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Die verhängnisvollen Stiefel

William Makepeace Thackeray: Die verhängnisvollen Stiefel - Kapitel 7
Quellenangabe
typeessay
authorWilliam Makepeace Thackeray
titleDie verhängnisvollen Stiefel
publisherMusarion Verlag
year1925
translatorClarisse Meitner
illustratorFlora Klee-Pályi 1903-1961
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150729
modified20171009
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Juni

Markknochen und Beil

Hat man schon jemals von einem so verdammten Pech gehört? Mein ganzes Leben war eigentlich immer nur eine wundersame Verkettung von Mißgeschicken aller Art. Obwohl ich mich mehr als irgendeiner darum bemüht hatte, mein Glück zu machen, kam immer etwas dazwischen, das alles zerstörte. Ich hatte, in der Liebe wie im Krieg, andere Ziele als die meisten jungen Leute. Bei meiner Heirat verlor ich die Hauptchance niemals aus dem Auge, und ihr habt gesehen, wie irgendein unglückseliger, unerwarteter Schlag alle meine Pläne durchkreuzte. Im Heer war ich ganz ebenso vorsichtig und ebenso unglücklich. Durch kluge Wetten, Sparsamkeit, Pferdetausch, Glück am Billardtisch und Ähnliches beglich ich im Laufe des Jahres stets meine Rechnungen – und das können gewiß nur wenige von sich sagen, die mit ein Hundert im Jahr ihr Auskommen finden sollen.

Ich will euch erzählen, wie das zuging: Ich pflegte gegen die jungen Leute besonders liebenswürdig zu sein. Ich suchte für sie ihre Pferde aus und ihren Wein, lehrte sie Billard spielen und Ecarté – lange Vormittage hindurch, wenn wir nichts Besseres zu tun hatten. Nicht, daß ich jemals beim Spielen betrog; ich hätte lieber mein Leben gelassen, als beim Spiel betrogen, aber wenn die Burschen unbedingt spielen wollten, so war ich nicht derjenige, der nein gesagt hätte, warum auch? Da war ein junger Kerl in unserem Regiment, dem ich wirklich dreihundert Pfund jährlich abgenommen habe, glaube ich.

Er hieß Dobble. Er war der Sohn eines Schneiders und wollte ein Edelmann sein. Ein armer, schwacher, junger Kerl, den man leicht betrunken machen konnte, leicht betrog und leicht erschreckte. Es war ein wahres Glück für ihn, daß ich ihn fand. Hätte es ein anderer statt meiner getan, er hätte ihm den letzten Pfennig abgeknöpft.

So waren Ensign Dobble und ich geschworene Freunde. Ich ritt seine Pferde ein und wählte seinen Champagner, kurz, ich tat wirklich alles für ihn, was ein überlegener Kopf für den schwächeren zu tun vermag – wenn der schwächere nämlich das Geld hat. Wir waren unzertrennlich, man sah uns überall nur zu zweit. Wir brachten es sogar einmal fertig, uns in zwei Schwestern zu verlieben, wie das bei jungen Offizieren so Brauch ist; ihr wißt ja, Hunde wechseln mit jedem Quartier auch ihre Liebe.

Also einmal, im Jahre 1793 (es war gerade nachdem die Franzosen dem armen Louis den Kopf abgeschlagen hatten), mußten Dobble und ich – lustig und jung wie nur je zwei Soldaten gewesen – unsere Augen auf zwei junge Damen werfen; sie hießen Brisket und waren die Töchter eines Fleischhauers der Stadt, in der wir einquartiert waren. Natürlich verliebten sich die guten Mädels in uns. Und da gab es gar manchen schönen Spaziergang durch Wiesen und Wälder, gar manchen Besuch in Gärten und Kaffeehäusern, gar manches hübsche Band und zierliche Schmuckstück, die Dobble und ich (denn sein Vater bewilligte ihm sechshundert Pfund, und unser Geldbeutel war gemeinsam) diesen jungen Damen schenkten. Stellt euch nun unsere Freude vor, als wir eines Tages folgendes Briefchen erhielten:

