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Die verhängnisvollen Stiefel

William Makepeace Thackeray: Die verhängnisvollen Stiefel - Kapitel 3
Quellenangabe
typeessay
authorWilliam Makepeace Thackeray
titleDie verhängnisvollen Stiefel
publisherMusarion Verlag
year1925
translatorClarisse Meitner
illustratorFlora Klee-Pályi 1903-1961
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150729
modified20171009
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Februar

Schneidend kalte Witterung

Ich habe dieses Kapitel »schneidend kalte Witterung« genannt, zum Teil mit Bezug auf den Monat Februar, zum Teil im Hinblick auf meine Mißgeschicke, von denen ihr nun lesen werdet. Denn ich habe oft gedacht, daß der Monat Januar (der zum größten Teil Kuchen- und Festzeit bedeutet) den ersten vier oder fünf Jahren aus dem Leben eines Knaben zu vergleichen ist. Dann kommt der gräßliche Februar, und mit ihm die Tage der Arbeit, in denen die jungen Kerle für sich selbst sorgen müssen, nachdem Weihnachten, Neujahr und all die lustigen Feiertage vorüber sind, die, wie man wohl sagen kann, unsere erste Kindheit ausmachen. Gar wohl erinnere ich mich jenes bitteren ersten Februars, da ich meinen ersten Flug in die weite Welt unternahm und auf der Schule des Dr. Swishtail erschien.

Ich begann in der Schule jenes Leben der Ökonomie und weisen Voraussicht, das ich seither immer geführt habe. Meine Mutter gab mir beim Abschied achtzehn Pfennige (arme, treue Seele, ich glaubte, das Herz wolle ihr brechen, als sie mich küßte und segnete); außerdem besaß ich ein eigenes kleines Vermögen, das ich im Laufe des letzten Jahres zusammengerafft hatte. Ich will euch erzählen, wie ich das gemacht habe. Wo immer ich ein sechs-Halbpence Stück sah, nahm ich eines. Verlangte man es von mir, so gab ich es zurück – wurde es nicht vermißt, so sagte ich nichts davon, wozu auch? – Wer sein Geld nicht vermißt, verliert es auch nicht. So besaß ich also ein kleines Privatvermögen von drei Schilling, außer den achtzehn Pfennigen, die mir meine Mutter gab. In der Schule nannten sie mich den Kupfer-Händler, weil ich solche Mengen davon hatte.

Aber ein gut beratener Knabe kann auch in einer Vorbereitungsschule vorwärts kommen, und ich kann euch versichern, ich tat mein Bestes dazu. Ich hatte niemals Streit; ich war niemals ein sehr guter, noch ein sehr schlechter Schüler gewesen; und dennoch, kann ich euch versichern, genoß kein anderer soviel Respekt wie ich, und warum? Ich hatte immer Geld! Die anderen Knaben gaben das ihre immer gleich in den ersten Tagen aus; und in dieser Zeit gaben sie mir immer reichlich viel Kuchen und Gersten-Zucker, das kann ich euch sagen. Ich hatte es nicht nötig, mein eigenes Geld auszugeben, denn sie bestanden darauf, mich freizuhalten. Nach einer Woche aber, wenn das ihre weg war, und ihnen nur mehr die drei Pence wöchentlich übrig blieben für den Rest des Halbjahres, was, glaubt ihr wohl, tat ich da? Ja, ich bin stolz, sagen zu können, daß drei Halbpence von den wöchentlichen drei Pence von beinahe allen jungen Herren in Dr. Swishtails Schule in meine Tasche kamen. Nehmen wir zum Beispiel an, Tom Hicks wollte ein Stückchen Zuckerbrot haben: wer hatte das Geld? Der kleine Bob Stubbs, da könnt ihr sicher sein! »Hicks«, pflegte ich zu sagen, »ich kauf dir ein Stück Zuckerbrot für drei Halbpence, wenn du mir nächsten Samstag drei Pence zurückgibst«; und er willigte ein. Der nächste Samstag kam, und da konnte er mir meistens nur drei Halbpence zurückzahlen, so daß ich am darauffolgenden Samstag die drei Pence zurückbekommen sollte. Ich will euch sagen, was ich ein ganzes Halbjahr lang tat: Ich lieh einem Buben namens Dick Bunting am ersten Samstag drei Halbpence für drei Pence, die er mir am folgenden Samstag zurückgeben sollte; er konnte mir nicht mehr als die Hälfte bezahlen, als der Samstag kam, und ich will verdammt sein, wenn ich mir nicht durch dreiundzwanzig Wochen hintereinander drei Halbpence von ihm bezahlen ließ, das macht zwei Schilling und zehneinhalb Pence. Aber das war ein elender, ehrloser Kerl, dieser Dick Bunting! Denn nachdem ich so gut zu ihm gewesen war und ihm dreiundzwanzig Wochen hindurch das Geld geborgt hatte, kamen die Ferien, und er schuldete mir immer noch drei Pence. Nun, der gewohnheitsmäßigen Regel nach hätte er mir nach den sechswöchentlichen Ferien genau sechzehn Schilling zahlen müssen, die mir gebührten. Denn:

