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Die unsichtbare Loge

Jean Paul Richter: Die unsichtbare Loge - Kapitel 70
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleDie unsichtbare Loge
pages7-469
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1793
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Dreiundfunfzigster oder der größte Freuden-Sektor
oder der Geburttags- oder Teidors-Sektor

Der Morgen – der Abend – die Nacht

Heute ist Beatens Fest und wird immer schöner – mein Schreibepult ist neun Millionen Quadratmeilen breit, nämlich die Erde – die Sonne ist meine Epiktets-Lampe, und statt der Handbibliothek rauschen die Blätter des ganzen Naturbuchs vor mir.... Aber von vornen an! Übrigens lieg' ich jetzt auf der Insel Teidor.

Die Tage vor schlechtem Wetter sind auch meteorologisch die schönsten. Da wir heute als die friedlichste Quadrupel-Allianz, die es gibt, durch unser singendes Tal, eh' noch die Morgenstrahlen hereingestiegen waren, hinausgingen, um noch vor neun Uhr recht gemächlich auf der kleinen Molukke Teidor anzukommen: so streckte sich ein ganzer kristallener quellenheller Tag auf den weiten Fluren vor uns hin – wir waren bisher an schöne gewöhnt, aber an den schönsten nicht. – Die Erdkugel schien eine helle, aus Dünsten und Lüften herausgehobene Mondkugel zu sein – die Berg- und Waldspitzen standen nackt im tiefen Blau, sozusagen ungepudert von Nebeln – alle Aussichten waren uns näher gerückt und der Dunst war vom Glase, wodurch wir sahen, abgewischt – die Luft war nicht schwül, aber sie ruhte auf den Gewürz-Fluren unbeweglich aus und das Blatt nickte, aber nicht der Zweig, und die hängende Blume wankte ein wenige aber bloß unter zwei kämpfenden Schmetterlingen.... Es war der Ruhetag der Elemente, die Sieste der Natur. Ein solcher Tag, wo schon der Morgen die Natur eines schwärmerischen Abends hat und wo schon er uns an unsere Hoffnungen, an unsre Vergangenheit und an unser Sehnen erinnert, kommt nicht oft, kommt für nicht viele, darf für die wenigen, in deren schwellendes Herz er leuchtet, nicht oft kommen, weil er die armen Menschen, die ihm ihre Herzen wie Blumenblätter auftun, zu sehr erfreuet, sie vom kameralistischen Feudalboden, wo man mehr Blumen mähen als beriechen muß, zu weit ins magische Arkadien verschlägt. – Aber ihr Finanziers und Ökonomen und Pächter, wenn fast alle Jahrzeiten der Haut und dem Magen dienen: warum soll nicht ein Tag – zumal für Brunnengäste – bloß dem zu weichen Herzen zugehören? Wenn man euch Härte vergibt: warum wollt ihr keine Weichheit vergeben? – O ihr beleidigt ohnehin genug, ihr gefühllosen Seelen; die schönere feinere ist euch bloß unbedeutend und lächerlich; aber ihr seid ihr quälend und verwundet sie. – Sonderbar ists, daß man andern zuweilen die Vorzüglichkeit der Talente, aber nie die Vorzüglichkeit der Empfindungen zugesteht und daß man seiner eignen Vernunft, aber nicht seinem eignen Geschmack Irrtümer zutraut.

Ein durchsichtiges Dockengeländer von Waldbäumen stand bloß noch zwischen uns und dem indischen Ozean, worin Teidor grünte, als uns der Steig durch das hohe Gras, das über ihn hereinschlug, an einer Einöde oder einem isolierten Hause vorübertrug, das zu entzückend in diesem Blumen-Ozean lag, als daß man hätte vorbeigehen oder -reiten können. Wir lagerten uns auf einer abgemähten Rasenstelle, zur rechten Seite des Hauses, zur linken eines runden Gärtchens, das sich mitten in die Wiese versteckte. Im armen Gärtchen waren und nährten sich (wie in einem toleranten Staate) auf dem nämlichen Beete Bohnen und Erbsen und Salat und Kohlrüben; und doch hatte im Zwerg-Garten ein Kind noch sein Infusions-Gärtchen. Im blendenden und roten Vogelhäuschen betrieb eine flinke Frau gerade ihre wohlriechende Feldbäckerei; und zwei Kinderhemdchen hingen am Gartenzaun, und zwei standen an der Haustür, in welchen letzten zwei braune Kinder spielten und uns beobachteten – ihnen tat am heutigen Morgen nichts wohl als ihren entblößten Füßen die Sonne. O Natur! o Seligkeit! du suchest wie die Wohltätigkeit gern die Armut und das Verborgne auf!

