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Die unsichtbare Loge

Jean Paul Richter: Die unsichtbare Loge - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleDie unsichtbare Loge
pages7-469
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1793
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Vierundzwanzigster oder XXI. Trinitatis-Sektor

Oefels Intrigen – die Infammachung – der Abschied

Schlecht genug ergehts ihm, wenn das fragende Deutschland anders unsern Gustav meinte. Oefel ist daran schuld. Ich will aber dem erschrocknen Deutschland alles eröffnen; die wenigsten darin wissen, warum dieser ein Romanschreiber und ein Legationrat ist.

Kein empfindsamer Offizier – im Kadettenhause trug er Uniform – hat weniger Kugeln und mehr Hemden und Briefe gewechselt als Oefel. Letzte wollt' er an alle Leute schreiben; denn seine Briefe ließen sich lesen, weil er selber las, und zwar belletristische Sachen, die er noch dazu nachmachte. Er war nämlich ein schöner Geist, hatte aber keinen andern. Sämtliche französische Buchhändler sollten eine närrische Dankadresse an ihn erlassen, weil er ihr sämtliches Zeug einkaufte – sogar gegenwärtige Lebensbeschreibung, worin er selber steht, wird einmal wieder bei ihm stehen, wenn er von ihrer Ausgabe und von ihrer Übersetzung ins Französische hört. Sich selber, Leib und Seele nämlich, hatt' er schon in alle Sprachen übersetzt aus seinem französischen Mutter-Patois. Die schönen Geister in Scheerau (vielleicht auch mich) und in Berlin und Weimar verachtete der Narr, nicht bloß weil er aus Wien war, wo zwar kein Erdbeben einen Parnaß, aber doch die Maulwurfs-Schnäuzchen von hundert Broschüristen Duodez-Parnäßchen aufstießen und wo die daraufstehenden Wiener Bürger denken, der Neid blicke hinauf, weil der Hochmut herunterguckt – sondern er verachtete uns sämtlich, weil er Geld, Welt, Verbindungen und Hofgeschmack hatte. Der Fürst Kaunitz zog ihn einmal (wenns wahr ist) zu einem Souper und Ball, wo es so zahlreich und brillant zuging, daß der Greis gar nicht wußte, daß Oefel bei ihm gespeiset und getanzt. Da sein Bruder Oberhofmarschall und er selber sehr reich war: so hatte niemand in ganz Scheerau Geschmack genug, seine Verse zu lesen, als der Hof; für den waren sie; der konnte solche Verse wie die Graspartien des Parks ungehindert durchlaufen, so klein, weich und beschoren war ihr Wuchs – zweitens gab er sie nicht auf Druckpapier, sondern auf seidnen Bändern, Strumpfbändern, Bracelets, Visitenkarten und Ringen heraus. Unter andern Flöhen, die auf dem Ohrentrommelfell des Publikums auf- und abspringen und sich hören lassen, bin auch ich und donnere mit; aber Oefel ahmte keinen von uns nach und verachtete dich sehr, mein Publikum, und setzte dich Höfen nach: »Mich«, sagt' er, »soll niemand lesen, wenn er nicht jährlich über 7000 Livres zu verzehren hat.«

Künftigen Sommer reiset er als Envoyé an den **schen Hof ab, um die Unterhandlungen wegen der Braut des Fürsten, die schon neben ihrer Wiege angesponnen und abgerissen wurden, neben ihrem Doktor-Grahams-Bette wieder anzuknüpfen. Der Fürst mußte sich im Grunde mit ihr vermählen, weil ein gewisser dritter Hof, der nicht genennt werden darf, sie dadurch einem vierten, den ich gern nennen möchte, entziehen wollte. Man glaube mir aber, es glaubt kein Mensch am ganzen Hofe des Bräutigams, daß er an den Hof der Braut verschickt werde, weil dort etwa schöne Geister und schöne Körper gesuchte Ware sind: wahrhaftig in beiden Schönheiten war er von jedem zu überbieten; aber in einer dritten Schönheit war ers nur leider nicht, die einem Envoyé noch nötiger und lieber als die moralische ist – im Geld. An einem insolventen Hof hat der Fürst die erste und der Millionär die zweite Krone. Ich habe oft den verdammten Erbschaden des scheerauischen Fürstentums verflucht und besehen, daß selten genug da ist, und wir hälfen uns gern durch einen Nationalbankerutt, wenn wir nur vorher Nationalkredit bekämen. Aber außer diesem Fürstentum hab' ich auf meinen Reisen folgende vier Regionen nirgends angetroffen als am Ätna selber: erstlich die fruchtbare und zweitens die waldige Region unten am Throne, wo Früchte und grasendes und jagdbares Pöbelwild zu haben ist, drittens die Eisregion des Hofes, die nichts gibt als Schimmer, viertens die Feuerregion der Thronspitze, wo außer dem Krater wenig da ist. Ein Thron-Krater kann selber Goldberge einschlucken, verkalken, auswerfen als Lava.

