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Die verhängnisvollen Stiefel

William Makepeace Thackeray: Die verhängnisvollen Stiefel - Kapitel 2
Quellenangabe
typeessay
authorWilliam Makepeace Thackeray
titleDie verhängnisvollen Stiefel
publisherMusarion Verlag
year1925
translatorClarisse Meitner
illustratorFlora Klee-Pályi 1903-1961
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150729
modified20171009
projectida7d7a2d5
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Januar

Die Geburt des neuen Jahres

Ein Dichter sagte einmal: jeder Mensch könnte ein gutes Buch zustande bringen, wenn er einfach alles niederschriebe, was ihm in seinem Leben hienieden tatsächlich begegnete, und hätte er auch von seiner Geburt bis zu seinem Tode nicht ein einziges Abenteuer erlebt. Um wie viel mehr denn müßte ich, der ich so viele Abenteuer erlebt habe – höchst eigenartige, tragische, unvergleichliche Abenteuer – imstande sein, ein lehrreiches und unterhaltsames Bändchen für das Publikum zusammenzustellen.

Ich will damit nicht sagen, daß ich etwa Löwen getötet oder wunderbare Reisen durch die Wüsten Arabiens oder Preußens gemacht hätte; oder daß ich eine interessante Persönlichkeit wäre, mein Leben unter Herzögen und Hofdamen verbracht hätte und jetzt daran ginge, meine Erinnerungen zu schreiben, wie das so Mode geworden ist. Ich habe niemals die Insel verlassen, auf der ich geboren wurde, habe niemals mit einem Lord gesprochen (außer mit einem irischen, der einmal bei uns gewohnt hat und Miete samt Nebenausgaben für drei Wochen zu bezahlen vergaß). Aber ich bin im Laufe meines Lebens – wie unser unsterblicher Dichter sagt – von den Hindernissen und Verfolgungen eines grausamen Schicksals so ausgesaugt worden, bin stets der Gegenstand immerwährender und außerordentlicher Mißgeschicke gewesen, so daß meine Erzählung, meiner Meinung nach, das Herz eines Mühlsteines erweichen müßte – das heißt, wenn ein Mühlstein nicht eben ein Herz aus Stein hätte.

So habe ich denn zwölf Abenteuer meines Lebens, zu Betrachtungen geeignet und den zwölf Monaten des Jahres vergleichbar, für dieses Werk ausgewählt und zusammengestellt. Sie enthalten einen Teil der Lebensgeschichte eines großen und – ich kann es ruhig sagen – eines guten Menschen. Ich war kein Verschwender, wie so mancher andere. Ich habe niemals einen Menschen um einen Schilling betrogen, obwohl ich ein so spitzfindiger Geschäftsmann bin, wie nur irgendeiner in ganz Europa. Ich habe niemals einen Mitmenschen beleidigt; im Gegenteil, ich habe in bewunderungswürdiger Weise bei verschiedenen Gelegenheiten, wenn ich beleidigt wurde, vergeben und verziehen. Ich stamme von leidlich guter Familie und doch, obwohl zum Reichtum geboren, – arglos von Natur, sparsam mit dem Gelde, das ich habe, und erfüllt von dem Wunsche, mehr davon zu bekommen – ging es mit mir seit Beginn meines Lebenslaufes ständig bergab, und ich wurde seither von einer Kette von Mißgeschicken aller Art verfolgt, wie wohl niemals ein Mann, außer dem unglücklichen Bob Stubbs.

Bob Stubbs ist mein Name, und ich habe nicht einen einzigen Schilling: ich habe den Leutnantstitel im Dienste König Georgs getragen und bin jetzt – ach schweigen wir davon, was ich jetzt bin; nach wenigen Seiten wird das Publikum alles erfahren. Mein Vater stammte von den Suffolk Stubbses und war ein wohlhabender Herr in Bunpay. Mein Großvater war ein angesehener Anwalt in dieser Stadt gewesen und hatte meinem Vater ein hübsches kleines Vermögen hinterlassen. Solcherart sollte ich, als Erbe von Gütern und Würden, in diesem Augenblick ein angesehener Herr sein.

