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Die unsichtbare Loge

Jean Paul Richter: Die unsichtbare Loge - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleDie unsichtbare Loge
pages7-469
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1793
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Achtzehnter Sektor

Scheerauische Molukken – Röper – Beata – offizinelle Weiberkleider – Oefel

Ich würde närrisch handeln und schreiben, wenn ich – da uns alle, Leser sowohl als Einwohner dieser Biographie, Scheerau so nahe angeht; da Gustav, der Held, dahin als Kadett kommt; da ich, der Hofmeister, daraus komme; da Fenk, der Doktor, noch daselbst ist und da Fenk in dieser Geschichte noch wichtig werden kann – drei Papiere von Dr. Fenk trotz aller dieser Gründe nicht einrückte. Die Rede ist von zwei Zeitungsartikeln und einem Brief, die der Pestilenziar geschrieben.

Ich weiß gewiß, daß es einigen hohen Fremden, die durch die scheerauischen höhern Zirkel gereiset, bekannt ist, daß der Doktor eine Zeitung schreibt, die nicht gedruckt wird, nämlich eine geschriebne Gazette oder Nouvelles à la main, wie mehre Residenzstädte sie haben. Dörfer haben gedruckte Neuigkeiten, kleine Städte mündliche, Residenzstädte schriftliche. Das Papier ist Fenks Marforio und Pasquino, der seine satirischen Arzneien austeilt.

Seinen ersten Zeitungartikel flecht' ich ein, schon bloß des Journals für Deutschland wegen. Dieses so platte und so wortreiche Journal – denn sonst wär' es weder von noch für Deutschland geschrieben – rückte eine gute Abhandlung von mir nicht ein, die ich über den außerordentlichen Handelflor in Scheerau eingeschickt, weil vielleicht keine Regierung in Deutschland weniger bekannt ist als die scheerauische. Wahrhaftig man sollte denken, dieses Fürstentum verstecke sich wie ein Walfisch unter die Eisrinde der Polarmeere, so unbekannt sind die wichtigem Nachrichten von ihm; z. B. solche wie die, daß wir Scheerauer seit der neuen Regierung den ganzen ostindischen Handel und die Molukken an uns gezogen, von denen wir jetzo unsere Gewürze selber holen, welche letzte die Regierung eigenhändig dazu aus Amsterdam verschreibt. – – Aber das steht ja eben im ersten Zeitungsartikel.

Nro. 16

Gewürzinseln und Molukken in Scheerau

Der Brandenburger Weiher bei Baireuth ist ein ausgegrabner Landsee von 500 Tagwerken, und vor einigen Monaten saß ich eine Stunde darin; denn man trocknet ihn jetzt zum Besten seiner bleichen Küstenbewohner aus. Der scheerauische Weiher, an dem vier Regenten weitergraben ließen, hat 129 Tagwerke mehr und ist für Deutschland wichtig: denn durch seine aërostatischen Dünste wird er so gut wie das Mittelländische Meer das Wetter in Deutschland ändern, sobald der Wind über beide geht. Die Ebbe und Flut muß genau genommen sogar auf einer Träne oder im Saufnäpfchen eines Zeisigs stattfinden, wie viel mehr auf einem solchen Wasser: – die Diözes von Inseln, die diesen Teich so putzt und furniert, z. B. Banda, Sumatra, Zeylon und das schöne Amboina, die großen und kleinen Molukken, traten erst unter der jetzigen Regierung aus dem Wasser – oder vielmehr ins Wasser. Herrn Buffon, wenn er noch lebte, und andre Naturforscher müßt' es frappieren, daß die Inseln auf dem Scheerauischen Ozean nicht durch Auftürmungen von Korallen entstanden – auch nicht durch Erdbeben, die den Dromedar-Rücken des Meergrundes aus dem Wasser aufkrümmten – selber durch keinen Vulkan in der Nähe, der diese Berge ins Wasser hineingesäet hätte; denn Sumatra, die großen und die kleinen Molukken wurden bloß in kleinen Partien auf unzähligen Schubkarren und Leiterwagen an die Küsten herbeigeschoben – und weil auf den Karren Steine, Sand, Erde und alle Ingredienzien einer hübschen Insel waren, so brachten die Fronbauern, landesherrliche sowohl als ritterschaftliche, die ebenso viele (Tabak-) rauchende und Inseln bildende Vulkane waren, in kurzem die Molukken fertig, indes die ritterschaftlichen Brücken über landesherrliche Wasser noch nicht angefangen sind. Die Absicht des Landesherrn ist, den ganzen ostindischen Handel bei Asien in Scheerau so bei der Hand zu haben wie eine Rappémühle – und ich denke, wir haben ihn; nur mit dem Unterschiede, daß die scheerauischen Gewürzinseln noch besser sind als die holländischen. Auf den letzten muß man erst das Reifen des Pfeffers, der Muskatnüsse etc. abpassen; aber auf unsern liegt schon alles reif und trocken da, und man darfs nur ans Essen reiben: das macht, weil wir alle diese Früchte schon ganz zeitig aus – Amsterdam verschreiben. Es ist nämlich so:

