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Die verhängnisvollen Stiefel

William Makepeace Thackeray: Die verhängnisvollen Stiefel - Kapitel 12
Quellenangabe
typeessay
authorWilliam Makepeace Thackeray
titleDie verhängnisvollen Stiefel
publisherMusarion Verlag
year1925
translatorClarisse Meitner
illustratorFlora Klee-Pályi 1903-1961
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150729
modified20171009
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November

Post-Beförderung

Als ich den Gerichtssaal verließ, war ich ein freier Mann, aber ich war ein Bettler. Ich – Kapitän Stubbs von den kühnen North-Bungays – wußte nicht, wo ich ein Nachtlager oder Mittagessen finden sollte.

Während ich traurig die Portugal-Street hinunterging, fühlte ich eine Hand meine Schulter berühren, und eine rauhe Stimme, die ich gar wohl kannte, sagte:

»Na, Herr Stubbs, habe ich nicht mein Versprechen gehalten? Ich habe Euch gesagt, daß diese Stiefel Euer Verderben sein werden.«

Ich war viel zu elend, um ihm zu antworten. Ich richtete meine Blicke auf die Dächer der Häuser, die ich vor lauter Tränen nicht sehen konnte.

»Wie, da fangt Ihr nun gar an zu weinen und zu schluchzen, wie ein Kind? Heiraten wolltet Ihr, nicht wahr, aber nur eine Frau mit viel Geld, nicht wahr? Ha, ha, ha! – aber Ihr ward die Taube und sie die Krähe. Sie hat Euch ordentlich gerupft – wie? Ha, ha, ha!«

»Ach, Herr Stiffelkind,« sagte ich, »lacht nicht über mein Elend; sie hat mir ja nicht einen einzigen Schilling auf Gottes weiter Welt gelassen. Ich muß ja verhungern, ich glaube, ich muß verhungern.« Und ich fing zu weinen an, als wollte mir das Herze brechen.

»Verhungern? Ach Unsinn – Ihr werdet niemals Hungers sterben – Ihr werdet am Galgen enden, glaube ich, ho, ho, ho! das ist auch einfacher.« Ich sagte kein Wort, ich weinte nur still, bis alle Leute auf der Straße stehen blieben und gafften.

»Na, kommt, kommt,« sagte Stiffelkind, »hört auf zu weinen, Kapitän Stubbs – es schickt sich nicht für einen Kapitän, zu weinen, ha, ha, ha! – Na also, kommt zu mir, da sollt Ihr ein Mittagessen bekommen und auch ein Frühstück – umsonst einstweilen – bis Ihr etwas verdienen werdet und davon bezahlen könnt.«

Und so hatte dieser merkwürdige alte Mann in meinem Unglück Mitleid mit mir, während er mich zu Zeiten meines Wohlergehens verfolgt hatte. Er nahm mich mit zu sich nach Hause, wie er es versprochen hatte. »Ich habe Euren Namen auf der Liste der Insolventen gelesen – und ich hatte doch geschworen, wie Ihr wißt, daß Ihr diese Geschichte mit den Stiefeln noch bereuen würdet. Nun also, jetzt ist es geschehen, und so wollen wir es jetzt vergessen, wißt Ihr. Hier Betti, Bettchen, mach das überzählige Bett und leg noch eine Gabel und ein Messer auf, Lord Cornwallis ist zu uns gekommen, um mit uns zu speisen.«

Ich lebte sechs Wochen mit diesem seltsamen alten Mann. Ich führte ihm die Bücher und versuchte, mich sonst so nützlich zu machen, wie ich eben konnte; es war nicht viel: ich trug Schuhe und Stiefel aus, als wäre ich niemals Offizier im Dienste Seiner Majestät gewesen. Er gab mir kein Geld, aber er gab mir gute Unterkunft und gute Nahrung; er nannte mich General und Lord Cornwallis und gab mir alle erdenklichen Spottnamen.

Eines Tages, erinnere ich mich – eines schrecklichen Tages, als ich eben ein Paar von Herrn Stiffelkinds Schuhen putzte – kam der alte Herr mit einer Dame am Arm in den Laden.

