etwas Ähnliches gesagt) oder vielmehr, daß aus der menschlichen Herde schicksalhaft ein neues Wesen hervorgehen würde, das ganz anders wäre. Es sei die Aufgabe des Gelehrten, ihm dazu zu verhelfen.«

Doktor Boret beginnt beim Ausgraben dieser alten Erinnerungen zu lächeln und fährt fort:

»Was sich soeben ereignet, wundert mich nicht im mindesten. Der alte Irre hat wohl hartnäckig seine Untersuchungen weiter verfolgt. Vielleicht hat er auch einige trügerische Resultate erzielt. Dann aber ist er wohl mit zunehmendem Alter und steigendem Groll einer düsteren Verblendung verfallen. Seine Theorien aber sind heute genau so vergeblich wie damals.«

Ich frage Doktor Boret:

»Glauben Sie nicht, daß dieser alte Narr wirklich gefährlich werden könnte?«

Der Professor zuckt bezeichnend die Achseln:

»Ein Narr, sage ich Ihnen. Sicherlich birgt er einige Gefahr. Es ist sehr wohl möglich, daß er über irgendeine uns noch unbekannte Kraft verfügt, die es ihm ermöglicht, seine unerklärlichen Einbrüche durchzuführen. Überdies scheint er an der Spitze einer Bande von Verbrechern und Irren, wie er selbst, zu stehen. Die Entführungen und die Verstümmelungen der jungen Leute sind ein Beweis dafür. Und dann? ... Was könnte er mehr tun? Es wird genügen, mit Geschicklichkeit und festem Willen vorzugehen, um sich seiner zu bemächtigen, und die Komödie ist zu Ende.«

»Man kann dann wohl die Öffentlichkeit beruhigen?«

»Vollkommen. Es handelt sich um eine Posse, um eine schlechte Posse. Ich kenne den Biedermann. Nur ist es notwendig, so schnell wie möglich die erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen und weiteren Schaden zu verhüten.«

Ich verabschiede mich von dem hervorragenden Gelehrten, der mich freundlich bis zu seiner Tür begleitet. Und mit ihm sage ich der Öffentlichkeit: »Das ist nichts. Nur ein armer verirrter Teufel, der einige Missetaten vollführen konnte, dem man aber morgen das Handwerk legen wird.

Es genügte, ihn zu entdecken und ihn zu identifizieren. Das ist geschehen. Ein wenig Geduld, und der Vorhang wird über dem letzten Akt dieser Posse fallen.«

Starr vor Staunen, lasse ich das Blatt aus den Händen fahren. Man kannte also den Namen und den Schlupfwinkel Ugolins. Juliette! Juliette, die verraten hat. Was nun? Bilden sich diese Trottel ein, daß sie Ugolin fassen werden, wie ein Tier, das sich in sein Loch verkrochen hat? Ach! die armen Leute, die armen Leute! Und was für eine Antwort wird Ugolin ihnen geben?

*

Die Antwort? Sie kam in weniger als vierundzwanzig Stunden. Am Tage nach Erscheinen des sensationellen Interviews des Doktor Boret las man an den Böschungen der Seine, zwei Schritte vom Pont-Neuf, zehn geknebelte und gefesselte Individuen auf. Man setzte sie in Freiheit und befragte sie. Es waren Kriminalpolizisten, die man damit betraut hatte, das kleine Haus in Meudon zu beobachten. Sie behaupteten, vollkommen außerstande zu sein, ihr Abenteuer zu erklären. Alles, was sie sagen konnten, war, daß jeder von ihnen sich auf seinem Beobachtungsposten befand, als plötzlich das Ereignis – welches Ereignis denn? – geschah. Man durchsuchte sie. In der Tasche eines von ihnen entdeckte man zwei Visitenkarten mit der Inschrift: Jean Huler, Doktor der Wissenschaften. Auf der ersten diese Worte: Erste Warnung. Auf der anderen folgendes: Dem Doktor Boret mit aller Verachtung, die seinen Eseleien zukommt.