»Entweder alles oder nichts ist ein Regale. Der Rechtskundige kann es nicht billigen, daß die Fürsten, wiewohl sie die kostbarsten, aber seltensten Produkte zu ihren Regalien erheben, gleichwohl die gemeinen, aber desto ergiebigern in den Händen der Landeskinder lassen und dadurch den Fiskus schwächen. Der Jurist findet bei den südasiatischen Fürsten, so despotisch sie sonst sind, mehre Folgerichtigkeit, welche nicht das Wild, oder Salz, oder Bernstein, oder Perlen, sondern das ganze Land und den ganzen Handel nehmen und beide bloß jährlich verpachten. Die deutschen Fürsten haben hiezu größere Befugnis als alle andre; denn alle europäische Reiche haben indische Besitzungen, haben ein Neu-England, Neu-Frankreich, Neu-Holland; aber ein Neu-Deutschland hat das Alt-Deutschland nicht, und das einzige Land, welches ein Fürst noch wegzunehmen hat, ist sein eignes, man müßte denn aus Polen oder der Türkei ein Neu-Österreich, Neu-Preußen etc. zu machen wissen.

Allein dieses sah bisher kein Regent als der scheerauische ein, der diese Grundsätze seinem geheimen Kabinette vorlegte, aber schon vor dem Abstimmen seinen Entschluß gefasset hatte: daß nun die Leute alles Gewürz bei ihm nehmen sollten. Er selber schafft nun, gleich der Natur, auf seinen Molukken die Gewürze, die sein Land isset, indem er sich durch den Kommerzien-Agenten von Röper den Samen dieser Gewürze – Pfeffer-Körner, Nüsse etc., aber nicht zum Pflanzen, sondern zum Kochen – aus Amsterdam spedieren lässet. Daher umschnüret (weil die Molukken bei der Gewürz-Defraudation litten) ein Pfeffer- und Zimt-Kordon von Kadetten und Husaren das Land; niemand könnte eine Muskatnuß einschwärzen als die Muskattaube in ihrem dicken Gedärm. Alles, was meine scheerauische Leser aus den Läden nehmen, der Kaufladen mag einem großen Hause gehören, das mehr Schiffe und Reisediener auf den Beinen erhält als ich Setzer, oder er mag von einem armen Höker gemietet sein, dessen Schilderung mich schon dauert, dessen Strazza eine Schiefertafel ist und dessen Kapitalbuch eine schmierige Stubentür und dessen Kaufmannsgüter nicht zu Schiffe, sondern als Landfracht unter dem Arme oder auf der Achse, d. h. an einem Stocke auf der Achsel gebracht werden – in beiden Fällen käuet der scheerauische Leser Erzeugnisse aus Molukken, die vor seiner Nase sind. –

