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Die verhängnisvollen Stiefel

William Makepeace Thackeray: Die verhängnisvollen Stiefel - Kapitel 8
Quellenangabe
typeessay
authorWilliam Makepeace Thackeray
titleDie verhängnisvollen Stiefel
publisherMusarion Verlag
year1925
translatorClarisse Meitner
illustratorFlora Klee-Pályi 1903-1961
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150729
modified20171009
projectida7d7a2d5
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Juli

Summarisches Verfahren

Dobbles Ansehen in Bezug auf persönlichen Mut war durch das Abenteuer mit dem Fleischhackerhund keineswegs gestiegen, aber meines stand in hoher Achtung: der kleine Stubbs galt für den tapfersten Kerl unter all den tapferen North-Bungays. Und obwohl ich gestehen muß, – was auch von den folgenden Ereignissen bestätigt wurde – daß ich von Natur aus nicht mit einer übermäßig großen, oder ich könnte beinahe sagen, auch nur mit einer durchschnittlichen Portion Kühnheit ausgestattet war, so ist doch jeder gar gerne bereit, sich damit zu schmeicheln, es wäre umgekehrt. So war ich nach kurzer Zeit geneigt, ernstlich zu glauben, daß ich mit dem Aufspießen des Hundes eine wahre Heldentat vollbracht hätte und daß ich kühn und tapfer wäre, wie nur irgendeiner von den hunderttausend Kriegern der Armee. Ich hatte immer eine Vorliebe für das Militär – nur die rohe Seite des Handwerks war es, dieses abscheuliche Kämpfen und Blutvergießen, die mich stets abgestoßen hat.

Ich glaube, daß auch das Regiment selbst nicht überaus tapfer war – denn es war ja nur die Landwehr. Aber sicher ist, daß man Stubbs für einen ganz fürchterlich wilden Kerl hielt, und ich fluchte soviel und sah so verwegen drein, daß jeder geschworen hätte, ich habe schon ein halbes Dutzend Feldzüge mitgemacht. Ich war bei verschiedenen Duellen Sekundant gewesen, der Schiedsrichter aller Streitigkeiten und selbst ein solcher Mauldrescher, daß die Leute Angst hatten, mich zu beleidigen. Was Dobble anbelangte, so nahm ich ihn unter meinen Schutz, und er wurde mir so zugetan, daß wir jeden Tag zusammen aßen, tranken und ausritten. Sein Vater sparte nicht mit dem Geld, solange er seinen Sohn in guter Gesellschaft wußte – und welche bessere hätte er finden können als die des berühmten Stubbs? Heiho! Ich galt in jenen Tagen als gute Gesellschaft und als ein tapferer Kerl, und es wäre dabei geblieben, hätte sich nicht folgendes ereignet, was ich dem Publikum sofort mitteilen werde.

In dem verhängnisvollen Jahre sechsundneunzig geschah es, daß die North Bungays in Portsmouth einquartiert waren, einer Hafenstadt, die ich nicht erst näher beschreiben muß; ich wollte, ich hätte sie nie gesehen. Ich könnte jetzt General sein oder zumindest ein reicher Mann.

Die Rotröcke galten in jenen Tagen alles, und ich war – mit meinem guten Ruf im Regiment – bei allen Leuten der Stadt wohl empfangen und gerne gesehen. Ich erhielt gar manche Einladung zu Diners und Teegesellschaften und führte gar manche schöne junge Dame zum Tanze.

Nun also: obwohl ich schon zweimal abgewiesen worden war, wie ich bereits erzählt habe, so war mein Herz doch noch jung, und Tatsache war, daß ich wohl wußte, ein Mädchen mit viel Geld sei die einzige Chance auf der Welt für mich – und so machte ich hier, wie überall sonst, der Damenwelt mächtig den Hof. Ich will die lieblichen Geschöpfe nicht alle beschreiben und aufzählen, an die ich mich, solange ich in Portsmouth weilte, näher anzuschließen versuchte. Ich versuchte es mehr als einige Male, und es ist eine merkwürdige Tatsache, die ich mir niemals habe erklären können, daß ich – so erfolgreich ich bei Damen reiferen Alters war – von den jüngeren regelmäßig abgewiesen wurde.

