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Die verhängnisvollen Stiefel

William Makepeace Thackeray: Die verhängnisvollen Stiefel - Kapitel 11
Quellenangabe
typeessay
authorWilliam Makepeace Thackeray
titleDie verhängnisvollen Stiefel
publisherMusarion Verlag
year1925
translatorClarisse Meitner
illustratorFlora Klee-Pályi 1903-1961
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150729
modified20171009
projectida7d7a2d5
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Oktober

Mars und Venus in Opposition

Ich will nicht versuchen, meine Gefühle zu beschreiben, als ich mich – statt in jenem schönen Haus in Berkeley Square, das mir als Gatten der Frau Manasseh hätte gehören sollen – in einem Gefängnis in Cursitor Street befand. Welch ein entsetzlicher Ort! In einer abscheulichen, schmutzigen Straße! Ein häßlicher Judenbub öffnete uns die zweite von drei Türen, die er – nachdem wir eingetreten waren, Herr Nabb und ich (ich beinahe ohnmächtig) – hinter uns wieder schloß, dann öffnete er noch eine Türe und führte mich erst in einen schmierigen Raum, der wie ein Kaffeehaus aussah, und dann in ein dumpfiges Hinterzimmer, wo ich eine Weile allein gelassen wurde und Zeit hatte, über mein elendes Schicksal zu brüten. Denkt euch den Unterschied zwischen hier und Berkeley Square! Sollte ich trotz all meiner Mühe, Schlauheit und Vorsicht schließlich doch betrogen worden sein? Hatte mir diese Frau Manasseh vielleicht nur etwas vorgetäuscht, und sollten mich die Worte jenes Elenden an der Table-d'hôte in Leamington nur irreführen? Ich entschloß mich, nach meiner Frau zu schicken und von ihr die ganze Wahrheit zu erfahren. Ich sah nun ein, daß ich das Opfer eines höllischen Komplottes gewesen war, und daß der Wagen, das Haus in der Stadt, das westindische Vermögen nur ebensoviele Lügen waren, die ich blind geglaubt hatte. Es war zwar richtig, daß die Schuld nur einhundertfünfzig Pfund betrug, und daß ich zweitausend in der Bank liegen hatte. Aber war der Verlust ihrer achtzigtausend Pfund nichts? Die verfluchte Zugabe zu meiner Familie – eine jüdische Frau und drei jüdische Kinder – nichts? Und die sollte ich alle von meinen zweitausend Pfund erhalten? Da hätte ich ja noch besser daran getan, zu Hause zu bleiben mit Mama und den beiden Schwestern, die ich zumindest wirklich liebte, und die mir jährlich achtzig Pfund bezahlten.

Ich hatte eine wütende Unterredung mit Frau Stubbs, und als ich sie beschuldigte, die elende Hexe!, daß sie mich betrogen hätte, wie eine unverschämte Schlange, – die sie auch wirklich war – warf sie mir noch dieselbe Beschuldigung an den Kopf und schwor, daß ich sie angeschwindelt hätte. Warum hätte ich sie denn geheiratet, wenn sie doch zwanzig andere hätte haben können? Sie hätte mich nur genommen, sagte sie, weil ich zwanzigtausend Pfund besäße. Ich hatte auch wirklich gesagt, daß ich soviel besäße; in der Liebe wie im Krieg ist alles erlaubt!

Wir schieden ebenso wütend von einander, wie wir einander begegnet waren. Und ich schwor im Stillen, sobald ich nur die Schuld bezahlt hätte, die sie mir spitzbübischer Weise angehängt hatte, daß ich mit meinen zweitausend Pfund so schnell wie möglich verschwinden wolle, auf irgendeine verlassene Insel oder wenigstens nach Amerika, und weder sie noch ihre Brut Israels jemals wiedersehen wolle. Es war zwecklos, im Schuldgefängnis zu bleiben (denn ich wußte wohl, daß es so etwas wie eine Haftverlängerung gäbe, und daß, wo Frau Stubbs hunderte schuldig sei, sie auch tausende schuldig sein könnte). So schickte ich nach Herrn Nabb und, ihm einen Scheck auf hundertfünfzig Pfund samt seinen Kosten hinreichend, verlangte ich, sofort freigelassen zu werden.

