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Die verhängnisvollen Stiefel

William Makepeace Thackeray: Die verhängnisvollen Stiefel - Kapitel 10
Quellenangabe
typeessay
authorWilliam Makepeace Thackeray
titleDie verhängnisvollen Stiefel
publisherMusarion Verlag
year1925
translatorClarisse Meitner
illustratorFlora Klee-Pályi 1903-1961
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150729
modified20171009
projectida7d7a2d5
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September

Gänserupfen

Nachdem mein Vater gestorben war und mir kein Geld, sondern nur das kleine Gut hinterlassen hatte, übergab ich den Besitz einem Auktionator und entschloß mich, auf einer Reise in irgendein fashionables Bad Zerstreuung zu suchen. Mein Haus war mir nun zu einsam geworden. Ich muß wohl nicht erst betonen, wie traurig und öde es mir nun schien, nachdem meine lieben Eltern und deren Kinder es verlassen hatten, und wie elend und verlassen ich mich fühlte.

Nun, ich hatte eben ein wenig Geld flüssig und erwartete für die Veräußerung meines Grundbesitzes einen Eingang von zweitausend Pfund. Ich hatte ein gutes, militärisches Aussehen, denn obwohl ich mich von den North-Bungay vollkommen losgesagt hatte (tatsächlich hatte mir Colonel Craw nach meiner Geschichte mit Kapitän Waters einen freundschaftlichen Wink gegeben, ich täte am besten daran, meinen Abschied zu nehmen), obwohl ich also bei der Armee nicht mehr in Dienst stand, behielt ich doch den Titel Kapitän bei, denn ich wußte wohl, welche Vorteile einem dieser Titel auf einer Badeort-Tournee gewährte.

Kapitän Stubbs wurde eine berühmte Figur, ein großer Dandy in Cheltenham, Harrowgate, Bath, Leamington und anderen Bädern. Ich war ein guter Whist- und Billard-Spieler und sogar so bekannt dafür, daß die Leute schließlich in vielen dieser Badeorte sich weigerten, mit mir zu spielen, da sie wußten, wie sehr ich ihnen überlegen war. Stellt euch nun meine Überraschung vor, als ich (ungefähr fünf Jahre nach der Portsmouth-Geschichte) eines Tages, in Leamington flanierend, einen jungen Mann erblickte, dessen ich mich im Zusammenhang mit einem gewissen Hof und anderen Umständen entsann – kein anderer war es, tatsächlich, als Dobble. Auch er war in Uniform, mit langen Rockschößen und Sporen. Er ging mit einer auffallend gekleideten, jüdisch aussehenden, schwarzhaarigen Dame, deren Ketten und Ringe hell glitzerten; sie trug eine grüne Haube mit einem Paradiesvogel, einen lila Shawl, ein gelbes Kleid, rosa Seidenstrümpfe und hellblaue Schuhe. Drei Kinder und ein livrierter Diener gingen hinter ihr, und die ganze Gesellschaft betrat, ohne mich zu sehen, das Hotel Royal.

Ich war selbst im Hotel Royal bekannt, rief einen der Kellner und erfuhr so den Namen der Dame und des Herrn. Er sei Kapitän Dobble, der Sohn des reichen Militär-Schneiders Dobble (Dobble, Hobble & Co., von Sall Mall), und die Dame sei Frau Manasseh, Witwe eines amerikanischen Juden, die mit ihren Kindern in Leamington ziemlich zurückgezogen lebe, aber ungeheuerliche Reichtümer besitze. Es hat keinen Zweck, sich selbst als armen Schlucker auszugeben; Tatsache ist, daß auch ich überall mit den Allüren eines sehr wohlhabenden Mannes auftrat. Mein Vater, so hieß es, hinterließ mir bei seinem Tode ein großes Vermögen und ausgedehnte Güter – ah! wohl galt ich damals als ein Edelmann, ein wahrer Edelmann, und ein jeder war nur zu froh, mit mir zu Tische zu sitzen.