Einer, der dergleichen beurteilen kann, fället nachher dem Gewürz-Inspektor von Herzen bei, welcher im scheerauischen Intelligenzblatte schreibt, 1) daß jetzt das Land Pfeffer und Ingwer um niedrigern Preis erhalten könnte, weil bloß der Fiskus imstande wäre, sie in größern, mithin in wohlfeilern Partien zu beziehen – 2) daß der Regent jetzt vermögend sei, diese Leckereien, die unsern Beutel über Indien leeren, unter allen Deutschen zuerst den Scheerauern abzugewöhnen, indem er bloß den Preis beträchtlich zu steigern brauchte – 3) und daß eine neue Dienerschaft ihr Brot hätte.

Ich brauch' es nicht zu verteidigen, daß unser Fürst – da die russische Kaiserin Dörfern das Stadtrecht gibt – Schutt-Hügeln das Inselrecht erteilt, oder daß er ihnen ostindische Namen schenkt, da jeder Tropf von Schiffer bei der größten Insel, die er noch dazu mehr entdeckt als macht, Patenstelle vertreten darf. Unser Sumatra ist über ¼ Quadratviertelstunde groß und hat hauptsächlich Pfeffer – die Insel Java ist noch größer, aber noch nicht fertig – auf Banda, das dreimal so groß als der Konzertsaal ist, liefert die Natur Muskatnüsse, auf Amboina Gewürznelken – auf Teidor steht ein artiges Landhaus eines bekannten Scheerauers (des Doktors hier selber) – die kleinen Molukken, die in den Weiher hineinpunktiert sind, kann ich samt ihren Produkten in die Westentasche stecken, sie haben aber ihr Gutes. – Wer noch in keiner Seestadt, in keinem Hafen war: der kann hieher in den Scheerauer reisen und selber nachmittags ein Zeuge davon werden, was in unsern Tagen der Handel ist, den die verbundnen Hände aller Völker heben – hier kann er sich einen Begriff von Kauffahrteiflotten machen, von denen er so viel, aber nur blind gelesen und die er hier wirklich über unsere Teich segeln sieht – er kann die sogenannte Gewürzflotte des Herrn Kommerzien-Agenten von Röper sehen, die gleich einem hitzigen Klima die nötigen Gewürze, die er verschrieben, unter alle Inseln austeilt – er kann auch auf arme Teufel stoßen, die auf ein wenig Floßholz sich aus Ostindien die wenigen Kaufmannsgüter abholen, die sie kreuzerweise absetzen – am Hafen und Ufer, wo er selber steht, kann er bemerken, was der Küstenhandel ist, den da sogenannte Fratschler-Weiber mit Pfeffer- und Welschen-Nüssen im kleinen treiben.«

Ende von Nro. 16

 

Das zweite Stück der Fenkischen Zeitung ist eine Schilderung eben dieses Kommerzien-Agenten von Röper ohne seinen Namen. Wenn der Leser diese Abschweifung gelesen hat: so wird er sagen, es war gar keine.

Nro. 21

Ein unvollkommner Charakter, so für Romanenschreiber im Zeitungkomptoir zu verkaufen steht

Im Roman gefallen wie in der Welt keine vollkommen-gute Menschen; aber auch auf der andern Seite wird einer weder Lesern noch Nebenmenschen gefallen, der ganz und gar ein Schelm ist – bloß halb oder dreiviertel muß ers sein, wie alles in der großen Welt, Lob und Zote und Wahrheit und Lüge.

Im Zeitungkomptoir steht ein halber Schelm und wird allen Romanschreibern im Scheerauischen um das wenige, was sie dafür geben können, verkäuflich erlassen. Ich versichere die Herrn Schreiber, daß ich etwa nicht die Unvollkommenheiten dieses Schelms übertreibe, um ihn teuerer abzusetzen; der Inhaber nimmt den Schelm wieder zurück, wenn er nicht Bosheit genug hat.