Aber: »kein zaghaft Herz jemals ein Weib errang,« und so fuhr ich fort und fort, bis ich endlich ein Fräulein Clopper, die Tochter eines ziemlich reichen Marine-Lieferanten, so weit hatte, daß ich wirklich glaubte, sie könne mich nicht mehr abweisen. Ihr Bruder, Kapitän Clopper, war in einem Linienregiment und half mir, so gut er nur irgend konnte; er schwor, daß ich ein so tapferer Kerl wäre.

Da mir Clopper eine Menge Aufmerksamkeiten erwiesen hatte, beschloß ich, ihn zu einem Diner zu laden, was ich, ohne meine Prinzipien in dieser Beziehung irgendwie zu verletzen, leicht tun konnte; denn die Wahrheit ist, Dobble wohnte in einem Gasthof, und da er alle seine Rechnungen regelmäßig seinem Vater einsandte, machte ich mir kein Gewissen daraus, bei ihm zu speisen. Dobble brachte einen Freund mit, und so bildeten wir eine kleine Gesellschaft; wir speisten im Extrazimmer, am Nebentisch saßen einige Marineoffiziere.

Nun, ich sparte nicht mit dem Weine, weder an mir, noch an meinen Freunden; und je mehr wir tranken, umso gesprächiger und intimer wurden wir. Ein jeder erzählte die Geschichten seiner Erfolge, sei es im Felde oder bei den Damen, wie das unter Offizieren so Brauch ist. Clopper vertraute der Gesellschaft seinen Herzenswunsch an, daß ich nämlich seine Schwester heiraten solle, und schwor, daß ich der beste Kerl unter allen Christen sei.

Dem stimmte Ensign Dobble bei. – »Aber Fräulein Clopper mag sich in acht nehmen,« sagte er, »denn Stubbs ist ein gefährlicher Bursche; er hat schon, ich weiß nicht wie viele Liaisons gehabt, und er war schon mit, ich weiß nicht wie vielen Damen verlobt.«

»Wirklich!« sagt Clopper, »geh Stubbs, erzähle uns deine Abenteuer.«

»Pah!« sage ich bescheiden, »da gibt's wahrhaftig nichts zu erzählen. Ich bin wohl verliebt gewesen, Jungens – ja, wer war es denn nicht? und wurde betrogen – ja, wer wurde es nicht?«

Clopper schwor, daß er seine Schwester niederschießen würde, wenn sie dies jemals täte.

»Erzähl' ihm von Fräulein Crutty,« sagte Dobble, »ha, ha, ha! Der hat es Stubbs gut gegeben; die hat ihn nicht betrogen, fürwahr!«

»Wirklich, Dobble, du treibst es zu arg! Man soll doch wenigstens keine Namen nennen. Tatsache ist, daß dieses Mädchen sterblich in mich verliebt war, und Geld hatte sie – sechzigtausend Pfund, bei meiner Ehre. Nun, alles war vereinbart, sobald wir nur von London fortkämen, aber da tauchte ein Verwandter auf.«

»Na, und hat der die Heirat verhindert?«

»Verhindert? Jawohl, mein Herr! Glaubt mir, er hat sie verhindert, aber nicht in dem Sinn, wie Ihr meint. Er hätte seine Augen darum gegeben und noch zehntausend Pfund dazu, wenn ich das Mädchen genommen hätte; aber ich wollte nicht.«

»Ja, warum denn nicht, um Gottes willen?«

»Herr, ihr Onkel war ein Schuster. Ich würde mich niemals soweit erniedrigen, in eine solche Familie zu heiraten.«

»Natürlich nicht,« sagt Dobble, »er konnte nicht, versteht Ihr? Na, und jetzt, erzähl' ihm von dem anderen Mädchen, dieser Mary Waters, weißt du.«

»Pst, Dobble, pst! siehst du denn nicht, einer von den Marineoffizieren am Nebentisch hat sich eben umgedreht und dich gehört. Mein lieber Clopper, das war nur so eine kindische Bagatelle.«

»Das macht nichts, erzählt nur,« sagte Clopper, »erzählt nur; ich sag es meiner Schwester nicht wieder, da könnt Ihr sicher sein;« und er legte den Zeigefinger an die Nase und sah unheimlich gescheit drein.

