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Die verhängnisvollen Stiefel

William Makepeace Thackeray: Die verhängnisvollen Stiefel - Kapitel 6
Quellenangabe
typeessay
authorWilliam Makepeace Thackeray
titleDie verhängnisvollen Stiefel
publisherMusarion Verlag
year1925
translatorClarisse Meitner
illustratorFlora Klee-Pályi 1903-1961
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150729
modified20171009
projectida7d7a2d5
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Mai

Der Tag der Vergeltung

Da der wunderschöne Monat Mai, wie Dichter und andere Philosophen behaupten, von Natur aus der Liebe geweiht ist, so will ich von dem Vorzuge dieser Jahreszeit Gebrauch machen und euch das Ergebnis meiner Liebesgeschichte erzählen.

Ich war jung, lustig, liebenswürdig und Fähnrich – und so gelang es mir leicht, Herz und Liebe meiner Magdalene vollständig zu gewinnen; was hingegen Fräulein Waters und ihren abscheulichen Onkel, den Doktor, anbelangte, so war es zwischen uns, wie ihr euch gewiß vorstellen könnt, zu einem vollkommenen Bruch gekommen. Das Fräulein beteuerte wahrhaftig, sie wäre froh, daß ich die Verbindung gelöst hätte, obwohl die kleine Schelmin ihre Augen darum gegeben hätte, sie wieder herzustellen. Aber das stand außer Frage. Mein Vater, der sehr merkwürdige Ansichten hatte, sagte, ich hätte mich in der Sache wie ein Schuft benommen. Meine Mutter nahm natürlich meine Partei und sagte, ich hätte richtig gehandelt, so wie immer. Ich verschaffte mir von meinem Regiment einen Urlaub, um meine vielgeliebte Magdalene so schnell wie möglich zu einer Heirat zu bewegen, da ich aus Büchern und eigenen Erfahrungen die unglaubliche Vergänglichkeit und Unbeständigkeit aller menschlichen Angelegenheiten wohl kannte.

Außerdem war das liebe Mädchen um siebzehn Jahre älter als ich und ihre Gesundheit beinahe ebenso schwankend wie ihr Charakter. Wie konnte ich da ermessen, ob der grimme Feind sie mir nicht früher entrisse, als sie die Meine hätte werden können? So fuhr ich also fort, mit wärmster Zärtlichkeit und liebevollstem Eifer meine Sache zu betreiben. Der glückliche Tag wurde bestimmt, und zwar wurde das Datum auf den unvergeßlichen 10. Mai 1792 festgesetzt; die Hochzeitskleider wurden bestellt; und um die Dinge festzulegen, ließ ich eine kleine Anzeige in die Zeitung setzen: Hochzeiten in hohen Kreisen. Wir hören, daß Fähnrich Stubbs von den North Bungay Fencibles, Sohn des Thomas Stubbs von Sloffemsquiggle, Esquire, die schöne und ehrenwerte Tochter des Salomon Crutty, Esquire, zum Traualtar führen wird. Die Dame verfügt, wie wir hören, über ein Vermögen von zwanzigtausend Pfund, die sie als Mitgift in die Ehe bringt. »Nur dem Tapferen gebührt Ehre und Schönheit.«

 

»Hast du deine Verwandten verständigt, meine Liebe?« fragte ich Magdalene einen Tag, nachdem ich die oben erwähnte Notiz abgeschickt hatte, »kommt irgend jemand von ihnen zu deiner Hochzeit?«

»Onkel Sam wahrscheinlich,« sagte Fräulein Crutty, »der Bruder meiner lieben Mutter.«

»Und wer war deine teure Mama?« fragte ich, da Fräulein Cruttys Mutter schon lange tot war, und ich ihren Namen niemals hatte erwähnen hören.

Magdalene errötete und senkte die Augen. »Mama war eine Ausländerin,« sagte sie endlich.

»Woher stammte sie?«

»Sie war eine Deutsche. Papa heiratete sie, als sie noch sehr jung war. – Sie stammte nicht aus sehr guter Familie,« fügte Fräulein Crutty zögernd hinzu.

