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Die unsichtbare Loge

Jean Paul Richter: Die unsichtbare Loge - Kapitel 72
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleDie unsichtbare Loge
pages7-469
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1793
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Vierundfunfzigster oder 6ter Freuden-Sektor

Tag nach dieser Nacht – Beatens Blatt – Merkwürdigkeit

Ich bitte die Kritik um Verzeihung, wenn ich diese Nacht zu viele Metaphern und zu viel Feuer und Lärm gemacht: ein Freuden-Sektor (so wie die Kritik darüber) muß sich dergleichen gefallen lassen, sobald einmal der Verfasser sich eine ähnliche Überfracht von Zitronensäure, Teeblüte, Zuckerrohr und Arrak gefallen lässet, wie ich tat.

Ich legte mich heute gar nicht nieder: die Vögel fingen schon wieder zu singen an, und als der Traum kaum das vergangne Schauspiel einige 40mal wieder vor den zugesunknen Augen aufgeführet hatte, macht' ich sie wieder auf, weil die Sonne mich umflammte.

Eine durchwachte und durchfreuete Nacht lässet einen Morgen zurück, wo man in einer süßen Abspannung weniger empfindet als phantasieret, wo die nächtlichen Töne und Tänze unsere innern Ohren immerfort anklingen, wo die Personen, mit denen wir sie verbrachten, in einem schönen Dämmerlichte, das unsre Herzen zieht, vor unsern innern Augen schweben. In der Tat, man liebt nie eine Frau mehr als nach einer solchen Nacht, morgens eh' man gefrühstückt.

Ich dachte heute tausendmal an meinen Gustav, der vor Tage seine fünftägige Reise angetreten, und an meinen festen Ottomar, der mit ihm geht. Möchtet ihr an keine Dornen kommen als solche, die unter die Rose gesteckt sind, unter keine Wolke treten als die, die euch den ganzen blauen Himmel lässet und bloß die Glut-Scheibe nimmt, und möchte euren Freuden keine fehlen als die, daß ihr sie uns noch nicht erzählen könnet!

Alles Sonnenlicht umzauberte und überwallte mir bloß wie erhöhtes Mondenlicht alle Schattengänge von Lilienbad; die vorige Nacht schien mir in den heutigen Tag herüberzulangen, und ich kann nicht sagen, wie mir der Mond, der noch mit seinem abgewischten Schimmer wie eine Schneeflocke tief gegen Abend herhing, so willkommen und lieb wurde. O blasser Freund der Not und der Nacht! ich denke schon noch an dein elysisches Schimmern, an deine abgekühlten Strahlen, womit du uns an Bächen und in Laubgängen begleitest und womit du die traurige Nacht in einen von weiten gesehenen Tag umkleidest! Magischer Prospektmaler der künftigen Welt, für die wir brennen und weinen, wie ein Gestorbner sich verschönert, so malest du jene auf unsre irdische, wenn sie mit allen ihren Blumen und Menschen schläft oder schweigend dir zusieht! –

Ich gäbe heute die vornehmste Visite darum, wenn ich eine bei den Glücklichen des gestrigen Tages machen könnte; es ist aber nicht zu tun. Sogar Beata hat heute eine von ihrer Mutter; und mein Auge konnte noch nichts von ihr habhaft werden als die fünf weißen Finger, womit sie einen Blumentopf an ihrem Fenster aus dem Schatten eines Zweiges wegdrehte. O wenn unser altes Leben und unsre Wandelgänge wieder anheben und alles wieder beisammenlebt: was soll da die Gelehrten-Republik nicht zu lesen bekommen!

Heute reich' ich ihr nichts mehr als Beatens Geleitbrief an Gustav, weil ich ihn nur abzuschreiben brauche. Ich schlüpfe dann wieder ins Freie, beschiffe nach der Seekarte meines Kopfes den gestrigen Weg noch einmal, und indem ich die verzettelten Blumen, die gestern unsre vollen Hände fallen ließen, als Nachflor auflese, find' ich die höhern auch. – Man wird einige Stellen im folgenden Aufsatze Beaten verzeihen, wenn ich voraussage, daß sie – vielleicht durch ihr Herz so gut wie durch ihren Vater überlistet, der nur ein äußerlicher Renegat des Katholizismus war – von den Engeln und ihrer Anbetung mehr glaubte, als Nicolai und die Schmalkaldischen (Waren-)Artikel einer Lutheranerin verstatten können. Denn das schwache und so oft hülflose Weib, das nicht weit über diese Erde zu steigen wagt, legt in der Stunde der Not so gern ihre Bitten und ihre Seufzer vor einer Marie, vor einer Seligen, vor einem Engel nieder; aber der festere Mann wird nachsichtig einen Wahn nicht rügen, der so trösten kann. –

Wünsche für meinen Freund

»Es ist kein Wahn, daß Engel um den bedrohten Menschen mitten in ihren Freuden wachen, wie die Mutter unter ihren Freuden und Geschäften ihre Kinder hütet. O! ihr unbekannten Unsterblichen! schließet euch ein einziger Himmel ein? – Dauert euch nie der wehrlose Erdensohn? – Solltet ihr größere Tränen abzutrocknen haben als unsre? – Ach, wenn der Schöpfer seine Liebe so in euch wie in uns gelegt hat, so sinkt ihr gewiß auf diese Erde und tröstet das umstürmte Herz unter dem Monde, fliegt um die gedrückte Seele, deckt eure Hand auf die versiegende Wunde und denkt an die armen Menschen!

