Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jean Paul Richter >

Die unsichtbare Loge

Jean Paul Richter: Die unsichtbare Loge - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleDie unsichtbare Loge
pages7-469
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1793
Schließen

Navigation:

Unsere zwei Freunde sind weit von uns und schon im sogenannten langen Abendtal des Parks, durch welches aus der untergehenden Sonne ein schwebender Goldstrom fiel. Am westlichen, sanft erhöhten Ende des Tales schienen die zerstreuten Bäume auf der zerrinnenden Sonne zu grünen; am östlichen sah man über die Fortsetzung des Parks hinüber bis ans glühende Schloß, auf dessen Scheiben sich die Sonne und das Abend-Feuerwerk verdoppelten. Hier sah die alte Fürstin allemal den ersten Untergang der Sonne; dann hob sie ein sanft aufgewundner Weg auf das hohe Gestade dieses Tals, wo der Tag noch in seinem Sterben war und noch einmal mit dem brechenden Sonnen-Auge väterlich den großen Kinderkreis anblickte, bis ihm seine Nacht das Auge zudrückte und diese in ihren mütterlichen Schoß die verlassene Erde nahm.

Gustav und Amandus! hier versöhnet euch noch einmal – der rote Sonnenrand steht schon auf dem Rande der Erde – das Wasser und das Leben rinnen fort und stocken unten im Grabe – nehmet euch an den Händen, wenn ihr auf das zerstörte RuhestattDiese wenigen Partien beschreib' ich nur kurz: Ruhestatt ist ein abgebranntes Dorf mit stehender Kirche, die beide bleiben mußten, wie sie waren, nachdem die Fürstin den Einwohnern Platz und alles eine Viertelstunde davon mit den größten Kosten und durch Hülfe des Herrn von Ottomars, dem es gehört und der noch nicht da ist, vergütet hatte. – Die Blumeninseln sind einzelne abgesonderte Rasenerhöhungen in einem Teiche, jede mit einer andern Blume geputzt. – Das Schattenreich besteht in einem mannigfaltigen Schatten-Gegitter und –Geniste, durch großes und kleines Laubwerk, durch Äste und Gitterwerk, durch Büsche und Bäume verschieden auf den Grund von Kies, Gras oder Wasser gemalt. Sie hatte die tiefsten und die hellsten Schattenpartien angelegt, einige für den abnehmenden Mond, andre für das Abendrot. – Das stumme Kabinett war ein schlechtes Häuschen mit zwei entgegengesetzten Türen, über deren jeder ein Flor hing und die durchaus keine Hand aufschließen durfte als die der Fürstin. Noch jetzo weiß man nicht, was darin ist, aber die Flöre sind zerstört. hinüberschauet und auf seine stehende Kirche, das Bild der unglücklichen Tugend – oder wenn ihr auf die Blumeninseln blickt, wo jede Blume auf ihrem grünen Weltteilchen einsam zittert und ihr kein Verwandter entgegenschwankt als ihr gemalter Schatten im Wasser – drückt euch die Hände, wenn euere Augen fallen auf das Schattenreich, wo heute Licht und Schatten wie Leben und Schlafen nebeneinander und ineinander zitternd flatterten, bis die schwarze Schattenflut über allem, was an der Erde blinket, steht und den Tod nachspielt – und wenn ihr an des stummen Kabinetts dreifachem Gitter Alphörner und Äolsharfen lehnen sehet: so müssen euere Seelen die Harmonien im Einklang nachbeben.... Es ist eine elende rhetorische Figur, die ich aufstelle, daß ich hier so lange an- und zugeredet habe: sind denn nicht die zwei Freunde in einem größern Enthusiasmus als ich selbst? Ist nicht Amandus über freundschaftliche Eifersucht emporgehoben und hält eigenhändig das heutige angeredete Porträt des unbekannten Gustavischen Freundes vor sich hin und sagt:»Du könntest der Dritte sein«? Ja legt er nicht in der Begeisterung das Bild ins Gras, um mit der linken Hand Gustav zu fassen und mit der rechten auf ein Zimmer des neuen Schlosses zu deuten, und gesteht er nicht: »Hätt' ich auch in der rechten das, was ich liebe: so wären meine Hände, mein Herz und mein Himmel voll, und ich wollte sterben«? Und da man nur in der größten Liebe gegen einen Zweiten von der gegen einen Dritten sprechen kann: können wir unserem Amandus mehr ansinnen, der hier auf dem Berge seine Verliebung in Beaten bekennt? – –

