Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jean Paul Richter >

Die unsichtbare Loge

Jean Paul Richter: Die unsichtbare Loge - Kapitel 66
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleDie unsichtbare Loge
pages7-469
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1793
Schließen

Navigation:

Funfzigster oder 2ter Freuden-Sektor

Der Brunnen – die Klagen der Liebe

Ich bin im ersten Himmel eingeschlafen und im dritten aufgewacht. Man sollte an keinen Orten aufwachen als an fremden – in keinen Zimmern als denen, in welche die Morgensonne ihre ersten Flammen wirft – vor keinen Fenstern als denen, wo das Schattengrün wie ein Namenzug im himmlischen Feuerwerk brennt und wo der Vogel zwischen den durchhüpften Blättern schreiet....

Ich wollte, mein künftiger Rezensent lebte mit mir auf der Stube zu Lilienbad; er würde nicht (wie er tut) über meine Freuden-Sektores den ästhetischen Stab brechen, sondern einen Eichenzweig, um den Vater derselben zu bekränzen....

Dieser Vater ist jetzt ein Damenschneider, aber bloß in folgendem Sinn: in der Mitte von Lilienbad steht der medizinische Springbrunnen, aus dem man die aus der Erde quellende Apotheke schöpft; von diesem Brunnen entfernen sich in regelloser Symmetrie die Kunst-Bauerhütten, die die Badgäste bewohnen; jede dieser kleinen Hütten putzt sich scherzhaft mit dem heraushängenden Malzeichen oder der Signatur irgendeines Handwerks. Mein Häuschen hält eine Schere als eine technische Insignie heraus, um kundzutun, wer darin wohne (welches ich tue), treibe das Damenschneider-Handwerk. Meine Schwester ist (nach dem Exponenten eines hölzernen Strumpfs zu urteilen) ein Strumpfwirker; neben ihr schwankt ein hölzerner Stiefel oder ein hölzernes Bein (wer kanns wissen?) und saget uns so gut wie ein Handwerkgruß den darin seßhaften Schuster an, welches niemand als mein Gustav ist.

Auf Beatens Hütte, die wie jetzige Damen einen Hut oder ein Dach von Stroh aufhat, liegt eine lange Leiter hinauf und kündigt die schöne Bäuerin darin an und ist die Himmelleiter, unter der man wenigstens einen Engel sieht.

Es ist auch auswärts bekannt, daß unser Fürstentum so gut seinen Gesundbrunnen hat und haben muß als irgendeines auf der Fürstenbank – (denn jedes muß eine solche pharmazeutische Quelle wie einen Flakon bei sich führen, um gegen kameralistische Ohnmacht daran zu riechen) – ferner kann es bekannt sein, daß sonst viele Gäste hierher kamen und jetzt keine Katze – und daß daran nicht der Brunnen, sondern die Kammer schuld ist, die zu viel hineinbauete und zu viel herausheben will und die so teuer anfing, als der Seltersbrunnen endigte – daß mithin unser Brunnen so wohlfeil endigen will, als jener anfing – und daß unser Lilienbad bei allen medizinischen Kräften doch die wichtigere nicht hat, einen wenigstens nur so krank zu machen, als eine Kammerjungfer ist – – ich sagte, das wär' alles bekannt genug, und ich hätt' es also gar nicht zu sagen gebraucht.

Freilich ists nicht das Verdienst der andern Gesundbrunnen, wenn sie angenehme Krankheitbrunnen sind, um die sich die ganze große und reiche Welt als Priester stellet; – hätten wir nur hier in Lilienbad auch solche weibliche Engel wie in andern Bädern, die den Teich von Bethesda erschüttern und ihm eine medizinische Kraft mitteilen, die der des biblischen Teiches entgegengesetzt ist; hätten wir Spieler, die zum Sitzen, Brunnenärzte, die zum Brunnensaufen (nicht Brunnentrinken) zwingen: so würde unsere Quelle so gut wie jede andre deutsche fähig sein, die Zechgäste instand zu setzen, daß sie jedes Jahr – wiederkämen. Aber so wird unsere Brunneninspektion ewig sehen müssen, wie die kranke Phalanx der großen Welt vor uns vorbeirollt und um andre Brunnen sich drängt, wie die wilden Tiere um einen in Afrika; und wenn PliniusNach den Alten versammelten die seltnen Brunnen alle wilde Tiere um sich; und diese Zusammentreffungen gaben – wie die in Redouten – zu noch sonderbarern und zum Sprichwort »Afrika bringt immer etwas Neues« oder zu Mißgeburten Gelegenheit. aus diesen Tierkonventen das Sprichwort in der Note erklärt: so wollt' ich auch ähnliche Neuigkeiten aus den Brunnenkongressen erklären.

Die Kammer ist am Ende am meisten zu bedauern, daß in unserem Josaphats-Tale bloß Natur, Seligkeit, Mäßigkeit und Auferstehung wohnet.

