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Die unsichtbare Loge

Jean Paul Richter: Die unsichtbare Loge - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleDie unsichtbare Loge
pages7-469
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1793
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– Ernestine silhouettiert hier den äußern Menschen des Doktors, der wie viele indische Bäume unter äußern Stacheln und dornigem Laub die weiche kostbare Frucht des menschenfreundlichsten Herzens versteckte. Ich werd' ihn aber ebenso gut zeichnen können wie die Briefstellerin. Da Humoristen wie er selten schön sind – weibliche Humoristinnen noch weniger – und da der Geist sich und das Gesicht zugleich travestiert: so würde ja, sagt' er, seine schönste Kleidung keinem Menschen etwas nützen – ihm selber und den Schönen am wenigsten – als bloß den Schnitthändlern. Daher waren seine Montierstücke in zwei Fächer gesondert, in kostbare (damit die Leute sähen, daß er die elenden nicht aus Armut trüge) und in eben diese elenden, die er meistens mit jenen zugleich anhatte. Stachen nicht die Klappen-Segel der schönsten gestickten Weste allemal aus einem fuchsbraunen Überrock heraus, der fast in seiner Haar-Mause verschied? Hart' er nicht unter einem Hut für 1½ Ld'or einen schimpflichen Zopf aufgehangen, den er für nicht mehr erstanden als für drei hiesige Sechser? Freilich wars halb aus Erbitterung gegen diesen so geschmacklosen Krebsschwanz des Kopfes, gegen dieses wie ein Tubus sich verkürzendes und verlängerndes Nacken-Gehenk an der vierten gedankenvollen Gehirnkammer. Sein Schreib-Geschirr mußte schöner als sein Eß-Geschirr und sein Papier feiner als seine Wäsche sein; er konnte nirgends schlechte kleine Federn leiden als bloß auf seinem Hute, den sein Bette – und seine den Ehelosen natürliche Unordnung – sozusagen in einen adeligen Federhut umbesserte; indessen setzte er seinen Bettfedern in den Haaren gute Seekiele hinter den Ohren an die Seite – der Prinzipalkommissarius hätte sie auf dem Reichstag mit Ehren hinter seine stecken können! –

Um aber keinen Anzugs-Sonderling und Kleider-Separatisten zu machen, ließ er sich von Jahr zu Jahr nach den besten Moden des Narrheit-Journals abkonterfeien und schützte vor, er müsse den Leuten doch zeigen, daß er oder sein Kniestück vielleicht gleichen Schritt mit den neuesten Elegants zu halten wüßten. – Der untere Saum seines Überrocks war gleich dem Menschen oft aus Erde gemacht; allein er drang darauf, man sollt' es ihm sagen, was es verschlüge, wenn ers leibhaftig wie der Strumpfwürker triebe, dessen Historie ich sogleich erzählen will, um nur nicht ohne alle Moral zu schreiben. Der Mann hatte nämlich das Gute und Tolle an sich, daß er den kotigen Anschrot, womit sich sein Überrock besetzte, wenn er seine Strümpfe in die Stadt auf seinem Rücken ablieferte, niemals herausbürstete oder ausrieb: sondern er griff in eine breite Schere und zwickte damit den jedesmaligen Schmutzkragen und kotigen Horizont mit Einsicht herunter – je länger es nun regnete, desto kürzer schürzte sich sein Frack hinauf, und am kürzesten Tage ging der Epitomator wegen des unerhörten Wetters im kürzesten Überrock herum, in einer niedlichen Sedez-Ausgabe der vorigen Langfolio-Ausgabe. Die Moral, die ich daraus holen kann, möchte die Frage sein: sollte ein gescheiter Staat, der doch gewiß siebzigmal klüger ist als alle Strumpfwürker zusammengenommen, die ja selber nur Glieder desselben sind, den eingesäumten Strumpfwürker nicht dadurch am besten einholen, daß er auch seine schmutzigen Glieder (Diebe, Ehebrecher etc.), statt lange an ihnen zu reiben und zu säubern, mit dem Schwerte oder sonst frisch herunterschnitte?...