»Was kümmert mich die Familie, du meine Geliebte!« sagte ich und küßte zärtlich ihre Hände, die ich in den meinen hielt, »sie war sicherlich ein Engel, die dir das Leben schenkte««

»Sie war die Tochter eines Schuhmachers.«

Ein deutscher Schuhmacher? Verflucht! dachte ich; von denen hatte ich für mein Leben genug! und so brach ich das unerfreuliche Gespräch ab.

 

Der Tag rückte näher; die Kleider waren bestellt, das Aufgebot in der Kirche verkündet. Meine gute Mutter hatte einen Hochzeitskuchen in der Größe einer Badewanne gebacken, und ich wartete nur mehr auf den Ablauf einer Woche, um in den Besitz von zwölftausend Pfund zu gelangen. Na, Gottes Segen dazu! Gar wenig wußte ich von dem Sturm, der sich über meinem Haupte sammelte, und von der meiner wartenden Enttäuschung, während ich doch wirklich mein Bestes tat, um ein Vermögen zu erringen.

 

»Oh, Robert!« sagte Magdalene zwei Tage vor unserer Hochzeit zu mir, »ich habe einen so lieben Brief von Onkel Sam aus London bekommen. Ich habe ihm, auf deinen Wunsch hin, geschrieben. Er antwortet, daß er morgen kommen wird, daß er schon oft von dir gehört hat und deine Verdienste wohl kennt, auch daß er ein sehr schönes Geschenk für uns hat! Ich bin neugierig, was es wohl sein kann.«

»Ist er reich, Geliebte meines Herzens?« fragte ich.

»Er ist Junggeselle und hat ein gutes Geschäft; er hat keine Verwandten, denen er sein Geld hinterlassen könnte.«

»Sein Geschenk kann wohl nicht weniger als tausend Pfund betragen,« sagte ich.

»Oder vielleicht ein silbernes Teeservice mit einem Aufsatz,« sagte sie.

Aber das glaubten wir doch wieder nicht, es wäre zu wenig gewesen – nämlich für einen Mann von seinem Reichtum; und so einigten wir uns, daß es wohl doch die tausend Pfund sein dürften.

»Der gute Onkel! Er muß mit der Post ankommen,« sagte Magdalene. »Wir wollen einige Freunde zu Besuch bitten, um ihn zu empfangen.« Das taten wir auch: mein Vater und meine Mutter, der alte Crutty in seiner schönsten Perücke, und der Pfarrer, der uns am nächsten Tag trauen sollte. Die Post sollte um sechs Uhr kommen. Der Teetisch war gedeckt und die Punschbowle bereitet, und alle waren voll Erwartung und freudig bereit, unseren lieben Onkel aus London zu begrüßen.

Es wurde sechs Uhr, und der Postwagen kam, und da erschien auch schon der Hausknecht vom »Grünen Dragoner« mit einer Manteltasche, und hinter ihm schritt ein dicker alter Herr, – ich sah ihn nur flüchtig – ein respektabler alter Herr; mir schien, als hätte ich ihn schon zuvor einmal gesehen.

 

Dann läutete die Glocke, draußen im Gang hörte man schnaufen und schieben, schreien und klopfen, dann eilte der alte Crutty hinaus, und man hörte lachen und sprechen und »Wie geht es dir?« und so weiter, dann wurde die Türe aufgerissen, und Crutty rief mit lauter Stimme:

»Hört, meine lieben Leute, mein Schwager, Herr Stiffelkind!«

Herr Stiffelkind! – Ich zitterte, als ich den Namen hörte!

Fräulein Crutty küßte ihn, Mama machte einen Knix und Papa eine Verbeugung, und Dr. Snorter, der Pfarrer, schüttelte ihm warm die Hand – dann kam ich an die Reihe!