Das Unglück war, daß sie eben selber heraufstieg, um am Sterbebette der Sonne zu stehen – noch schöner als die, die ihre Augenlust war – immer langsamer gehend, als wollte sie jeden Augenblick still stehen – mit einem Auge, das erst sah, nachdem sie es einigemal schnell auf- und zugezuckt – kein lebender europäischer Autor könnte Amandi Entzückung vormalen, wenn es dabei geblieben wäre; – aber ihr kleines Erstaunen über die zwei Gäste des Berges floß plötzlich in das über den dritten auf dem Grase über. Eine hastige Bewegung gab ihr das brüderliche Bild, und sie sagte, unwillkürlich zu Amandus gekehrt. »Meines Bruders Porträt! Endlich find' ichs doch!« – Aber sie konnte nicht vorbeigehen, ohne aus jenem weiblichen feinen Gefühl, das in solchen Manual-Akten zehn Bogen durchhat, ehe wir das erste Blatt gelesen, zu beiden zu sagen: »sie dankte ihnen, wenn sie das Bild gefunden hätten« – Amandus bückte sich tief und erboset, Gustav war weg, als stände sein Geist auf dem Berg Horeb und hier bloß der Leib – sie wandelte, als wär' es ihre Absicht gewesen, gerade über den Berg hinüber, mit den eignen Augen auf dem Bilde und mit den vier fremden auf ihrem Rücken....

»Jetzt sind ja deine fünf Tage heraus, und ohne deinen Meineid«, sagte Amandus erzürnet, und die hohe Oper des Sonnen-Untergangs rührte ihn nicht mehr; Gustaven hingegen rührte sie noch stärker; denn das Gefühl, Unrecht zu leiden, floß mit dem irrigen Gefühle, Unrecht angetan zu haben – zarte Seelen geben in solchen Fällen dem andern allzeit mehr Recht als sich –, in eine bittere Träne zusammen, und er konnte kein Wort sagen. Amandus, der sich jetzt über seine Versöhnung ärgerte, wurd' in seinem eifersüchtigen Verdachte noch dadurch befestigt, daß Gustav in der pragmatischen Relation, die er ihm von der Maußenbacher Avantüre gemacht, Beaten völlig ausgelassen; allein diese Auslassung hatte Gustav angebracht, weil ihn beim ganzen Vorfall gerade der Zarten Gegenwart am meisten schmerzte und weil vielleicht in seinem wärmsten Innersten eine Achtung für sie keimte, die zu zart und heilig war, um in der freien harten Luft des Gesprächs auszudauern. »Und sie war natürlich neulich mit in Maußenbach?« sagte der Eifersüchtige im fatalsten Tone. – »Ja!« aber so viel vermochte Gustav nicht beizufügen, daß sie da kein Wort mit ihm gesprochen. Dieses dennoch unerwartete Ja zerstückte auf einmal des Fragers Gesicht, der seinen Stumpf in die Höhe gehalten (falls die Hand wäre abgeschossen gewesen) und geschworen hätte: »es brauche weiter keines Beweises – Gustav halte Beaten sichtlich in seinem magnetischen Wirbel – schweig' er nicht jetzt? Ließ er ihr das Bildnis nicht sogleich? Wird sie, da sie die Kopien verwechselte, nicht auch die Originale verwechseln, da sie sich alle vier so gleichen u. s. w.?«

Amandus liebte sie und dachte, man lieb' ihn auch, und man merke, wo er hinauswolle. Er hatte Delikatesse genug in seinen eignen Handlungen, aber nicht genug in den Vermutungen, die er von fremden hegte. Er hatte nämlich oft an der medizinischen Seite seines Vaters die sieche Beata in Maußenbach besucht; er hatte von ihr jene freimütige Zutraulichkeit erfahren, die viele Mädchen in siechen Tagen immer äußern, oder in gesunden gegen Jünglinge, die ihnen tugendhaft und gleichgültig auf einmal vorkommen; das gute Partizipium in dus, Amandus, mutmaßte daher nach einigem Nachdenken, daß ein Brief, den Beata als ein Spezimen aus Rousseaus Heloise auf feinem Papier – auf grobes schreibt keine – verdolmetschet hatte und der an den seligen St. Preux geschrieben war, an das Partizipium selber gerichtet wäre. Mädchen sollten daher nichts vertieren; Amandus war in einen Liebhaber vertiert.