Der Doktor Fenk zerstreuete durch launigen Trost die einsamen Flüche, die sein Freund Rittmeister statt der Seufzer tat. Er sagte, er habe an Ernestinen mehr als einmal über einen besonders guten Zug, den er getan, kein andres Erschrecken bemerkt als ein freudiges. Er wolle sein Reisegeld daransetzen, daß sie, da sie ihn liebe, einen Pfiff in ihrem Kopfe großbrüte, der die Treppe zum Brautbette zimmern werde – er riet ihm, sich zerstreuet und achtlos anzustellen, damit er sie nicht im Ausbrüten des Pfiffes ertappe und wegstöre – er fragte ihn: »Kennst du den kleinen Dienst der Liebe vollkommen?« – Kein Deutscher verstand Metaphern weniger als der Rittmeister. »Ich meine,« fuhr er fort, »kannst du denn nicht der listigste Vokativus von Haus aus sein? – Kannst du nicht die Schachfigur, die du ziehen willst, lange fassen, um deine Hand lange über deiner Schachmiliz zu behalten und die Generalissima mit der Hand irre und verliebt zu machen? – Kannst du nicht deine Positionen jede Minute gegen diese Feindin wechseln und besonders Anhöhen suchen, weil ein stehender Mann einer sitzenden Frau schöner vorkommt als einer stehenden? Ich und sie sollten dich bald auf den Stuhl zurückgebogen, bald vorwärts, bald links, bald rechts gerankt, bald im Schatten, bald ihre Hand, bald ihren Mund fixierend erblicken im Spiele. Ja du solltest drei oder vier Bauern ins Zimmer herunterstoßen, bloß um dich zum Aufheben nachzubücken, damit etwa dein schwellendes Gesicht auf ihr Herz Eindrücke machte und damit du das Blut in deinen und ihren Kopf zugleich emportriebest. Laß deinen Zopf eine Achtels-Elle dem Hinterkopfe näher oder ferner schnüren, falls etwa diese Schnürung und diese Elle sich bisher eurer Ehe entgegengesetzet hätte.« Der arme Rittmeister begriff und tat vom ganzen Dienstreglement kein Jota, und dem Doktor wars ebenso lieb; denn er redete aus Humor in nichts lieber als in den Wind. Ernestine schreibt in ihrem Briefe fort:

»Morgen gehen gottlob meine Karwochen zu Ende, und es ist ein Glück für den Rittmeister, der alle Tage empfindlicher wird, daß nur der Doktor da ist, der über jede gezogne Figur einen Einfall weiß. Sein Witz, sagt er, beweise, daß er selber jämmerlich spiele, weil gute Spieler über und unter ihrem Spielen niemals ein Bonmot hätten.

Den 20. Jun. um 3 Uhr. Heute abends um 12 Uhr werd' ich endlich vom Schach-Fußblocke losgeschlossen. Er will an der Definitiv-Partie – nennt sie Fenk – den ganzen Tag spielen; er lässet aber, weil er aus seinen Tags-Kampagnen den Ablauf der nächtlichen errät, nachts den Kutscher mit dem Wagen halten, um sogleich wie ein Leichnam traurig abzufahren. Er sollte mir nur nicht zumuten, so schlecht zu spielen wie er. Er ist aber in allem so hastig und hält vor allen Vorstellungen die Ohren zu.

