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Die unsichtbare Loge

Jean Paul Richter: Die unsichtbare Loge - Kapitel 48
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleDie unsichtbare Loge
pages7-469
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1793
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Einunddreißigster oder XXIIII. Trinitatis-Sektor

Das Krankenlager – die Mondfinsternis – die Pyramide

»Wenn du wieder mein Freund geworden bist: so gehe zu deinem, der bald sterben wird. Söhne dich aus mit mir, eh' ich in das ewig stille Land ziehe, wie wir das letztemal taten, eh' wir in das irdische stille Land hinausgingen. Ach unaussprechlich Geliebter! ich habe dich zwar oft beleidigt, aber allezeit geliebt! O komm, lasse nicht den kurzen Atem meiner brechenden Brust, der auf dieser Erde aus lauter unerfüllten Seufzern bestand, mit dem letzten vergeblichen Seufzer nach dir versiegen. Du sahest mich das erste Mal, als meine Augen blind waren; sieh mich zum letzten Male, wenn sie es wieder werden!« –

Dieses Blatt riß ihn in dieser Stunde, wo ihm die Liebe eines Menschen so wohl tat, aus dem Schlosse fort, aber die Stellen des Herzens, an denen es ihn anfaßte, bluteten. Ein solcher Gang durch die Nacht beugt die Seele nieder, und seinen Freund sah er auf diesem kurzen Wege mehr als zehnmal sterben. Bei jedem Vogel, den sie aus dem Bette jagten, dacht' er: wie wirst du im Finstern dein Ästchen wiederfinden? – bei jedem zerfließenden Licht, das weit von ihm durch die Nacht wandelte, dacht' er: welchen Seufzern, welchen sauern Schritten wird es jetzt den langweiligen Steig beleuchten? und es war ihm, als säh' er das menschliche Leben gehen. Es machte ihn nicht fröhlicher, als er einige Sonnenwagen, von einem Sonnenhof aus Fackeln umlegt, die unnützen Gäste des Souper, das sie wie er verließen, so fliegend heimrollen sah, als führen sie einem sterbenden Freunde entgegen. Endlich wickelte sich die schlummernde Stadt aus den Schatten heraus; das Pharuslicht des Türmers und einige weit auseinander gesäete Lichter, die wahrscheinlich die lange Nacht eines Kranken trübe und ungeputzt abmaßen, fielen auf den Trauer-Grund seines Innern.

Leise pochte er am Krankenhause, leise wurde aufgemacht, leise stieg er hinauf; bloß die Uhr lärmte wie ein Trauergeläute ins stumme Trauerhaus, mit ihren zwölf Schlägen, die er da so oft gehört. – Ach im Bett litt eine Gestalt, der man alles verzeihen will und die man noch ein wenig zu lieben und zu erfreuen eilt, eh' sie sich nicht mehr regt. Nicht das schmutzige eingedorrte Krankengesicht, nicht die von Fiebern weggebeizte Lebensfarbe, nicht die Runzeln der Lippe waren es an Amandus (oder sind es an andern Kranken), was Gustavs Herz und Hoffnungen zerschnitt, sondern das schwer gedrehte, aufflackernde, wilde und doch ausgebrannte verglasete Krankenauge, in das alle Leiden der vorigen Nächte und die Nähe der letzten so leserlich geschrieben waren.

Amandus streckte ihm seine Totenhand weit heraus entgegen, als ob es möglich wäre, daß jemand anders als er sich noch an die fremde schwarze Färber- oder Totenhand erinnerte, die er ihm neulich gereicht. Für ihn war die Wiedervereinigung süßer als für Gustav, der hinter ihr die lange Trennung warten sah.

Der Morgen und die Freude hielten den Vorhang seines Lebens ein wenig im Niederfallen auf. Gustav trat als Krankenwärter an die Stelle der Krankenwärterin, erstlich weil diese alles so gut und mit so vielen Umständen und Randnoten zu machen wußte, daß sie noch in seine letzten Minuten Galle schüttete, zweitens weil es ja in der Stunde, wo die ganze Natur in Gesellschaft des Todes mit harten Griffen dem Menschen allen Putz und alle Kleidungstücke abzieht, die sie ihm geliehen, für die ohnmächtigen Freunde, die diese unerbittliche Hand nicht halten können, noch der einzige Trost ist, unter dem Entkleiden, Erfrieren und Einschlafen des Bekannten durch Lächeln, durch unbedingte Gefälligkeit gegen alle seine Launen, durch Erfüllung seines Eigensinns stille zu sein. – Auf solche Herz- und Liebedienste gegen arme Sterbende schauet man nach vielen Jahren mit mehr Zufriedenheit zurück als auf die gegen alle Gesunde auf einmal – und doch sind beide nur um ein paar Stunden verschieden; denn du steigest nicht oft in deinem Bette aus und ein, so bleibst du darin liegen....

