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Die verhängnisvollen Stiefel

William Makepeace Thackeray: Die verhängnisvollen Stiefel - Kapitel 5
Quellenangabe
typeessay
authorWilliam Makepeace Thackeray
titleDie verhängnisvollen Stiefel
publisherMusarion Verlag
year1925
translatorClarisse Meitner
illustratorFlora Klee-Pályi 1903-1961
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150729
modified20171009
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April

Zum Narren halten

Hierauf verließ ich, wie ihr euch wohl vorstellen könnt, diese abscheuliche Anstalt und lebte eine Zeitlang mit Papa und Mama. Meine Erziehung war vollendet, zumindest einigten wir uns, Mama und ich, darüber, daß sie vollendet sei, und ich blieb von meinen Knabenjahren an bis nach den Flegeljahren (die man, wie ich annehme, um das sechzehnte Lebensjahr erreicht, und die dem Monat April verglichen werden können, da der Frühling zu blühen beginnt), von meinem vierzehnten bis zu meinem siebzehnten Jahr also blieb ich zu Hause, arbeitete nichts, – wofür ich seither stets eine große Vorliebe gehabt habe – war das Idol meiner Mama, die immer meine Partei ergriff, so oft ich mit meinem Vater einen Streit hatte, und die regelmäßig etwas von ihrem Wochengeld stahl, um mir ein Taschengeld zu verschaffen. Die arme Seele! gar manche Guinee erhielt ich von ihr auf diese Weise; und so ermöglichte sie es mir, eine ganz hübsche Rolle in der Öffentlichkeit zu spielen.

Um diese Zeit ungefähr wollte mein Papa, daß ich in ein Geschäft einträte oder sonst einen Beruf ergriffe. Aber Mama und ich waren darin einig, daß ich zu einem Edelmann geboren sei und nicht dazu, ein Kaufmann zu werden; es gab nur einen Platz für mich, und das war das Heer. Alle Leute wurden damals Soldaten, denn der französische Krieg war eben ausgebrochen, und das ganze Land wimmelte von Militär. »Gut,« sagte mein Vater, »wir werden ihm einen Platz in einem Marschbataillon verschaffen, und dort wird er, da wir kein Geld haben, ihn hinaufzubringen, seinen Weg schon allein durchkämpfen, das will ich nicht bezweifeln;« – und Papa sah mich dabei etwas verächtlich von der Seite an, als wollte er sagen, er bezweifle gar sehr, ob ich für diese gefährliche Art, mein Fortkommen zu suchen, viel Lust verspürte.

Ich wollte, ihr hättet Mama aufschreien hören, als er so kühl davon sprach, mich in Kriegsgefahren zu bringen. »Wie? Ihn hinüberschicken über dieses schreckliche, entsetzliche Meer – damit er Schiffbruch erleide, vielleicht ertrinke, nur um drüben zu landen und mit den abscheulichen Franzosen zu kämpfen – daß er verwundet werde oder vielleicht gar ge-ge-getötet! Oh, Thomas! Thomas! willst du mich und den Jungen umbringen?« Es entstand eine regelrechte Szene, und sie endete – wie sie alle endeten – damit, daß Mama recht behielt und man beschloß, mich bei der Landwehr einzuschreiben. Warum auch nicht? Die Uniform ist ganz so kleidsam und die Gefahr nicht halb so groß. Ich glaube nicht, daß ich während meiner ganzen militärischen Laufbahn auch nur ein einzigesmal gekämpft habe. So folgte ich den North Bungays und begann meinen Weg in die weite Welt.

Ich war nicht eben das, was man einen schönen Mann nennt, ich weiß; aber es war doch immerhin etwas an mir, – das ist sicher – denn die Mädchen lachten, wenn sie mit mir sprachen, und die Männer – obwohl sie vorgaben, mich einen armen, kleinen, schielenden Teufel zu nennen, rothaarig und knickebeinig, und so weiter – waren doch eifersüchtig auf meine Erfolge, sonst hätten sie mich nicht so bitterlich gehaßt. Sie tun es sogar jetzt noch, obwohl ich alle Hofmacherei aufgegeben habe. Aber im April meines Lebens – das ist anno domini 1791 gewesen oder so ungefähr – da war das anders! Und da ich sonst nichts zu tun hatte und immer bestrebt war, meine Verhältnisse zu verbessern, erfocht ich, in dieser Beziehung, gar manchen hübschen Sieg. Aber ich war nicht hitzköpfig und nicht unvernünftig wie die meisten anderen jungen Leute. Nicht daß ich viel auf Schönheit gesehen hätte. Puh! Ich war kein Narr! Auch nicht auf Charakter oder Laune – mir liegt nichts an anderer Leute übler Laune – ich wußte wohl, daß ich imstande war, das Herz jeder Frau im Laufe zweier Jahre zu brechen. Was ich wollte, war einzig und allein: in dieser Welt vorwärts kommen! Natürlich hatte ich nicht eben eine Vorliebe für häßliche Frauen oder für zänkische, und hätte ich die Wahl gehabt, hätte ich mich sicherlich für ein hübsches, liebenswürdiges Mädchen mit viel Geld entschieden, so wie jeder andere anständige Mann.

