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Die unsichtbare Loge

Jean Paul Richter: Die unsichtbare Loge - Kapitel 57
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleDie unsichtbare Loge
pages7-469
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1793
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Siebenunddreißigster oder heil. Weihnacht-Sektor

Liebebrief – Comédie – Souper – bal paré – zwei gefährliche Mitternachtszenen – Nutzanwendung

Ich habe in dieser fröhlichen Zeit keinen recht fröhlichen Sinn: vielleicht weil mein auseinander wollender Körper so wenig wie eine Längen- und Seeuhr richtig geht – vielleicht liegt mir auch der Inhalt dieses Sektors im Kopfe – vielleicht schleicht auch, beim Anblick der allgemeinen Kinderfreude, das Blut so traurig fort zwischen dem Wintergrün und Herbstflor jener Erinnerung, wie es sonst war, wie die Freuden des Menschen dahinrollen, wie sie ihre Entfernung von uns durch einen aus fernen Ufern herüberblinkenden Widerschein bezeichnen und wie unsre längsten Tage uns selten so viel geben, als dem Kind der kürzeste oder die Christnacht im Genießen oder Hoffen gibt. – –

Von Gustavs herzlichem Brief hätte ich vor vierzehn Tagen nicht so leichtsinnig reden sollen, als ich tat. Er heißt so:

*

»Eh' ich dieses schrieb, gingen Sie, unaussprechlich Teuere, mit Lauren den Park hinauf, um die ermattende Sonne, die zwischen zwei großen Wolken herabschien, noch ein wenig zu genießen; zu Ihren Seiten flogen Wolkenschatten dahin, aber mit Ihnen ging der Sonnenschein. Ich dankte dem Laube, daß es zu Ihren Füßen lag und mir Sie nicht verdecken konnte; aber ich hätte alle dornichte Blätter von der Stechpalme pflücken wollen, hinter denen Sie verschwanden und von mir gingen. ›O könnt' ich ihr‹ – dacht' ich – ›den herbstlichen Weg mit jungen Blumen und Schmetterlingen bestreuen, könnt' ich sie mit Blüten und Nachtigallen umzingeln und vor ihr die Berge und die Wälder mit dem Frühling überdecken: ach! wenn sie dann vor Freude bebte und mich ansehen und mir danken müßte...‹ Aber diese Blüten, diese Nachtigallen, diesen Frühling haben Sie mir gegeben; Sie haben über mein Leben einen ewigen Mai gesandt und aus einem Menschen-Auge Freudentränen gepresset – allein was vermag ich zu geben? – Ach, Beata, was hab' ich Ihnen zu geben für dieses ganze Elysium, womit Sie das schwarze Erdreich meines Lebens durchwinden und überblümen, und für Ihr ganzes, ganzes Herz? – – Meines – – das hatten Sie ja schon ohne das, und weiter hab' ich nichts; für alle schöne Stunden, für alle Ihre Reize, für alle Ihre Liebe, für alles, was Sie geben, hab' ich nichts als nur dieses treue, glückliche, warme Herz....

Ja, ich habe nur dieses; aber wenn der göttliche Funke der höchsten Liebe im Menschen-Herzen glühen kann, so ruht er in meinem und brennt für die, die ich nur lieben, aber nicht belohnen kann. – Du höherer Funke wirst in meinem Herzen für sie fortglimmen, wenn es Tränen überschwemmen, oder Unglück zusammendrückt, oder der Tod einäschert.... Beata! auf der Erde kann kein Mensch dem andern sagen, wie er ihn liebe. Die Freundschaft und die Liebe gehen mit verschlossenen Lippen über diese Kugel, und der innere Mensch hat keine Zunge. – Ach, wenn der Mensch draußen im ewigen Tempel, der sich bis an die Unendlichkeit hinaufwölbt, mitten im Kreise von singenden Chören, heiligen Stätten, opfernden Altären, vor einem Altare betäubt niederfallen und beten will: o so sinkt er ja so gut wie seine Träne zu Boden und redet nicht! – Aber die gute Seele weiß, wer sie liebt und schweigt, sie übersieht das stille Auge nicht, das sie begleitet, sie vergisset das Herz nicht, das stärker klopft und doch nicht reden kann, und den Seufzer nicht, der sich verbergen will. – Aber, Beata, doch! – wenn einmal dieses Auge und dieses Herz ihr Schweigen geendigt, wenn sie in der seligsten Stunde mit allen Kräften der liebenden Natur zur geliebten Seele haben sagen dürfen: ›Ich liebe dich‹: so ists hart und schwer, wieder stumm zu werden, es tut so wehe, das emporgehobne flammende drängende Herz wieder in eine enge kalte Brust zurückzudrücken – dann will im Innersten die stille Freude in stillen Kummer zerrinnen und schimmert traurig in diesen, wie der Mond in den Regenbogen, den die Nacht aufrichtet.... Beata! ich kann keine Bitten haben und keine wagen; ich kann mir das Eden malen, das mir Beatens Blicke und Worte geben können, aber ich darf es nicht begehren; ich muß ans Ufer des Silberschattens, der uns schon im Traum und jetzo wie ein breiter Strom im Leben scheidet, mich mit allen meinen Wünschen heften; aber, Teuere, wenn ichs nicht zuweilen höre, wem das kostbarste Herz sich geschenket hat, wie soll ich den Mut behalten, es zu glauben? – Wenn ich dieses holde Herz unter so viel guten und erhöhten Menschen erblicke und dann zu mir sagen muß: ach ihr alle verdient es gleichwohl nicht: so sinkt ein freudiges Staunen auf mich, daß es meiner Seele sich gegeben, und ich glaub' es kaum. Geliebte! tausend waren Deiner würdiger; aber keiner wäre durch Dich glücklicher geworden, als ich es bin!«

