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Die unsichtbare Loge

Jean Paul Richter: Die unsichtbare Loge - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleDie unsichtbare Loge
pages7-469
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1793
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Extrablatt

Warum ich meinem Gustav Witz und verdorbne Autores zulasse und klassische verbiete, ich meine griechische und römische?

Ich muß vorher mit drei Worten oder Seiten beweisen, daß und warum das Studium der Alten niedersinkeDiese Bemerkung über den Verfall hat seit 20 Jahren, wenn nicht in Frankreich, doch in Deutschland viel von ihrer Ausdehnung verloren. und daß es zweitens wenig verschlage.

Wir sind bekanntlich jetzt aus den philologischen Jahrhunderten heraus, wo nichts als die lateinische Sprache an Altären, auf Kanzeln, auf dem Papier und im Kopfe war und wo sie alle gelehrte Schlafröcke und Schlafmützen von Irland bis Sizilien in einen Bund zusammenknüpfte, wo sie die Staatsprache und oft die Gesellschaftsprache der Großen ausmachte, wo man kein Gelehrter sein konnte, ohne ein Inventarium alles römischen und griechischen Hausrats und einen Küchen- und Waschzettel dieser klassischen Leute im Kopfe zu führen. Jetzt ist unser Latein Deutsch gegen das eines Camerarius, ders also nicht nötig gehabt hätte, seinen schmalkaldischen Krieg griechisch abzufassen; jetzo wird selten eine Predigt lateinisch, geschweige wie sonst griechisch geschrieben und kann also nicht wie sonst ins Lateinische sondern bloß ins Deutsche übersetzt werden. In unsern Tagen drängt keine Frau mehr ihren eingepuderten infulierten Kopf durch das klassische enge Kummet, wenns nicht Hermes' Töchter tun. Dieses war meinem Leser noch eher bekannt als mir, weil ich jünger bin – so wie uns beiden auch das jetzige bessere Kommentieren, Rezensieren und Übersetzen der Alten bekannt genug ist. Nur wuchs mit dem Werte ihrer Verehrer nicht die Zahl dieser Verehrer; alle andre Wissenschaften teilen sich jetzt in eine Universalmonarchie über alle Leser; aber die Alten sitzen mit ihren wenigen philologischen Lehnleuten einsam auf einem S. Marino-Felsen. Es gibt jetzo nichts als Vielwisser, die alles gelesen haben, nur die Alten nicht.

Der Geschmack am Geiste der Alten muß sich so gut abstumpfen als der an ihrer Sprache. Ich behaupte nicht, daß man in den klassischen Papageien-Jahrhunderten diesen Geist besser fühlte als jetzo; denn Vossius hing am Lukan, Lipsius am Seneka, Kasaubon am Persius; ich sage nicht, daß damals ein Faust, eine Iphigenie, eine Messiade, ein Damokles geschrieben wurden wie jetzt. Allein ich rede vom jetzigen Geschmack des Volks, nicht des Genies.

Wenn der Geist der Alten in ihrem geraden festen Gang zum Zweck bestand, in ihrem Hasse des doppelten dreifachen Manschetten-Schmucks, in einer gewissen kindlichen Aufrichtigkeit: so muß es uns immer leichter werden, diesen Geist zu fühlen, und immer schwerer, ihn in unsre Werke zu hauchen; mit jedem Jahrhundert müssen in unserm Stile die Ein-, Über- und Rücksichten mit unserm Lernen schimmernd wachsen; die Fülle unserer Komposition muß ihre Ründe verwehren; wir putzen den Putz an, binden den Einband ein und ziehen ein Überkleid über das Überkleid; wir müssen den weißen Sonnenstrahl der Wahrheit, da er uns nicht mehr zum ersten Male trifft, in Farben zersetzen, und anstatt daß die Alten mit Worten und Gedanken freigebig waren, sind wir mit beiden sparsam. Gleichwohl ists besser, ein Instrument von sechs Oktaven zu sein, dessen Töne leicht unrein und ineinander klingen, als ein Monochord, dessen einzige Saite sich schwerer verstimmt; und es wäre ebenso schlimm, wenn jeder, als wenn niemand wie Monboddo schriebe.

