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Die verhängnisvollen Stiefel

William Makepeace Thackeray: Die verhängnisvollen Stiefel - Kapitel 9
Quellenangabe
typeessay
authorWilliam Makepeace Thackeray
titleDie verhängnisvollen Stiefel
publisherMusarion Verlag
year1925
translatorClarisse Meitner
illustratorFlora Klee-Pályi 1903-1961
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150729
modified20171009
projectida7d7a2d5
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August

Hunde haben ihre Tage

Da seh einer, was das ganze Leben eigentlich wert ist! Ich hatte von einem Tag zum anderen nichts als Unglück auf Unglück. Ich bin in der Welt immer mehr gesunken, und anstatt meine Pferde zu reiten und Wein zu trinken, wie es sich für einen richtigen Edelmann geziemt, besitze ich nicht einmal soviel, um mir ein Glas Bier kaufen zu können; ja, ich bin sogar sehr froh, wenn mich einer dafür freihält. Warum nur, warum wurde ich zu so unverdientem Leid und Mißgeschick geboren?

Ihr müßt nämlich wissen, bald nach meinem Abenteuer mit Fräulein Crutty und jenem feigen Grobian, Kapitän Waters, (er segelte mit seinem Schiff am Tage nach der mir zugefügten Beleidigung ab, sonst hätte ich ihm sicherlich eine Kugel durch den Kopf geschossen; jetzt lebt er in England und ist ein Verwandter von mir geworden, aber selbstverständlich schneide ich den Kerl), gar bald nach diesen schmerzlichen Ereignissen trat noch ein anderes ein, das gleichfalls mit einer traurigen Enttäuschung für mich endete.

Mein lieber Papa starb, und anstatt mir, wie ich erwartet hatte, wenigstens fünftausend Pfund zu hinterlassen, hinterließ er nur sein Gut, das nicht mehr als zweitausend wert war. Land und Haus fielen mir zu, der Mutter und den Schwestern hinterließ er sicherheitshalber zweitausend Pfund, zu Händen der angesehenen Firma Messrs. Pump Aldgate & Co., die sechs Monate später in Konkurs ging und in fünf Jahren ungefähr einen Schilling neun Penny fürs Pfund bezahlte; das war tatsächlich alles, was meine teure Mutter mit meinen Schwestern zum Leben hatte.

Die armen Geschöpfe hatten auch in Geldsachen gar keine Erfahrung, und, könnt ihr so etwas wohl für möglich halten? als die Nachricht von Pump und Aldgates Bankrott kam, da lächelte Mama nur, richtete die Augen zum Himmel empor und sagte: »Gelobt sei Gott, daß wir noch genug zum leben haben. Es gibt hunderttausende von Menschen auf der Welt, meine lieben Kinder, die sich mit unserer Armut noch reich dünken würden.« Und damit küßte sie meine beiden Schwestern, die natürlich zu weinen anfingen, wie Mädchen das ja immer machen, und sie fielen ihr um den Hals und dann mir um den Hals, bis ich beinahe erstickte in ihren Umarmungen und ganz naß war, von ihren Tränen.

»Meine liebe Mama,« sagte ich, »ich bin wirklich froh zu sehen, wie würdevoll Ihr Euer Schicksal tragt; und noch mehr darüber, zu wissen, daß Ihr auch so leicht fertig werden könnt.« Ich glaubte nämlich wirklich, daß die alte Dame einen heimlichen Schatz besäße, wie das ja häufig vorkommt – tausend Pfund oder dergleichen, im sicheren. Hätte sie dreißig Pfund jährlich beiseite gelegt, was sie ja in den dreißig Jahren ihrer Ehe leicht hätte tun können, so wären es klipp und klar neunhundert Pfund ohne Zinsen gewesen. Aber doch ärgerte ich mich, daß sie zu so erbärmlichen Veruntreuungen ihre Zuflucht genommen hatte – Veruntreuungen auch an meinem Gelde. So fuhr ich sie denn ziemlich scharf an, als ich meine Rede fortsetzte: »Du sagst, Mama, daß du reich bist, und daß der Bankerott der Firma Pump & Aldgate nicht viel für dich bedeute. Ich freue mich sehr, dies zu hören, Mama – freue mich sehr, daß du reich bist; und ich möchte gerne wissen, wo dein Vermögen, meines Vaters Vermögen, denn du hattest kein eigenes – ich wüßte gerne, wo dieses Geld liegt – wo du es versteckt hast, Mama; und gestatte mir bitte zu bemerken, daß ich – als ich mich damit einverstanden erklärte, dich und meine beiden Schwestern für achtzig Pfund jährlich in Kost zu nehmen – nicht wußte, daß du noch andere Einnahmequellen besäßest, außer denen, die dir mein Vater in seinem Testament zur Verfügung stellte.«