Lieber Tod! ich denke jetzt an mich. Wenn du einmal in meine Stube trittst: so erweise mir den Gefallen und schieße mich an meinem Secrétaire oder Schreibtische Knall und Fall tot; wirf mich, lieber Tod, nicht hinter die Vorhänge aufs Krankenbette und suche mit deinem Trennmesser langsam jede Ader, um sie vom Leben loszutrennen, so daß ich dir ganze lange Nächte ins zergliedernde Gesicht sehen muß oder daß unter deinem langen Seidenzupfen meines Seelenkleides alles herläuft und gesund zuschaut, der Rittmeister, der Pestilenziarius und meine gute Schwester. – Reitet dich aber der Henker, daß du keine Vernunft annimmst: so, lieber Tod – da keine Hölle ewig dauert – scher' ich mich auch nichts darum, um die letzte Schererei nach tausend Scherereien.

Der Doktor Fenk hatt' in seinem Gesicht nicht die Ängstlichkeit vor einem kommenden Verlust, sondern das Trauern über einen dagewesenen; er hielt seinen Sohn für ein zerschlagenes Porzellan-Gefäß, dessen Scherben man noch in der alten Zusammensetzung auf den Putzschrank stellt und das von dessen kleinster Erschütterung auseinanderfällt. Er verbot ihm daher nichts mehr. Er nahm sogar einige männliche Patienten an, »weil er zu Hause einen hätte und sich den Gedanken an ihn wegkurieren wollte«. Der Kranke selber hörte schon den Abendwind seines Lebens wehen. Vor einigen Wochen glaubte er zwar noch, im Frühlinge könnt' er den Scheerauer Gesundbrunnen in Lilienbad trinken, und dann würd' es schon anders mit ihm werden. (Armer Kranker! es ist eher anders mit dir geworden.) Allein ein gewisses Fieberbild, das er nicht entdeckte, sprach ihm sein krankes Leben ab; und sein Aberglaube an diesen Traum war so fest, daß er seitdem seine Blumenstöcke nicht mehr begoß, seine Vögel weggab und alle Wünsche auslöschte, bloß den Wunsch nach Gustav nicht.

Es war am andern Tage gerade Markttag. Dieses Getöse hatte für seine der Todesstille geweihten Ohren zu viel Leben; und Gustav mußte sich an sein Bette setzen, damit er unter dem Sprechen und Hören nicht auf den Markt hinunterhorchte. Gustav erschrak, als er endlich lebhaft fragte: »ob er Beaten noch liebe.« Er wich dem Ja aus; aber Amandus raffte das wenige Leben, das noch in seinen Nerven wärmte, zusammen und sagte, wiewohl in langen Pausen zwischen jedem Satze: »Ach, nimm ihr dein Herz nicht – o! wenn du sie kenntest wie ich – ich war oft bei ihrem Vater – ich sah, wie sie mit stummer Geduld seine Hitze trug – wie sie die Fehler ihrer Mutter auf sich nahm – voll Güte, voll Sanftmut, voll Demut, voll Verstand – so ist sie – ach ohne ihr Bild wär' in meinem Leben wenig Freude gewesen – gib mir die Hand, daß du sie mehr liebest wie mich.« Er nahm sie selber; aber den Freund schmerzte das Nehmen.