In Gustavs wogendem Kopf brach endlich die Nacht an, die außer ihm vortrat; Stürme und Mondschein waren in seiner nebeneinander, Freude und Trauer; er dachte an einen unschuldigen, vom Verdacht angefressenen Freund, an das eingebüßte Porträt, an die Schwester, mit der er einmal in seiner Kindheit gespielt hatte, an den unbekannten abgemalten Freund, der also der Bruder dieses schönen Wesens sei u. s. w. – Amandus brach einseitig auf; Gustav folgte ihm ungebeten, weil er heute nichts als verzeihen konnte. Noch unter dem Hinuntergehen rangen Haß und Freundschaft mit gleichen Kräften in Amandus, und erst ein Zufall war einem von beiden zum Siege vonnöten – der Haß errang ihn, und der Auxiliar-Zufall war, daß Gustav parallel an Amandus' Seite ging. Gustav hätte voraus- (oder höchstens hintennach-)schleichen sollen, zumal mit seiner freundschaftlich gebeugten Seele: so hätte die Freundschaft vermittelst seines Rückens gesiegt, weil ein Menschenrücken durch den Schein von Abwesenheit mehr Mitleiden und weniger Haß mitteilt als Gesicht, Brust und Bauch.... Man kann die Menschen gar nicht oft genug von hinten sehen

Ihr Bücherleser! keift nicht mit dem armen Amandus, der sein morsches Leben verkeift. Ihr solltet nur nachsehen, wie in einem Nervenschwächling der Sitz der Seele ist, verteufelt hart, ausgepolstert mit keinen drei Rindhaaren, einschneidend wie eine Schlittenpritsche; kurz alle mir bekannte Ich sitzen weicher – – Dennoch wird mein Mitleiden gegen den wunden Schelm durch ganz andre Dinge als durch seine harte steinige Zirbeldrüse der Seele erregt: es sind Dinge, die den Leser weich machen würden und zu denen ich mich trotz meines Austunkens nur leider noch nicht habe hinzuschreiben vermocht! –

Überhaupt versteck' ichs vergeblich, wie sehr es meiner Historie noch mangelt an wahrem Mord und Totschlag, Pestilenz und teuerer Zeit und an der Pathologie der Litanei. Ich und der Bücherverleiher finden hier das ganze weiche Publikum im Laden, das aufpasset und schon das weiße Schnupftuch – dieses sentimentalische Haarseil – heraushat und das Seinige beweinen will und abwischen und doch bringt keiner von uns viel Rührendes und Totes... Von der andern Seite bleibt mir wieder die besondere Not, daß das deutsche Publikum seinen Kopf aufsetzt und sich nicht von mir ängstigen lassen will; denn es bauet darauf, ich könne als bloßer platter Lebensbeschreiber es zu keinem Morde treiben, ohne welchen doch nichts zu machen ist. Aber ist denn nur der Romanen-Fabrikant mit dem Blut- und Königsbann beliehen, und ist nur sein Druckpapier ein Greveplatz? – Wahrhaftig Zeitungschreiber, die keine Romane schreiben, haben doch von jeher eingetunkt und niedergemacht, was sie wollten, und mehr, als rekrutieret war – Geschichtschreiber ferner, diese Großkreuze unter den gedachten Kleinkreuzen (denn aus 100 Zeitung-Annalisten extrahier' ich höchstens einen Geschichtschreiber als Absud), sind fortgefahren und haben so viel umgebracht, als der Plan ihrer historischen Einleitungen, ihrer Abrégés, ihrer Kaiserhistorien und Reichsgeschichten durchaus erforderte.... Kurz ich bin nicht zu entschuldigen, wenn ich hier gar nichts tot und interessant mache; und ich erschlage am Ende aus Not einen oder ein paar Lakaien, die noch dazu außer Scheerau kein Henker kennt.

Ich fahre aber in meiner Geschichte fort und rücke aus des Pestilenziarius Nouvelle à la main folgenden Artikel in meine für mehre Weltteile geschriebene Nouvelle à la main herein:

»Es bestätigt sich aus Maußenbach, daß der dasige Bediente Robisch Todes verfahren ist wie seine Mäuse. Sein Tod hat zwei medizinische Schulen gestiftet, wovon die eine verficht, sein Sekten stiftender Tod komme von zu vielem Prügeln, und die andre, vielmehr von zu wenigem Essen.«

Es ist nicht ein Wort daran wahr; der Mensch hat zwar Striemen und Appetit, lebt aber noch dato, und der Zeitungartikel ist erst seit einer Minute von mir selber gemacht worden. Das kühne Publikum ziehe sich aber daraus auf immer die Witzigung, daß es keinen Lebensbeschreiber reize und aufbringe, weil auch der durch die Kelchvergiftung seines Dintenfasses und durch das Rattenpulver seiner Streusandbüchse Robische und Fürsten und jeden umwerfen und auf den Gottesacker treiben könne; es lerne daraus, daß ein rechtschaffenes Publikum stets unter dem Lesen beben und fragen müsse: »Wie wirds dem armen Narren (oder der armen Närrin) ergehen im nächsten Sektor?« – –

 << Kapitel 35  Kapitel 37 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.