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Die verhängnisvollen Stiefel

William Makepeace Thackeray: Die verhängnisvollen Stiefel - Kapitel 13
Quellenangabe
typeessay
authorWilliam Makepeace Thackeray
titleDie verhängnisvollen Stiefel
publisherMusarion Verlag
year1925
translatorClarisse Meitner
illustratorFlora Klee-Pályi 1903-1961
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150729
modified20171009
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Dezember

»Der Winter unseres Mißbehagens«

Mama hatte das Haus in Duke Street seit mehr als zwei Jahren bewirtschaftet; ich erkannte einige Sessel und Tische aus meinem lieben alten Squiggle und den Kessel, darin ich die berühmte Punschbowle gebraut hatte an jenem Abend, da sie und meine Schwester fortgingen, ohne sie berührt zu haben – ich mußte sie, nachdem ich allein geblieben war, selbst austrinken – doch das gehört nicht hierher.

Denkt euch nur, was meine Schwester Mary für ein Glück gehabt hat! Dieser Kerl, der Waters, hatte sich in sie verliebt und sie geheiratet. Sie hat jetzt eine eigene Equipage und lebt auf einem Gut in der Nähe von Squiggle. Ich erklärte mich bereit, mich mit Waters auszusöhnen, aber er trägt mir die Geschichte noch nach und weigert sich, mich zu empfangen oder mit mir zu sprechen. Er hatte auch noch die Unverschämtheit, zu sagen, daß er alle meine Briefe an Mama in Squiggle übernommen und geöffnet habe und, da es lauter Bettelbriefe waren, verbrannte er sie, ohne meiner Mutter auch nur ein Wort davon zu sagen. Er gab meiner Mutter fünfzig Pfund jährlich und, wäre sie nicht so dumm gewesen, hätte sie auch dreimal so viel haben können; aber die alte Dame war gar stolz und wollte auch von ihrer eigenen Tochter nicht mehr annehmen, als sie tatsächlich unbedingt brauchte. Sogar diese fünfzig Pfund wollte sie zurückweisen, aber als ich zu ihr kam, um bei ihr zu wohnen, da brauchte ich natürlich Taschengeld so gut wie Wohnung und Verpflegung, und so kamen die fünfzig Pfund auf mein Teil, und ich versuchte damit auszukommen, so gut es eben ging.

Der alte Bates und der Kapitän zusammen hatten meiner Mutter, als sie mich verließ, hundert Pfund gegeben (sie hatte wirklich ein verfluchtes Glück – mir ist dergleichen nie passiert, das weiß ich) und, da sie sagte, sie wolle unbedingt versuchen, sich durch eigene Arbeit ihren Lebensunterhalt zu verdienen, so hielt man es für das klügste, daß sie ein Haus nehme und Zimmer vermiete, was sie auch wirklich tat. Der erste und zweite Stock trug uns durchschnittlich vier Guinees wöchentlich ein und das vordere Wohnzimmer samt Mansarde noch vierzig Pfund dazu. Mama und Eliza bewohnten vor meiner Ankunft die vordere Mansarde, aber dann nahm ich diese, und sie schliefen im Dienstbotenzimmer. Lizzy machte sehr hübsche Handarbeiten und verdiente damit eine Guinee wöchentlich. So blieben uns noch beinahe zweihundert jährlich, außer der zu bezahlenden Miete, für den Haushalt – und damit kamen wir ganz gut aus. Außerdem essen Frauen ja beinahe nichts – meine Frauen aßen oft tagelang nichts – man briet meist nur ein gutes Schnitzel für mich ab oder dergleichen, das war alles.

Mama wollte nichts davon wissen, daß ich meine Stelle beim Postamt behielte. Sie sagte, ihr lieber John, der Sohn ihres Gatten, ihr wackerer Krieger und so weiter, solle zu Hause bleiben und der Edelmann bleiben, der ich nun einmal war – obwohl ich wahrlich mit den fünfzig Pfund jährlich nicht recht wußte, wie ich mir alle Kleider beschaffen und noch davon als Edelmann leben sollte. Es ist wahr, daß Mutter mir Hemden und Wäsche besorgte, so daß das wenigstens nicht auf die fünfzig Pfund entfiel. Sie brummte ein wenig, als sie das Waschen auch bezahlen sollte, aber natürlich gab sie doch nach, denn ich war eben ihr lieber John, nicht wahr? Ich will verdammt sein, wenn sie – hätte ich es gewollt – nicht ihr letztes Gewand für mich hergegeben hätte. Denkt euch nur! Einmal zerschnitt sie einen breiten, schwarzen Seidenshawl, den sie von meiner Schwester Waters bekommen hatte, und machte mir daraus eine Weste und zwei Kravatten. Sie war so lieb und gut, die alte Dame!

