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Die unsichtbare Loge

Jean Paul Richter: Die unsichtbare Loge - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleDie unsichtbare Loge
pages7-469
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1793
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Erstes Extrablatt

Ehrenbezeugungen, die mir meine Grafschaft nach meiner Heimkehr von der grand tour antat

Wenn gräfliche Untertanen einem Grafen seine sechs nicht natürlichen DingeDarunter meinen die Ärzte 1) Wachen und Schlafen, 2) Essen und Trinken, 3) Bewegung, 4) Atmen, 5) Ausleerungen, 6) Leidenschaften. nehmen: so weiß ich nicht, wie sie ihn besser empfangen können. Nun ließen mir die meinigen kein einziges nicht natürliches Ding.

Sie nahmen mir das erste unnatürliche Ding ohnehin weg, den Schlaf. Da ich von Chalons nach Straßburg, so watend langsam, als wär' ich schwanger, gefahren war, um von da aus so donnernd, daß ich mehr hüpfte als saß, meinen Läufer umzufahren: so wär' ich um Flörzhübel (den ersten Marktflecken in meiner Grafschaft) für mein Leben gern schlafend (und war das nicht im Traume so leicht zu machen?) vorübergeflogen; allein gerade an der Grenze und einer Brücke, da ich die Augen bergunter auf- und bergauf zumachte, wurd' ich überfallen, nicht mörderisch, sondern musikalisch, von 16 Mann besoffnem Ausschuß, der schon seit früh 7 Uhr mit dem musikalischen Gerümpel und Ohrenbrechzeug hier aufgepasset hatte, um mich und meine Pferde zu rechter Zeit mit Trommeln und Pfeifen in die Ohren zu blessieren. Glücklicherweise hatten die Sturm-Artisten den ganzen Tag zum Spaße oder aus Langweile vorher mehr getrommelt als aus Ernst und Liebe nachher. Unter dem ganzen Weg, während Orchester und Kaserne neben meinen Pferden ging, zankt' ich mich aus, daß ich Flörzhübel vor 17 Jahren zu einer Stadt habilitiert und graduiert hatte, – »Ich meine nicht deswegen,« sagt' ich zu mir, »weil nachher das landesherrliche Reskript dem Flörzhübel das Stadtrecht und seiner Gendarmerie die Monturen wieder auszog, oder deswegen, weil wir die überzähligen Monturen in Kassel versteigern wollten – sondern weil sie mich jetzt nicht schlafen lassen, welches doch das erste nicht natürliche Ding bleibt.«

Essen ließen sie mich gar nicht, weils das zweite unnatürliche Ding eines regierenden Herrn ist. Sann mir nicht der flörzhübelsche Restaurateur, der für mich das ganze gekochte und gesottene Mußteil meiner Grafschaft ans Feuer gesetzet hatte, geradezu am Kutschenfußtritt an, ich sollte anbeißen, und da ich ihn – wir Großen setzen nicht ungern den Pöbel durch Verschmähen beneideter Kost in ein hungriges Erstaunen – mit eignem Munde nur um eine Biersuppe ansprach: machte da nicht der Restaurateur eine eitle Miene und sagte: »im ganzen Hotel hätt' er keine; und hätt' er sie: so sollten ihm doch die künftigen Traiteurs nicht nachsagen, er habe unter so vielen jus und bouillons seinem gnädigsten Herrn nichts präsentiert als einen Napf Biersuppe«?