»Hier, Bursche,« sagte ich, »ist ein Scheck auf das Haus Child für Eure armselige Summe.«

»Das mag wohl ein Scheck auf Child sein,« sagte Herr Nabb, »aber ich müßte ja ein Baby sein, wenn ich Euch auf so einen Wisch hin, wie dieser, herauslassen wollte.«

»Gut«, sagte ich, »Child ist hier gerade um die Ecke, Ihr könnt hingehen und den Scheck einlösen – gebt mir nur inzwischen eine Empfangsbestätigung.«

Nabb schrieb umständlich eine Empfangsbestätigung und machte sich auf, um zum Bankier zu gehen; ich bereitete mich inzwischen vor, dieses entsetzliche Gefängnis zu verlassen.

Er lächelte, als er zurückkam. »Nun?« sagte ich, »jetzt habt Ihr wohl Euer Geld, und jetzt will ich Euch noch sagen, daß Ihr der schändlichste Gauner und Erpresser seid, den ich je gesehen habe.«

»Oh nein, Herr Schtubbsch«, sagte er, noch immer grinsend, »es gibt noch einen größeren Gauner als mich – viel größer.«

»Bursche,« sagte ich, »steh nicht so da und grinse einem Edelmann nicht so frech ins Gesicht; gib mir meinen Hut und Mantel, daß ich diese stinkende Höhle verlassen kann.«

»Halt, Schtubbsch!« sagte er, ohne mich diesmal auch nur »Herr« zu heißen, »da ist ein Brief, den Ihr wohl besser lesen solltet.«

Ich öffnete den Brief, ein Zettel fiel heraus – es war mein Scheck.

Der Brief lautete: »Mssrs. Child & Co. empfehlen sich Herrn Kapitän Stubbs bestens und bedauern mitteilen zu müssen, daß sie die Einlösung beiliegenden Schecks verweigern mußten, da ihnen heute eine Weisung von der Firma Salomonson & Co., zugekommen ist, durch welche sie gezwungen sind, das Konto des Herrn Kapitän Stubbs per 2010 Pfund Sterling, 11 Penny, 6 Schilling zu sperren, bis die Forderung Salomonson kontra Stubbs geregelt erscheint.«

»Da, seht Ihr?« sagte Herr Nabb, nachdem ich diesen fürchterlichen Brief gelesen hatte, »es waren eben zwei Forderungen da, Schtubbsch, wißt Ihr, – eine kleine und eine große, für die kleine hat man Euch eingesperrt, für die große Euer Geld beschlagnahmt.«

Oh lacht nicht, wenn ihr diese Zeilen lest! Wüßtet ihr, wie meine Tränen fließen und das Papier benetzen, während ich diese Geschichte schreibe! Wüßtet ihr, wie viele Wochen nach dieser Begebenheit ich mehr einem Wahnsinnigen glich als einem gesunden Mann! – ein Wahnsinniger im Gefängnis, in das ich wanderte, statt auf meine einsame Insel! Was hatte ich verbrochen, um das zu verdienen? Hatte ich nicht immer die Hauptchance im Auge behalten? Hatte ich nicht mein ganzes Leben lang sparsam gelebt und nicht wie andere junge Leute? Hatte je einer von mir gehört, daß ich etwas verschwendet oder auch nur einen einzigen Pfennig unnötig ausgegeben hätte? Nein! Ich kann ruhig meine Hand aufs Herz legen und gottlob mit ruhigem Gewissen sagen: Nein! Warum, warum nur, wurde ich so gestraft?

Laßt mich nun die traurige Geschichte meines Elends zu Ende erzählen: Sieben Monate – meine Frau kam mich ein- oder zweimal besuchen und ließ mich dann gänzlich fallen – blieb ich an diesem verhängnisvollen Ort. Ich schrieb meiner teuren Mutter und bat sie, ihre Einrichtung zu verkaufen; aber ich erhielt keine Antwort. Alle meine ehemaligen Freunde wendeten mir jetzt den Rücken. Ich verlor den Prozeß und besaß keinen Pfennig, um meine Sache zu verteidigen. Salomonson bewies die Schuld meiner Frau und beschlagnahmte meine zweitausend Pfund. Was nun die Verlängerung des Haftbefehles anbelangte, mußte ich dagegen gerichtlichen Einspruch als insolventer Schuldner erheben; ich tat es und kam als Bettler heraus. Aber stellt euch nun die Bosheit dieses verruchten Stiffelkind vor: er erschien bei Gericht, trat als mein Gläubiger auf, mit einer Forderung von drei Pfund Sterling samt fünf Prozent Zinsen für sechzehn Jahre, für ein Paar Stiefel. Der alte Meister führte sie bei Gericht als Beweis vor und erzählte die ganze Geschichte – Lord Cornwalis, die Entdeckung, die Pumperei, kurz alles.