Man kann sagen, daß mein Unglück ungefähr ein Jahr vor meiner Geburt angefangen hatte, als mein Papa als junger Bursche unter der Vorgabe, in London Rechtswissenschaften zu studieren – sich wahnsinnig in ein Fräulein Smith verliebte, die Tochter eines Kaufmannes, der ihr keine Sixpence mitgab und nachträglich Bankrott machte. Mein Papa heiratete dieses Fräulein Smith und brachte sie aufs Land, wo ich in einer für mich bösen Stunde geboren wurde.

Wollte ich versuchen, die ersten Jahre meiner Kindheit zu beschreiben, ihr würdet mich sicherlich auslachen und für einen Aufschneider halten. Aber der nachfolgende Brief, den meine Mama nach ihrer Hochzeit einer Freundin schrieb, wird euch zur Genüge zeigen, was für ein armes, närrisches Ding sie war, und was für ein gewissenloser, verschwenderischer Mann mein Vater war.

An Fräulein Eliza Kicks, in Gracechurch Street, London.

Oh Eliza! Deine Susanna ist das glücklichste Geschöpf unter der Sonne! Mein Thomas ist ein Engel! Nicht der große Grenadier, den ich immer zu heiraten schwur: im Gegenteil, er ist das, was man im allgemeinen klein und dick nennt, und ich scheue mich nicht zu gestehen, daß er ein wenig schielt. Aber was tut's? Wenn eines seiner Augen auf mich und das andere auf unser Baby gerichtet ist, so sind sie von einem so zärtlichen Glanze erleuchtet, den meine Feder zu beschreiben nicht imstande ist, daß ich sicher bin, keiner Frau ward je ein schönerer Blick zuteil als Deiner glücklichen Susanna Stubbs.

Ach könntest Du meinen lieben Thomas nur mit mir und unserem lieben kleinen Bob sehen, wenn er von seiner Jagd oder vom Gut zurückkommt! Ich sitze auf einem seiner Knie, Bübchen auf dem anderen, und so schaukelt er uns beide. Oft wünsche ich, Sir Joshua oder irgend ein anderer großer Maler könnte uns sehen, um uns zu malen; denn es gibt sicherlich kein schöneres Bild auf Gottes weiter Erde, als drei so vergnügte, verliebte Leute beieinander zu sehen.

Mein liebes Bübchen ist das reizendste Geschöpf, das Du Dir vorstellen kannst, das wahre Bild seines Papas; er bekommt jetzt seine ersten Zähne, und alle Leute sind von ihm entzückt. Die Amme sagt, wenn er einmal größer sein wird, so wird er nicht mehr so schielen und auch nicht mehr so rote Haare haben. Doktor Bates ist so freundlich und aufmerksam und geschickt, wie wir es nur wünschen können. Denk Dir, welch ein Glück, daß wir ihn haben! Seitdem das arme Kindchen auf der Welt ist, hat es noch keinen ruhigen Tag gehabt, und der Doktor mußte jede Woche drei- bis viermal zu uns kommen. Wie dankbar wir doch sein müssen, daß es ihm jetzt so gut geht! Es hat die Masern ausgezeichnet überstanden; dann hatte es einen kleinen Hautausschlag; und dann einen abscheulichen Keuchhusten; auch Fieber und immerfort Schmerzen in seinem armen kleinen Bauch, und es weinte und schrie – mein armes liebes Kindchen – von früh bis abends.

Aber mein guter Tom ist eine wunderbare Kinderfrau; gar manche lange Nacht gab's für ihn keinen Schlaf, den guten, treuen Mann! weil das arme Kindchen immer krank war. Er ist stundenlang auf und ab gegangen und hat so eine Art Liedchen gesungen (der arme Kerl, er hat nicht mehr Stimme als ein Teekessel!) und hat das Kind gewiegt und mit dem Kopf hin und her gewackelt und sah so komisch aus in seiner Nachtmütze und seinem Schlafrock! Oh Eliza, Du hättest so gelacht, wenn Du ihn gesehen hättest!

