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Die verhängnisvollen Stiefel

William Makepeace Thackeray: Die verhängnisvollen Stiefel - Kapitel 4
Quellenangabe
typeessay
authorWilliam Makepeace Thackeray
titleDie verhängnisvollen Stiefel
publisherMusarion Verlag
year1925
translatorClarisse Meitner
illustratorFlora Klee-Pályi 1903-1961
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150729
modified20171009
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März

Regenwetter

Als meine Mutter von der Behandlung erfuhr, die ihr Liebling hatte erdulden müssen, wollte sie entweder eine Klage gegen Dr. Swishtail einreichen oder ihm die Augen auskratzen (die gute Seele! nicht einmal einer Fliege hätte sie ein Leid tun können, wäre sie selbst die beleidigte gewesen); zumindest aber wollte sie mich aus der Schule herausnehmen, in der ich so schändlich behandelt worden war. Aber diesmal blieb mein Papa standhaft, schwor, daß mir ganz recht geschehen sei und erklärte, daß ich in der Schule bleiben müsse; er schickte Dr. Swishtail ein paar Fasane für dessen – wie er es nannte – freundliche Aufmerksamkeit gegen seinen Sohn. Der alte Herr lud mich ein, an diesem Festmahl teilzunehmen, und hielt dabei eine sehr merkwürdige Rede. Er sprach beim Tranchieren von meinen vorzüglichen Eltern und seinem eigenen Entschluß, mir noch mehr »freundliche Aufmerksamkeiten« zu erweisen, wenn ich jemals wieder ähnliche Geschäftchen versuchen wollte. So war ich denn gezwungen, meinen alten Handel aufzugeben, denn der Doktor erklärte, daß jeder, der sich Geld ausborgte, Prügel bekommen sollte, und jeder der es zurückzahlte, noch einmal soviel Prügel. Gegen solches Verbot konnte ich nicht aufkommen, und so ging mein kleiner Geldhandel zugrunde.

Ich war kein besonders guter Schüler; niemals ist es mir gelungen, in der lateinischen Grammatik weiter zu kommen als bis zu jenem fürchterlichen »propria quae maribus«, von dem ich, obwohl ich es bis auf den heutigen Tag auswendig kann, niemals auch nur eine Silbe verstanden habe. Aber um meiner Größe, meines Alters und vermutlich der Bitten meiner Mutter willen genoß ich die Vorrechte der größeren Knaben und die Erlaubnis, an Feiertagen in der Stadt spazieren gehen zu dürfen. Und wir waren die reinsten Stutzer, wenn wir so ausgingen. Ich erinnere mich noch genau meines Anzuges: einen Donner- und Blitzrock; eine weiße Weste, an den Taschen sauber ausgenäht; eine Spitzenkrause um den Hals; Kniehosen und elegante weiße Baumwoll- oder Seidenstrümpfe. Das war alles sehr schön, aber ich war dennoch unzufrieden: ich wünschte mir Stiefel. Drei Knaben in der Schule besaßen hohe Stiefel, und ich brannte darnach, auch welche zu haben.

Aber mein Papa wollte nichts davon hören, als ich ihm deswegen schrieb, und drei Pfund, soviel kosteten sie, war eine zu große Summe, sowohl für meine Mutter – das konnte sie von ihrem Wirtschaftsgeld nicht erübrigen – als auch für mich, bei der augenblicklichen Leere meiner Schatzkammer. Aber mein Verlangen nach den Stiefeln war so groß – ich mußte sie haben, um jeden Preis.

Da gab es einen deutschen Schuhmacher, der sich in jenen Tagen gerade in unserer Stadt niedergelassen hatte; später machte er in London sein Glück und gelangte dort zu großen Reichtümern. Ich beschloß, mir die Stiefel von ihm zu beschaffen, und zweifelte nicht, vor Ablauf von ein oder zwei Jahren entweder die Schule zu verlassen – in welchem Falle ich seinen Mahnungen entginge – oder auf irgendeine Weise das Geld von Mama herauszulocken, um ihn damit bezahlen zu können.

So begab ich mich zu diesem Manne – Stiffelkind war sein Name – und er nahm mir Maß.