Mit einem Schlage bemächtigte sich der öffentlichen Meinung eine große Freude. Das Ding war richtig. Am gleichen Abend aber empfing der Eiffelturm eine Botschaft, die sofort der ganzen Presse mitgeteilt wurde, trotz der Regierungsverbote. Und jetzt hörte man auf, zu lachen.

»Dringender Rat« hieß die Botschaft. Ich fordere die französische Regierung auf, Maßnahmen zu treffen, damit die Spione, die um mich schleichen, abziehen. Ich gebe eine Frist von vierundzwanzig Stunden. Bei nicht genauer Befolgung wird man Neues von mir hören, Aufsehenerregendes.

Diese anmaßende Botschaft machte einen gewaltigen Eindruck, um so mehr, als die Zeitungen sie kommentierten, die einen mit Entrüstung, die anderen mit Witzen. Die vorherrschende Meinung jedoch war, daß es der Regierung an Entschluß mangele. Man kündigte eine Interpellation an. Am folgenden Morgen erschien aber eine Bekanntmachung, daß die verantwortlichen Stellen ihre volle Pflicht erfüllen werden, und daß sie entschlossen waren, der Sache ein Ende zu machen.

Und man schickte in den Wald von Meudon ein Bataillon Polizisten in Zivil, bis zu den Zähnen bewaffnet.

Der Tag verlief ruhig, ohne große Erregung. Ich durchlief die Boulevards, begab mich zur Börse, um den Puls der Hauptstadt zu fühlen. Keinerlei Fieber. Offensichtlich herrschte überall ein Skeptizismus, der durch die Abendblätter genährt wurde, welche Ermunterungen ausstreuten, Aufrufe zur Ruhe, und sich im übrigen mit Interviews parfümierten, die allen Mitgliedern der wissenschaftlichen Akademien und allen Leuchten der Sorbonne entrissen waren.

Die Nacht war ebenso ruhig wie der Tag.

In der Morgendämmerung aber ...

Ach! Wenn ich nach soundso vielen Jahren an die Wolken dunklen Entsetzens und Bestürzung, die Paris umhüllten, denke, kann ich ein Lachen nicht unterdrücken.

Die Neuigkeit hatte sich mit Windeseile verbreitet.

Ganz Paris, das jämmerliche Paris der Vorstädte und das aristokratische, protzige Paris, alles eilte zur Seine. Die Menge stürmte die Straßen, in langen Reihen, in panischem Schrecken. Man stieß sich, man raufte, man trat aufeinander. Dann ergossen die Vorstadtzüge neue Ameisenhaufen. Bald füllten unzählige Kohorten den Platz vor dem Rathaus, die Kais, die Brücken, den Platz Saint-Michel, alle Hauptstraßen, alle Querstraßen, alle Gäßchen, die auf Notre-Dame mündeten.

Denn was man sehen wollte, was man betrachten wollte, war Notre-Dame. Und in den ersten gedrängten Reihen der Menge, rings um die Absperrungen der Polizisten und Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett, hielt ein eisiges Schweigen all diese Geschöpfe, die Entsetzen zusammengetrieben hatte, steif und stumm wie eine Mauer.

Notre-Dame! ... Das Schauspiel lohnte die Mühe. Eine kleine, milde Sonne knabberte an den Rosetten und raubte ihnen die steinernen Spitzen. Oben aber, ganz oben, war die mittelalterliche Kirche – von so vielen Jahrhunderten mitgenommen –, die alte Kirche des Quasimodo war enthauptet.

Das klassische »H« stand nur noch auf einer Pfote. Einer der Türme, der rechte, hatte sich während der Nacht verflüchtigt.