Plötzlich drängte sich in seine eingesunkenen Wangen-Adern vielleicht die letzte Schamröte, die oft wie Morgenröte vor einer guten Tat voreilt: er verlangte seinen Vater her. An diesen tat er mit so viel Feuer, mit so viel Sehnsucht in Aug' und Lippe die Bitte, – – Beaten herzuholen, die ja einem Sterbenden nicht die letzte Bitte versagen könne, daß sein Vater es auch nicht konnte; sondern versprach (trotz dem Gefühle der Unschicklichkeit), zu ihrer Mutter zu fahren und durch diese jene herzubereden und beide zu bringen. – Fenk wußte, daß in seiner ganzen Krankheit kein Abschlagen etwas verfing – daß er, wenn er ihn am letzten vergeblichen Wunsche gestorben sähe, den Gedanken nicht tragen könne, dem Leichnam die Todesminuten, die er noch ausschlürfte, verbittert zu haben – und daß Mutter und Tochter zu gut wären, um nicht gegen seinen Sohn zu handeln wie er: kurz er fuhr.

Als der Vater hinaus war, sah der Kranke unsern und seinen Freund mit einem solchen Strom von lächelnd versprechender Liebe an, daß Gustav von der treuen müden Seele, deren Scheiden so nahe war, den längsten Abschied dieses Lebens nehmen wollte: »Meine Lippen«, dacht' er, »sollen nur noch einmal gedrückt auf seinen liegen und meine Brust auf seiner – nur noch einmal will ich den warmen Leichnam umschließen, da noch eine Seele darin mein Umfassen fühlt – nur noch einmal will ich seinem wegziehenden Geiste, da ich ihn noch erreiche, nachrufen, wie ich ihn geliebt habe und lieben werde.«Unter diesen Wünschen heiligte das schönste Weihwasser des Menschen sein Auge. Aber er unterließ dennoch alles, weil er besorgte, unter diesem Sturm des letzten Liebens ließen die gerissenen Bande des Körpers die bewegte Seele los und an seinem Munde stürbe der Schwache....

Diese Zärtlichkeit, die sich selbst aufopfert und nicht aus der Nonnenzelle des Herzens tritt, gefällt mir mehr als ein belletristischer und theatralischer Final-Orkan, wo man empfindet, um es zu weisen, um eine Tränen- und Dinten-Fistel zu haben wie andre, um von seinen Empfindungen, wie vom Schnupftuch, womit man sie trocknet, einen Zipfel aus der Tasche herauszuhenken.

Der Doktor, von dem man in Maußenbach noch kein betrübtes Gesicht gesehen, gewann schon durch seine überflorte Heiterkeit seine traurige Bitte. Mein Gerichtherr, der sein angebornes Mitleid allezeit gewaltsam dämmte, weil es gleich einem Papagei sein Geld wegtrug, überließ alles dem fremden wohltätigen Tränenstrom hier desto williger, weil er ihm nichts davonführte als – auf eine Stunde Frau und Tochter. Der schlimmere Mensch hat eine größere Freude über eine sich abgerungene gute Tat als der bessere. Röper schrieb selber an die Tochter seinen Befehl, mitzufahren, und brachte die besten Gründe dafür aus der natürlichen und der theologischen Moral kurz bei. Aber der beste Grund, welchen der Doktor Beaten ins neue Schloß mitbrachte, war ihre Mutter: ohne sie hätte sie ihre scheuen, politischen und weiblichen Besorgnisse schwerlich überwältigt.

