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Die unsichtbare Loge

Jean Paul Richter: Die unsichtbare Loge - Kapitel 55
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleDie unsichtbare Loge
pages7-469
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1793
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Sechsunddreißigster oder II. Advent-Sektor

Kegelschnitte aus vornehmen Körpern – Geburttag-Drama – Rendezvous (oder, wie Campe sich ausdrückt, Stell dich ein) im Spiegel

Auf dem Steindamm nach dem neuen Schlosse fürchtete Beata sich, in diesem ihren Gustav zu finden; im Schlosse selber wünschte sie das Gegenteil, sobald sie hörte, er sei in Ruhestatt. Ihre Mutter hatte ihr, indem sie mit ihr die Regimenter der Roben, Mäntel etc. teils reduzierte, teils überkomplett machte, so viel bewiesen, Beata werde von ihrer eignen Empfindung getäuscht und das Paradies ihrer unschuldigsten Liebe sei nach ihrer mütterlichen Empfindung blutschlecht und wirklich ein pontinischer Sumpf – die Blütenbäume darin seien Giftbäume – der Blumenflor bestehe teils aus giftigen Kupfer-, teils aus falschen Porzellan-Blumen – auf den Grasbänken darin sitze man sich Schnupfen an und das sanfte Wiegen des magischen Bodens sei eine Erd-Erschütterung. Diese Eidesverwarnung nach dem Eide der Liebe ließ sich noch hören; aber daß sie noch Beatens Jugend einwandte – die gewöhnlichste, einfältigste, unwirksamste und am meisten aufbringende Einwendung gegen eine lebendige Empfindung –, das begann den kleinen Eindruck ihrer Wochenpredigt zu schwächen, den die Nutzanwendung gar weglöschte: daß ihr Vater ihr schon den Gegenstand ihrer Liebe halb und halb gewählt.... Meine Gerichtprinzipalin war recht gescheit; aber, meinem Gerichtprinzipal zuliebe, auch oft recht dumm.

Beata brachte also dem Gustav ein durch dieses Zersetzen äußerst weiches und zärtliches Herz über den Steindamm mit – und er kam auch mit einem solchen wunden an, um welches kein Blättchen eines Kallus mehr hing. Ottomars salomonische Predigten über und gegen das Leben hatten seine Puls- und Blutadern mit einer unendlichen Sehnsucht gefüllet, die armen zerfallenden Menschen zu lieben und mit seinen zwei Armen, eh' sie auf die Erde fielen, das schönste Herz an sich zu ziehen und zu pressen, eh' es unter die Erdschollen niedersänke. Die Liebe heftet ihre Schmarotzerpflanzen-Wurzeln an alle andre Empfindungen.

Es war Zeit, daß sie kamen, des Herrn von Oefels wegen. Denn am Hofe vermißte man sie, wie überhaupt jeden, gar wenig. Ein russischer Fürst von *** – ein Mulatte und Deponens von Hofmann und Vieh, dessen sichtbare Extremen sich in die unsichtbaren Extreme von Kultur und Wildheit endigten – war samt einem Rudel von Franzosen und Italienern dagewesen, die sämtlich wie ihr Altmeister die für die große Welt alltägliche Sonderbarkeit hatten, daß sie – nicht ganz waren; – für einen Weltmann ist heutzutage nichts schwerer, als aus seinem Körper nicht das zu machen, was ich mit Recht aus meiner Lebensbeschreibung mache – einen Sektor oder Ausschnitt. In der Tat sah diese fragmentarische Division wie ein Phalanx von Krüppeln aus, der zu einem Wundertäter reiset. Der meisten Glieder, die wir bei der Auferstehung nicht wiederkriegen, z. B. Haare, Magen, Fleisch, H-- und andreNach den ältern Theologen (z. B. Gerhard loc. theol. T. VIII. p. 1161) stehen wir ohne Haare, Magen, Milchgefäße etc. auf. Nach Origenes stehen wir auch ohne Fingernägel und ohne das, was er selber schon in diesem Leben verloren, auf. Nach Connor. med. mystic. art. 13 kommen wir mit nicht mehr Materie aus dem Grabe, als wir bei der Geburt oder Zeugung umhatten. – daher freilich der große Connor leicht verfechten kann, ein auferstandner Christ falle nicht größer aus wie eine Stechfliege – solcher Glieder hatte sich die amputierte Junta schon vor der Auferstehung entladen oder doch viel davon weggetan.