Dieser unvollkommne Charakter wurde im Kirchenstaat gezeugt und an der Grenze von Unter-Italien geboren; und kaufte sich, nach seiner Taufe und Mündigkeit, Hecheln und Mausfallen. Die wenigsten Deutschen wissen, daß sie die Italiener, bei denen dieser Handelzweig blühet, reich auskaufen. Unser Charakter schwang sich bald von einem Hechel-Kommissionär zu einem Hechel-Associé empor; er verfertigte die Mausfallen, die er aus Italien bezog, in Deutschland, und die Mauslöcher waren sein Ophir und die Flachsfelder seine Münzstädte. Die Hechel, die er vor dem Einkauf seines Adeldiploms an gegenwärtigen Tiermaler verkaufte, schlug er ihm für sechstehalb Gulden los.

Er muß schon vor seiner Geburt in der andern Welt in einem großen Hause gehandelt haben; denn er brachte eine Kaufmann-Seele schon fertig mit. Es war nicht klug von mir, daß ichs nicht eher erzählet habe, daß er als Knabe von neun Jahren in seiner Blatterkrankheit einen kleinen Kaufladen aufsperrte und mit dem Pockengifte feil hielt, das man aus seiner Apotheke, nämlich von seinem Körper nahm zum Einimpfen. Er gab keine Blatter umsonst her, sondern verlangte sein Geld dafür und sagte, er sei ein Pocken-Sämereihändler, aber noch ein junger Anfänger. Diesen Handel mit eigner Manufaktur legt' ihm bald der Arzt und die Natur, und der Doktor sagte, er sei so teuer wie ein Apotheker. Daher wollt' er sogar selber einer werden.

Er wurd' auch einer, aber nach dem mecklenburgischen Idiotikon; denn in diesem heißet jeder Materialladen eine Apotheke. Nämlich in Unterscheerau änderte er die Religion und den Nährzweig und bauete sich einen Laden, der bloß für Käufer Hechel und Mausfalle war. Hier hielt er sich einen Ladenjungen, ein Küchenmensch, einen Friseur, einen Barbier und einen Vorleser des Morgensegens – alle diese Personen machten nur eine Person aus, seine eigne; diese war und tat wie ein Ensoph alles.

Da bei unserem Schelm als einem unvollkommnen Charakter Tugenden in Fehler vererzt sein müssen – ich würd' ihn sonst keinem Roman-Bauherrn antragen –: so nehme man mirs nicht übel, daß ich auch seine weiße Seite neben seine schwarze bringe, wie man auf böheimischen Tafeln immer weiße und schwarze Gerichte nebeneinander stellet.

Er ging damals Sonntags aus seinem Laden bei aller erlaubter Sparsamkeit doch gut gekleidet heraus. Seinen Hut, seine Ringfinger und seine Weste bordierte echtes Gold; seinen Magen und seine Waden spann der Seidenwurm ein und seinen Rücken das englische Schaf. Es ist ganz der menschlichen Bosheit gemäß, das Verschwendung zu nennen, was hier seltene verheimlichte Wohltätigkeit war; alles, was der unvollkommne Charakter anhatte, waren – Pfänder; denn um die Leute vom Verpfänden abzubringen, drohte er jedem, jedes Pfand, worauf er leihe, würd' er so lange anziehen, als es bei ihm stände. Auf diese Art hielt er manchen ab, und die Kleidung dessen, bei welchem menschenfreundliches Warnen nichts verfing, legte er wirklich Sonntags nach dem Essen an. Es war daher weniger Mangel an Geschmack als an Geiz und Härte, daß er an sich, so wie mehre Dienst-Personen, so auch mehre Kleider vereinigte und so bunt aufschritt wie ein Regenbogen oder wie eine Kleidermotte, die sich von Tuch zu Tuch durchfrißt.

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