»Ach, nichts dergleichen, Clopper – nein, nein – bei meiner Ehre – der kleine Bob Stubbs ist kein Wüstling; die ganze Geschichte ist höchst einfach. Mein Vater hat, wißt Ihr, so eine kleine Besitzung, nichts großartiges, bloß so ein paar hundert Acker Land, in Sloffemsquiggle – ein komischer Name, nicht wahr? – Verflucht noch einmal, dieser Marineoffizier dreht sich schon wieder um!« (Ich sah furchtbar wild drein, als ich den unverschämten Blick des Offiziers erwiderte, und fuhr mit lauter, unbekümmerter Stimme fort:) »Also in diesem Sloffemsquiggle, da lebte ein Mädchen, ein Fräulein Waters, die Nichte eines spitzbübischen Apothekers aus der Nachbarschaft. Aber meine Mutter hatte eine gewisse Vorliebe für das Mädchen, lud sie oft zu uns ein in den Park und verwöhnte sie ordentlich. Wir waren beide jung – und – und – na, das Mädchen verliebte sich in mich, das steht nun einmal fest. So war ich eben einmal gezwungen, ein mehr als warmes Entgegenkommen dieser jungen Dame dankend abzulehnen, und bei meiner Ehre, das ist die ganze Geschichte, von der dieser dumme Dobble soviel Aufhebens macht.«

Eben als ich meinen Satz beendet hatte, packte mich irgendeine Hand bei der Nase, und eine Stimme brüllte:

»Herr Stubbs, Ihr seid ein Lügner und ein Schuft! nehmt dies, mein Herr – und dies noch dazu – weil Ihr es gewagt habt, den Namen einer unschuldigen Dame zu beschmutzen.«

Ich drehte mich um, so gut ich konnte, denn der Grobian hatte mich vom Sessel heruntergeworfen, und erblickte ein Ungeheuer von einem Marineoffizier, etwa sechs Fuß hoch, der damit beschäftigt war, auf mich los zu schlagen und zu stoßen, in einer ganz unziemlichen Weise, wohin er eben traf, auf Wangen und Rücken, zwischen die Rippen und die Schöße meines Fracks. »Er ist ein Lügner und ein Schurke, meine Herren; der Schuster hatte ihn bei Betrügereien ertappt, und darum verweigerte ihm die Nichte ihre Hand. Fräulein Waters war seit ihrer Kindheit mit ihm verlobt gewesen, und er ließ sie um des Schusters Nichte willen stehen, weil diese reicher war;« – dann steckte er mir eine Karte zwischen Kragen und Krawatte, gerade ins Genick, versetzte mir noch einen Hieb unterm Rücken, dieser abscheuliche Grobian, und verließ mit seinen Freunden das Zimmer.

Dobble richtete mich auf, nahm die Karte aus meinem Nacken und las: Kapitän Waters. Clopper schenkte mir ein Glas ein und flüsterte mir ins Ohr: »Wenn das wahr ist, Stubbs, so seid Ihr ein höllischer Spitzbube und müßt Euch nach Kapitän Waters mit mir schlagen«; und damit stapfte er zur Türe hinaus.

Es blieb mir nur ein Weg offen. Ich schickte dem Kapitän einige verächtlich gehaltene Zeilen, in denen ich ihm mitteilte, daß ich über seinen Zorn erhaben sei. Was Clopper anbelangte, ließ ich mich nicht einmal herab, seine Bemerkung überhaupt zu beachten – aber um die unbequeme Gesellschaft dieser niederträchtigen Spitzbuben los zu werden, beschloß ich, einen langgehegten Wunsch zu verwirklichen und eine kleine Reise zu unternehmen. Ich reichte um Urlaub ein und machte mich noch in derselben Nacht auf den Weg. Ich kann mir die Enttäuschung dieses brutalen Waters wohl vorstellen, als er, wie ich hörte, am nächsten Tag in meine Wohnung kam und sah, daß ich fort war, ha, ha, ha!

Nach diesem Abenteuer wurde ich des Lebens beim Militär überdrüssig, wenigstens in meinem Regiment, wo die Offiziere – so unverantwortlich gemein und vorurteilsvoll benahmen sie sich gegen mich – sich absolut weigerten, mich zur Messe zuzulassen. Colonel Crew sandte mir in diesem Sinne einen Brief, den ich entsprechend behandelte. – Ich erwähnte seiner niemals, auch nicht mit einem einzigen Wort und habe seither niemals mit einem Mann von den North Bungays ein Wort gewechselt.

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