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Die unsichtbare Loge

Jean Paul Richter: Die unsichtbare Loge - Kapitel 45
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleDie unsichtbare Loge
pages7-469
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1793
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Neunundzwanzigster oder XXII. Trinitatis-Sektor

Die Ministerin und ihre Ohnmachten – und so weiter

Denn er war in jenem grünen Gewölbe, das Scheeraus größte Schönheiten umfing, in Bousens Zimmer, nur vormittags; nachmittags und später rauschten durch dasselbe die Ströme des Vergnügens, aus den Freudenkelchen von Freuden-Najaden ausgeschüttet. Der halbe Hofstaat fuhr aus Scheerau her. Bekanntlich hat dieser, indes das Volk nur Sabbate hat, lauter Sabbatjahre, und die nähern Diener des Fürsten suchen sich von den Dienern des Staates dadurch auszuzeichnen, daß sie gar nichts arbeiten; so wurden auch schon in den alten Zeiten den Göttern nur Tiere, die noch nichts gearbeitet hatten, auf den Altar gelegt. Ich weiß es recht gut, daß mehr als einer der paralytischen großen Welt Arbeit zumutet, die nämlich, sich und andre in einem fort zu amüsieren; diese ist aber so herkulisch schwer und nützt alle Kräfte so sehr ab, daß es genug ist, wenn sie sämtlich nach einer Fête morgens bei dem Auseinanderfahren oder am Tage darauf sich verstellen und sagen: »Bei alledem wars heute ein deliziöser Abend und überhaupt alles so brillant!« Große Quartanten-Theologen haben längst bewiesen, daß Adam vor dem Falle kein Vergnügen aus dem Essen und andern Vergnügungen geschöpfet habe – unsre Großen sind vor ihrem Falle ebenso schlimm daran und verrichten alles das in ihrer Unschuld, ohne den geringsten Spaß dabei zu haben. Ich wollt', ich könnte dem Hofstaat helfen. – –

Ein Mensch, der eine festgesetzte Arbeitstunde (und wäre sie nur 30 Minuten lang) hat, siehet sich für emsiger an als einer, der gerade heute seinem 12stündigen Pensum 30 Minuten abgebrochen. Oefel warf sich selber seine übertriebene Anspannung vor und sagte, er wüßte sich nicht zu entschuldigen, daß er jeden Morgen eine volle Stunde schreibe am »Großsultan«. Erst darnach waren die ernsthaften Geschäfte des Tages zu Ende; er ließ sich nun zum ersten Male frisieren und einstäuben, um als Tagschmetterling gegen alle Toilettenspiegel anzuflattern; auf den Blumenkopf der Défaillante (so hieß noch die Ministerin) ließ er sich nieder. Alsdann ließ er sich zum zweiten Mal frisieren und beflügeln, um als bestäubter Dämmerung- und Nachtschmetterling zwischen den Spielmarken und Schaugerichten und ihren Ebenbildern herumzusausen. Ich würde auf dieses Gleichnis nicht gekommen sein, wenn mich nicht sein gehörntes und in eine Kapsel zusammenlaufendes Abendhaar auf die Raupen der Nachtschmetterlinge geführet hätte, denen auch hinten ein Horn oder Zopf ansitzt – den Tagraupen sitzt nichts an, so wie sein abbreviertes aufgestecktes Morgenhaar es verlangte, damit sie diesem glichen.

Da ich die Ministerin die Défaillante genannt, und da man ihr überhaupt die Einfalt zutrauen konnte, als ob sie dem Legationrat treuer wäre als er ihr, so will ich alles sagen und für sie reden. Die Eitelkeit, die ihn wie eine eingeschränkte Monarchin beherrschte, regierte wie eine uneingeschränkte über sie – sie hatte und machte italienische Verse, Epigrammen und alle schöne Künste – und es ist stadtkundig, daß sie, weil sie aufgehört hatte, zur schönen Natur zu gehören, sich unter die Werke der schönen Künste warf und sich aus einem Modell durch Schminke in ein Gemälde veredelte, durch Pantomime in eine Aktrice, durch Ohnmachten in eine Statue.