Mit unserer Unfruchtbarkeit an Werken im alten Stil nimmt zugleich der Geschmack für diese Werke zu. Die Alten fühlten den Wert der Alten – nicht; und ihre Einfachheit wird bloß von denen genossen, von denen sie nicht erreicht werden, von uns. Ich denke, aus diesem Grunde: die griechische Einfachheit ist von der der Morgenländer, Wilden und KinderIn der Erzählung des Kindes ist die nämliche Verschmähung des Putzes, der Seitenblicke und der Kürze, dieselbe Naivetät, die uns oft Laune zu sein scheint und keine ist, und dasselbe Vergessen des Erzählers über die Erzählung, wie in den Erzählungen der Bibel, der ältern Griechen etc. nur durch das höhere Talent verschieden, womit das heitere griechische Klima jene Simplizität auszeichnete. Das ist die angeborne, nicht erworbene. Die künstliche erworbene Einfachheit ist eine Wirkung der Kultur und des Geschmacks; die Menschen des 18ten Jahrhunderts waten erst durch Sümpfe und Gießbäche zu dieser Alpen-Quelle hinauf; wer aber droben bei ihr ist, verlässet sie nie mehr, und nur Völker, nicht einzelne können von Monboddos Geschmack zu Balzacs seinem herabfallen. Dieser erworbne Geschmack, den das junge Genie immer antastet und das bejahrte meistens bekennt, muß von Messe zu Messe durch die Übung an allem Schönen bei Einzelwesen empfindlicher und schärfer werden: die Völker selber aber verlieren sich jedes Jahrhundert weiter von den Grazien weg, die sich, wie die homerischen Götter, in Wolken verstecken. Die Alten konnten mithin die natürliche Einfachheit ihrer Hervorbringungen so wenig empfinden, als das Kind oder der Wilde die der seinigen. Die reinen einfachen Sitten und Wendungen eines Älplers oder Tirolers bewundert weder der eigne Besitzer, noch sein Landsmann, sondern der gebildete Hof, der sie nicht erreichen kann; und wenn die römischen Großen sich am Spielen nackter Kinder labten, mit denen sie ihre Zimmer putzten: so hatten die Großen, aber nicht die Kinder die Labung und den Geschmack. Die Alten schrieben also mit einem unwillkürlichen Geschmack, ohne damit zu lesen – wie die jetzigen genievollen Autoren, z. B. Hamann, mit weit mehr Geschmack lesen als schreiben – daher jene Speckgeschwülste und Hitzblattern an den sonst gesunden Kindern eines Plato, Äschylus, sogar eines Cicero; daher beklatschten die Athener keine Redner mehr als die Antithesen-Drechsler und die Römer die Wortspieler. Zur übermäßigen Bewunderung Shakespeares fehlte ihnen nichts als Shakespeare selber. Eben deswegen konnten diese Völker, wie das Kind, von der natürlichen Einfachheit zum gleißenden, lackierten Witzeln heruntergehen.

Zweitens versprach ich auf drei Seiten zu behaupten, daß die Vernachlässigung der Alten wenig schade. Denn was nutzet denn ihre Bearbeitung? Sie werden wie die Tugend weit weniger gefühlt und genossen, als man sagtWas die Neuern im Geschmack der Alten schreiben, wird wenig verstanden; und die Alten selber sollen so häufig verstanden werden?. Das Vergnügen an ihnen ist die richtigste Neuner-Probe des besten Geschmacks; aber dieser beste Geschmack setzt eine solche geistige Aufschließung für alle Arten von Schönheiten, ein solches Rein- und Schönmaß aller innern Kräfte voraus, daß nicht bloß Home Geschmack unvereinbar mit einem bösen Herzen findet, sondern auch daß ich nächst dem Genie, das ihn nach Entladung seiner geistigen Vollsaftigkeit immer bekommt, nichts Seltners kenne als ihn, den vollendeten Geschmack. O ihr Konrektoren und Gymnasiarchen, die ihr über die Devalvation der Alten winselt und greint, wenn sie noch Augen hätten, sie würden über euere Valvation weinen! – O es gehören andre Herzen und Seelenflügel (nicht bloße Lungenflügel) dazu, als in euren pädagogischen Rümpfen stecken, um einzusehen, warum die Alten Plato den Göttlichen nannten, warum Sophokles groß und die Anthologen edel sind! Die Alten waren Menschen, keine Gelehrten; was seid ihr? Und was holt ihr aus ihnen?...