Und wenn hienieden ein Geist geht, der euch einmal gleichen wird, könnt ihr euren Bruder vergessen? – Engel der Freude! sei mit meinem und deinem Freunde, wenn die Sonne kommt, und laß Ihn schöne fromme Morgen angrünen! Sei mit Ihm, wenn sie höher geht und wenn Ihn die Arbeit drückt! – O nimm den entfernten Seufzer einer Freundin und kühle damit Seinen! Sei mit Ihm, wenn die Sonne weicht, und richte Sein Auge auf den im weißen Trauergewand aufsteigenden Mond und auf den weiten Himmel, worin der Mond und du gehen! –

Engel der Tränen und der Geduld! Du, der du öfter um den Menschen bist! Ach, vergesse mein Herz und mein Auge und laß sie bluten – sie tun es doch gern –; aber stille, wie der Tod, das Herz und das Auge meines Freundes und zeig ihnen auf der Erde nichts als den Himmel jenseits der Erde. – Ach, Engel der Tränen und der Geduld! Du kennst das Auge und das Herz, das sich für Ihn ergießet, du wirst Seine Seele vor sie bringen, wie man Blumen in den Sommerregen stellet! Aber tu es nicht, wenn es Ihn zu traurig macht! O Engel der Geduld! ich liebe dich, ich kenne dich! ich werde in deinen Armen sterben!

Engel der Freundschaft! – vielleicht bist du der vorige Engel?.... ach!.... Dein himmlischer Flügel hülle Sein Herz ein und wärm' es schöner, als die Menschen können – ach, du würdest auf einer andern Erde und ich auf dieser weinen, wenn an einem kalten Herzen Sein heißes, wie am gefrierenden Eisen die warme Hand, anklebte und blutig abrisse!.... O bedeck Ihn; aber wenn du es nicht kannst, so sag mir Seinen Jammer nicht!

O ihr immer Glücklichen in andern Welten! euch stirbt nichts, ihr verliert nichts und habt alles! – Was ihr liebt, drückt ihr an eine ewige Brust, was ihr habt, haltet ihr in ewigen Händen. – Könnt ihrs denn fühlen in euren glänzenden Höhen droben, in eurem ewigen Seelenbunde, daß die Menschen hienieden getrennt werden, daß wir einander nur aus Särgen, eh' sie untersinken, die Hände reichen, ach, daß der Tod nicht das einzige, nicht das Schmerzhafteste ist, was Menschen scheidet? – Eh' er uns auseinandernimmt, so drängt sich noch manche kältere Hand herein und spaltet Seele von Seele – – dann fließet ja auch das Auge, und das Herz fällt klagend zu, ebensogut als hätte der Tod zertrennt, wie in der völligen Sonnenfinsternis so gut wie in der längern Nacht der Tau sinkt, die Nachtigall klagt, die Blume zuquillt!

– Alles Gute, alles Schöne, alles, was den Menschen beglückt und erhebt, sei mit meinem Freunde; und alle meine Wünsche vereinigt mein stilles Gebet.

*

Ich tue sie alle mit, nicht bloß für Gustav, sondern für jeden Guten, den ich kenne, und für die andern auch.«

*     *

Ob es gleich schon eilf Uhr nachts ist: so muß ich dem Leser doch etwas Melancholisch-Schönes melden, das eben vorüberzog. Ein singendes Wesen schwebte durch unser Tal, aber von Blättern und Dämmerung verdeckt, weil der Mond noch nicht auf war. Es sang schöner, als ich noch hörte:

– – Niemand, nirgends, nie.
– – Die Träne, die fällt.
– – Der Engel, der leuchtet.
– – Es schweigt.
– – Es leidet.
– – Es hofft.
– – Ich und Du!

Offenbar fehlet jeder Zeile die Hälfte, und jeder Antwort die Frage. Es fiel mir schon einige Male ein, daß der Genius, der unsern Freund unter der Erde erzog, ihm beim Abschiede Fragen und Dissonanzen dagelassen, deren Antworten und Auflösungen er mitgenommen; ich denk', ich hab' es dem Leser auch gesagt. Ich wollte, Gustav wäre da. Aber ich habe nicht den Mut, mir die Freude auszudenken, daß auch der Genius sich in unsre Freuden-Girlande zu Lilienbad eindränge! – Ich höre noch immer die gezognen Flötentöne aus diesem unbekannten Busen hinter den Blüten klagen; aber sie machen mich traurig. Hier liegen die ewig schlafenden Blumen, die ich heute auf dem Steige unsrer letzten Nacht zusammentrug, neben aufgefalteten wachenden, die ich erst ausriß – sie machen mich auch traurig. – Es gibt für mich und meine Leser nichts Nötigeres, als jetzt einen neuen Freuden-Sektor anzuheben, damit wir unser altes Leben fortsetzen....

O Lilienbad! du bist nur einmal in der Welt; und wenn du noch einmal vorhanden bist, so heißest du V-zka.

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