Heute tranken wir alle am Wasser-Baquet das über Eisen abgezogne Wasser unter dem Lärm der Vögel und Blätter und schlangen das daraus schimmernde Sonnenbild und zugleich ihr Feuer mit hinein. Der Kummer-Winter hat um die Augenlider der Beata und um ihren Mund die unaussprechlich-holden Buchstaben ihres verblichnen Schmerzes gezogen; ihr großes Auge ist ein sonnenheller Himmel, dem glänzende Tropfen entfallen. Da ein Mädchen die Pfauenspiegel ihrer Reize leichter an einem andern Mädchen als an einer Mannsperson entfalten kann: so gewann sie sehr durch das Spiel mit meiner Schwester. – Gustav – war unsichtbar; er trank seinen Brunnen nach und verirrte sich in die Reize der Gegend, um eigentlich den größern Reizen ihrer Bewohnerin zu entkommen. Das Glück ausgenommen, sie zu sehen, kannt' er kein größeres als das, sie nicht zu sehen. Sie spricht nicht von ihm, er nicht von ihr; seine herauswollenden Gedanken an sie werden nicht zu Worten, sondern zu Errötungen. Wollte der Himmel, ich faßte statt einer Lebensbeschreibung einen Roman ab: so führt' ich euch, schöne Seelen, einander näher und konstruierte unsern freundschaftlichen Zirkel aus seinen Segmenten wieder; dann bekämen wir hier einen solchen Himmel, daß, wenn der Tod vorbeiginge und uns suchte, dieser ehrliche Mann nicht wüßte, ob wir schon darin säßen oder von ihm erst hineinzuschaffen wären....

Ich habe verständig und delikat zugleich gehandelt, daß ich einen gewissen Aufsatz, den Beata im Winter machte und zu dem ich auf eine ebenso ehrliche als feine Weise kam, vor Gustav so gut brachte wie vor meine Leser hier. Er ist an das Bild ihres wahren Bruders gerichtet und besteht in Fragen. Der Schmerz liegt auf den weiblichen Herzen, die geduldig unter ihm sich drücken lassen, mit größerer Last als auf den männlichen auf, die sich durch Schlagen und Pochen unter ihm wegarbeiten; wie den unbeweglichen Tannengipfel aller Schnee belastet, indes auf den tiefern Zweigen, die sich immer regen, keiner bleibt.

An das Bild meines Bruders

»Warum blickst du mich so lächelnd an, du teures Bild? Warum bleibt dein Farbenauge ewig trocken, da meines so voll Tränen vor dir steht? O wie wollt' ich dich lieben, wärest du traurig gemalt!

Ach Bruder! sehnest du dich nach keiner Schwester, saget dirs dein Herz gar nicht, daß es in der öden Erde noch ein zweites gibt, das dich so unaussprechlich liebt? – Ach hätt' ich dich nur einmal in meine Augen, in meine Arme gefasset – – wir könnten uns nie vergessen! Aber so.... wenn du auch verlassen bist wie deine Schwester, wenn du auch, wie sie, unter einem Regen-Himmel und durch eine leere Erde gehest und keinen Freund in den Stunden des Kummers findest – ach, du hast alsdann nicht einmal ein verschwistertes Bild, vor dem dein Herz ausblutet! – O Bruder, wenn du gut und unglücklich bist: so komm zu deiner Schwester und nimm ihr ganzes Herz – es ist zerrissen, aber nicht zerteilt und blutet nur! O es würde dich so sehr lieben! Warum sehnest du dich nach keiner Schwester? O du Ungesehener, wenn dich die Fremden auch verlassen, auch täuschen, auch vergessen, warum sehnest du dich nach keiner treuen Schwester? – Wann kann ich dirs sagen, wie oft ich dein stummes Bild an mich gepresset, wie oft ich es stundenlang angeblicket und mir Tränen in seine gemalten Augen gedacht habe, bis ich selber darüber in strömende ausgebrochen bin? – Verweile nicht so lange, bis deine Schwester mit dem ermüdeten Herzen unter der Leichendecke ausruhet und mit allem ihren vergeblichen Sehnen, mit ihren vergeblichen Tränen, mit ihrer vergeblichen Liebe in kalte vergessene Erde zerfällt! Verweile auch nicht so lange, bis unsere Jugend-Auen abgemähet und eingeschneiet sind, bis das Herz steifer und der Jahre und Leiden zu viele geworden sind. – Es wird auf einmal meinem Innern so wehe, so bitter.... Bist du vielleicht schon gestorben, Teurer? – Ach, das betäubt mein Herz – wende dein Auge, wenn du selig bist, von der verwaiseten Schwester und erblick' ihre Schmerzen nicht – ach ich frage mich schwer im blutenden Innern: was hab' ich noch, das mich liebt? und ich antworte nicht....«

*

Die Leser haben den Mut, daraus mehr zu Gustavs Vorteil zu erraten als er selber. Ihm als Helden dieses Buchs muß dieses Blatt willkommen sein; aber ich als sein bloßer Geschichtschreiber hab' nichts davon als ein paar schwere Szenen mehr, die ich jedoch aus wahrer Liebe gegen den Leser gern verfertige – Billionen wollt' ich deren ihm zu Gefallen ausarbeiten. Nur tut es meiner ganzen Biographie Schaden, daß die Personen, die ich hier in Handlung setze, zugleich mich in Handlung setzen und daß der Geschicht- oder Protokollschreiber selber unter die Helden und Parteien gehört. Ich wäre vielleicht auch unparteiischer, wenn ich diese Geschichte ein paar Jahrzehende oder Jahrhunderte nach ihrer Geburt aufsetzte, wie die, die künftig aus mir schöpfen werden, tun müssen. Die Maler befehlen dem Porträtmaler, dreimal so weit vom Urbilde abzusitzen, als es groß ist – und da Fürsten so groß sind und da sie folglich nur von Autoren gezeichnet werden können, die in einer dieser Größe gleichen Entfernung des Orts oder der Zeit von ihnen wegsitzen: so wäre zu wünschen, ich stände nicht neben unserem Fürsten, damit ich ihn nicht so vorteilhaft abmalte, als ich tue....

 << Kapitel 65  Kapitel 67 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.