Um das dritte Ding, um die Bewegung und Ruhe zugleich, hätte mich bei einem Haare die Ehrenpforte meines Begräbnisdorfes gebracht, maßen sie mich beinahe erschlug, weil sie und die musizierende Galerie auf ihr hart hinter meinem letzten Bedienten einpurzelten, aber zur Freude der Grafschaft keinem Menschen etwas zerbrachen als dem Bader die Glas-Schröpfköpfe, die er der Ehrenpforte angesetzt und vorgestreckt hatte, damit doch etwas daranhinge, worein die nicht schlechte Illumination zu stecken wäre. Ich wollte schon an und für sich etwas toll werden über die satirischen Schröpfvasen, die ich für satirische Typen und Nachbilder meines gräflichen Ausschröpfens der vollen Allodial- und Feudaladern nehmen wollte, und ich fragte den Schultheiß, ob er dächte, es fehle mir echter Witz; allein sie taten sämtlich Eide, an Witz wäre bei der ganzen Ehrenpforte gar nicht gedacht worden.

Luft, das vierte nicht natürliche Ding eines Reichs-Erb-Kasperls, hätt' ich schon haben können; denn bloß etwa des kurzen Mißbrauchs wegen, den die Instrumente und Lungen meiner Vasallen von einem so herrlichen Elemente machten, hätt' ich wahrlich nicht mich und den Luftsektor um mich so fest in meinen Wagen eingesperrt, als ich wirklich tat – ich muß das ausdrücklich sagen, damit nicht der gute Kelzheimer Kantor sich einbilde, es habe mir nicht gefallen, daß mir sein musikalisches Feuerrohr, seine Trompete, doppelt aus dem Schalloch, sowohl seines Kirchturms als seines Körpers, dermaßen entgegenstach, daß die melodischen Luftwellen aus beiden mir vier Äcker weit entgegengingen, indes noch dazu unten im Turm seine Frau die Glocken melkte, als würd' ich begraben und nicht sowohl empfangen als verabschiedet – wie gesagt, des musikalischen Ehepaars wegen hätt' ich den Wagen gar nicht zugeschlossen; aber der Todesgefahr wegen; denn ein freudiges Pikett Fronbauern schoß mir aus 17 Vogelflinten und einem paar Taschenpuffern sowohl Ehrensalven als einige Ladstöcke entgegen.

Sitzt ein Graf einmal ohne vier nicht natürliche Dinge da: so darf er an das fünfte gar nicht denken, an Ausleerung; der Sphinkter aller, selbst der größten Poren bleibt samt der Wagentüre zu. Es war also kein Wunder, da ich gar kein Hephata zu irgendeinem Porus sagen konnte, daß ich auffuhr: »Den Henker hab' ich davon von meinem Sitzen auf der Grafenbank in Regensburg, wenn ich hier auf dem Kutschkissen hocken muß und nichts – verrichten kann, nicht einmal....«

Echte Leidenschaft, die das sechste nicht natürliche Ding des Menschen ist, wird von nichts so leicht erstickt als von einem atlassenen Hundekissen, auf dem die Pfarrer, Schuldiener und Amtleute, die ein Reichs-Erb-Kasperl hat, ihm die Carmina überreichen, die sie auf ihn haben fertigen lassen: denn darüber ist weder zu lachen, noch zu greinen, noch zu zanken, noch zu loben, noch zu reden.

Meine Lehnleute und Hintersassen, die mir so viel von meinen sechs unnatürlichen Dingen abfischten, gaben mir eben dadurch die Hälfte des ersten wieder, das Wachen – sie hatten sich aber meinetwegen so in Schweiß gesetzt, daß ich ihrentwegen auch darin lag. Da ich aufwachte: dacht' ich anfangs, es wär' ein Traum; aber bei mehrem Aufwachen merkt' ich, daß es, die Namen ausgenommen, die gestohlne Geschichte meiner Nachbarschaft war. Freilich ärgert michs so gut, als würde die Illumination und der musikalische Lärm meinetwegen veranstaltet, daß die Untertanen beide bloß in der boshaften Absicht machen, ihren großen oder kleinen Regenten durch Ekel und Plage wieder auf seine Reise zurückzujagen; was sie offenbar den orientalischen Karawanen abgelernt, die gleichfalls durch Trommeln und Feuerschlagen wilde Tiere sich vom Leibe halten.

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