*

Das Schwerste war jetzt, den Brief auf andern Flügeln als unter denen einer Brieftaube – Venus hing wahrscheinlich einen Postzug Brieftauben ihrer Gondel vor – an Ort und Stelle zu schaffen. Zu so etwas sah er keine Möglichkeit, weil er unter allen Möglichkeiten solche am schwersten sieht. – Meine Schwester sieht solche am leichtesten.

– Es gab sich alles in der Komödienprobe.

Ordentliche Komödien werden nämlich nicht, wie ihre Schwestern, die politischen, aufgeführt, ohne probiert zu sein. Ich will gern zwischen der Komödienprobe und der Komödie einen so schmalen papiernen Zwischenraum als möglich lassen; aber der Leser muß seines Orts auch behend zublättern und nicht sowohl die Hände in den Schoß legen als das Buch. Die Probe war im alten Schlosse – Oefel machte seine Sache gut genug – Beata noch besser – und Gustav am aller- schlechtesten. Denn die Gesichter des Fürsten und der Ohnmächtigen setzten wie Salpetersäure und Salz sein Herz fast zu einem Eiskegel um; vor manchen Menschen ist man schlaff und unfähig, begeisterte Gefühle zu haben. – Sonderbar! nur die seinigen, aber nicht Beatens ihre wurden von dieser durchs Theater streichenden Nordluft erkältet. Es ist aber doch nicht sonderbar; denn die Liebe wirft den Jüngling aus seinem Ich hinaus unter andre Ich, das Mädchen aber aus fremden in das ihrige hinein. Kaum oder wenig nahm Beata die Approchen des regierenden Akteurs oder agierenden Regenten wahr – Oefel aber sah es und dachte seinem Siege über den hohen Nebenbuhler nach –, welcher sich ihr in einer nicht sehr großen Schneckenlinie näher drehte, was er an Hofdamen gewohnt war, die nur in der Jugend ihre Tugend à la minutta weggeben, im Alter hingegen einen größern Handel damit in grosso treiben. Ich sagte eben etwas von einer Schneckenlinie, weil ich einen Einfall im Kopfe hatte, der so heißet: daß Weiber von Welt und die Sonne die Planeten unter dem Schein, sie in einem Kreise um ihre Strahlen herumzulenken, in der Tat in einer feinen Schneckenlinie zu ihrer brennenden Oberfläche hinanreißen.