erste  Woche  3 Pence wären  6  Pence,
zweite " 1  Schilling, 
dritte " 2 "
vierte " 4 "
fünfte " 8 "
sechste " 16 "

Nichts wäre einfacher gewesen; und doch – kann man so etwas für möglich halten? Als Bunting zurückkam, bot er mir drei Pence, der elende, niederträchtige Schurke!

Immerhin, wir wurden glatt miteinander, das kann ich euch sagen! – Er gab sein ganzes Geld in vierzehn Tagen aus, und dann schraubte ich ihn tüchtig! Ich ließ mir – außer daß er mir für jeden Pfennig einen Pfennig bezahlen mußte – das Viertel seines Butterbrodes in der Früh und das Viertel seines Käses am Abend von ihm geben; und ehe das Halbjahr um war, bekam ich ein silbernes Obstmesser von ihm, einen Kompaß und eine sehr hübsche mit Silberschnüren versehene Weste, in der ich – stolz wie ein König – nachhause ging; und was noch mehr war, ich hatte nicht weniger als drei goldene Guinees in der Tasche, außerdem noch fünfzehn Schillinge, das Messer und einen Korkenzieher aus Messing, den ich von einem anderen Buben hatte. Das waren keine üblen Zinsen, für zwölf Schillinge – alles Geld, das ich in diesem Jahre bekommen hatte – nicht wahr? Halloh! Ich hätte schon oft gewünscht, noch einmal so eine Chance zu haben im Leben. Aber heutzutage ist die Welt schlecht, und die Menschen sind geiziger geworden, als sie es in jenen schönen Tagen meiner frühen Jugend gewesen sind.

Ich ging also, stolz wie ein Pfau, in meiner neuen Weste heim. Und als ich meinem Vater den Korkenzieher gab, mit der Bitte, ihn als Zeichen meiner Liebe anzunehmen, da brach meine Mutter in Tränen aus und herzte und küßte mich, als wollte sie mich erdrücken. »Gott segne ihn,« sagte sie, »an seinen alten Vater zu denken! Und wie hast du ihn erstanden, Bob?« »Ja, Mutter, ich habe ihn von meinen Ersparnissen erstanden« (und das war so wahr, wie das Evangelium). – Als ich das sagte, blickte meine Mutter den Vater an und lächelte, obwohl sie die Augen voll Tränen hatte; sie nahm ihn bei der Hand, und mit der anderen zog sie mich an sich. »Ist er nicht ein hochherziger Knabe?« fragte sie meinen Vater, »und doch erst neun Jahre alt!« – »Ja, wirklich«, sagte mein Vater, »er ist ein braver Bursche, Susanna. Danke dir, mein Junge, und da hast du eine Krone, weil du mir den Korkzieher geschenkt hast – und jetzt wollen wir noch damit eine Flasche vom Allerbesten aufmachen,« sagte mein Vater, und er hielt Wort. Ich war immer ein Freund von gutem Wein gewesen (obwohl ich, aus Selbstverleugnung wahrscheinlich, selbst niemals einen im Keller hatte) und bei Jupiter! an jenem Abend trank ich meinen Teil, – denn da gab's keine Einschränkung – so erfreut waren meine Eltern wegen des Korkenziehers. Das Beste davon war, daß er mich eigentlich nur drei Pence gekostet hatte, die mir einer der Buben nicht zurückzahlen konnte. Da ich nun merkte, daß das ein so einträgliches Geschäft sei, wurde ich gegen meine Eltern sehr freigebig: und es ist ein wunderbares Mittel, Großmut in Kindern heranzuziehen.