»Wo ist Kapitän Stubbs,« fragte er, »wo ist diese Zier des Heeres Seiner Majestät?«

Ich kam hervor in den Laden, einen der Schuhe, die ich eben wichste, in der Hand.

»Da schau, meine Liebe,« sagte er, »das ist ein alter Bekannter von dir, Seine Exzellenz Lord Cornwallis! – Wer hätte je gedacht, daß so ein Edelmann Schuhputzer werden würde? Kapitän Stubbs, hier ist Eure ehemalige Flamme, meine liebe Nichte, Fräulein Crutty – wie konntest du, Magdalena, einen so geliebten Mann jemals verlassen? Reicht ihr die Hand, Kapitän – ach, das macht nichts, daß sie schwarz ist!« Aber das Fräulein zog die ihre zurück.

»Ich reiche einem Schuhputzer niemals die Hand,« sagte sie voll tiefer Verachtung. »Ich wollte, Onkel, Ihr brächtet mich nicht mit so gewöhnlichen Leuten zusammen.«

»Ach, meine Liebe, du meinst ›gewöhnlich‹, weil er Schuhe putzt? Der Kapitän hat wohl das ›Pumpen‹ vorgezogen, ha, ha, ha!«

»Kapitän, ja wahrhaftig! Ein schöner Kapitän,« sagte Fräulein Crutty, »der sich ohrfeigen läßt! Ha, ha, ha!« und dabei schnalzte sie mit den Fingern und ging fort. Was konnte ich tun? Es war nicht meine Wahl gewesen, daß sich dieser Grobian Waters solche Freiheiten gegen mich herausgenommen hatte. Und habe ich nicht durch mein Benehmen meine Abneigung gegen jede Art von Streitereien bewiesen, indem ich mich weigerte, seine Forderung anzunehmen? – Aber so ist die Welt! Und so pflegten mich die Leute bei Stiffelkind zu quälen und zu necken, bis sie mich beinahe verrückt gemacht hatten.

Endlich kam er eines Tages noch vergnügter und ausgelassener als je zuvor nach Hause. »Kapitän«, sagte er, »ich bringe Euch gute Nachrichten – eine gute Stellung. Euer Gnaden werden zwar nicht in der Lage sein, eine eigene Equipage zu halten, aber Ihr werdet bequem leben können und im Dienste Seiner Majestät stehen.«

»Im Dienste Seiner Majestät stehen?« fragte ich; »liebster Herr Stiffelkind, habt Ihr mir eine Stelle im Staatsdienst verschafft?«

»Ja, und noch mehr – nicht nur eine Stelle, auch eine Uniform – ja, Kapitän Stubbs, einen roten Rock!«

»Einen roten Rock! Ich will nicht hoffen, daß Ihr angenommen habt, ich würde mich so weit erniedrigen, nun als gemeiner Soldat zu dienen? Ich bin ein Edelmann, Herr Stiffelkind – ich könnte niemals – nein, niemals . . .«

»Nein, ich weiß, Ihr würdet niemals . . . Ihr seid viel zu feig, ha, ha, ha! – aber dies ist eine Stelle mit einem roten Rock, und wo Ihr manch festen Schlag werdet tun müssen, ha, ha, ha! – versteht Ihr? – und wo Ihr befördern werdet, statt befördert zu werden – ha! ha!«

»Ich werde befördern, in einem roten Rock, Herr Stiffelkind?«

»Ja! Briefe befördern! ha, ha, ha! Ich habe Euren alten Freund Bunting gesehen, und der hat einen Onkel bei der Post, und der hat Euch diese Stelle verschafft – achtzehn Schilling die Woche, mein Freund, und den Rock! Aber Ihr dürft keinen Brief aufmachen, wißt Ihr!« – Und so geschah es – ich Robert Stubbs, Esquire, wurde zu jenem gemeinen Wesen, das – Briefträger genannt wird!