»Was!« rief er, »ist es wirklich mein lieber guter junger Freund von Dr. Swishtails Schule? Ist dies die ehrenwerte Mutter des jungen Herrn (Mama lächelte und knixte) und dies sein Vater? Mein Herr und meine Dame, Ihr müßt stolz sein, so einen Sohn zu haben. Und du, meine liebe Nichte, wenn er dein Gatte wird, so wirst du einfach glücklich sein. Was glaubt Ihr wohl, Bruder Crutty und Herr und Frau Stubbs, ich habe für Euren Sohn Stiefel gemacht, ha! ha! ha!«

Meine Mutter lachte und sagte: »Ich wußte es nicht, Herr, aber ich bin sicher, er hat ein ebenso hübsches Bein in jedem Stiefel, wie nur sonst einer im ganzen Land.«

Der alte Stiffelkind lachte nur noch lauter. »Ein sehr hübsches Bein, ja, gnädige Frau, und gar billige Stiefel daran! Wie, Ihr habt nicht gewußt, daß ich ihm Stiefel gemacht habe? Vielleicht habt Ihr auch noch etwas anderes nicht gewußt – vielleicht habt Ihr nicht gewußt (und dabei schlug das Ungeheuer mit den Händen auf den Tisch, daß die Punschbowle wackelte), vielleicht habt Ihr auch nicht gewußt, daß dieser junge Mann, dieser Stubbs, dieser kriecherische, feige, schielende Kerl, ebenso schlecht wie häßlich ist. Er hat ein Paar Stiefel bei mir gekauft und sie niemals bezahlt. Das macht nichts – niemand bezahlt! Aber er hat ein Paar Stiefel gekauft und sich Lord Cornwallis genannt! Und ich war Narr genug, ihm einmal zu glauben! Aber schau her, meine Nichte Magdalene, ich besitze fünftausend Pfund; wenn du ihn heiratest, bekommst du niemals einen einzigen Pfennig; aber schau her, was ich dir geben werde: ich habe dir ein Geschenk versprochen, und ich schenke dir das da!«

Und das alte Ungeheuer brachte wahrhaftig dieselben Stiefel herbei, die ihn Dr. Swishtail zurücknehmen ließ.

 

Ich habe Fräulein Crutty nicht geheiratet; ich bedaure es auch nicht. Sie war eine schlechte, häßliche, launenhafte Hexe, was ich schon immer gesagt habe.

Und an all dem waren diese teuflischen Stiefel schuld, und jene unglückselige Anzeige in der Zeitung – ich will euch sagen, wieso.

Erstens war sie von einem jener dummen, ruchlosen, leichtsinnigen Organe der Londoner Presse als Scherz aufgefaßt worden, von einem, der gerade über »Hochzeiten in hohen Kreisen« sehr witzig zu sein pflegte und der über mich und Fräulein Crutty allerlei Späße machte.

Zweitens hatte mein Todfeind Bunting sie in jener Londoner Zeitung gelesen, jener Bunting, der durch mein Abenteuer die Bekanntschaft des alten Stiffelkind gemacht hatte und seither regelmäßig seine Schuhe von diesem ausländischen Emporkömmling bezog.

Drittens benötigte er eben um diese Zeit eine Schuhreparatur, und während der abscheuliche alte deutsche Schuhflicker ihm Maß nahm, erzählte Bunting, daß sein alter Freund Stubbs im Begriffe sei, zu heiraten.

»Wen denn?« fragte der alte Stiffelkind, »sicherlich eine Frau mit Geld, ich möchte darauf schwören!«

»Ja,« sagte Bunting, »ein Provinzmädchen – ein Fräulein Magdalene Carotty oder Crotty, in einem Ort namens Sloffemsquiggle.«

»Schloffemschwiegel!« platzte der schreckliche Schuster heraus. »Mein Gott, mein Gott! das geht nicht – ich sag Euch, Herr, das geht wirklich nicht! Fräulein Crutty ist meine Nichte. Ich will selbst hinfahren. Ich lasse sie diesen Taugenichts, diesen Schwindler, diesen Dieb nicht heiraten!« Solche Reden wagte der Schuft über mich zu führen!

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