Das letzte ist der Kardinalpunkt – sie starb wöchentlich und öfter, wie jede wahre Christin, nicht ihrer Keuschheit wegen, sondern sogar vor ihrer Keuschheit, ich meine ein paar Minuten – sie und ihre Tugend fielen hintereinander in Ohnmacht. Wenn ich über so etwas nicht weitläufig bin: so bin ich nicht wert, eine Feder zu schneiden, und der Henker soll meine Produkte holen. – Die Tugend also war bei der Ministerin so verdammt schlimm daran wie bei einem Kind die junge Lieblingkatze. Ich will von Tagzeiten gar nicht reden, sondern nur von Wochentagen: ich will setzen, an jedem Tage hätte ein andrer Antichrist und Erbfeind ihrer Tugend statt der Visitenkarte seinen Leib geschickt: so hätt' es etwa so gehen können: am Montag war ihre Tugend im strahlenlosen Neumond für Herrn v. A. – am Dienstag im Vollmond für Herrn v. B., der sagte: »Zwischen ihr und einer Devote ist kein Unterschied als das Alter« – am Mittwoch im letzten Viertel für Herrn v. C., der sagt: »je la touche dejà«, nämlich ihre âme – am Donnerstag im ersten Viertel für Herrn v. D., der sagt: »Peut-être que«- – und so fort mit den übrigen Feinden der Woche; denn jeder Gegner sah, wie seinen eignen Regenbogen, so an ihr seine eigne Tugend. Ehre und Tugend waren bei ihr keine leeren Wörter, sondern hießen (ganz gegen die Kantische Schule) der Zeit-Zwischenraum zwischen ihrem Nein und ihrem Ja, oft bloß der Ort-Zwischenraum. Ich sagte oben, sie hatte immer eine Ohnmacht, wenn der Montag ihrer Tugend war. Es lässet sich aber erklären: ihr Körper und ihre Tugend sind an einem Tag und von einer Mutter geboren und wahre Zwillinge, wie die Gebrüder Kastor und Pollux – nun ist der erste, wie Kastor, menschlich und sterblich, und die andre, wie Pollux, göttlich und unsterblich – wie nun jene mythologische Brüderschaft es pfiffig machte und Sterblichkeit und Unsterblichkeit gegeneinander halbierten, um miteinander in Gesellschaft eine Zeitlang tot und eine Zeitlang lebendig zu sein: so macht es ihr Körper und ihre Tugend ebenso listig, beide sterben allezeit miteinander, um nachher miteinander wieder zu leben. – Das artistische Sterben solcher Damen lässet sich noch von einer andern Seite anschauen: eine solche Frau kann über die Stärke und die Proben ihrer Tugend eine Freude haben, die bis zur Ohnmacht gehen kann; ferner über die Leiden und Niederlagen derselben eine Betrübnis, die auch bis zur Ohnmacht reichen kann: nun denke man sich, ob eine Frau beim vereinigten Anfall von zwei Gemütbewegungen, wovon jede allein schon töten kann, noch aufrecht zu verbleiben vermöge. – Bekanntlich stirbt die Ehre der Damen von Welt so wenig wie der König von Frankreich, und es ist das eine bekannte Fiktion; wenigstens ist dieser Ehre der Tod, wie den Frommen, ein Schlaf, der über 12 Stunden nicht dauert. Ich kenne an unserem Hofe eine Art Ehre oder Tugend, die gleich einem Polypen an nichts stirbt; sie kann, wie die alten Götter, verwundet, aber nicht umgebracht werden – gleich Hornschrötern zappelt sie an der Nadel und ohne alle Nahrung fort – Naturforscher von Stand tun oft einer solchen Tugend, wie Fontana den Aufgußtierchen, tausend Martern an, an denen bürgerliche weibliche Tugenden sogleich verscheiden: nichts! kein Gedanke von Sterben. – – Es ist eine wohltätige Anordnung der Natur, daß gerade in den höhern Damen die Tugend eine solche achilleische Lebens- oder Wiedererzeugkraft hat, damit sie erstlich leichter die einfachen und doppelten Brüche, Knochensplitterungen und Gliederabnehmungen und überhaupt das Schlachtfeld jenes Standes ausdauere – zweitens damit jene Damen (im Vertrauen auf die Unsterblichkeit und lange Lebenslinie ihrer Tugend) ihren Freuden, deren physische Grenzen ohnehin so enge sind, wenigstens keine moralischen zu setzen brauchen.