 

So lebte ich ungefähr fünf Jahre lang, oder sogar noch etwas länger, und beschied mich mit den fünfzig Pfund jährlich (vielleicht ersparte ich sogar noch etwas davon, aber das ist bereits alles dahin). Ich blieb meiner Mutter von einem Jahr zum andern treu, verließ sie nie, außer etwa einen Monat lang oder so im Sommer, zur Zeit da sich ein Junggeselle wohl einen Abstecher nach Gravesend oder Margate erlauben kann, während dies für eine ganze Familie zu teuer käme. Ich sage, ein Junggeselle, denn ich vermag tatsächlich nicht zu sagen, ob ich verheiratet bin oder nicht – denn ich habe nie wieder ein Wort von dieser Betrügerin, Frau Stubbs, gehört.

Ich ging niemals vor dem Essen ins Gasthaus, denn mit meinen schäbigen fünfzig Pfund konnte ich es mir nicht leisten, außer Haus zu speisen; aber ich hatte dort meinen Stammplatz und pflegte meist recht »heiter« heimzukommen, das kann ich euch sagen! Dann legte ich mich ins Bett bis elf, dann kam das Frühstück und die Zeitung an die Reihe, dann ein Spaziergang im Hyde Park oder St. James Garten; dann, um halb drei, ging ich nach Hause zum Mittagessen, und so verbrachte ich den Rest des Tages fröhlich wie zuvor. Ich war die Freude meiner Mutter, und so führte ich mit ruhigem Gewissen dieses Leben weiter.

 

Und sie liebte mich wahrhaftig von ganzem Herzen! Ich selbst war, meinem Charakter nach, gesellig und sah gerne Freunde um mich, und so pflegten wir oft zusammenzukommen, eine Gesellschaft herzlich vergnügter Burschen, wie man sie sich nur wünschen kann, um mit ihnen die Nacht durchzuzechen. »Macht euch nichts draus, Jungen,« pflegte ich zu sagen, »laßt die Flasche im Kreise herumgehen: Mama kommt für alles auf!« Was sie auch wahrhaftig tat, und ihr Weinkeller mußte auch wahrhaftig daran glauben. Die gute alte Dame bediente uns, als wäre sie ein Dienstbote, und nicht eine Dame und meine Mutter. Sie machte mir niemals Vorwürfe, obwohl ich ihr – ich muß es gestehen – oft Grund dazu gab, denn ich hielt sie manchmal bis vier Uhr morgens wach, da sie niemals schlafen gehen wollte, ehe sie nicht ihren »lieben Bob« zu Bett gebracht hatte, und machte ihr das Leben sauer. Sie war so gut und sanft, die alte Dame, daß ich sie im Laufe dieser fünf Jahre, glaube ich, niemals zornig gesehen habe, außer zweimal, und da war sie es mit meiner Schwester Lizzy, die erklärte, daß ich sie alle zugrunde richte und die Mieter einen nach dem anderen vertriebe. Aber Mama wollte diese neidigen Reden meiner Schwester nicht hören. »Ihr Bob« hätte immer recht, pflegte sie zu sagen. Endlich mußte Lizzy nachgeben und ging zu den Waters. – Ich war eigentlich sehr froh darüber, denn sie war schrecklich heftig und streitsüchtig, und wir zankten uns eigentlich von früh bis abends.

Ach, waren das schöne Zeiten! aber zum Schluß war Ma gezwungen, das Haus aufzulassen – es muß nämlich irgend etwas schief gegangen sein, nachdem meine Schwester uns verlassen hatte – diese abscheulichen Leute sagten, ich wäre schuld daran, weil ich die Mieter vertrieben hätte, mit meinem Rauchen und Trinken und Lärmen im Hause, und weil Ma mir so viel Geld gegeben hätte. Das hat sie auch wirklich getan, aber da sie es mir nun einmal geben wollte, was konnte ich da machen? Ach je! Ich wollt', ich hätt' es behalten.