Das Klügste, was ich heute gesagt habe und vermutlich sagen werde, ist gewiß die Gras-Rede am Morgen neben dem Häuschen. Als ich so den stehenden Himmel, die Wind- und Blätterstille betrachtete, in der der steilrechte Flügel des Schmetterlings und das Härchen der Raupe unverbogen blieb: so sagt' ich: »Wir und dieses Räupchen stehen unter und in drei allmächtigen Meeren, unter dem Luftmeer, unter dem Wassermeer und unter dem elektrischen Meere; gleichwohl sind die brausenden Wogen dieser Ozeane, diese Meilen-Wellen, die ein Land zerreißen können, so geglättet, so bezähmet, daß der heutige Sabbat-Tag herauskommt, wo den breiten Flügel des Schmetterlings kein Lüftchen ergreift oder um ein gefiedertes Stäubchen berupft und wo das Kind so ruhig zwischen den Elementen-Leviathans tändelt und lächelt. – Wenn dies kein unendlicher Genius bezwungen hat, wenn wir diesem Genius keine Zusammenordnung unsers künftigen Schicksals und unserer künftigen Welt zutrauen –«...

O unendlicher Genius der Erde! an deinen Busen wollen wir unsre kindlichen Augen schmiegen, wenn sich der Sturm von der Kette losreißet – – an dein allmächtiges heißes Herz wollen wir zurücksinken, wenn uns der eiserne Tod einschläfert, indem er vorbeigeht! –

So wandelten wir unschuldig-zufrieden, ohne Hastigkeit und Heftigkeit den Wellen zu, die an Fenks Landhaus spülten. Sonderbar ists, es gibt Tage, wo wir freiwillig unser stilles fort-vibrierendes Vergnügen von den äußern Gegenständen uns zureichen lassen (wodurch wir ungewöhnlich gegen echten Stoizismus verstoßen); – noch sonderbarer ists, daß manche Tage dieses wirklich tun. – – Ich meine das: ein gewisses leises wellen-glattes Zufriedensein – nicht verdient durch Tugend, nicht erkämpft durch Nachdenken – wird uns zuweilen von dem Tage, von der Stunde beschert, wo alle die jämmerlichen Kleinigkeiten und Fransen, woraus unser ebenso kleinliches als kleines Leben zusammengenäht ist, mit unsern Pulsen einstimmen und unserem Blute nicht entgegenfließen – z. B. wo (wie heute geschah) der Himmel unbewölkt, der Wind im Schlaf, der Fährmann, der nach Teidor bringt, bei der Hand, der Herr des Landhauses, Doktor Fenk, schon vor einer Stunde gegenwärtig, das Wasser eben, das Boot trocken, der Anlandung-Hafen tief und alles recht ist.... Wahrhaftig wir sind alle auf einen so närrischen Fuß gesetzt, daß es zu den Menschenfreuden, worüber der Zerbster Konsistorialrat Sintenis zwei Bändchen abgefasset, mit gerechnet werden kann – in Deutschland; aber in Italien und Polen weit weniger –, zuweilen einen oder den andern Floh zu greifen...... Will man also einen solchen paradiesischen Tag erleben: so muß nicht einmal eine Kleinigkeit, über die man in stoisch-energischen Stunden wegschreitet, im Wege liegen; so wie sich über die Sonne, wenn ein Brennspiegel sie herunterholen will, nicht das dünnste Wölkchen schieben darf.... Ich bin jetzt im Feuer und versichere, ich kann mir unmöglich etwas Närrischeres denken als unser Leben, unsere Erde, uns Menschen und unsre Bemerkung dieser Narrheit....

Der indische Ozean war ein lärmender Marktplatz wie ein sinesischer Strom, überall bewegte sich auf ihm Freude, Leben und Glanz, von seiner Oberfläche bis zu seinem Grunde, wo die zweite Halbkugel des Himmels mit ihrer Sonne zitterte. Im Landhause waren die Wände weiß, weil für einen Menschen (sagte Fenk), welcher aus der in lauter Feuer und Lichtern stehenden Natur in eine enge Klause tritt, kein Kolorit dieser Klause hell genug sein könne, um einen traurigen beschränkten Eindruck abzuwenden.