Ich schenkte meiner Mama einen sehr hübschen Messingfingerhut, und sie gab mir dafür ein Halbguineestück. Dann schenkte ich ihr ein sehr schönes Nadelbüchlein, das ich selbst verfertigte; ich nahm ein Pique-Aß von einem neuen Spiel Karten, das wir hatten, und brachte Sally, unser Mädchen, dazu, es mit einem Stückchen rosa Satin zu überziehen, das ihr Mama geschenkt hatte; die Blätter des Buches machte ich aus einem Stück Flanell, das man mir eines wehen Halses wegen umgebunden hatte; an den Kanten zackte ich die Blätter sorgfältig aus, und obwohl es ein wenig nach Hirschhorn roch, so war es doch ein wirklich schönes Nadelbüchlein, und Mama war so entzückt davon, daß sie in die Stadt ging und mir einen goldverschnürten Hut kaufte. Dann kaufte ich für Papa einen hübschen Tabakstopfer aus Chinasilber, aber ich muß leider gestehen, daß mein lieber Vater nicht so freigebig war wie Mama oder ich; denn er fing nur zu lachen an und gab mir nicht einmal eine halbe Krone, obwohl das doch das wenigste gewesen wäre, was ich von ihm erwartet hatte. »Diesmal gebe ich dir nichts, Bob,« sagte er; »ich wollte, mein lieber Junge, du machtest mir keine solchen Geschenke mehr – sie sind wirklich zu kostspielig.« Kostspielig, wahrhaftig! Ich hasse Geiz – sogar in einem Vater.

Ich muß euch noch von der silberverzierten Weste erzählen, die mir Bunting gab. Mama fragte mich, und ich sagte ihr die Wahrheit; daß es ein Geschenk wäre, von einem der Knaben, dem ich sehr gefällig gewesen sei. Nun, was tut sie wohl? Sie schreibt dem Dr. Swishtail, nachdem ich wieder in die Schule zurückgekehrt war, dankte ihm für seine Aufmerksamkeit gegen ihren lieben Sohn und schickte ihm einen Schilling ein, für den guten und dankbaren Knaben, der mir die Weste geschenkt hatte!

»Was ist das für eine Weste,« sagte der Doktor zu mir, »und wer gab sie dir?«

»Bunting gab sie mir, Herr Doktor,« sagte ich.

»Ruft Bunting!« und da kommt der kleine, undankbare Kerl her und – kann man so etwas für möglich halten – bricht in Tränen aus, erzählt, daß seine Mutter ihm die Weste geschenkt hatte, und daß er gezwungen gewesen ist, sie um einer Schuld willen dem Kupfer-Händler zu lassen, wie mich der abscheuliche kleine Schurke nannte. Er erzählte dann, wie er mir drei Schillinge für drei Halbpence bezahlen mußte (der Kriecher! als ob jemand ihn gezwungen hätte, sich die drei Halbpence auszuborgen!) – wie alle anderen Buben beschwindelt worden sind (beschwindelt!), auch von mir und in der gleichen Weise, und wie ich es fertig gebracht hatte, mit Hilfe von zwölf Schilling vier Guinees zusammenzuraffen. –

Es fehlt mir beinahe an Mut, die schmachvolle Szene zu schildern, die darauf folgte. Man rief die Knaben herein, mein kleines Einschreibebuch wurde aus meinem Kasten gezerrt, um zu beweisen, wie viel ich von jedem einzelnen bekommen hatte, und ich mußte ihnen jeden Farthing meines Geldes zurückgeben. Der Tyrann nahm sogar die dreißig Schillinge, die mir meine lieben Eltern geschenkt hatten, und sagte, er werde sie in der Kirche in die Armenbüchse geben. Und nachdem er eine lange Rede gehalten hatte über Geiz und Wucher, sagte er: »Zieh deinen Rock aus, Herr Stubbs, und gib Bunting seine Weste zurück.« Ich tat es und stand nun, ohne Rock und Weste, inmitten der abscheulichen grinsenden Buben. Als ich meinen Rock wieder anziehen wollte – – –

»Halt,« sagte er, »zieht ihm die Hosen aus!«

Diese herzlosen, rohen Schurken! Sam Hopkins, der größte von den Knaben, zog sie mir aus, setzte sich rittlings auf mich, und ich wurde ausgepeitscht, meine Herren! ja ausgepeitscht! Oh, Rache! Ich, Robert Stubbs, der nichts getan hatte, als was recht und billig gewesen, wurde im zarten Alter von zehn Jahren grausam ausgepeitscht! – Obwohl der Monat Februar der kürzeste ist, erinnerte ich mich seiner doch lange.

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