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Die unsichtbare Loge

Jean Paul Richter: Die unsichtbare Loge - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleDie unsichtbare Loge
pages7-469
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1793
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Zweiter Sektor oder Ausschnitt

Ahnen-Preiskurant des Ahnen-Grossierers – der Beschäler und Adelbrief

Es gibt in der ganzen entdeckten Welt keine verdammtere Arbeit als einen ersten Sektor zu schreiben; und dürft' ich in meinem Leben keine andern Sektores schreiben, keinen zweiten, zehnten, tausendsten, so wollt' ich lieber Logarithmen oder publizistische Kreisrelationen machen als ein Buch mit ästhetischen. Hingegen im zweiten Kapitel und Sektor kommt ein Autor wieder zu sich und weiß recht gut im vornehmsten Cercle, den es vielleicht gibt (Knäsen sitzen in meinem), was er mit seinen schreibenden Händen anfangen soll und mit seinem Hute, Kopfe, Witz, Tiefsinn und mit allem.

Da ich durch das Ehepaar, von dessen Verlobung durch Schach und Katze wir sämtlich zurückkommen, mir in neun Monaten den Helden dieses Buches abliefern lasse: so muß ich vorher zeigen, daß ich nicht unbesonnen in den Tag hineinkaufe, sondern meine Ware (d. i. meinen Helden) aus einem recht guten Hause, um kaufmännisch zu reden, oder aus einem recht alten, um heraldisch zu sprechen, ausnehme. Denn der reichsfreien Ritterschaft, den Landsassen und den Patriziern muß es hier oder nirgends gesagt und bewiesen werden, daß mein Heldlieferant, Herr von Falkenberg, von älterem Adel ist wie sie alle; und zwar von unechtem.

Nämlich Anno 1625 war Mariä Empfängnis, wo sein Urgroßvater sich ungemein besoff und dennoch aus dem Glücktopfe die volle Hand mit etwas Außerordentlichem herausbrachte, mit einem zweiten Adeldiplom. Denn es trank mit ihm, aber siebenmal stärker, ein gescheiter Roßtäuscher aus Westfalen, auch ein Herr von Falkenberg, aber nur ein Namenvetter; ihre beiden Stammbäume bestreiten und anastomosierten sich weder in Wurzelfäserchen noch in Blättern. Ob nun gleich der Sippschaftbaum des Westfälingers so alt und lang im Winde und Wetter des Lebens dagestanden war, daß er mit manchem Veteranen auf den Bergen Libanon und Ätna zugleich aus der Erde vorgeschossen zu sein schien, kurz, obgleich der Roßhändler 64schildig war, indes der Urgroßvater zu seiner größten Schande und zu dessen seiner, der ihn in seinen Roman mithineinnimmt, wirklich sowohl Zähne als Ahnen mehr nicht zählte als 32: so wars doch noch zu machen. Der alte Westfale war nämlich der Stammhalter und die Schlußvignette und das hogarthische Schwanzstück seines ganzen historischen Bildersaals; nicht einmal in beiden Indien, wo wir alle unsre Vettern haben und erben, hatt' er noch einen. Darauf fußte der Urgroßvater, der ihm sein Adeldiplom abzufluchen und abzubetteln suchte, um es für sein eignes auszugeben: »Denn wer Teufel weiß es,«sagte er,»dir hilft es nichts, und ich heft' es an meines.« Ja der Ahnen-Kompilator, der Urgroßvater, wollte christlich handeln und bot dem Roß- und Ahnentäuscher für den Brief einen unnatürlich schönen Beschäler an, einen solchen Großsultan und Ehevogt eines benachbarten Roß-Harems, wie man noch wenige gesehen. Aber der Stammhalter drehte langsam den Kopf hin und her und sagte kalt »ich mag nicht«und trank Zerbster Flaschenbier. Da er ein paar Gläser von Quedlinburger Gose bloß versucht hatte, fing er schon an, über das Ansinnen zu fluchen und zu wettern; was schon etwas versprach. Da er etwas Königslutterischen Duckstein, denk' ich, daraufgesetzt hatte (denn Falkenberg hatte einen ganzen Meibomium de cerevisiis, nämlich seine Biere, auf dem Lager): so ging er gar mit einigen Gründen seines Abschlagens hervor, und die Hoffnung wuchs sehr.

Als er endlich den Breslauer Scheps im Glase oder in seinem Kopfe so schön milchen fand: so befahl er, das Luder von einem elenden Beschäler in den Hof zu führen – – und da er ihn etwa zwei- oder dreimal mochte haben springen sehen: so gab er dem Urgroßvater die Hand und zugleich die 128 Ahnen darin. Da nun der Falkenbergische Urgroßvater das erkaufte Adelpatent, das einige Ahnenfolgen tausendschildiger Motten fast aufgekäuet hatten, mit einem Pflasterspatel, weil es porös wie ein Schmetterlingfittich war, auf neues Pergament aufstrich und aufpappte, Buchbinderkleister aber vorher: so tat, kann man leicht denken, das Pergament seiner ganzen adeligen Vorwelt den nämlichen Dienst der Veredlung, den der Beschäler in Westfalen der Roßnachwelt leistete, und über hundert begrabene Mann, an denen kein Tropfen Blut mehr adelig zu machen war, kamen wenigstens zu adeligen Knochen. Also brauchen weder ich noch irgendeine Stiftdame uns zu schämen, daß wir mit dem künftigen jungen Falkenberg so viel Verkehr haben, als man künftig finden wird. – Übrigens möcht' ich nicht gern, daß die Anekdote weiter auskäme, und einem Lesepublikum von Verstand braucht man dies gar nicht zu sagen. –

Die Hochzeit-Luperkalien hab' ich samt ihrem längsten Tage und ihrer kürzesten Nacht niemals hersetzen wollen; – doch den Einzug darauf wollt' ich gut beschreiben. Allein da ich mich gestern zum Unglück mit dem Vorsatze ins Bett legte, heute morgen das Schach- und Ehepaar mit drei Federzügen aus dem Brautbette ins Ehebette zu schaffen, das 19 Stunden davon steht, nämlich im Falkenbergischen Rittersitz Auenthal – und da ich ganz natürlich nur mit drei kleinen Winken das wenige schildern wollte, das wenige Pfeifen, Reiten und Pulver, womit die guten Auenthaler ihre gnädige Neuvermählten empfingen. so ging die ganze Nacht in meinem Kopfe der Traum auf und ab, ich sei selber ein heimreisender Reichsgraf und der Reichs-Erb-Kasperl und würde von meinen Untertanen, weil sie mich in 15 Jahren mit keinem Auge gesehen, vor Freuden fast erschossen. In meiner Grafschaft wurde natürlicherweise tausendmal mehr Bewillkommunglärm und Honneurs gemacht als im Falkenbergischen Feudum; ich will deswegen die Honneurs für den Rittmeister weglassen und bloß meine bringen.

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