Sie kamen unter Gebeten in dem Sterbezimmer an, dieser Sakristei eines unbekannten Tempels, der nicht auf dieser Erde steht. Ich fahre fort, obgleich hier so manches meinem Herzen und meiner Sprache zu groß wird.... Als der Kranke die Geliebte seines sterbenden Herzens sah: so schimmerten seine untergegangnen Jugendtage mit ihren goldnen Hoffnungen tief unter dem Horizont hinauf wie das Abendrot der Juniussonne gegen Mitternacht, er drückte dem schönen Leben noch einmal die Hand, vom Hauch der letzten Freude glimmten noch einmal seine blassen Wangen an, und der Engel der Freude ließ ihn am Seile der Liebe langsam ins Grab hinab. – Ein Sterbender sieht die Menschen und ihr Tun schon in einer tiefen Entfernung verkleinert; ihm sind unsre kleinen Höflichkeitregeln wenig mehr – alles ist ihm ja nichts mehr. Er bat, ihn mit Gustav und Beata allein zu lassen; seine Seele hielt noch den sich niederbeugenden Körper; mit einer abgebrochnen, aber genesenen Stimme redete er das bebende Mädchen an: »Beata, ich werde sterben, vielleicht heute Nacht – in meinen schönern Tagen hab' ich dich geliebt, du hast es nicht gewußt – ich gehe mit meiner Liebe in die Ewigkeit – O Gute! reiche mir deine Hand« (sie tats) »und weine nicht, sondern spreche, ich habe dich so lange nicht gesehen und nicht gehört – Aber weinet ihr beide nur; euere Tränen machen mich nicht mehr weich, in meine heißen Augen kamen, solang ich liege, keine – o weinet sehr bei mir: wenn man träumt, man wein' auf einen Toten, so bedeutet es Gewinn. – – Ja, ihr zwei schönen Seelen, ihr findet niemand, der euch gleichen, der euere Liebe verdienen kann, ihr seid allein – O Beata, auch Gustav liebet dich und sagt es nicht – Wenn du dein schönes Herz noch hast, so gib es ihm, auf der ganzen Erde verdient nur ers, gib es ihm – du machest ihn und mich glücklich, aber gib mir kein Zeichen, wenn du ihn nicht lieben kannst.« Jetzt ergriff er noch die Hand Gustavs, dessen Gefühle gegeneinander wehende Stürme waren, und sagte mit aufgerichteten Augen der beglückenden Tugend: »Du unendliches gütiges Wesen! das mich zu sich nimmt, schenke diesen zwei Herzen alle schöne Tage, die mir vielleicht hier beschieden waren – ja nimm sie aus meinem künftigen Leben, wenn ich etwa in diesem keine mehr zu erwarten hatte.« Hier zog der fallende Körper die fliegende Seele zurück; ein Tropfen in seinem Auge verkündigte die schwere Erinnerung an seine zertrümmerten Tage; drei Herzen bewegten sich heftig; drei Zungen erstarrten; diese Minute war zu erhaben für den Gedanken der Liebe – bloß die Gefühle der Freundschaft und der andern Welt waren groß genug für die große Minute....

Ich bin jetzt nicht imstande, von den Folgen der letzten und von jemand anders zu reden als vom Sterbenden. Seine zurückgespannten Nerven bebten in einem entkräftenden Schlummer fort. Die erschöpfte, betäubte Beata ging mit ihrer Mutter ab. Gustav sah nichts mehr, kaum jene. Der Vater hatte keinen Trost und keinen Tröster.

Der Fieberschlummer währte fort bis nach Mitternacht. Eine totale Mondfinsternis hob den Himmel und zog das erschrockne Auge des Menschen empor. Gustav sah, bewegt und gequält, naß zu dem weltenhohen Erdschatten hinauf, der am Monde wie an einem Silhouettenbrette lag. Er verließ die Erde, sie wurd' ihm selber ein Schatten: »Ach!« dacht' er, »in dieser hohen fliegenden Schatten-Pyramide werden jetzt tausend rote Augen, wunde Hände und trostlose Herzen stehen und werden eingegraben, damit der Tote noch finstrer liege als der Lebendige. – Aber rückt denn nicht dieser Schatten-Polyphem (mit einem Mondauge) täglich um diese Erde herum, und wir bemerken ihn nur dann, wenn er sich auf unserem Mond anlegt.... Und so denken wir, der Tod komme nicht eher auf die Erde, als bis er unsern Garten abmähet.... und doch ist nicht ein Jahrhundert, sondern jede Sekunde seine Sense.«.... Auf diese Art betrübte und tröstete er sich unter dem beflorten Mond – Amandus wachte ängstlich auf; beide waren allein; der Mond ruhte mit seinem Schimmer auf seinem kranken Auge; »Wer hat denn den Mond zerschnitten,« (sagt' er sterbheiß), »er ist tot bis auf ein Schnitzchen.« Auf einmal wurden die Stubendecke und die entgegengesetzten Häuser flammend rot, weil die Leichenfackeln mit einem Edelmann, der auf sein Erbbegräbnis gefahren wurde, durch die stumme Gasse zogen. »Es brennt, es brennt«, rief der Sterbende und suchte aus dem Bette zu eilen. Gustav wollt' ihm verbergen, wie ähnlich ihm der sei, der unten zum letzten Male über die Gasse ging; aber Amandus, ängstlich als wenn ihn der Tod erdrückte, wankte über das halbe Zimmer in Gustavs Arme..... eh' er die Leiche sah, legte ihn ein Nervenschlag tot in diese Arme....

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