In unserer Gegend waren zwei ziemlich reiche Mädchen: Fräulein Magdalene Crutty mit zwölftausend Pfund (und um gerecht zu sein, ein so gewöhnliches Mädchen, wie ich es nur je gesehen habe), und Fräulein Mary Waters, ein hübsches, großes, rundliches, lächelndes, rotwangiges, goldhaariges, weißhäutiges Geschöpf mit nur zehntausend Pfund. Mary Waters lebte mit ihrem Onkel, dem Doktor, der geholfen hatte, mich auf die Welt zu bringen, und der sehr bald darnach die Sorge für diese kleine Waise übernommen hatte. Meine Mutter hatte, wie ihr schon gehört habt, Dr. Bates so gerne, und Bates wieder hatte die kleine Mary so gerne, daß die beiden anfangs beinahe immer in unserem Hause waren. Ich pflegte Mary, sobald ich nur sprechen konnte, und beinahe ehe sie gehen gelernt hatte, meine kleine Frau zu nennen. Es war rührend, uns anzusehen, sagten die Nachbarn.

Nun also, als ihr Bruder, der Schiffsleutnant war, zum Kapitän ernannt wurde und seiner Schwester Mary fünftausend Pfund sofort gab – sie war damals zehn Jahre alt – und ihr fünftausend weitere versprach, da war des Redens und Tuschelns und Nickens und Lächelns zwischen dem Doktor und meinen Eltern kein Ende, und man ließ mich mit Mary noch mehr allein als zuvor, und man lehrte sie, mich ihren kleinen Gatten nennen, was sie auch tat, und von diesem Tage an betrachtete man die Angelegenheit als eine abgemachte Sache. Es war wirklich erstaunlich, wie sehr sie mich liebte.

Kann man mich nach dem eben Gesagten noch interessiert nennen? Obwohl Miß Crutty zwölftausend und Mary nur zehntausend hatte (fünftausend in Händen und fünftausend in Sicherheit), hielt ich doch treu zu Mary. Natürlich haßte Fräulein Crutty das Fräulein Waters. Tatsache war, daß alle Leute Mary nachliefen und kein Mensch sich um Magdalene kümmerte, trotz ihrer zwölftausend Pfund. Ich war aber stets aufmerksam gegen sie (was immer ratsam ist), und Mary pflegte manchmal über mein Kokettieren mit Magdalene zu lachen, manchmal zu weinen. Ich hielt es für angemessen, dem bald Einhalt zu tun, und ich sagte: »Mary, du weißt, daß meine Liebe zu dir uneigennützig ist; denn ich bleibe dir treu, obwohl Fräulein Crutty reicher ist als du. Werde also, bitte, nicht wütend, wenn ich ihr eine Aufmerksamkeit erweise, da du doch weißt, daß ich dir mein Herz und mein Wort verpfändet habe.«

Tatsache ist, – ich will das Geheimnis verraten – daß es immer gut ist, zwei Eisen im Feuer zu haben. »Wer weiß,« dachte ich, »Mary kann sterben, und wo sind dann meine zehntausend Pfund?« Und so war ich wirklich immer sehr lieb zu Fräulein Crutty, und es war gut, daß ich so handelte. Denn als ich zwanzig war und Mary achtzehn, da kam plötzlich die Nachricht, – Gott verdamm mich, wenn das nicht wahr ist! – daß Kapitän Waters, der mit seinem Geld nach England zurückkommen wollte, von einem französischen Kaperschiff aufgegriffen worden war – Schiff, Geld, er selbst und alles andere! So hatte Mary statt zehntausend Pfund nur mehr fünftausend Pfund, was einen Unterschied von nicht weniger als dreihundertfünfzig Pfund per anno zwischen ihr und Fräulein Crutty ausmachte.