»Ihr seid aber noch ein junges Herrchen, um Röhrenstiefel zu tragen,« sagte der Schuhmacher.

»Ich glaube, Freund,« sagte ich, »das ist meine Sache und nicht Eure; entweder Ihr macht die Schuhe oder Ihr laßt es bleiben – aber wenn Ihr mit einem Manne meines Standes sprecht, so sprecht, bitte, etwas ehrerbietiger!« und ich stieß einige Flüche aus, um ihm einen richtigen Begriff meines hohen Standes zu geben.

Dies hatte auch den gewünschten Erfolg. – »Bleibt, Herr,« sagte er, »ich habe ein hübsches kleines paar Röhrenstiefel, die Euch, glaube ich, gerade passen dürften,« und tatsächlich brachte er ein Paar herbei, die elegantesten Dinger, die ich je gesehen hatte. »Ich habe sie für den Herrn von Stiffney im Garderegiment gemacht, aber sie waren zu klein.«

»Ja, wirklich?« antwortete ich, »Stiffney ist ein Verwandter von mir. Und was verlangst du für diese Dinger da, du Schuft?« Er erwiderte: »Drei Pfund.«

»Na,« sagte ich, »das ist zwar verflucht teuer, aber da du eine Weile auf dein Geld wirst warten müssen, so hab ich wieder meinen Vorteil bei der Sache, nicht wahr?« Der Mann sah mißtrauisch drein und fing an: »Herr, ich kann sie Euch nicht so geben –,« da kam mir ein guter Gedanke, und ich unterbrach ihn: »Herr?, nennt mich gefälligst nicht ›Herr‹, bitte – zieht mir die Stiefel aus, Freund, und merkt Euch, daß man nicht ›Herr‹ sagt, wenn man zu einem Edelmann spricht.«

»Ich bitte tausendmal um Entschuldigung, Mylord,« sagte er, »hätte ich geahnt, daß ich die Ehre habe, mit einem Lord zu sprechen, so hätte ich gewiß nicht ›Herr‹ gesagt. Welchen Namen darf ich, bitte, ins Buch einschreiben?«

»Welchen Namen? – oh! nun: Lord Cornwallis, natürlich,« sagte ich und schickte mich an, mit den Stiefeln fortzugehen.

»Und was soll mit Euren Stiefeln geschehen, Mylord?« – »Behaltet sie einstweilen, bis ich darum schicke,« sagte ich, und mit herablassendem Kopfnicken verließ ich den Laden, während der Deutsche meine Schuhe einpackte.

 

Ich hätte diese Geschichte nicht erzählt, wäre nicht mein ganzes Leben an diesen verdammten Stiefeln gescheitert. Stolz wie ein Pfau, ging ich in die Schule zurück, und es gelang mir leicht, die Knaben in Bezug auf die Art der Erwerbung dieser neuen Herrlichkeit zu befriedigen.

Also, eines verhängnisvollen Montag morgens, als wir alle während der Pause im Garten spielten, sah ich einen Haufen Buben, die sich um einen Fremden drängten, der einen von uns zu suchen schien. Ich fing augenblicklich heftig zu zittern an – denn ich wußte, daß es Stiffelkind war. Was führte ihn her? Er sprach laut und schien sehr böse zu sein – da stürzte ich in das Klassenzimmer, und, meinen Kopf in die Hände vergrabend, fing ich an zu lesen, als ginge es ums Leben.

»Ich will Lord Cornwallis sprechen,« sagte dieser schreckliche Schuhmacher. »Seine Gnaden, der Herr Lord, ist ein Zögling dieser ehrenwerten Anstalt, denn ich sah ihn gestern mit den anderen Schülern in der Kirche.«

»Lord was?«

»Na, Lord Cornwallis natürlich – ein sehr dicker, junger Edelmann, mit roten Haaren, er schielt ein wenig und flucht fürchterlich.«

»Wir haben keinen Lord Cornwallis hier,« sagte einer, und dann entstand eine Pause.

»Halt! Ich hab's,« ruft dieser verwünschte Bunting, »das muß Stubbs sein;« und: »Stubbs! Stubbs!« schrien sie alle, während ich so vertieft war in meine Bücher, daß ich kein Wort hörte.