Dies sagte ich nur, weil ich die Niedrigkeit von Verheimlichungen und dergleichen hasse, nicht vielleicht, weil ich bei dem Geschäft, sie zu verköstigen, draufzahlte; die armen drei Frauen aßen ja nicht mehr als Spatzen, und ich habe schon öfters ausgerechnet, daß ich glatt zwanzig Pfund jährlich an ihnen verdiente.

Mama und die Mädchen sahen mich ganz erstaunt an, als ich meine Rede beendet hatte. »Was meint er eigentlich?« fragte Lucy meine Schwester Eliza.

Mama wiederholte die Frage und sagte: »Von welchem Vermögen sprichst du, mein lieber Robert?«

»Ich spreche von den versteckten Geldern, Mama,« sagte ich streng.

»Und kannst du – wie – glaubst du – nimmst du denn wirklich an, ich hätte etwas versteckt – von dem Vermögen meines hei-hei-heißgeliebten Ga–ga–gatten?« schluchzte Mama laut. »Robert,« sagte sie, »Bob, mein Liebling, mein einziger Junge – du Bester, Geliebtester – jetzt da er dahin ist,« (womit sie meinen verstorbenen Vater meinte – neuerliche Tränen), »sag nicht – du kannst doch nicht wirklich glauben, daß deine eigene Mutter, die dich getragen und genährt, um dich geweint hat und bereit wäre, ihr Alles hinzugeben, um dir das Leid eines Augenblickes abzunehmen – du glaubst doch nicht, daß sie dich be–be–trü–ügen werde!« und sie schluchzte noch lauter als vorher und warf sich aufs Sofa, und eine meiner Schwestern ging zu ihr hin und umarmte sie, und die andere Schwester kam dazu, und die Küsserei und Heulerei ging von neuem los, nur daß ich diesmal aus dem Spiel gelassen wurde, Gott sei Dank; ich hasse solche Rührseligkeiten!

»Be–be–trü–ügen,« sagte ich, ihr nachspottend. »Was denn soll das heißen, wenn du sagst, du seiest reich? Sag, hast du Geld oder keines?« (und ich stieß noch ein paar Flüche aus, die ich hier nicht aufschreiben will, aber ich war eben ganz wütend, das steht nun einmal fest.)

»So helfe mir der Himmel,« antwortete Mama, niederkniend und die Hände faltend, »ich besitze auf dieser bösen Welt nichts als eine einzige Queen Annas Guinee!«

»Und was bringt Euch dann auf den Gedanken, mir solche unsinnige Geschichten zu erzählen, Madame, und von Euren Reichtümern zu sprechen, wenn Ihr doch wissen solltet, daß Ihr und Eure Tochter Bettler seid – Bettler, meine Gnädige?«

»Aber, mein lieber Junge, haben wir denn nicht noch das Haus und die Einrichtung und noch einhundert jährliches Einkommen; und besitzest du nicht große Talente, die unser Vermögen bedeuten und unser aller Glück machen werden?« sagt Frau Stubbs, indem sie sich von den Knien erhebt und zu lächeln versucht, während sie meine Hand ergreift, die sie herzt und küßt.