Ich war eben in mein Regiment (die berühmten North Bungay Fencibles, Kommandant Colonel Craw) eingetreten, als mich diese Nachrichten erreichten. Und ihr könnt euch vorstellen, wie es einem jungen Menschen dabei zumute ist, der in einem teueren Regiment diente, Uniformen und alles Mögliche bezahlen mußte und in der Welt eine Rolle spielen sollte. »Mein lieber Robert,« schrieb Fräulein Waters, »wird das Los meines teuren Bruders wohl beweinen, aber – ich bin dessen sicher – niemals das Geld, das mir die edle Seele versprochen hat. Es bleiben mir noch fünftausend Pfund, und mit diesen sowie mit deinem eigenen kleinen Vermögen (ich besaß tausend Pfund zu fünf Perzent!) werden wir so glücklich und zufrieden wie nur möglich sein.«

Wahrhaftig, glücklich und zufrieden! Wußte ich nicht, wie es meinem Vater ging mit seinen dreihundert Pfund jährlich, und daß alles, was er damit tun konnte, nicht mehr war, als selbst sparsam zu leben und gerade noch ein Hundert im Jahr zu meinem schmalen Einkommen zuzuschießen! Ich war schnell entschlossen: ich bestieg sofort einen Wagen, flog in unser Dorf – und begab mich zu Fräulein Crutty, natürlich. Sie wohnte gleich neben Dr. Bates, aber dort hatte ich nichts mehr zu suchen.

Ich fand Magdalene im Garten. »Mein Gott, Herr Stubbs!« rief sie, als ich in meiner neuen Uniform vor ihr erschien. »Wirklich ich hätte Euch – so einen feinen Offizier – niemals hier erwartet!« Und sie tat, als wollte sie erröten und fing heftig zu zittern an. Ich führte sie zu einem Sitzplatz im Garten. Ich faßte ihre Hand – sie entzog sie mir nicht. Ich drückte sie – und ich glaubte eine Erwiderung meines Druckes zu verspüren. Da warf ich mich auf die Knie und flüsterte ihr eine kleine Rede ins Ohr, die ich mir auf dem Dach des Postwagens zurechtgelegt hatte. »Oh, göttliche Magdalene!« rief ich, »Idol meines Herzens! Nur um einen Schimmer Eurer Gestalt aufzufangen, habe ich diesen Garten betreten. Niemals wollte ich die heimliche Leidenschaft (oh nein; natürlich nicht) verraten, die mein Leben verzehrte. Ihr kennt meine unglückliche, frühere Verbindung? Sie ist gelöst, und für immer! Ich bin frei! – frei, Euer Sklave zu sein – Euer demütigster, treuester, liebevollster Sklave! . . .« und so weiter.

»Oh, Herr Stubbs!« sagte sie, als ich einen Kuß auf ihre Wange drückte, »ich kann Euch nicht abweisen; aber ich fürchte, Ihr seid ein böser, schlimmer Mann.«

In süße Träumerei versunken, welche die Verwirrung dieses lieben Geschöpfes verursacht hatte, schwiegen wir beide eine Weile still und hätten vielleicht Stunden so verbracht, verloren in unser Glück, wäre ich nicht plötzlich von einer Stimme hinter mir aufgeschreckt worden:

»Weine nicht, Mary, er ist ein Betrüger, ein kriecherischer Schurke, und du solltest froh sein, ihn loszuwerden!«

Ich drehte mich um! Oh Gott! da stand Mary an Dr. Bates' Arm gelehnt und weinte, während dieser elende Apotheker mich mit unverhohlener Verachtung ansah. Der Gärtner, der mich vorhin eingelassen, hatte ihnen von meiner Ankunft berichtet und stand nun grinsend hinter ihnen. »Unverschämtheit!« war alles, was meine Magdalene ausrief, als sie mit vollkommener Selbstbeherrschung davonhuschte, während ich – die Spione mit den Blicken durchbohrend – ihr folgte. Wir zogen uns in das Wohnzimmer zurück, wo sie mir nochmals, in den zärtlichsten Ausdrücken, die Beteuerung ihrer Liebe wiederholte.

Ich hielt mich für einen gemachten Mann. Aber ach! Ich war nur ein April-Narr!

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