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Die unsichtbare Loge

Jean Paul Richter: Die unsichtbare Loge - Kapitel 65
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleDie unsichtbare Loge
pages7-469
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1793
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Neunundvierzigster oder 1ter Freuden-Sektor

Der Nebel – Lilienbad

Nimm uns in dein Blumen-Eden auf, eingehülltes Lilienbad, mich, Gustav und meine Schwester, gib unsern Träumen einen irdischen Boden, damit sie vor uns spielen, und sei so dämmernd schön wie eine Vergangenheit!

Heute zogen wir ein, und unser Vorreiter war ein spielender Schmetterling, den wir vor uns von einer Blumen-Station auf die andre trieben. – Und der Weg meiner Feder soll auch über nichts anders gehen.

Der heutige Morgen hatte die ganze Auenthaler Gegend unter ein Nebel-Meer gesetzt. Der Wolkenhimmel ruhte auf unsern tiefen Blumen aus. Wir brachen auf und gingen in diesen fließenden Himmel hinein, in welchen uns sonst nur die Alpen lieben. An dieser Dunst-Kugel oben zeichnete sich die Sonne wie eine erblassende Nebensonne hinein; endlich verlief sich der weiße Ozean in lange Ströme – auf den Wäldern lagen hangende Berge, jede Tiefe deckten glimmende Wolken zu, über uns lief der blaue Himmelzirkel immer weiter auseinander, bis endlich die Erde dem Himmel seinen zitternden Schleier abnahm und ihm froh ins große ewige Angesicht schauete – das zusammengelegte Weißzeug des Himmels (wie meine Schwester sagte) flatterte noch an den Bäumen, und die Nebelflocken verhingen noch Blüten und wogten als Blonden um Blumen – endlich wurde die Landschaft mit den glimmenden Goldkörnern des Taues besprengt, und die Fluren waren wie mit vergrößerten Schmetterlingflügeln überlegt. Eine gereinigte hebende Maienluft kühlte mit Eis den Trank der Lunge, die Sonne sah fröhlich auf unsern funkelnden Frühling nieder und schaute und glänzte in alle Taukügelchen, wie Gott in alle Seelen.... O wenn ich heute an diesem Morgen, wo uns alles zu umfassen schien und wo wir alles zu umfassen suchten, mir nicht antworten konnte, da ich mich fragte: »War je deine Tugend so rein wie dein Vergnügen, und für welche Stunden will dich diese belohnen?« so kann ich jetzo noch weniger antworten, da ich sehe, daß der Mensch seine Freuden, aber nicht seine Verdienste durch die Erinnerung erneuern kann, und daß unsre Gehirn-Fibern die Saiten einer Äolsharfe sind, die unter dem Anwehen einer längst vergangnen Stunde zu spielen beginnen. Der große Weltgeist konnte nicht die ganze spröde Chaos-Masse zu Blumen für uns umgestalten; aber unserem Geist gab er die Macht, aus dem zweiten, aber biegsamern Chaos, aus der Gehirn-Kugel, nichts als Rosen-Gefilde und Sonnen-Gestalten zu machen. Glücklicherer Rousseau, als du selber wußtest! Dein jetziger erkämpfter Himmel wird sich von dem, den du hier in deiner Phantasie anlegtest, in nichts als darin unterscheiden, daß du ihn nicht allein bewohnest....

Aber das macht eben den unendlichen Unterschied; und wo hätt' ich ihn süßer fühlen können als an der Seite meiner Schwester, deren Mienen der Widerschein unsers Himmels, deren Seufzer das Echo unserer verschwisterten Harmonie gewesen. Sei nur immer so, teure Geliebte, die du vom Kranken so viel littest als ich von der Krankheit! Ich weiß ohnehin nicht, was ich öfter von dir zurücknehme, meinen Tadel oder mein Lob!

Wir langten unter sprachlosen Gedanken in Unterscheerau an und fanden unsern bleichen Reisegenossen schon bereit, meinen Gustav. Er schwieg viel, und seine Worte lagen unter dem Drucke seiner Gedanken; der äußere Sonnenschein erblich zu innerem Mondschein, denn kein Mensch ist fröhlich, wenn er das Beste sucht oder zu finden hofft, was hienieden zu verlieren ist – Gesundheit und Liebe. Da in solchen Fällen die Saiten der Seele sich nur unter den leichtesten Fingern nicht verstimmen, d. h. unter den weiblichen: so ließ ich meine ruhen und weibliche spielen, die meiner Schwester.

Als wir endlich manchen Strom von Wohlgeruch durchschnitten hatten – denn man geht oft draußen vor Blumen-Lüftchen vorbei, von denen man nicht weiß, woher sie wehen –; und als alle Freuden-Dünste des heutigen Tages im Auge zum Abendtau zusammenflossen und mit der Sonne sanken; als der Teil des Himmels, den die Sonne überflammte, weiß zu glühen anfing, eh' er rot zu glühen begann, indes der östliche Teil im dunkeln Blau nun der Nacht entgegenkam; als wir jedem Vogel und Schmetterling und Wanderer, der nach Lilienbad seine Richtung nahm, mit den Augen nachgezogen waren: – so schloß uns endlich das schöne Tal, in das wir so viele Hoffnungen als Samen künftiger Freuden mitbrachten, seinen Busen auf. – Unser Eingang war am östlichen Ende; am westlichen sah uns die zur Erde herabgegangene Sonne an und zerfloß gleichsam aus Entzücken über ihren angewandten Tag in eine Abendröte, die durch das ganze Tal schwamm und bis an die Laub-Gipfel stieg. Nie sah ich so eine; sie lag wie herabgetropfet in dem Gebüsch, auf dem Grase und Laube und malte Himmel und Erde zu einem Rosen-Kelch. Einzelne, zuweilen gepaarte Hütten hüllten sich mit Bäumen zu; lebendige Jalousie-Fenster aus Zweigen preßten sich an die Aussichten der Zimmer und bedeckten den Glücklichen, der heraus nach diesen Gemälden der Wonne sah, mit Schatten, Düften, Blüten und Früchten. Die Sonne war hinabgerückt, das Tal legte wie eine verwittibte Fürstin einen Schleier von weißen Düften an und schwieg mit tausend Kehlen. Alles war still – still kamen wir an – still war es um Beatens Hütte, an deren Fenster ein Blumentopf mit einem einzigen Vergißmeinnicht noch vom Begießen tröpfelte – still wählten wir unsere gepaarte Hütten, und unsre Herzen zergingen uns vor ruhiger Wonne über diesen heiligen Abend unsrer künftigen Festtage, über diese schöne Erde und ihren schönen Himmel, die beide zuweilen wie eine Mutter sich nicht regen, damit das an sie gesunkene Kind nicht aus seinem Schlummer wanke. –

O sollten einmal unsre Tage in Lilienbad auf Dornen sterben, sollt' ich statt der Freuden-Sektores einen Jammer-Sektor schreiben müssen – wenns einmal ist: so sieht es der Leser daran voraus, daß ich das Wort »Freude« vom Sektor weglasse und statt der Überschrift nur Kreuze mache. Es ist aber unmöglich; ich kann meinen Bogen ruhig beschließen. – Beata haucht noch ein leises Abendlied in ihr mit Saiten überzognes Echo; wenn beide ausgetönet, so wird der Schlaf das Sinnenlicht der Menschen in Lilienbad auslöschen und das Nachtstück des Traums in den dämmernden Seelen ausbreiten....

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