 

Mir waren die rohen Witze Stiffelkinds, die jetzt roher als jemals wurden, so zuwider geworden, daß ich, sobald ich die Stelle bei der Post bekommen hatte, dem Kerl auch nicht mehr in die Nähe ging. Denn obwohl er mir einen Dienst erwiesen hatte, da er mich vor dem Verhungern bewahrte, so tat er es doch auf sehr unangenehme, unfeine Art und bewies seine niedrige und ordinäre Gesinnung dadurch, daß er mich in eine so erniedrigende Stellung, wie die eines Briefträgers ist, versetzte. Aber was konnte ich machen? Ich mußte mich dem Schicksal fügen, und Robert Stubbs vom North Bungay Regiment war drei Jahre lang oder noch länger . . .

Ich wunderte mich, daß mich niemand erkannte. Das erste Jahr lebte ich in ständiger Angst. Aber später gewöhnte ich mich an meine Lage – wie es alle großen Männer zu tun pflegen – und trug meinen roten Rock so selbstverständlich, als wäre ich mit der einzigen Bestimmung, Briefe auszutragen, in die Welt geschickt worden.

Anfangs war ich im Whitechapel-Distrikt beschäftigt, wo ich beinahe drei Jahre lang blieb; dann wurde ich nach Jermyn Street und Duke Street versetzt – ein Viertel, das wegen seiner vielen möblierten Zimmer bekannt ist. Ich glaube, daß ich in einem gewissen Hause dieser Straße wohl hundert Briefe abgegeben habe, in einem Hause, in dem Leute wohnten, die mich, hätten sie mich nur einmal zufällig angesehen, hätten erkennen müssen.

Ihr müßt wissen, als ich Sloffemsquiggle verließ und mich in die Welt begab und ein lustiges Leben führte, da hatte mir meine große Mama wohl zumindest zehnmal geschrieben; aber ich hatte ihr niemals geantwortet, denn ich merkte, daß sie Geld brauchte, und ich haßte das Schreiben. Endlich hörten ihre Briefe auf, da sie einsah, daß ich ihr keine schicken würde. Aber als ich im Gefängnis war, da schrieb ich meiner lieben Mutter – wie ich euch schon erzählt habe – wiederholtemale und war nicht wenig erbittert darüber, daß sie mich in meinem ärgsten Elend im Stiche ließ, da man doch am wenigsten im Stiche gelassen zu werden wünscht.

Stubbs ist kein ungewöhnlicher Name; und obwohl ich in Duke Street Mrs. Stubbs auf einem kleinen, blanken Messingschildchen las, – in dem Hause, wo ich so viele Briefe für die Mieter abgab – dachte ich niemals daran, zu fragen, wer sie sei, und ob es vielleicht eine Verwandte von mir wäre oder nicht.

Eines Tages hatte das Mädchen, das die Briefe hineinnahm, kein Kleingeld, und so rief sie ihre Herrin: eine alte Dame mit einer Haube kam aus dem Wohnzimmer, setzte ihre Brille auf, besah den Brief und stöberte in ihrer Tasche herum, um acht Penny zu finden und entschuldigte sich beim Briefträger, daß sie ihn warten ließe. Ich sagte: »Macht nichts, gnädige Frau, 's ist nicht der Mühe wert,« da stutzte die alte Dame, riß ihre Brille herunter, wich einen Schritt zurück, dann fing sie zu murmeln an, als wollte sie aufschluchzen, dann stieß sie einen Schrei aus, warf sich in meine Arme und rief: »Mein Sohn! Mein Sohn!«

»Ach, Mama« sagte ich, »bist du es?« und ich setzte mich zu ihr auf die Bank im Vorzimmer und ließ mich von ihr küssen, so viel sie nur wollte. Auf das Weinen und Schluchzen hin kam eine andere Dame von oben herunter – es war meine Schwester Eliza; dann kamen die Mieter herunter und das Stubenmädchen, und ich wurde der regelrechte Held der ganzen Gruppe. Ich konnte nicht lange bleiben, denn ich mußte meine Briefe austragen. Aber abends, als die letzte Post befördert war, ging ich zu meiner Mama und Schwester zurück und da machte ich es mir – das könnt ihr mir glauben – bei einer Flasche guten, alten Portweines und einer ausgezeichneten Hammelkeule rechtschaffen bequem.

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