Ich hab' oft darüber nachgedacht, warum tuns die Großen und machen sich zu Kleinen im physischen Sinn; aber ich war zu unwissend, andre Gründe zu erraten als folgende: der Sitz des Zorns (wofür nach Winckelmann die Griechen die menschliche Nase hielten) kann nicht bald genug ausgerottet werden, weil weder ein Hofmann noch ein Christ Zorn beweisen soll. – Zweitens: verkleinerte Körper sind wenig von bucklichten, auch in der Größe, verschieden; diese aber, wie wir an Äsop, Pope, Scarron, Lichtenberg und Mendelssohn sehen, haben viel Witz. Nun zieht der Weltmann aus den starken Fässern unserer Vorfahren geschickt den Spiritus auf kleine Körper-Flaschen, und solche Einschnitte und optische Verkürzungen und Kuren des Leibes machen unfähig, etwas anders zu werden als witzig oder höchstens stupid: so kann eine Flöte, in die Risse kamen, keine andre Töne von sich geben als feine und hohe. Witz wird aber bekanntlich in der großen Welt, wenn nicht mehr, doch ebensoviel geschätzt wie Unmoralität. – Drittens: wie die alten Patriarchen darum ein langes Leben bekamen, um die Erde zu bevölkern, so haben sich viele Kosmopoliten in der nämlichen Absicht ein kurzes vorgenommen und gern das Leben von andern Menschen mit einem Curtius-Sturz in den tödlichen Schlund erkauft. Es ist aber noch die Frage, ob ich recht habe. – Die vierte Ursache kenn' ich aus geheimen mystischen Gesellschaften, wo eben jene Menschen-Segmente sie kennen lernten. Heutiges Tages muß jede Seele von – Stand desorganisiert und entkörpert werden. Hier hat man nun nicht mehr als zwei ganz verschiedne Operationen. Die kürzeste und schlechteste meines Erachtens ist die, daß sich der Mensch – aufhenkt und daß so die Seele den Körper von sich wie eine Warze abbindet. Ich wurde keinen Großen deshalb tadeln, wenn ich nicht wüßte, daß er die weit bessere und sanftere Operation vor sich habe, wodurch er seinen Leib gleichsam als die Form, worein die geistige Statue gegossen ist, bloß gliedweise ablösen kann. Ich will hier nicht in den Fehler der Kürze, sondern lieber in den entgegengesetzten fallen. Also: der Körper ist nach Philosophen, die auch eine Seele haben, bloß ein Werkzeug, ihre und unsre auszubilden und sie an die Entbehrung dieses Werkzeugs zu gewöhnen. Die Seele muß alle Fäden, die sie an den Klumpen schnüren, nach und nach zerfressen und abbeißen. Er ist ihr das, was den Kindern, die schwimmen lernen, der korkene KüraßZückert in seiner Diätetik schlägt einen korknen Küraß vor, der über dem Wasser aufrecht erhält und den man, so wie die Fertigkeit, oben zu schweben, wachse, beschneiden könne. ist: täglich muß sie diesen Küraß zu verkleinern suchen, um endlich ohne ihn zu schwimmen. Der philosophische Mann von Welt und das Mitglied geheimer desorganisierender Unionen schafft also von diesem Schwimm-Panzer anfangs nur das Fleisch an Beinen und Backenknochen beiseite. Das ist noch wenig. Darauf brennt er durch Glühfeuer Gehirn, Nerven und anders Zeug weg, weil sie das Küchenfeuer aushielten. Die Haare oder das menschliche Rauchwerk bringt jeder ohne Mühe weg. Der wichtigste Schritt bei dieser Küraß-Sektion ist der, daß man ohne das Barbiermesser des Origenes so viel bewerkstellige – nur sanfter – wie er. Ist das vorbei: so hat man zu jener völligen Ertötung nicht mehr weit, wo der ganze Küraß rein herunter ist und wo die Seele im Meere des Seins endlich schwimmen gelernt hat, ohne von ihrem Schwimmkleid nur so viel, als man zum Verkorken einer Flasche bedarf, noch um sich zu haben. Nachher wird man beerdigt. So wenigstens trägt man in geheimen Gesellschaften von Ton die menschliche Entkörperung vor.