So kam ich also am nächsten Tag wieder und hinterließ eine Karte mit ein paar Zeilen für Dobble. – Er aber erwiderte meinen Besuch nicht und beantwortete auch mein Briefchen nicht. Am darauffolgenden Tag jedoch begegnete ich ihm wieder mit der Dame, so wie das erste Mal. Ich ging auf ihn zu, erfaßte freundschaftlich seine Hand und rief aus, daß ich glücklich wäre, – was auch wahr war – ihn zu treffen. Dobble trat zu meinem Erstaunen einen Schritt zurück, und ich glaube gar, der Kerl hatte die Absicht, mich zu verleugnen, aber ich warf ihm einen Blick zu und sagte:

»Wie, Dobble, mein Junge, erinnerst du dich deines alten Stubbs' nicht mehr und unseres gemeinsamen Abendessens mit den Töchtern des Fleischhackers, wie?« – Dobble lächelte schwach und sagte: »Oh ja! gewiß! Es ist – ja! ich glaube, es ist Kapitän Stubbs.«

»Ein alter Kamerad, Madame, von Kapitän Dobble, und einer, der so viel von Euch gehört hat, meine Gnädige, und so viel von Euch gesehen hat, daß er wohl die Freiheit nehmen muß, seinen Freund zu bitten, Euch vorgestellt zu werden.«

Dobble konnte nicht umhin, den Wink zu verstehen, und so wurde Kapitän Stubbs der Dame Manasseh in allen Ehren vorgestellt. Die Dame war so gnädig wie nur möglich, und als wir uns nach dem Spaziergang trennten, sagte sie, sie hoffe, Kapitän Dobble werde mich heute Abend in ihren Salon mitbringen, wo sie einige Freunde erwarte. In Leamington kennt einer den anderen, wißt ihr, und so war auch ich als Offizier bekannt, der sich vom Dienst zurückgezogen hatte, und der nach dem Tode seines Vaters zu einem jährlichen Einkommen von siebentausend Pfund gekommen war. Dobble war nach mir angekommen, aber da er im Hotel Royal abgestiegen war und dort regelmäßig mit der Witwe speiste, hatte er vor mir ihre Bekanntschaft gemacht. Ich sah jedoch sofort, daß, ließe ich ihn über mich reden, wie er wollte und konnte, ich gezwungen sein würde, alle meine Hoffnungen und Vergnügungen in Leamington aufzugeben. So entschloß ich mich also, mit ihm kurz zu verfahren. Ich sagte: »Herr Dobble, ich sah wohl, was Ihr vorhin beabsichtigt hattet; Ihr wolltet mich schneiden, weil ich fürwahr nicht gewillt war, mich in Portsmouth zu schlagen. Also hör einmal, Dobble, ich bin kein Held, aber ich bin auch kein Feigling wie du – und das weißt du selbst ganz genau. Mit dir oder mit Waters zu tun zu haben, ist nicht ganz dasselbe, und diesmal werde ich mich schlagen

Nicht vielleicht, daß ich es wirklich hätte tun wollen; aber nach der Geschichte beim Fleischhacker wußte ich, daß Dobble der größte Feigling sei, den es nur je gegeben hat, und daß keine Gefahr darin lag, ihm zu drohen; denn schließlich ist man ja auch nicht gezwungen, nachher an dem festzuhalten, was man einmal gesagt hat. Meine Worte hatten bei Dobble den gewünschten Erfolg. Er zitterte, wurde rot und erklärte dann, daß es niemals seine Absicht gewesen sei, an mir vorbeizugehen. So wurden wir wieder Freunde, und ich hatte ihm den Mund gestopft.

Er war mit der Witwe sehr dick befreundet, aber diese Dame hatte ein großes Herz, und es waren noch eine Menge anderer Herren da, die mit ihr ebenso intim zu sein schienen. »Schaut Euch diese Frau Manasseh an«, sagte ein Herr, der bei Tisch neben mir saß (merkwürdigerweise war er auch ein Jude), »sie ist doch alt und häßlich, aber weil sie Geld hat, laufen ihr alle Herren nach.«

»Sie hat Geld, nicht wahr?«

»Achtzigtausend Pfund und zwanzig für jedes der Kinder; das weiß ich ganz bestimmt,« sagte der fremde Herr. »Ich bin bei Gericht, und wir Glaubensgenossen, versteht Ihr, wissen ziemlich gut Bescheid, wie viel unsere großen Familien wert sind.«

»Wer war Herr Manasseh?« fragte ich.