Aber nichts dergleichen! Ich glaubte, die Geschichte würde ewig so weitergehen. Aber nach Ablauf von zwei Jahren kam ein Krach – zusperren, alles verkaufen! Mama ging zu den Waters, und, kann man so etwas für möglich halten? mich wollte dieses undankbare Gesindel nicht empfangen. Diese Mary, wißt ihr, konnte es eben nicht verwinden, daß ich sie nicht geheiratet hatte. Zwanzig Pfund geben sie mir jährlich, das ist wahr, aber was ist das für einen Edelmann? Zwanzig Jahre lang habe ich gekämpft, um mir eine ehrliche Existenz zu schaffen, und in dieser Zeit habe ich wahrhaftig ein hübsches Stück Leben gesehen. Ich habe an den Straßenecken Zigarren und Taschentücher verkauft; ich war Markeur beim Billard; ich war Direktor (im Jahre des Schreckens) der Vereinigten Kaiserlich-britischen Manger und Boden-Trocknungs-Gesellschaft; ich war beim Theater (zwei Jahre lang als Schauspieler und ungefähr einen Monat lang als Statist, als es mir sehr schlecht ging); ich war der Mittler, welcher der Polizei dieses Reiches einige sehr wertvolle Informationen verschaffte (über konzessionierte Gastwirte, Herrschaftswagen und Namen von Pfandverleihern); ich kam, meinem Stande nach, einem Richter sehr nahe – das heißt: ich war Beistand eines Grafschaftsrichters in Middlesex; das war meine letzte Stellung.

Am letzten Tage des Jahres 1837 war auch dieses Geschäft zu Ende. Dann geschah etwas, was wohl nur selten einem Edelmann passiert: aus dem Schuldgefängnis herausgeworfen zu werden. Ich habe es an mir selbst erlebt. Der junge Nabbs (der seinem Vater im Geschäft gefolgt war) jagte mich schmählich zur Türe hinaus, weil ich einem Herren im Kaffeehaus dort sieben Schilling und sechs Penny für ein Glas Bier, Brot und Käse aufgerechnet hatte, während der richtige Preis nur sechs Schillinge war. Er war gemein genug, die achtzehn Penny von meinem Lohn abzuziehen, und als ich ein wenig aufbegehrte, packte er mich bei den Schultern und warf mich hinaus – mich, einen Edelmann, und was noch mehr ist, eine arme Waise!

Wie ich aber auch schimpfte und wütete, als ich auf der Straße war! Da stand er, dieses abscheuliche Ungeheuer von einem Juden, vor der Türe und wand und krümmte sich vor der Gewalt meiner Worte. Ich hatte wenigstens meine Rache! Rings herum steckten die Leute die Köpfe zum Fenster hinaus und lachten ihn aus. Eine Menschenmenge sammelte sich um mich, als ich da stand und ihn niederschmetterte mit meinen Hohnworten; sie freuten sich sichtlich seiner Niederlage. Ich glaube, der Mob hätte den Kerl gesteinigt (denn ich kann euch versichern, ein oder zwei ihrer Geschosse trafen mich), wenn nicht ein Polizeimann gekommen wäre, der auf die Frage eines Herren, was denn da los sei, antwortete: »Ach Herr, das ist Lord Cornwallis«. »Geh weiter, Stiefelputzer«, sagte er zu mir, denn Tatsache ist, daß mein Unglück und mein Vorleben ziemlich bekannt geworden sind – und so zerstreute sich die Menge.

»Warum hat Euch der Polizeimann Lord Cornwallis und Stiefelputzer genannt?« fragte mich der Herr, der von der Szene sehr belustigt schien und mir gefolgt war. »Mein Herr,« sagte ich, »ich bin ein unglücklicher Offizier des North-Bungay-Regiments, und ich will Euch, für eine Pinte Bier, gerne meine ganze Geschichte erzählen.« Er hieß mich, ihm in seine Wohnung im Temple folgen, was ich auch tat, und dort bekam ich natürlich auch mein Bier und erzählte ihm diese selbe Geschichte, die ihr jetzt hier gelesen habt. Er war, wißt ihr, was man so einen Schriftsteller nennt – und verkaufte meine Abenteuer für mich an einen Buchhändler; er ist ein merkwürdiger Kauz und behauptet, sie seien moralisch.

 

Ich will verdammt sein, wenn ich irgend etwas moralisches daran finden kann. Ich weiß bestimmt, daß mir mehr Glück im Leben gebührt hätte, da ich doch so aufgeweckt war. Und statt dessen stehe ich nun da, ohne Stellung oder auch nur einen einzigen Freund, und verhungere mit meinen schäbigen zwanzig Pfund jährlich – ich habe nicht einen einzigen Sixpenny darüber, bei meiner Ehre!

 


 

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