Ich komme wieder zu den tugendhaften Ohnmachten oder erotischen Sterben der Ministerin zurück; ich will mich aber nicht dabei aufhalten, daß ich etwa sagte, wie die alte Philosophie die Kunst sterben zu lernen sei, so sei es auch die französische Hof-Philosophie, nur aber angenehmer – oder daß ich witzigerweise sagte: qui (quae) scit mori, cogi nequit – oder daß ich Senekas Ausspruch über Kato auf die Ministerin zöge: majori animo repetitur mors quam initur; sondern ich erzähle bloß, warum sie überall in Oberscheerau die Défaillante heißet – bloß darum, weil ein gewisser Herr auf die Frage, wie sie einen wichtigen Prozeß trotz dem versäumten Präklusiontermin doch gewonnen hätte, doppelsinnig erwiderte: en défaillant....

Ich komme zurück.... Aber ich wäre ein glücklicher Mann, wenn die Zeit sich niedersetzte und mich heranließe; so aber setz' ich ihr, in einer Entfernung von mehren Monaten, nach; die Avantüren-Fracht wird täglich schwerer; ich muß Papier zu einer doppelten Geschichte – zu der jetzt geschriebnen und zu der jetzt verfallenden – haben, ich ängstige mich ab, und am Ende werd' ich mit Mühe gelesen! – Ist mir aber zu helfen? – –

Amandus lag damals auf dem härtesten Bette von der Welt – die Dornen- und Stein-Matrazen der alten Mönche fühlen sich dagegen wie Eiderdunen an –, auf dem Krankenbette; sein ödes Auge ruhte oft auf der Stubentüre, ob sie kein Gustav öffne, ob nicht der Tod in der Gestalt einer Freude, einer Aussöhnung eintrete und die Blume seines Lebens mit einem Liebe-Druck gelinde niederlege; – aber Gustav lag von seiner Seite auf einem Zauberbette, an das ihn ein besserer Gott als Vulkan mit unsichtbaren Kettchen heftete; kaum regen konnt' er sich unter seinem Drahtgeflecht.

Am Morgen, wo er sich vorbereitete, der Residentin das Porträt und die Visite zu machen, zündete Oefel um ihn eine Menge Raketen des Witzes an und gestand ihm mit der Zufriedenheit, mit welcher ein Belletrist stets die Armut an leiblichen Gütern und die schwerere an geistigen, an Verstand etc., erträgt, so viel geradezu, er habe an Gustav die Neigung zur – Residentin vielleicht eher entdeckt als beide Interessenten selbst. Jede Gustavische Verneinung war ein neues Blatt in seinen Lorbeerkranz. »Ich will aufrichtiger sein«, sagt' er; »ich will mein eigner Verräter werden, weil ich keinen fremden habe. Im Zimmer, wo Sie einen Altar haben, steht einer für mich; es ist ein PantheonIm römischen Pantheon standen nur zwei Götter, der Mars und die Venus.; Sie knien mehr vor einem Gott als einer Göttin – ich aber finde da meine Venus (Beata). Ihr mangelt zu einer Mediceischen nichts als die – Stellung; ich weiß aber nicht, welche Hand ich ihr dann in dieser Stellung küssen würde.«... Vor Gustavs reiner Seele flog zum Glück dieser Klumpe von boue de Paris vorbei, in die an Höfen sogar gute Menschen ohne Bedenken treten; selber Schriftstellern aus dieser Zone hängt dieser Schmutz noch an.