Um 12 Uhr nachts. Ich bin außer mir. Wer hätt' es von meinem Vater geglaubt? Mein Spiel konnte kaum besser stehen – es war auf meines Vaters Sekundenuhr, die neben dem Schachbrett lag, schon viel über halb Zwölf – er hatte nur drei Offiziere und ich noch alle meine – ohn' ein Wunderwerk war er in 18 Minuten matt – eine fliegende Röte spannte einmal ums andre sein ganzes Gesicht – wir wurden zuletzt ordentlich beklemmt, und selbst der Doktor sagte kein lustiges Wort mehr – bloß mein weißes Miezchen marschierte schnurrend auf dem Spieltisch herum – kein Mensch denkt natürlicherweise auf die Katze, und er bietet mir im Spiele das erste Schach – nun mocht' er (oder war ichs? denn ich schlage zuweilen auch solche Pralltriller auf dem Tische) mit den Fingern einen auf der Bande machen – wie der Blitz fährt die Bestie, die es für eine Maus halten muß, darauf hin und schmeißet uns das ganze Spiel um und da sitzen wir! Stellen Sie sich vor! Ich halb froh, daß ihm diese Mittelsperson die Beschämung des förmlichen Korbes abnimmt – er mit einem Gesicht voll Trostlosigkeit und Zorn – mein Vater mit einem voll Verlegenheit und Zorn – und der Doktor, der in der Stube mit den zehn Fingern herumschnalzet und schwört: ›der Rittmeister hätt' es gewonnen, so gewiß wie Amen!‹ Kein Mensch wich mit seiner Fußsohle von der Stelle, der Doktor blieb keine Minute auf der seinigen und warf sich endlich in einem Enthusiasmus, den unsre verlegne Stille immer mehr erhob, vor einer weißen Amorbüste, vor einem Miniaturporträt meines Vaters und vor seinem eignen Bilde im Spiegel auf die Knie hin und betete: ›Heiliger Herr von Knör! heiliger Amor! heiliger Fenk! bittet für den Rittmeister und schlagt die Katze tot! Ach würdet ihr drei Bilder lebendig: so würde Amor gewiß die Gestalt des Doktor Fenks annehmen, und der lebendig gewordene Amor würde die Hand des lebendig gewordenen Knörs ergreifen und ihr die der Spielerin geben – seine gäbe ihre dann vielleicht weiter. Ihr Heiligen! bittet doch für den Rittmeister, der gewonnen hätte!‹ – Das ist aber nicht wahr, und zum Unglück war nur der Termin zu einem neuen Spiele zu kurz.«...

Da nun der Iltis-Doktor (ich selber erzähle als Autor wieder) aufstand und wirklich die Hand von Knör in Ernestinens ihre legte und sagte, er sei der Amor – da überhaupt durch die Versicherungen des Doktors und durch die Unentschiedenheit des Spiels die Ehre des empfindlichen, von Menschen und Katzen geneckten Spielers ebensoviel zu verlieren hatte als die Liebe desselben – da ich in einem ganzen Sektor zeige, daß Falkenberg vom ältesten Adel im ganzen Lande war – und da zum Glück im Obristforstmeister die Sitten seiner rohen Erziehung (wie bei mehren Landedelleuten) halb unter dem Firnis der Sitten seines feinern Umgangs verborgen lagen wie seine alten Möbel unter modischen: so ging der elektrische Enthusiasmus des Doktors in großen Funken in des Vaters Busen über, und Knör legte hingerissen die Hand Ernestinens, die zum Scheine erstaunte, in des Rittmeisters seine, ders im Ernste tat – und der Bräutigam drängte und warf sich in einem Sturm von Dankbarkeit an den Hals des neugebornen Schwiegervaters, eh' er, weil seine Ehre mehr als seine Liebe triumphierte, etwas kälter die geschickte Hand nachküßte, welche ihm bisher diesen doppelten Triumph entzogen. – – –

Dies verdachte ihm die Inhaberin der Hand; aber ich verdenk' es wieder ihr; mit welchem Grund will sie dem Manne, der gar keine Seele, seine eigne kaum und eine weibliche nie erriet, ansinnen, daß er seine Weisheitzähne und seinen Philosophen-Bart soll so außerordentlich lang gewachsen tragen, wie der geneigte Leser beide trägt, dem es freilich nicht erst hier vorgedruckt zu werden braucht – er merkte alles schon vor drei guten Stunden –, daß hinter der Kopulierkatze etwas stak und steckte, Ernestine nämlich selber.

Es war so... Ich brauch' es aber dem Leser kaum zu berichten, da ers schon längst gewußt, daß Ernestine die Kitt- und Heftkatze vier Abende vorher täglich privatissime auf den Tisch stellte und sie abrichtete, auf die Finger loszufahren, wenn sie trillerten – und ich freue mich, daß der Scharfsinn des Lesers kein gewöhnlicher ist, weil er weiter mutmaßet; denn sie ließ also auch am letzten Abend das Kleisterälchen von Katze als Leimrute nachschleichen, versenkte es bis um 11½ Uhr in ihren Schoß und hob endlich mit dem Knie diesen Katzen-terminus medius aus dem Schoße auf den Spieltisch, und der terminus tat nachher das Seinige. – Armer Rittmeister!