Diese zerbrochne Gesellschaft deckte unsern und jeden Hof so schön wie zerbrochne Porzellan-Gefäße holländische Beete; zweitens hatte sie die höflichste Art von der Welt, grob zu sein. Wäre unter diesen Leuten ein gewisses je ne sais quoi nicht der Unterschied zwischen Laune und Grobheit, zwischen Feinheit und Beleidigung: so fehlte er.

Ich sagte oben, es war Zeit, daß unser Paar ankam, des Herrn von Oefels wegen. Denn das Geburtfest der Residentin rückte heran, gleichwohl hatte noch kein Mensch eine Seite von seiner Rolle memoriert. Die Leser haben noch ebensowenig vom Geburttag-Drama im Kopfe als die Spieler; daher soll ihnen hier ein dünner Absud dieser Oefelschen Pflanze vorgesetzt werden.

*

Dekokt aus dem Geburttag-Drama

In einem französischen Dorfe waren zwei Schwestern so gut, daß jede verdiente, das Rosenmädchen zu werden, und so uneigennützig, daß jede wollte, die andre würd' es. Marie hieß die eine und Jeanne die andre. Am Tage vor der Austeilung der Preismedaille von Rosen stritten sie sich darüber, wer sie – ausschlagen sollte: denn sie wußten von recht guter Hand, daß bloß auf eine von ihnen die Rosenkrone fallen würde. Jeanne – von der Ministerin gespielt – wischte durch den schönen Einfall unter der Laubkrone hinweg, daß sie ihren Liebhaber Perrin – Oefel stellte den vor – öfter und öffentlicher um sich hatte, als eine Rosen-Kompetentin soll. Marie (die Rolle von Beata) konnte also die Krönung nicht von sich, wie es schien, abwenden – indessen bat sie ihren Bruder Henri (Gustav wars), der sie besonders liebte und der seit seiner Kindheit aus ihrem Hause durch seine Reisen weggewesen, diesen bat sie um Sieg in diesem uneigennützigen Wettstreite. Er suchte sie zum entgegengesetzten Siege zu bereden; endlich aber, da er die Unerbittlichkeit ihrer schwesterlichen Liebe so entschieden sah, versprach er, für eine rechte Belohnung ihr die ihrige zu ersparen. »Aber du mußt noch größere Liebe für mich haben«, sagt' er; – »die schwesterliche«, sagt sie; – »eine noch stärkere«, sagte er; – »die freundschaftlichste«, sagte sie; – »eine noch viel stärkere«, sagt' er; –»weiter gibts keine größere«, sagte sie; – »o doch! ich bin ja dein Bruder nicht«, sagt' er und fiel mit liebetrunknen Augen vor ihr nieder und gab ihr ein Papier, das sie aus ihrem bisherigen Irrtum zog und sie dafür in eine kleine Freuden-Ohnmacht stürzte. Sie erschienen alle vier vor dem Gutsherrn und Kranz-Kollator (der Fürst spielte diese Rolle sogar auf dem – Theater), und jede kam seiner Wahl durch eine Bitte und Lobrede für ihre Schwester und durch feine Invektiven auf sich selber zuvor. Der kokettierende Wicht Perrin quästionierte: sollte die Liebe andre Rosen brauchen als ihre eigne? – Marie gab eine fliegende Schilderung von den Vorzügen, denen eine solche Bekrönung gebühre und die zum Teil feine Züge aus Bousens Bilde waren. Der Gutsherr sagte: diese schwesterliche Unparteilichkeit, die so sehr zu bewundern sei wie die Verdienste, die sie zu belohnen suche, verdiene zwei Rosenkronen, eine, um belohnt zu werden, und eine, um selber zu belohnen; (niemand, fiel der scheinbar den Damen und wirklich dem Fürsten schmeichelnde Oefel ein, teilt Kronen schöner aus, als wer sie selber trägt;) und sie würden sich von ihm in nichts als in der Unparteilichkeit und Schönheit unterscheiden, wenn sie an seiner Statt vielleicht wie er wählten, wem der Rosenkranz, eh' der Schmetterling von ihm flöge – einer von Brillanten war mit einer Zitternadel in die größte Rose gesteckt –, aufzusetzen sei.... »Unserer Rosen-Königin!« riefen die Schwestern und brachten den Kranz der Residentin hin.

*

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