Der Kommissär, Herr Dubobwig, nahm die Sache sehr heiter: »Wie, Herr Dr. Swishtail hat Euch die Stiefel nicht bezahlt, Herr Stiffelkind?«

»Nein,« sagte er, »als ich Bezahlung verlangte, hieß es, sie wären von einem kleinen Jungen bestellt worden, und ich hätte erst hingehen sollen und den Schulmeister fragen.«

»Da hattet Ihr also einen schönen Stiefel gemacht?« (Lautes Lachen!)

»Stiefel gemacht? Ja natürlich, Herr, natürlich hatte ich Stiefel gemacht, wie könnte ich sie Euch denn sonst hier zeigen?« (wieder lautes Lachen!)

»Da habt Ihr ihn also dafür versohlen lassen und habt es ihm heimgezahlt, daß Ihr die Stiefel nie bezahlt bekommen habt und nicht mehr verkaufen konntet?«

»Nicht mehr verkaufen wolltet! Ich hatte geschworen, sie absichtlich nie zu verkaufen, um mich an diesem Stobbs zu rächen.«

»Also hätte es Euch nicht an Absatz gefehlt?«

»Was wollt Ihr mit Euren Stiefeln und Sohlen und Absatz? Ich sage Euch doch, ich habe getan, was ich zu tun schwor: ich habe ihn in der Schule bloßgestellt, ich habe ihn an einer Heirat gehindert, durch die er zwanzigtausend Pfund bekommen hätte, und jetzt habe ich ihn bei Gericht angezeigt, das habe ich getan, und das ist genug.« Und damit stieg der alte Schurke herunter, während alle Leute mich anstarrten und mich angrinsten, mich Armen – als ob ich nicht schon elend genug dran war!

»Dies scheint das teuerste Paar Stiefel zu sein, das Ihr je gehabt habt, Herr Stubbs,« sagte der Kommissär Dubobwig schelmisch, und dann ging er an die Untersuchung meiner übrigen Mißgeschicke.

Mein Herz war so voll, daß ich ihm alles erzählte: wie Herr Salomonson, der Rechtsanwalt, mich in die Privatangelegenheiten der reichen Witwe, Frau Manasseh, eingeweiht hatte, die angeblich achtzigtausend Pfund und ein Gut in Westindien haben sollte. Wie ich verheiratet und eingesperrt worden war, sobald ich in die Stadt kam, wie dieser selbe Salomonson eine Forderung auf zweitausend Pfund gegen mich geltend machte, auf Grund einer Schuld meiner Gattin.

»Halt!« rief da ein Rechtsanwalt, der im Saale anwesend war, »ist diese Frau sehr auffallend, schwarzhaarig und einäugig, oft betrunken und hat sie drei Kinder? – Salomonson klein und rothaarig?«

»Ja, ja!« rief ich, mit Tränen in den Augen.

»Diese Frau hat in den letzten zwei Jahren drei Männer geheiratet. Einen in Irland und einen in Bath. Ein Salomonson ist, glaube ich, ihr Gatte, und sie sind beide vor zehn Tagen nach Amerika abgefahren!«

»Aber warum habt Ihr Eure zweitausend Pfund nicht behalten?« fragte der Rechtsanwalt.

»Sie haben sie beschlagnahmt.«

»Ach so! Nun, ich glaube, wir können Euch freilassen; Ihr habt Malheur gehabt, Herr Stubbs, aber es scheint, diesmal ist der Betrüger betrogen worden!«

»Nein,« sagte Herr Dubobwig, »Herr Stubbs ist das Opfer einer verhängnisvollen Zuneigung.«

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