Mitten im Probe-Drama, gerade als Gustav oder Henri der Marie das leere Papier als ein Diplom hinreichte, das ihre Verwandtschaft für null erklärte, fiel ihm das als Henri ein, was einem andern längst als Gustav eingefallen wäre, daß auf dem leeren Papier etwas könnte geschrieben stehen, und zwar das beste Etwas, sein Liebebrief, den wir schon längst gelesen haben. Kurz er nahm sich vor, seinen Brief in der Gestalt jenes Diploms ihr im Drama zuzustecken, wenns nicht anders zu machen wäre. Sogar das Romantische des Entschlusses, seine theatralische Rolle in seine wirkliche hineinzuziehen und so vielen Zuschauern eine andre Täuschung zu machen als eine poetische, hielt ihn nicht ab, sondern trieb ihn an. Ich will es nur gestehen, lieber Gustav – und fiele mein Geständnis selber in deine Hände –, auf deine himmlische Bescheidenheit war der Honigtau des Beifalls, den du an einem solchen Orte nicht einmal für Schmeichelei, sondern bloß für eine Façon zu reden berechtigt warest anzusehen, zerstörend gefallen! Unter allen Dingen ist menschliche Bescheidenheit am leichtesten totgeräuchert oder totgeschwefelt, und manches Lob ist so schädlich wie eine Verleumdung. Im Narrenhause sehen wir, daß der Mensch andern aufs Wort glaubt, er sei närrischDenn man könnte einen Menschen durch die Versicherung närrisch machen, er sei närrisch. Die Freunde vom jüngern Crebillon beredeten sich einmal, an einem geselligen frohen Abende über keinen Einfall von ihm zu lachen, sondern nur mitleidig zu schweigen, als hab' er nun allen Witz verloren. Und die Sache wurd' ihm auch glaublich gemacht. Wieder andere Schriftsteller werden durch ihre Freunde gerade mit dem umgekehrten Irrtum noch lebhafter getäuscht, daß sie glauben, Witz zu haben., und in Palästen sehen wir, daß er ihnen aufs Wort glaubt, er sei weise. – Überhaupt war Gustav – denn ein Mann ist oft an einem Abend bestimmt, nicht nur lauter schlechte Spiele hintereinander zu machen, sondern auch oft lauter unbedachtsame Streiche – am Komödienabend fast zu letztem ausersehen.

.... Endlich ist Bousens Geburtfest da.... Mein Gustav! – Noch heute weinen deine Augen nach!

Das Fest zerspällt sich in drei Gänge – Comédie – Souper – und bal paré. Im Grunde ist noch ein vierter Gang: ein Fall.

Am Tage des Drama leerte sich das neue Schloß in das fürstliche zu Oberscheerau aus. Gustav dachte unterwegs (im Wagen Oefels) an seinen Brief, den er übergeben wollte, und an den guten Doktor Fenk ein wenig; aber die abgekürzten Tage gaben ihm zu Besuchen keine Muße. Sein Fehler war, daß die Gegenwart vor ihm allemal wie ein Wasserfall alle ferne Laute überrauschte, – und er wäre vielleicht nicht einmal zu mir gekommen, wenn mich mein beschwerter juristischer Arbeittisch in die Stadt gelassen hätte.

Er sah seine Marie – zehnmal hunderttausend neue Reize.... ich will aber über mich herrschen: so viel ist psychologisch wahr, daß ein bekanntes Mädchen uns an einem fremden Orte auch fremd, aber nur desto schöner wird. Dieses hatte Beata mit der strahlenden Residentin gemein, aber ein gewisser Hauch von bescheidner Furchtsamkeit verschönerte sie mit seinem Schleier allein. Warum war Gustav diesesmal von ihr verschieden? Darum: die männliche Blödigkeit liegt bloß in der Erziehung und in Verhältnissen; die weibliche tief in der Natur – der Mann hat innerlichen Mut und bloß oft äußerliche Unbehülflichkeit; die Frau hat diese nicht und ist dennoch scheu – jener drückt seine Ehrfurcht durch Hinzutreten, diese durch Zurückweichen aus.

Die Ohnmächtige, die sogenannte Défaillante, oder die Ministerin heute ausgenommen! Ihr Winken und Blinken, ihr Lispeln und Zappeln, ihr Witzeln und Kitzeln, ihr Fürchten und Wagen, ihr Kokettieren und Persiflieren – wie soll das der einbeinige Jean Paul biographisch kopieren in gemeiner schlechter Prose? – Gleichwohl ists gar nicht anders zu machen, und er muß. Wenn die bunten Köpfe der Weiber im großen Garten der Natur die blauen, roten Glaskugeln auf lackierten Stativen vorzustellen hätten (welches unter hundert Männern nicht einer glaubt): so würd' ich in meiner Schilderung so fortfahren: der Ministerin ihrer war nicht übel, sondern bunt; dieser Kopf war ein kurzer pragmatischer Auszug aus zehn andern Köpfen, die nämlich Haare, Zähne, Federn dazu zusammenschossen.

Sie war eine Antike von großer Schönheit, die aber nach den Verwüstungen der Jahre und Menschen nicht mehr unbeschädigt zu haben war; sie mußte also durch geschickte Bildhauer mit neuen Gliedern – z. B. Busen, Zähnen – ergänzet werden.

Auf den Wangen war die Legierung mit Rot, die tiefere Nachbarschaft wurde mit WeißLegierung des Goldes mit Kupfer heißet die mit Rot, die mit Silber heißt die mit Weiß. legiert.

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