Die Menge starrte stumpfsinnig. Auf dem Platz bewegten sich geschäftige Herren, eine Schärpe über dem Bauch; andere Herren, mit Litzen übersät, bellten kurze Befehle. Und in der Ferne schäumte das Gemurmel der Neugierigen, die sich weigerten, zu glauben und die Neuigkeit mit Wutschreien aufnahmen, bis zum Sturm. Man mußte diese lebende Mauer zurückdrängen. Die Soldaten griffen an, verloren sich in diesem Schaum, wo sie entwaffnet wurden, wo man ihnen die Kleider vom Leibe riß. Dann stürzte die Menge auf die verstümmelte Kirche. Der Platz wurde von epileptischen, verzerrten, sich umbringenden Ameisen überschwemmt. Dieses Delirium dauerte einen ganzen Vormittag. Nichts weniger als eine Wolke von Flugzeugen und Maschinengewehren war nötig, um in Blut und Wut diese Horden faschingsmäßiger Rasender zu zerstreuen.

Am gleichen Abend teilten das Telephon, der Telegraph, das Radio die entsetzenerregende Neuigkeit der Welt mit.

Einer der Türme von Notre-Dame war verschwunden.

Ugolin, der unfaßbare, der grauenhafte Ugolin hatte einen der Türme von Notre-Dame gestohlen.

*

In diesem Augenblick, da ich einen Sprung in die Vergangenheit mache, habe ich noch das Gefühl, wie ein Staubkorn in dem Wirbelsturm der außer sich geratenen Menge fortgerissen zu werden. Die brausende Woge gleicht der tobenden, ruhelosen Volksmasse, die Flüche brüllt. Leuchttürme durchstoßen das Dunkel mit ihren aufflackernden Lichtern wie Leuchtkäfer. Auch in dieser Nacht werden Schiffe – durch den Sturm, der sich ankündigt, geschaukelt – tastend den Signalen der Menschen nachspüren. Im Grunde hat sich auf dem irdischen Misthaufen nichts geändert. Schiffe gleiten auf den Ozeanen mit ihrer Ladung und ihrer Bemannung. Frauen schlafen in lauen Nestern zu dieser Stunde, da ich mit einem, den ich immer in mir fühle, Zwiesprache halte. Nichts hat sich geändert. Geschöpfe werden geboren, arbeiten, verschwinden. Die Erde bedeckt sich mit grünen Teppichen und der Schnee bekränzt die Gipfel der Berge. Die Erde ist noch immer Erde. Die Welt ist noch immer Welt. Nichts hat sich geändert. Aber Ugolin hat das All revolutioniert.

Ich erschauere unter dem zunehmenden Wind; ich verlasse den Ort. Ich habe genug von einem Schauspiel, dessen haarsträubende Großartigkeit mich schließlich nicht mehr erregt. Ich kehre langsam nach Hause zurück, und in der Stille meines Zimmers gebe ich mich meinen Erinnerungen hin.

Was sich in Paris in dieser Woche zutrug, die der Entführung eines der Türme von Notre-Dame folgte, war ziemlich seltsam. Die Zeitungen lärmten. Man mahnte die Regierung, die sich rühmte, den Schlupfwinkel des Monstrums zu kennen, den entscheidenden Schlag anzubefehlen. Drei Infanterieregimenter wurden alarmiert. Man ließ Artillerie kommen; Kampfflugzeuge hielten sich in Bereitschaft. Man verheimlichte aber sorgsam den Zeitpunkt der Expedition.

Da ereignete sich ein neuer Vorfall, der, wenn möglich, die allgemeine Verwirrung noch vergrößerte. Vier Tage waren kaum vergangen, als eines Morgens bei Sonnenaufgang die ersten Fußgänger feststellten, daß der auf geheimnisvolle Weise gestohlene Turm seinen Platz wieder eingenommen hatte, ganz genau den gleichen Platz, an dieser Stelle gerade, wo seit Jahrhunderten Generationen die Gewohnheit hatten, ihn zu sehen. Und wieder einmal stürzte ganz Paris zur Seine, inmitten von Getrampel, von Tumult, Angriffen, von einem Zyklon der Erregung fortgerissen, der jede Nüchternheit vernichtete.

Dann kam düsteres Schweigen, unendliche Niedergeschlagenheit, ein Gefühl, daß man nichts ausrichten konnte, daß man vom Ansturm unwiderstehlicher Kräfte umgeworfen würde, daß man unerbittlichen Händen ausgeliefert war.