Alsdann ruhten wir aus, indem wir von einer beschatteten Grasbank der Insel zur andern gingen, von Birkenblättern und indischen Wellen angefächelt – dann musizierten – dann dinierten wir, erstlich am Tische eines Wirtes, der auf eine lustige Art fein und delikat zu sein weiß, zweitens vor den in alle Weltgegenden aufgeschlossenen Fenstern, die uns noch mehr in alle Strudel der freudigen Natur hineindrehten, als wären wir draußen gewesen, und drittens jeder von uns mit einer Hand, welche die weiche Beere des Vergnügens abzunehmen weiß, ohne sie entzweizudrücken. – Ottomar kommt abends – die zwei Mädchen haben unter Blumen und der glückliche Gustav unter Schatten sich verloren – der Lebensbeschreiber liegt hier wie der Jurist Bartolus auf dem hebenden Grase und schildert alles – Fenk ordnet auf Abend an. – Erst abends tritt das Vollicht unserer heutigen Freude ein; und ich danke dem Himmel, daß ich jetzt mit meiner biographischen Feder nachgekommen bin und niemals mehr weiß, als ich eben berichte: anstatt daß ich bisher immer mehr wußte und mir den biographischen Genuß der freudigsten Szenen durch die Kenntnis der traurigen Zukunft versalzte. So aber könnt' in der nächsten Viertelstunde uns alle das Weltmeer ersäufen: in der jetzigen lächelten wir in dasselbe hinein.

Da ich so ruhig bin und nicht spazieren gehen mag: so will ich über das Spazierengehen, das so oft in meinem Werke vorkommt, nicht ohne Scharfsinn reden. Ein Mann von Verstand und Logik würde meines Bedünkens alle Spazierer, wie die Ostindier, in vier Kasten zerwerfen.

In der I. Kaste laufen die jämmerlichsten, die es aus Eitelkeit und Mode tun und entweder ihr Gefühl oder ihre Kleidung oder ihren Gang zeigen wollen.

In der II. Kaste rennen die Gelehrten und Fetten, um sich eine Motion zu machen, und weniger, um zu genießen, als um zu verdauen, was sie schon genossen habe; in dieses passive unschuldige Fach sind auch die zu werfen, die es tun ohne Ursache und ohne Genuß, oder als Begleiter, oder aus einem tierischen Wohlbehagen am schönen Wetter.

Die III. Kaste nehmen diejenigen ein, in deren Kopfe die Augen des Landschaftmalers stehen, in deren Herz die großen Umrisse des Weltall dringen, und die der unermeßlichen Schönheitlinie nachblicken, welche mit Efeufasern um alle Wesen fließet und welche die Sonne und den Bluttropfen und die Erbse ründet und alle Blätter und Früchte zu Zirkeln ausschneidet. – O wie wenig solcher Augen ruhen auf den Gebirgen und auf der sinkenden Sonne und auf der sinkenden Blume!

Eine IV. bessere Kaste, dächte man, könnt' es nach der dritten gar nicht geben: aber es gibt Menschen, die nicht bloß ein artistisches, sondern ein heiliges Auge auf die Schöpfung fallen lassen – die in diese blühende Welt die zweite verpflanzen und unter die Geschöpfe den Schöpfer – die unter dem Rauschen und Brausen des tausendzweigigen, dicht eingelaubten Lebensbaums niederknien und mit dem darin wehenden Genius reden wollen, da sie selber nur geregte Blätter daran sind – die den tiefen Tempel der Natur nicht als eine Villa voll Gemälde und Statuen, sondern als eine heilige Stätte der Andacht brauchen – kurz, die nicht bloß mit dem Auge, sondern auch mit dem Herzen spazieren gehen....