»Ein Mann von ungeheurem Vermögen – ein Tabakhändler – West-Indien – keine gute Familie zwar, und der – unter uns gesagt – eine Frau heiratete, die nicht mehr wert ist, als notwendig war. Mein lieber Herr,« flüsterte er, »sie ist ständig verliebt – heute ist es dieser Kapitän Dobble, letzte Woche war es ein anderer – und nächste Woche könnt Ihr es sein, wenn – ha! ha! ha! – wenn Euch etwas daran liegt, an die Reihe zu kommen.«

»Ich möchte, was mich anbelangt, die Frau nicht haben, nicht einmal, wenn sie nochmal so viel Geld besäße.«

Was kümmerte ich mich darum, ob das Weib gut oder schlecht sei, vorausgesetzt, daß sie reich sei? Mein Weg lag klar vor mir. Ich erzählte Dobble alles, was mir der Mann gesagt hatte und, nicht ungeschickt im Geschichtenaufbauschen, machte ich die Frau so schlecht und zeigte sie in so ungünstigem Licht, daß der arme Kerl heftig erschrak und schleunigst das Feld räumte. Ha! ha! Ich will verflucht sein, wenn ich ihn nicht glauben machte, daß Frau Manasseh ihren letzten Gatten ermordet hatte.

Ich spielte meine Rolle so gut, dank den Informationen, die mir mein Freund, der Rechtsanwalt, gegeben hatte, daß ich die Witwe in einem Monat so weit brachte, eine ganz ausgesprochene Zuneigung für mich zu zeigen: ich saß neben ihr beim Speisen, ich trank mit ihr beim Brunnen, ich ritt mit ihr aus, ich tanzte mit ihr, und auf einem Picknick nach Kenilworth, wo wir eine Menge Champagner tranken, platzte ich mit der bewußten Frage heraus und fand Erhörung. Nach einem weiteren Monat führte Robert Stubbs Esq., Lea, die Witwe des verstorbenen Z. Manasseh Esq. zum Altar von St. Ritts.

 

Wir fuhren in ihrem bequemen Wagen nach London; die Kinder und Bediensteten folgten mit der Postkutsche. Ich bezahlte natürlich für alles, und solange, bis unser Haus in Berkeley Square hergerichtet und eingerichtet war, wohnten wir in Stevens Hotel.

 

Mein eigenes Gut war verkauft worden, und das Geld lag in einer Bank der Hauptstadt. Etwa drei Tage nach unserer Ankunft, als wir eben im Hotel beim Frühstück saßen, um uns nachher zum Bankier meiner Gattin zu begeben, wo einige kleine Transaktionen durchgeführt werden sollten, wurde uns ein Herr gemeldet, den ich bei seinem Eintritt sofort als einen Glaubensgenossen meiner Frau erkannte.

Er sah Frau Stubbs an, machte eine Verbeugung und sagte: »Wäre es Euch vielleicht genehm, diese kleine Rechnung auf hundertzweiundfünfzig Pfund zu bezahlen?«'

Sie sagte: »Bitte, mein Lieber, willst du es bezahlen, ich habe die Kleinigkeit wirklich vergessen.« – »Bei Gott!« sagte ich, »ich habe das Geld wirklich nicht bei mir.«

»Gut also, Kapitän Stubbs,« sagte er, »dann muß ich leider meine Pflicht erfüllen – und Euch einsperren lassen – hier ist der Haftbefehl – Tom, halte die Türe!« – Meine Frau wurde ohnmächtig – die Kinder schrien, und stellt euch meine Lage vor, als ich mit diesem schrecklichen Gerichtsvollzieher ins Schuldgefängnis wandern mußte!

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