Wir haben die beste Kinderfrau, die es gibt, – sie ist eine Irländerin, die das Kind wie ihr eigenes liebt, beinahe so sehr wie ich es liebe (aber das gibt es ja gar nicht). Sie geht stundenlang mit ihm im Park spazieren, und ich weiß wirklich nicht, warum Thomas sie nicht leiden kann. Er sagt, daß sie sehr oft beschwipst ist und sehr schmutzig, aber ich kann das nicht finden; es ist ja wahr, daß sie nicht gerade sehr sauber ist und oft stark nach Schnaps riecht.

Aber was macht das alles? – Diese kleinen Schattenseiten machen das Heim nur umso traulicher. Wenn man bedenkt, wie viele Mütter überhaupt keine Kinderfrauen haben; wie viele arme kleine Kinder keine Ärzte haben: müssen wir da nicht noch dankbar sein, daß wir eine Mary Malowney haben, und daß Doktor Bates' Rechnung nur siebenundvierzig Pfund ausmacht? Wie krank das arme Kindchen doch gewesen sein muß, so viel ärztliche Hilfe zu brauchen?!

Ja, sie kosten eben schrecklich viel Geld, diese guten lieben Kindchen! Denke nur, Eliza, was uns diese Mary Malowney kostet! Zehn Schilling jede Woche, ein Glas Branntwein oder Schnaps zum Mittagessen, jeden Tag drei Flaschen zu je eine Pinte vom besten Portwein des Herrn Thrale, das macht einundzwanzig jede Woche und neunhundertneunzig in den elf Monaten, die sie bisher bei uns gewesen ist. Dann, was das Baby anbelangt, da ist die Rechnung von Doktor Bates mit fünfundvierzig Guinees; zwei Guinees für die Taufe; zwanzig für das Tauffest, Nachtmahl und Ball (der reiche Onkel John ist ganz böse mit uns, weil er als Pate gebeten war und dem Bübchen einen Silberbecher schenken mußte, er hat Thomas aus seinem Testamente gestrichen; der alte Herr Firkin hingegen ist ebenso böse auf uns, weil er nicht als Pate gebeten war; auch er spricht weder mit mir, noch mit John); zwanzig Guinees für Windeln, Flanelle, Bändchen, Leibchen, Häubchen und derlei Babysachen: und all das, von einem jährlichen Einkommen von 300 £! Aber Thomas setzt große Erwartungen in den Ertrag der Gutswirtschaft.

Wir haben das reizendste Landhaus, das Du Dir vorstellen kannst: es ist ganz zwischen Bäumen versteckt und liegt so abseits, daß die Post – obwohl wir nur dreißig Meilen von London entfernt sind – bloß einmal in der Woche zu uns kommt. Die Straßen sind, das muß man zugeben, entsetzlich, und wir waten bis zu den Knien durch Schmutz und Schnee. Aber ach, Eliza! wie glücklich wir doch sind! Thomas (er hat einen bösen Anfall von Rheumatismus gehabt, der gute Mann!), klein Bobby und unser lieber Freund Doktor Bates – ich will es Deiner Einbildungskraft überlassen, Dir auszumalen, was für eine lustige Gesellschaft wir bilden, und wie wenig wir uns nach allen Unterhaltungen von Ranelagh sehnen.

Leb wohl! Baby schreit nach seiner Mama.

Tausend Küsse


von Deiner Dich liebenden
Susanna Stubbs.

Da haben wir es! Doktorrechnung, herrschaftliche Gutsverwaltung, einundzwanzig Pinten Portwein jede Woche: auf diese Weise beraubten mich meine unnatürlichen Eltern schon meines Eigentums.

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