Das war zu arg! »Ihr habt einhundert jährliches Einkommen?« sage ich, »Ihr habt ein Haus? bei meiner Seele, davon habe ich noch nie etwas gehört; und ich will Euch noch etwas sagen, meine Gnädige,« sage ich (und damit traf ich sie diesmal ordentlich) »da Ihr es nun einmal habt, tätet Ihr wohl am besten daran, hinzugehen und darin zu wohnen. Ich habe ganz genug mit meinem eigenen Haus zu tun und mit jedem Pfennig meines eigenen Einkommens.«

Darauf antwortete die alte Dame nichts mehr, aber sie schrie auf, so laut, daß man sie bis York hätte hören können – und nieder fiel sie – sich windend und um sich schlagend in regelrechten Krämpfen.

Nach diesem Vorfall habe ich Frau Stubbs einige Tage lang nicht gesehen, und die Mädchen kamen zu den Mahlzeiten herunter, ohne ein Wort zu sprechen; dann gingen sie wieder hinauf und blieben bei der Mutter. Endlich kamen sie eines Tages beide sehr feierlich in mein Arbeitszimmer, und Eliza, die älteste, sagte: »Robert, Mama hat dir für unsere Verköstigung bis Michaelis vorausbezahlt.«

»Ja,« sagte ich, denn ich legte immer großen Wert darauf, voraus bezahlt zu bekommen.

»Sie läßt dir sagen, John, daß wir am Michaelistag – daß wir – daß wir fortgehen werden, John.«

»Ah, sie übersiedelt wohl in ihr eigenes Haus, nicht wahr, Lizzy? sehr gut also; da wird sie wahrscheinlich die Möbel brauchen, und die kann sie auch bekommen, denn ich werde selbst das Gut verkaufen«, und damit war diese Angelegenheit erledigt.

Die ganzen zwei Monate bis zum Michaelistag habe ich meine Mutter, glaube ich, nicht zweimal gesehen (einmal gegen zwei Uhr nachts, als ich aufwachte und sie, über mein Bett gebeugt, weinend fand). Am Morgen des Michaelistages, kam Elizza zu mir und sagte: »John, sie werden um sechs Uhr abends kommen, uns abholen.« Nun, da dies also der letzte Tag war, ging ich und holte die beste Gans, die ich finden konnte, ließ sie mir braten, (ich glaube, ich habe es mir noch nie so gut schmecken lassen), nachher hatte ich einen guten Pudding und eine herrliche Punschbowle. »Auf euer Wohl, liebe Schwestern,« sagte ich, »und deines, Ma, alles Gute euch dreien! Und da ihr keinen Bissen gegessen habt, hoffe ich, werdet ihr nichts gegen ein Glas Punsch einzuwenden haben. Er ist noch von dem Guten, wißt ihr, den dieser Waters meinem Vater vor fünfzehn Jahren geschickt hat.«

Es wurde sechs Uhr, und da kam auch schon eine feine Kalesche angefahren, und, bei meinem Leben, auf dem Bock sitzt Kapitän Waters; es war sein Wagen. Dieser alte Gauner, Bates, springt heraus, tritt in mein Haus, und ehe ich Zeit fand, Jack Robinson zu sagen, führt er Mama zum Wagen, die Mädchen folgen, reichen mir eben noch flüchtig die Hand, und nachdem sie Mama hineingeholfen hatten, schlang Mary Waters, die drinnen saß, ihre Arme erst um sie und dann um die Mädchen, der Doktor sprang auf den Bock, und fort ging es, ohne meiner auch nur im geringsten zu achten, als ob ich einfach nicht dagewesen wäre.

Dies ist die getreue Darstellung alles dessen, was geschah: Mama und Fräulein Waters sitzen nebeneinander im Wagen und herzen und küssen sich; die beiden Mädchen ihnen gegenüber, auf dem Rücksitz; Waters kutschiert (und zwar besonders schlecht); und ich stehe am Gartentor und pfeife. Diese alte Närrin, Mary Malowney, steht hinter dem Gartenzaun und weint; sie fuhr den nächsten Tag mit den Möbeln nach; und ich begab mich gleichfalls fort, um in jene gefährliche Falle zu geraten, von der ich gleich erzählen will.

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