Im Ausland wurde alles als grausamer Scherz behandelt. Eine englische Zeitung erklärte ernsthaft, daß die Pariser Bevölkerung Opfer einer Art von Massensuggestion war, und daß der furchtbare Ugolin ganz einfach einem gewöhnlichen Gaukler glich, einem Fürsten der Taschenspieler. Die deutschen Blätter gingen noch weiter. Sie erklärten, daß Frankreich ein Land von Verrückten, reif fürs Irrenhaus wäre, und eine ernste Gefahr für Europa darstelle. Ihr Ton steigerte sich sogar bis zur Drohung. Zu gleicher Zeit kabelte ein amerikanischer Milliardär an Ugolin, Paris, daß er geneigt wäre, sein ganzes Vermögen in seinem Geschäft zu investieren.

Und Schlag auf Schlag: zwei Botschaften Ugolins. Die erste sehr kurz, erinnerte an die Umstände, unter denen der Turm verschwunden, dann wiedergekehrt war und fügte hinzu, daß es ihm möglich wäre, in einigen Sekunden die Hälfte von Paris zu zerstören. Die zweite Botschaft gebärdete sich wie ein Aufruf. Er wandte sich an das unglückliche und versklavte Volk und versprach das Glück während der Herrschaft Ugolins. Er riet den Herren und den Mächtigen, sich sofort und freiwillig zu unterwerfen, falls sie die Wirrnisse des Bürgerkriegs und der Revolution vermeiden wollten. Dieses zweite Sendschreiben zog die Aufmerksamkeit Sowjet-Rußlands auf sich, das sofort eine Schiffsladung von Agitatoren nach Frankreich sandte.

Die Regierung konnte nicht mehr zaudern. Sie mußte Ugolins Haupt haben. Schon erschütterten heftige Kundgebungen, die aber noch nicht gefährlich waren, die Stadt. Man sprach unbestimmt von Generalstreik. Die Armee verhielt sich zögernd. Es war höchste Zeit, zu handeln und den großen Schlag zu führen.

Eines Nachts rückten unter der Führung eines Generals, der damals sehr populär war – weil er sich zwischen den Kieselsteinen Kleinasiens einige Lorbeerblätter gepflückt und unruhige saharische Stämme zur Vernunft gebracht hatte –, mehrere Regimenter Infanterie auf den Hängen von Meudon vor. Sie schritten geduldig, methodisch, mit wohlbedachter Vorsicht, zum Angriff auf den Schlupfwinkel vor, sich hinter Bäume verbergend, schleichend im Walde. Die Artillerie richtete sich auf den Höhen ein, und die Erkennungsflugzeuge, über dem Wald schwebend, begannen das verfluchte Haus zu bestimmen.

Plötzlich zerriß ein blendendes Licht den Himmel. In einigen Sekunden zerschnitt eine leuchtende Lücke den Wald; die Bäume stürzten wie Staub zusammen, und eine breite Lichtung erstand plötzlich, inmitten derer das Haus, das berüchtigte Haus, die Spelunke, erschien. Das war ein Haus wie viele andere, von zwei Terrassen überragt; ohne besonderen Charakter, ohne irgendwelche Eigentümlichkeiten. Es hatte wirklich nichts Furchtbares an sich, und in der jetzt sanfteren Helligkeit, die es umgab, hatte es den Anschein, sagen zu wollen: »Nun, da bin ich! Was wünscht man von mir? Ich warte!«

Das aber sah nach einer Falle aus. Im Hauptquartier leistete man sich eine lange Beratung. Man telephonierte an das Ministerium des Innern. Es kam der Befehl, rasch anzugreifen. Koste es, was es wolle, man mußte zu einem Ende kommen.