Nachdenklich ist es aber. Denn wenn auf diese Art Weiber Anordnung für Zufall und Zufall für Anordnung auszumünzen wissen – wenn sie schon vor den Verlöbnissen (folglich nachher noch mehr) in die erste Linie gegen die Männer, wie Kambyses gegen die ÄgypterKambyses eroberte Pelusium mit Sturm, weil er unter seine Soldaten heilige Tiere, Katzen u.s.w., mengte, auf welche die ägyptische Garnison nicht zu schießen wagte und an die sie statt der Pfeile Gebete abschickte., Bundeskatzen stellen, die wie Untergötter ex machina das männliche Spiel umwerfen und das weibliche aufstellen – wenn unter hundert Menschen nur fünf Männer sind, welchen tierische Katzen oder gar menschliche ausstehlich sind, und nur zehn Weiber, denen sie es nicht sind – wenn also ganz offenbar die besten Weiber entsetzliche Bündel Männergarn unter den Armen halten, Hasengarne, Steckgarne, Spiegelgarne, Nacht- und Hänggarne: was soll da das EinbeinDas Einbein bin ich selber. Ich habe die Vorrede, die man wird überschlagen haben, und diese Note, die nicht zu überschlagen ist, gemacht, damit es einmal bekannt werde, daß ich nicht mehr habe als ein Bein, wenn man das zu kurze wegrechnet, und daß sie mich in meiner Gegend nicht anders nennen als das Einbein oder den einbeinigen Autor, da ich doch Jean Paul heiße. Siehe das Taufzeugnis und die Vorrede. machen, das am nämlichen Tag, wo es einen Roman zu schreiben anfing, zugleich einen zu spielen anhob und so beide wie auf einem Doppelklavier nebeneinander zu Ende führen wollte? Am vernünftigsten, seh' ich, mach' ich, wenn meine Frau den ganzen Tag am Bärenfange steht und Zweige darauf wirft, damit ich hineinstolpere, nur durchaus keinen – Bären, obwohl auch keinen Affen. Nein! ihr gefügigen gedrängten Geschöpfe! ich setze mirs noch einmal vor und gelob' es einer von euch hier öffentlich im Druck. Geschäh' es dennoch, daß ich die eine nach den Flitterwochen quälen wollte: so les' ich bloß diesen Sektor hinaus und rühre mich mit dem kommenden Gemälde eurer ehlichen Pilatus, das ich deswegen hieher trage – wie nämlich der dümmste Mann sich für klüger hält als die klügste Ehefrau; wie diese vor ihm, der vielleicht außer dem Haus vor einer Göttin oder Götzin auf den Knien liegt, um beglückt zu werden, gleich dem Kamele auf die ihrigen sinken muß, um befrachtet zu werden; wie er seine Reichskammergericht-Erkenntnisse und seine Plebiszita nach den sanftesten, nur mit zweifelhafter Stimme wie verloren gewagten Gegengründen mit nichts versüßet als mit einem »wenn ichs nun aber so haben will«; wie eben die Träne, die ihn bezauberte im freien Auge der Braut, ihn entzaubert und ganz toll macht, wenn sie aus dem ankopulierten fällt, so wie in den arabischen Märchen alle Bezauberungen und Entzauberungen durch Besprengen mit Wasser geschehen – wahrhaftig das einzige Gute ist doch dies, daß ihr ihn recht betrügt. Ach! und wenn ich mir erst denke, wie weit ein solcher Ehe-Petz gegangen sein muß, bis ihr so weit ginget, daß ihr, um nicht von ihm gefressen zu werden, euch (wie man auch bei den Waldbären tut) gar ohnmächtig anstellet; und der Petz schritt mit seinen müßigen Tatzen um die Scheintote herum!....

»In meinem Alter soll das Einbein schon anders pfeifen!« sagt der verheiratete Leser; allein ich bin selber schon neun Jahre älter als er, und noch dazu unverheiratet.

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