Ich weiß kein größeres Lob, als daß ich von solchen Menschen leicht auf unser liebendes Paar hinübergleiten kann – die Liebe desselben ist ein solcher Spaziergang, das Leben der hohen Menschen ist auch ein solcher. – Ich will nur noch, eh' ich mich vom erdrückten Gras aufrichte, so viel bemerken, daß Gustavs Liebe ganz in die Realdefinition einpasset, die von ihr in einer schwärmerischen Sommer-Mitternacht zu machen ist – Die edelste Liebe (kann man definieren) ist bloß die zarteste, tiefste, festeste Achtung, die sich weniger durch Tun als durch Unterlassen offenbaret, die sich wechselseitig errät, die auf beide Seelen (bis zum Erstaunen) die nämlichen Saiten zieht, die die edelsten Empfindungen mit einem neuen Feuer höher trägt, die immer aufopfern, nie bekommen will, die der Liebe gegen das ganze Geschlecht nichts nimmt, sondern alles gibt durch das Einzelwesen; diese Liebe ist eine Achtung, in welcher der Druck der Hände und der Lippen sehr entbehrliche Bestandteile sind und gute Handlungen sehr wesentliche; kurz eine Achtung, die vom größern Teile der Menschen ausgehöhnet und vom kleinsten tief geehret werden muß. Eine solche herzerhöhende Achtung war Gustavs Liebe, welche edle Augenzeugen nicht nur vertrug, sondern auch erfreuete und wärmte, weil sie ohne jenes unschuldig-sinnliche Getändel mit Lippen und Händen war, woran der Zuschauer gerade so viel Anteil wie an rollenmäßigen theatralischen Viktualien der Schauspieler nehmen kann. – Ein Zeichen der tugendhaften Achtung oder Liebe ist dies, wenn der Zuschauer desto mehr Anteil daran nimmt, je größer sie ist. Gustavs Liebe hatte – seit seinem Petrus-Falle und noch mehr seit der Vergebung dieses Falls (denn viele Fehler fühlt man erst am tiefsten, wenn sie verziehen sind) – einen solchen Zusatz von Zartheit, von Zurückhaltung, von Bewußtsein des fremden Werts gewonnen, daß er sich mehre Herzen gewann als das weichste, und andre Augen beherrschte als die schönsten an Beaten, vor denen seine Blicke, wie Schneeflocken unter der nackten Sonne im Blauen, rein, schimmernd, zitternd und zerrinnend niederfielen. – –

– Eben langt alles an, Ottomar und die andern. – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Meine Uhr schlägt zwei Uhr nach Mitternacht, und noch ist Beatens und des Paradieses Wiegenfest nicht beschlossen: denn ich setze mich jetzt her, es zu beschreiben; wenn ich anders auf dem Stuhl bleibe und nicht wieder in das blaue Gewölbe, das über so viele heutige Freuden seine Sternenstrahlen warf, hinausirre.

Gegen Abend flog Ottomar über das Wasser herüber. Er sieht immer aus wie ein Mann, der an etwas Weites denkt, der jetzt nur ausruhet, der die hereinhängende Blume der Freude abbricht, weil ihn seine fliehende Gondel vor ihr vorüberreißet, nicht weil er daran denkt. Er hat noch seine erhaben-leise Sprache und sein Auge, das den Tod gesehen. Immer noch ist er ein ZahuriDie Zahuri in Spanien sehen durch die verschlossene Erde hindurch bis zu ihren Schätzen hinab, zu ihren Toten, zu ihren Metallen etc., der durch alles Blumengeniste und alle Graspartien der Erde durchschauet und zu den unbeweglichen Toten hinabsieht, die unter ihr liegen. So sanft und stürmisch, so humoristisch und melancholisch, so verbindlich und unbefangen und frei! Er behauptete, die meisten Laster kämen von der Flucht vor Lastern – aus Furcht, schlimm zu handeln, täten wir nichts und hätten zu nichts Großem mehr Mut – wir hätten alle so viel Menschenliebe, daß wir keine Ehre mehr hätten – aus Menschen-Schonung und Liebe hätten wir keine Aufrichtigkeit, keine Gerechtigkeit, wir stürzten keinen Betrüger, keinen Tyrannen etc.

Ihn wunderte Beata, die nicht den gewöhnlich erzwungenen, sondern steigenden Anteil an unsern Reden nahm; denn er glaubt, mit einer Frau könne man von Himmel und Hölle, von Gott und Vaterland sprechen, so denke sie doch unter dem ganzen Hören an nichts als an ihre Gestalt, ihr Stehen, ihren Anzug. »Ich nehme«, sagte Fenk, »erstlich alles aus, und zweitens auch die Physiognomik; auf diese horchen alle, weil sie alle sie sogleich gebrauchen können.«

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