Ihm gefiel an Beaten (und an jedem Mädchen) nichts als dieses, daß er, wie er dachte, ihr gefalle; er würde die fünfhundert Millionen Weiber auf der Erde alle lieben, wenn er ihnen allen gefiele, er wieder keine einzige, wenn er keiner einzigen. Er erzählte jetzt dem Gustav, durch welches Fenster er im Winterhaus von Beatens Herzen ihre Liebe zu ihm habe blühen sehen. Außer einem gewissen Tropf, den ich in Leipzig gekannt, und außer einer Katze, die neun Leben hat, hatte kein Mensch mehre Leben als er – er büßte eines ein: sogleich hatt' er wieder ein frisches, ich meine, er hatte mehr Ohnmachten als ein andrer Einfälle. Einen solchen Vexier-Selbstmord konnt' er begehen, wenn er wollte und wenn er ihn in seinen Dramen so nötig hatte als ein rührender Theaterdichter; am häufigsten aber taten er und der Tropf in Leipzig sich diesen Tod in effigie an, wenn sie unter einem Bündel Frauenzimmer das herauszuvisitieren hatten, das in sie am verliebtesten war. Denn sie unterschieden, sagten die beiden Tröpfe, sich sämtlich voneinander nicht im Dasein, sondern im Grade der Liebe gegen beide Ohnmächtige. Der größte Schrecken über den pantomimischen Schlagfluß ist, sagte das ohnmächtige Paar, das Notariatsiegel der größten Liebe. Da also Oefel vor drei Wochen Beaten seinen Sondier-Tod vormachte: so zitterte unter allen Schal-Fichus, die da waren, kein so zartes und mitleidiges Herz als ihres, das weder fremden Betrug noch eigne Härte kannte. Gleichgültig legte sich Oefel in den optischen Tod; verliebt stand er wieder auf, und er hätte mit seiner scheinbaren Ohnmacht beinahe eine wahre gewirkt. »Ich konnte sie nur seitdem nicht darüber sprechen«, sagt' er. Gustav kämpfte mit einem großen Seufzer nicht über Oefels gefühllose Eitelkeit, sondern über sich selbst und über Oefels Glück. »O Beata, in dieser Brust« – redete sie sein Innerstes an – »hättest du ein verschwiegneres und aufrichtigeres Herz gefunden, als das ist, das du ihm vorziehest – es würde sein Glück verborgen haben, wie jetzt seine Seufzer – es wäre dir ewig treu geblieben – ach es wird dir doch treu bleiben!« – Dennoch empfand er das Ekelhafte in Oefels Eitelkeit nicht ganz, weil ein Freund sich unserem Ich so sehr inokuliert und damit verwächset, daß wir seine Eitelkeit so leicht wie unsre eigne und aus gleichen Gründen übersehen.

Da es meinem Gustav im Buche wie im Leben gehen kann, so hätt' ich folgende Anmerkung noch eher machen sollen: niemand war leichter zu verkennen als er – alle Strahlen seiner Seele brach die Wolkenhülle milder Demut, ja seitdem Oefel ihm Stolz auf dem Gesichte vorgeworfen, sucht' er gerade so demütig auszusehen, als er war – sein Äußeres war still, einfach, voll Liebe, ohne Ansprüche; aber auch ohne durchbrechenden Witz und Humor – Phantasie und Verstand arbeiteten in ihm, wie in einem einsamen Tempel, Altarblätter mit großen Maßen und ließen mithin nicht, wie andre, Dosenstücke und Medaillons von der Zunge purzeln – er war, was Descartes von der Erde glaubt, eine inkrustierte Sonne, aber unter den phosphoreszierenden Lichtern des Hofes ein dunkler Erdkörper – er war das äußere Gegenteil von Ottomar, der mit seiner Sonne seine Kruste durchgebrannt hatte und nun vor den Leuten stand blitzend, knisternd, glühend, anreisend, einäschernd und ausbrütend – Gustavs Seele war ein gemäßigtes Land ohne Stürme, voll Sonnenschein ohne Sonnenhitze, ganz mit Grün und Knospen überzogen, ein magisches Italien im Herbst; Ottomars seine aber war ein Polarland, das sengende lange Tage, lange Eis-Nächte, Orkane, Eis-Berge und Tempische Täler-Fülle durchstrichen. – –