Die Truppen stürmten vor. Der Angriff, der sich gegen beide Seiten des Hauses richtete, während ein Regiment sich auf die Fassade stürzte, schien unwiderstehlich. Trotz alledem zitterte Angst in aller Herzen. Was mochte Ugolin noch für sie aufgespart haben? Die ersten Stürmer, die so feurig angegriffen hatten, daß nichts ihnen widerstehen zu können schien, wichen plötzlich in Unordnung zurück, einer auf den anderen, durcheinanderfallend. Diejenigen, die folgten, blieben durch den unvorhergesehenen Rückzug überrascht stehen, unentschlossen, rollten über die ersten hinweg, wurden von den letzten gestoßen, die, nichts ahnend, hartnäckig vorwärts strebten. Es war ein unsagbares Durcheinander. Ein Offizier, blaß vor Wut, begann zu brüllen:

»Vorwärts! ... Geht doch vor ... Schweinebande!«

Er stürzte selber vor; machte aber einen Sprung rückwärts, als hätte er sich an einer undurchdringlichen Mauer gestoßen, ließ seinen Säbel fallen und blieb bestürzt stehen, nichts mehr begreifend, Schrecken bemächtigte sich der Soldaten. Sechzig Meter vor dem Haus gab es irgendeinen Widerstand, den man nicht fassen konnte, der den Weg versperrte. Ein unsichtbarer, unwirklicher Widerstand, und dennoch gewiß, unleugbar ... Sinnlos, sich gegen diese übernatürliche Kraft zu stemmen, man konnte nichts dagegen ausrichten. Man kam nicht durch. Der verständigte General brach in Flüche aus. Er tobte, drohte, schrie:

»Gebt Artilleriefeuer.«

Die Beschießung begann.

Da warf Überraschung und Schrecken und eine Art von krankhafter Neugier alle Männer nieder, die dort waren. Das Phänomen, das sich vor ihren Augen abspielte, hatte etwas von einem Blendwerk. Die ersten Geschosse blieben in einer Entfernung von sechzig Meter vom Hause glatt stehen und fielen, zurückprallend wie Spielbälle, einige Schritte weiter reglos zur Erde. Da war irgend etwas – was aber? –, das sich aufrichtete, das man nicht sah, und das die mordenden Geschosse wie Raketen zurückwarf. Und die Granaten folgten einander, wirkungslos, träge auf dem Boden aufschlagend. Die Artilleristen verzweifelten. Eine Sintflut von Bombensplittern aller Kaliber erschöpfte sich gegen den Widerstand. Flugzeuge erschienen. Sie kreisten einen Augenblick über dem Haus und ließen ihre Bomben fallen. Die Bomben blieben stehen, wie die Geschosse, wie die Männer stehengeblieben waren. Sie flatterten einige Augenblicke über dem Haus wie Luftballons im Wind und legten sich ganz sanft auf den Rasen.

Niemand dachte daran, sich zu rühren, zu fliehen, so ungeheuer war die Bestürzung. Man hatte nicht einmal mehr Angst. Der General, rot vor Wut, kam an. Er ging auf das Haus zu, drehte sich um sich selbst, wich zurück, fiel fast um, klammerte sich an die Schulter eines Mannes, betäubt, zwischen den Zähnen knirschend:

»Das ist idiotisch ... Das ist idiotisch ...!«

Die Entscheidung überstürzte sich. Das Licht verschwand plötzlich, und die Männer duckten sich verstört, schnaubend in undurchdringlicher Finsternis. Das dauerte einige Sekunden, eine Unendlichkeit an Schrecken. Und das Licht erschien wieder. Und ein ungeheures, zitterndes Angstgemurmel erhob sich. Und Männer fielen auf ihre Knie, die Hände erhoben, des Himmels Hilfe anflehend. Denn das, was sie sahen oder vielmehr, das, was sie nicht sahen, das, was sie nicht mehr sahen, machte ihre Seelen ängstlich und schauernd wie die kleiner Kinder.

Das Haus, das sinnverwirrende Haus Ugolins, gegen das Granaten, Bomben, Angriffe, Eisen, Blei und Feuer ohnmächtig ankämpften, war nicht mehr da.

An seiner Stelle: die Leere.

Das übeltäterische Genie, der Hexer, der teuflische Gelehrte, hatte es mit einem Schlag seines dämonischen Zauberstabs verschwinden lassen.

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