Zum Unglück gefiel ihm Gustav, weil er seine jugendliche Menschenfreundlichkeit für ausschließende Anhänglichkeit an sich ansah, seine Bescheidenheit für Demütigung vor Oefelscher Größe, seine Tugenden für Schwachheiten. Er gefiel ihm, weil Gustav für die Poesie Geschmack und folglich, schloß er, für die seinige den größten hatte: denn Oefels adeliges Blut lief wider die Natur in einer dünnen poetischen Ader, und in einer satirischen dazu, dacht' er. Vielleicht fand auch Gustav in seinen Jahren des Geschmacks, wo den Jüngling die poetischen kleinern Schönheiten und Fehler entzücken, zuweilen die Oefelschen gut. Wie nun schon Rousseau sagt, er könne nur den zum Freund erwählen, dem seine Heloise gefalle: so können Belletristen nur solchen Leuten ihr Herz verschenken, die mit ihnen Ähnlichkeit des Herzens, Geistes und folglich des Geschmackes haben und die mithin die Schönheiten ihrer Dichtungen so lebhaft empfinden als sie selber.

Was indessen Oefel an Gustav am höchsten schätzte, war, daß er in seinen Roman zu pflanzen war. Er hatte in der Kadetten-Arche siebenundsechzig Exemplare studiert, aber er konnte davon keines zum Helden seines Buchs erheben, zum Großsultan, als das achtundsechzigste, Gustav.

Und der ist gerade mein Held auch. Das kann aber unerhörte Leselust mit der Zeit geben, und ich wollte, ich läse meine Sachen und ein andrer schriebe sie.

Er wünschte meinen Gustav zum künftigen Erben des ottomanischen Throns auszubilden, ihm aber kein Wort davon zu sagen, daß er Großherr würde – weder im Roman noch im Leben; – er wollte alle Wirkungen seines pädagogischen Lenkseils niederschreiben und übertragen aus dem lebendigen Gustav in den abgedruckten. Aber da setzte sich dem Bileam und seiner Eselin ein verdammter Engel entgegen; Gustav nämlich. Oefel wollte und mußte aus dem Kadettenhause, wo seine Zwecke befriedigt waren, ins alte Schloß zurück, wo neue seiner warteten. Erstlich aus dem alten Schloß konnt' er leichter in die kartesianischen Wirbel des neuen, der Visiten und Freuden springen und sich von ihnen drehen lassen; – zweitens konnt' er da mit seiner Geliebten, der Ministerin, besser zusammenleben, die alle Tage hinkam und welche der Liebe die Tugend und die Liebe der Assembleen-Jagd aufopferte – drittens ist die zweite Ursache nicht recht wahr, sondern er machte sie der Ministerin nur weis, weil er noch eine dritte hatte, welche Beata war, die er in ihrem Schlosse aus dem seinigen zu beschießen, wenigstens zu blockieren vorhatte. – – Fort mußt' er also; aber Gustav sollte auch mit.

»Das ist den Augenblick zu machen,« (dachte Oefel) »er soll mich am Ende selber um das bitten, um was ich ihn bitte.« Ihm war nichts lieber als eine Gelegenheit, jemand zu seinem Zweck zu lenken – das Lenken war ihm noch lieber als das Ziel, wie er in der Liebe die Kriegzüge der Beute vorzog. Er hätte als Gesandter aus Krieg Frieden und aus Frieden Krieg gemacht, um nur zu unterhandeln. – Er zog, um Gustaven nahezukommen, seine erste Parallele, d.h. er stach ihm mit seiner spitzen Zunge ein schönes Bild der Höfe aus: daß sie allein das savoir vivre lehren und alles und das Sprechen, wie denn auch die Hunde, je kultivierter sie sind, desto mehr bellen, der Schoßhund mehr als der Hirtenhund, der wilde gar nicht – daß durch sie ein Paradieses-Strom von Freuden brause – daß man da an der Quelle seines Glücks, am Ohre des Fürsten und am Knoten der größten Verbindungen stehe – daß man intrigieren, erobern etc. könne. Es war in Oefels Plan, dem kleinen Großsultan nicht einmal die Möglichkeit, ins alte Schloß mitzukommen, zu verraten: »Um so mehr reiz' ich ihn«, dacht' er. Es ging aber nicht mit dem Reizen, weil Gustav noch nicht aus den poetischen Idyllen-Jahren, wo der aufrichtige Jüngling Höfe und Verstellung hasset, in die abgekühlten hinüber war, wo er sie sucht. Oefel studierte, wie Hofleute und Weiber, nur Einzelwesen, nicht den Menschen.