Endlich stürzten zwei von den größten in das Klassenzimmer herein, packten mich jeder bei einem Arm und zerrten mich auf den Spielplatz hinunter – gerade vor den Schuhmacher.

»Das ist mein Mann – ich bitte um Verzeihung, Mylord,« sagt er, »ich habe Eure Schuhe gebracht, Mylord, die Ihr bei mir gelassen habt – seht nur, sie sind so eingepackt wie sie damals waren, als Ihr in meinen Stiefeln fortgingt.«

»Schuhe?« rufe ich, »Ja, Freund, ich habe Euch in meinem Leben nicht gesehen;« denn ich wußte, da gab es nichts als unverfroren leugnen. »Mein Ehrenwort,« sage ich, mich an die Knaben wendend – sie zögerten, und wäre mir der Trick gelungen, fünfzig von ihnen hätten Freund Stiffelkind gepackt und tüchtig verprügelt.

»Halt!« schreit Bunting (verfluchter Kerl!) »zeigt die Schuhe – wenn sie ihm passen, hat der Schuster recht,« – sie paßten mir wohl! und nicht nur das, mein Name Stubbs stand darin, voll ausgeschrieben und deutlich zu lesen.

»Waas?« sagt Stiffelkind, »er ist kein Lord? So wahr mir Gott helfe, ich habe nie daran gedacht, die Schuhe anzuschauen, die seit damals in diesem braunen Papier eingepackt dagelegen haben.« Und – sein Zorn wuchs, während er sprach – er donnerte auf mich los und beschimpfte mich in seinem Deutsch-Englisch, daß die Buben vor Lachen brüllten. Inmitten dieses Aufruhrs erscheint plötzlich Swishtail und fragt, was es da für einen Lärm gäbe.

»Es ist nur Lord Cornwallis, Herr,« sagten die Buben, »der mit seinem Schuster streitet; sie können über den Preis eines Paares Röhrenstiefel nicht einig werden.«

»Ach Herr,« sagte ich, »ich habe mich nur zum Spaß Lord Cornwallis genannt.«

»Zum Spaß? – Wo sind die Stiefel? Und Ihr, mein Herr, gebt mir die Rechnung!« Meine herrlichen Stiefel wurden gebracht, und Stiffelkind wies seine Rechnung vor: «An Lord Cornwallis, für ein paar Röhrenstiefel: vier Guinees, Samuel Stiffelkind.»

»Ihr wart ein schöner Narr, Euch von dem Knaben weismachen zu lassen, er wäre ein Lord,« sagte der Doktor sehr ernst, »und Schurke genug, ihm doppelt soviel aufzurechnen, als die Ware wert ist. Nehmt die Stiefel zurück, mein Herr, ich bezahle keinen Pfennig von Eurer Rechnung, und Ihr werdet auch keinen Pfennig dafür bekommen. Was aber Euch anbelangt, mein Herr, du elender Schwindler und Betrüger, ich werde dich diesmal nicht auspeitschen, wie das letztemal, sondern ich werde dich nach Hause schicken. Du bist nicht würdig, der Kamerad anständiger Knaben zu sein.«

»Wir wollen ihn tauchen, ehe er fortgeht,« piepste ein hohes Stimmchen. Der Doktor grinste vielsagend und verließ den Platz. Da wußten die Buben, daß sie ihren Willen haben konnten. Sie packten mich und schleppten mich zum Brunnen – und pumpten auf mich los, bis ich halb tot war; und dieses Ungeheuer, der Stiffelkind, stand eine halbe Stunde lang daneben, solange die Prozedur eben dauerte, und sah zu.

Endlich meinte der Doktor wohl, daß sie mich genügend »getaucht« hätten, nehme ich an, denn er ließ die Schulglocke läuten, so daß die Buben gezwungen waren, mich in Ruhe zu lassen. Als ich aus dem Brunnentrog stieg, befand ich mich mit Stiffelkind allein. »Nun, Mylord,« sagte er, »Ihr habt immerhin etwas für diese Stiefel bezahlt, aber noch nicht alles. Bei Jupiter! Ihr werdet von dieser Geschichte noch zu hören bekommen!« Und so geschah es.

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