»Unseren lieben Kapitänen Stubbs und Dobble! Die Fräulein Briskets entsenden Euch die besten Grüße und, da unser Papa wahrscheinlich bis zwölf bei einem Festmahl ausbleiben dürfte, erbitten wir das Vergnügen Eures Besuches zum Tee.«

Das mußte man uns nicht zweimal sagen! Pünktlich um sechs Uhr befanden wir uns in dem kleinen Hinterstübchen; wir tranken mehr Tee und machten mehr den Hof, als ein halbes Dutzend gewöhnliche Leute imstande gewesen wären. Gegen neun folgte eine kleine Punschbowle dem kleinen Teekessel und, Gott segne die Mädchen! ein schöner, frischer Braten prasselte auf dem Roste für uns zum Nachtmahl. Fleischhauer waren damals eben Fleischhauer, und ihr Wohnzimmer war auch zugleich ihre Küche; wenigstens beim alten Brisket war es so. – Eine Türe führte in den Laden, eine zweite in den Hof, auf dessen gegenüberliegender Seite sich die Schlächterei befand.

Stellt euch nun unser Entsetzen vor, als wir eben in diesem kritischen Augenblick die Türe des Ladens aufgehen hörten, einen schweren, wankenden Schritt auf den Steinen vernahmen und eine laute, heisere Stimme, die rief: »Halloh Susanne! halloh Betsy! bringt ein Licht!« Dobble wurde so weiß, wie ein Blatt Papier, die beiden Schwestern so rot wie Krebse, nur ich behielt meine Geistesgegenwart. »Die Hintertüre!« sage ich. – »Der Hund ist im Hof,« sagen sie. »Der ist nicht so schlimm wie ein Mensch,« sage ich. »Halt!« ruft Susanne, schlägt die Türe auf und stürzt zum Feuer: »Nimm das, vielleicht wird es ihn beruhigen.«

Was, glaubt ihr wohl, war das? Gott verdamm mich, wenn es nicht der Braten gewesen ist!

Sie stieß uns hinaus, streichelte und liebkoste den Hund, und war in einem Augenblick wieder drinnen! Der Mond erhellte Hof und Schlachthaus, wo ein paar weiße, gespensterhaft aussehende tote Schafe hingen; eine breite Rinne lief quer über den Hof – zum Abrinnen für das Blut! – der Hund verzehrte still das Fleisch (das für uns bestimmt war) – und wir konnten durch das Fenster sehen, wie die Mädchen umherschossen, um das Eßzeug zu verstecken – und da ging auch schon die Ladentür auf, der alte Brisket trat ein, taumelnd, wütend, betrunken. Und was konnten wir noch sehen, auf der hohen Lehne eines Stuhles, freundlich nickend, als wollte er den alten Brisket begrüßen? den Federbusch auf Dobbles Hut! Als Dobble ihn erblickte, erbleichte er und wurde ohnmächtig; der arme Kerl sank in seiner Todesangst zitternd auf einen Hackstock nieder, der im Hofe stand.

Wir sahen, wie der alte Brisket scharf und fest (so fest er eben konnte) auf den verdammten, unverschämten, naseweisen, nickenden Federbusch blickte. Dann dämmerte langsam ein Gedanke in seinem Hirn, daß zu dem Hut wohl auch ein Kopf gehöre. Dann erhob er sich langsam – langsam – er war sechs Fuß groß und zweihundert Pfund schwer – er erhob sich –, nahm seine Schürze, strich sich die Ärmel hinauf und griff nach seinem Beil.

»Betsy,« sagte er, »mach die Hoftüre auf.« Aber die armen Mädchen schrien und warfen sich auf die Knie und flehten und weinten und taten ihr Möglichstes, um ihn von seinem Vorhaben abzuhalten. »Mach die Hoftüre auf!« brüllte er mit Donnerstimme; der große Bulldog stutzte bei diesem Klang und fing so wütend zu bellen an, daß ich voll Entsetzen auf die andere Seite des Hofes flog. Dobble vermochte nicht ein Glied zu rühren, er saß auf seinem Block und schluchzte wie ein kleines Kind.

Die Türe öffnete sich, und heraus trat Herr Brisket.

»Pack ihn, Spürhund!« ruft er, »halt fest, Spürhund!« und der entsetzliche Hund stürzt sich auf mich, und ich stürze in die andere Ecke und ziehe mein Schwert, fest entschlossen, mein Leben nur teuer zu verkaufen.