Der Gustavischen Bescheidenheit kam also nichts natürlicher vor, als daß Beata einen, der seinen Geist und Körper so gut zu zeigen wußte, über ihn stellte, der beides nicht konnte und der dazu einmal ihren Vater halb tot geärgert hatte. Sein Blut ging mithin langsam traurig, da er zur Residentin schlich. Es war ihm, als könnt' er heute sie als seine Freundin ansehen – das tat er wirklich halb, als sie ihm noch dazu ein ebenso trauriges Air und Gesicht entgegentrug, dem ähnlich, in dem eine Frau eine Woche nach dem Verlust ihres Geliebten mit leeren Augen und erkälteten Wangen am meisten rührt. Es sei, sagte sie, der Sterbetag ihres jüngsten Bruders, den sie und der sie am meisten geliebt. Sie ließ sich in Trauerkleidung malen. Nichts wirkt stärker als der Lustige, der einmal in die Halbtöne des Kummers fällt. Gustav hatte überhaupt zu viel Zuneigung für Menschen, in deren Ohren das Trauergeläute irgendeines Verlustes widertönte; ein Unglücklicher war ihm ein Tugendhafter. Die Residentin sagte ihm, sie hoffe, er werde den heutigen Kummer aus ihrem wirklichen Gesichte wegmalen und ihn bloß ins gemalte bannen – sie habe deswegen diese Zerstreuung auf heute verlegt – morgen sei ihr gewiß besser – sie spielte nachlässig mit der bloßen rechten Hand einige Tänze, aber nur ein paar Takte und mit vergeblichem Kampfe gegen ihren Trübsinn – er sollte ihr etwas erzählen, eh' er anfinge, damit er nicht einem Gesicht, das sie nur ein paar Tage im Jahr trüge, ein ewiges Leben in seinen Farben gäbe. Aber er hatte noch am Hofe weder Stoff noch Manier zu erzählen gewonnen – endlich fiel sie auf seine unterirdische Erziehung. Bloß ihrem heutigen Gesichte war er so etwas in dem Wolkenbruch von Herzergießung, den er seit Amandus' Groll entbehret hatte, zu erzählen fähig. Da er fertig war, sagte sie: »Zeichnen Sie nur; Sie hätten mir etwas anders erzählen sollen.«

Sie nahm ihre kleine Laura auf den Schoß – dem Fürsten, der ein leidenschaftlicher Tiermaler ist, mußte sie statt mit der Kleinen mit einem Seidenpudel sitzen – welche Gruppe fällt aber jetzt sein Auge, sein Herz und seine Zeichenfeder an, um diese drei Dinge zu verrücken! Sie zittern wenigstens alle, indem die Mutter die Händchen der Laura in eine malerische und kindliche Umschlingung legt – indem sie schweigend, traurend, mit den Lippenwellen gegen den Kummer des Auges streitend, ihm denkend in das seine blickt und mit der nächsten Hand das Haar der Kleinen spielend krümmt – – Wahrhaftig zehnmal dacht' er: wenn ein Engel einen Körper umtun wollte, der menschliche wäre nicht zu schlecht dazu, und er könnte in dieser Reise-Uniform in jeder Sonne erscheinen!