Nun wurde die zweite Parallele gezogen und der Festung schon näher gerückt. Er ging einmal an einem Vormittage mit ihm in den Park spazieren, als er gerade die Residentin da zu treffen wußte. Während er sie unterhielt, beobachtete er Gustavs Beobachten oder errötendes Staunen, der noch in seinem Leben vor keiner solchen Frau gestanden war, um welche sich alle Reize herumschlangen, verdoppelten, einander verloren, wie dreifache Regenbogen um den Himmel. Und du, Blumen-Seele, Beata, deren Wurzeln auf dem irdischen Sandboden so selten die rechte Blumenerde finden, standest auch dabei, mit einer Aufmerksamkeit auf die Residentin, die eine unschuldige Maske deiner kleinen Verwirrung sein sollte. – Gustav brachte für seine große keine Maske zustande. Oefel schrieb diese Verwirrung nicht wie ich der gegenseitigen Erinnerung an die Guido-Bilderstürmerei, sondern die Gustavische der Residentin, und die weibliche sich selber zu.

»So hab' ich ihn denn, wo ich ihn haben will!« sagt' er und ließ sich von ihm bis ins alte Schloß bereiten. »A propos! Wenn wir nun beide dablieben!« sagt' er. Die aus anderen Gründen herausgeseufzete Antwort der Unmöglichkeit war, was er eben begehrte. »Gleichviel! Sie werden mein Legationsekretär!« fuhr er mit seinem feinen, auf Überraschung lauersamen Blicke fort, den er eigentlich niemal mit einem Augenlide bedeckte, weil er stets alles zu überraschen glaubte.

– Es lief aber einfältig für Oefel ab: Gustav wollte nicht, sondern sagte: nie! sei es nun aus Furcht vor Höfen, vor seinem Vater, aus Scham der Veränderung, aus Liebe der Stille; kurz Oefel stand dumm vor sich selber da und sah den schwimmenden Stücken seines gescheiterten Baurisses nach. Es ist wahr, es blieb ihm doch der Nutzen daraus, daß er den ganzen Schiffbruch in seinen Roman tun konnte – nur aber der Sekretär war fort! – Er hatte ihn auch nicht unvernünftig schon im voraus zum Gesandtschaft-Sekretariat voziert; denn an den Scheerauer Thron ist eine Leiter mit den tiefsten und den höchsten Ehrensprossen angelehnt, die Staffeln aber stehen sich so nahe, daß man mit dem linken Beine auf die unterste treten und doch die höchsten noch mit dem rechten erspannen kann – wir hätten ja beinahe einmal einen Oberfeldmarschall erschaffen. Zweitens hängt und picht an Höfen wie in der Natur alles zusammen, und Professores sollten es den kosmologischen Nexus nennen; jeder ist Last und Träger zugleich; so klebt am Magnet das eiserne Lineal, an diesem ein Linealchen, an diesem eine Nadel, an dieser Feilstaub. Höchstens nur was auf dem Throne oben sitzt und was unter ihm unten liegt, hat nicht Nexus genug mit der wirksamen Kompagnie: so werden in der französischen Oper nur die fliegenden Götter und schiebenden Tiere von Savoyarden gemacht, alles übrige von der ordentlichen Truppe.

Also mußte Oefel die dritte Parallele ziehen und daraus auf den Kadetten schießen. Er machte ihm nämlich seine Uniform täglich um einen Daumen spannender und knapper, um ihn aus ihr hinauszuängstigen. Er hatte ihn schon neulich in dieser Absicht zum Getreide-Kordon versenden helfen, wo dem warmen, nur an mildes Geben gewöhnten Jüngling scharfe Neins neue und harte Pflichten waren; aber nun wurde der Dienst von unten auf noch mehr erschwert, und die militärischen Übungen zerbrachen beinahe seinen feinen porzellanenen Leib, so oft und strenge schleppte ihn der Romancier in die Gesellschaft des Vaters aller Friedenschlüsse, nämlich des Kriegs. –

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