»So ist's recht!« sagt Brisket, »halt ihn nur dort – braver Hund! Und nun, mein Herr,« sagt er, sich an Dobble wendend, »ist das Euer Hut?«

»Ja,« sagt Dobble, dem der Schreck beinahe die Kehle zuschnürte.

»Gut also,« sagt Brisket, »es ist – huk – meine traurige Pflicht, – huk – Euch mitzuteilen, daß ich, da ich nun einmal Euren Hut habe, auch Euren Kopf haben muß; es ist traurig, aber es muß sein. Es wäre besser, – huk – wenn Ihr Euch's be–bequem machen würdet, Euch gegen den Block – huk – lehnen wolltet, und ich hau ihn Euch ab, ehe Ihr Jack – huk – nein, ich meine ›Jack Robinson‹ sagen könnt.«

Dobble fiel auf die Knie und kreischte: »Ich bin ein einziges Kind, Herr Brisket! Ich will sie heiraten, Herr; bei meiner Ehre, ich will es. – Bedenkt doch Herr, meine Mutter, denkt an meine Mutter!«

»So ist's recht, Herr,« sagte Brisket – »so ist's recht – huk – ein guter Sohn – seid schön brav – da, legt schön ruhig den Kopf her – und gleich werd ich's haben – gleich – wie bei Louis dem sechs – dem sechzech – dem sexteklsten; – dem andern hau ich ihn nachher ab.«

Als ich dies hörte, sprang ich unwillkürlich zurück und stieß einen solchen Schrei aus, wie jeder andere, der sich an meiner Stelle befunden hätte. Der bissige Spürhund, der wohl glaubte, ich käme ihm aus, sprang mir an die Kehle. In einer Art Verzweiflungsanfall schrie ich laut auf und warf die Arme in die Höhe – und zu meiner namenlosen Verwunderung – der Hund fällt hin, tot, aufgespießt, meinen Degen im Leibe.

In diesem Augenblick stürzte ein Haufen Menschen herein und auf den alten Brisket los – eine seiner Töchter hatte soviel Verstand gehabt, sie zu Hilfe zu rufen – und Dobbles Kopf war gerettet. Und als sie den Hund tot zu meinen Füßen liegen sahen, mein gespensterhaftes Antlitz, mein verstörtes Aussehen, mein blutiges Schwert, da sparten sie nicht mit dem Lob ob meiner Tapferkeit. »Ein entsetzlich wilder Kerl, dieser Stubbs,« hieß es, und so hieß es auch folgenden Tages in der Messe.

Ich erzählte ihnen nicht, daß der Hund Selbstmord begangen hatte – wozu auch? Auch sagte ich nicht ein Wort von Dobbles Feigheit. Ich erzählte, er wäre ein tapferer Bursche und hätte wie ein Tiger gekämpft; und das hielt ihn ab, Geschichten zu erzählen. Aus dem Fell des Hundes ließ ich ein paar Pistolentaschen machen und schaute so grimmig drein, und mein Ruf der Tapferkeit wuchs so sehr beim Regiment, daß Bob Stubbs immer vorausgeschickt wurde, so oft wir die Linientruppen treffen sollten, um die Ehre des Korps zu stützen. Frauen, das wißt ihr ja, haben für männlichen Mut stets eine grenzenlose Bewunderung; und mein Renommee war zu jener Zeit so groß, daß ich freie Wahl gehabt hätte unter einem halben Dutzend Frauen zu je drei, vier oder fünftausend Pfund, die sich in mich und meinen roten Rock sterblich verliebt hatten. Aber ich war kein Narr. Zweimal hatte ich im Begriff gestanden, zu heiraten, und zweimal war ich enttäuscht worden; da verschwor ich mich bei allen Heiligen, daß ich eine Frau bekommen würde, und zwar eine reiche. Verlaßt euch auf das eine, als unumstößliche Wahrheit, die euch im Leben als Richtschnur dienen soll: Es ist ebenso leicht, eine reiche Frau zu bekommen, wie eine arme. – Mit demselben Köder, der eine Fliege anlockt, fängt man auch einen Lachs.

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