Seine Zeichnung wurde so treffend, daß der Residentin vielleicht ein paar Unähnlichkeiten lieber gewesen wären – sie hätten größere Ähnlichkeit ihres zweiten Bildes in ihm angesagt. Sie kam jetzt durch sanfte, nicht wie sonst scherzhaft-springende Übergänge von seinem Maler-Lohn und von den Nachteilen seiner Erziehung auf die Vorbereitungen zu seiner Legationrolle – sie deckte ihm, aber mit langsamer vertraulicher Hand, seinen Mangel an Welt auf – sie bot ihm ihren Zutritt zu sich an und lud ihn zum Souper auf morgen ein. –»Aber vormittags«, setzte sie lächelnd hinzu, »kommen Sie nicht schon; Beata will durchaus nicht gemalet sein.«

– – Der Leser hat im ganzen Buche noch nicht drei Worte reden oder schreiben dürfen: jetzt will ich ihn ans Sprachgitter oder ins Parloir lassen und seine Fragen nachschreiben. »Was hat denn« – fragt er – »die Residentin vor? Will sie aus Gustav ein gezähntes Kammrad schnitzen, das sie in irgendeine unbekannte Maschine setzet? – Oder bauet sie den Jägerschirm und zwirnt die Prallnetze, um ihn zu fällen und zu fangen? – Wird sie wie jede Kokette dem ähnlich, der ihr nicht ähnlich werden will, wie nach Platner der Mensch das, was er empfindet, so sehr wird, daß er sich mit der Blume bückt, und mit den Felsen hebt?«

– – Der Leser bemerke, daß der Leser selber hier Witz hat, und gehe weiter! – –

»Oder« (geht er also weiter) »geht die Residentin nicht so weit, sondern will sie aus Edelmut, worüber man oft die optischen Kunststücke ihrer Koketterie verzeiht, den schönsten uneigennützigsten Jüngling aus den schönsten uneigennützigsten Gründen aufsuchen und ausbilden? – Oder könnens nicht auch alles bloße Zufälle sein – und nichts leuchtet mir so ein –, an welche sie, als Rennerin durch Lusthaine, die flatternde Schlinge eines halben Planes fliehend befestigt, ohne in ihrem Leben am andern Tag nach dem strangulierten Fang der Dohnenschnait im mindesten zu sehen? – Oder irr' ich gänzlich, lieber Autor, und ist vielleicht von allen diesen Möglichkeiten keine wahr?« – Oder, lieber Leser, sind sie alle auf einmal wahr, und du errätest darum eine Launenhafte nicht, weil du ihr weniger Widersprüche als Reize zutrauest? – Der Leser bestärket mich in meiner Bemerkung, daß Personen, die niemals die Gelegenheit haben konnten, der großen Welt tägliche Klavierstunden zu geben (wie z. B. leider der sonst treffliche Leser), zwar alle mögliche Fälle irgendeines Charakters vorzurechnen, aber nicht den wirklichen auszuheben vermögend sind. – Übrigens verlasse sich der Leser auf mich (der ich schwerlich ohne Grund Vorzüge verkleinern würde, die mir selber ansitzen), übrigens hat er die Armut an gewissen konventionellen Grazien, an gewissen leichten modischen und giftigen Reizen, die ein Hof nie versagt, weit weniger zu bedauern, als andre Höflinge – der Autor wünschte, nicht darunter zu gehören – ihren Reichtum an dergleichen Gift-Spezies wirklich zu beklagen haben; denn auf diese Art blieb er ein ehrlicher und gesunder Mann, der Herr Leser; aber wer ihn kennt, würde der Bürge gewesen sein, daß er, falls alle Bänder und Zügel der großen Welt an ihm gezuckt und gezogen hätten, außer seiner Ehrlichkeit auch seine Unähnlichkeit mit den Leuten von Ton behalten hätte, die die Mißhandlung des schönsten Geschlechts mit verlorner Stimme und verlornen Waden büßen, wie (nach den ältesten Theologen) die Weiber-Versucherin, die Schlange, die vorher reden und gehen konnte, durch die aktive Verführung Sprache und Beine verscherzte?...

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