Copiam vocabulorum – In mittlern Jahrhunderten war auch jeder kleine Nutzen der Alten ein großer; aber jetzt im 18ten, wo alle Völker gradus ad parnassum in den Musen-Granit eingehauen, kommt es auf zwei Treppen mehr oder weniger nicht an. Haben denn die jetzigen Nationen nichts im alten Geschmacke geschrieben? – Wär' es so: so würden ohnehin Muster, die sich in keinen Ebenbildern vervielfältigt haben, leicht zu entraten sein; es ist aber nicht einmal so, und die Omarsche Verbrennung aller Alten könnte uns nur ein wenig mehr entreißen, als wenn man den ganzen noch stehenden Herbstflor von einigen griechischen Tempeln und andern Ruinen umbräche: wir würden doch noch Häuser im griechischen Geschmack bekommen. Die Muster haben ja selber ohne Muster geschrieben, und Polyklets Bildsäule wurde nach keiner Polyklets Bildsäule geregelt. Trotz dem Studium der geschriebenen Antiken lag sonst in Deutschland und liegt noch in Italien die dichtende Schöpferkraft auf dem Siechbett.

Wer wie Heyne die alten Sprachen zur formalen Ausbildung der Seele dingen will: der vergisset, daß jede Sprache es kann, und daß eine unähnlichere, wie die orientalischen, es noch besser kann, und daß diese Ausbildung uns zuweilen so teuer zu stehen kommt als manchem Baron sein Französisches. Die Griechen und Römer wurden Griechen und Römer ohne die formale Bildung von griechischen und lateinischen Autoren – sie wurden es durch Regierung und Klima.

Es ist ein Unglück für das Schönste, was der menschliche Geist geboren hat, daß dieses Schönste unter den Händen der Primaner, Sekundaner und Tertianer zerrieben wird – daß das Scholarchat glauben kann, die bessere Ausgabe oder die besseren Nominal- und Real-Erklärungen setzten die jungen Gymnasiasten mehr instand, die erhabenen klassischen Ruinen zu fassen, als eine bessere von Druckfehlern gesäuberte Ausgabe des Shakespeares und die beigefügten Novellen nebst den Noten einen Schulmann oder Franzosen instand setzen würden, die Augen vor diesem englischen Genius aufzuschließen – daß sonach das Scholarchat sich einbildet, einen Hämling oder Täufling erhalte nichts kalt gegen die Reize einer Kleopatra als die Hüllen dieser Reize – und daß die Scholarchate nicht mir und der Natur nachgehenFühlen denn alle Deutsche die Messiade, die der deutschen Sprache und biblischen Geschichte kundig sind?. – –

Die Natur erzieht nämlich unsern Geschmack durch vorragend Schönheiten für feinere; der Jüngling zieht den Witz der Empfindung vor, den Bombast dem Verstand, den Lukan dem Virgil, die Franzosen den Alten. Im Grunde hat dieser minderjährige Geschmack nicht darin unrecht, daß er gewisse niedere Schönheiten stärker empfindet als wir, sondern daß er die damit verbundnen Flecken und höhere Reize schwächer empfindet als wir alle; denn wir würden nur desto vollkommner sein, wenn wir zugleich mit dem jetzigen Gefühl für das griechische Epigramm das verlorne Jugend-Entzücken über das französische verknüpfen könnten. Man sollte also den Jüngling sich an diesen Leckereien, wie der Zuckerbäcker seinen Lehrjungen an andern, so lange sättigen lassen, bis er sich daran überdrüssig und für höhere Kost hungrig genossen hätte; – jetzo aber übersetzt er sich umgekehrt an den Alten satt und bildet und reizet damit seinen Geschmack für die Neuern. In unserer Autoren-Welt erscheinen die traurigen Folgen davon, daß Scholarchate den Anfang mit dem Ende machen und von Schriftstellern, die bloß dem zartesten besten Geschmacke die letzte Ründe geben, den gymnasiastischen aus dem Groben wollen hauen lassen und so weder der Natur folgen noch mir.

Die Scholarchate besorgen freilich, »dadurch käme unter die jungen Leute mehr Witz, als schicklich ist, wenn man den Seneka, Epigrammen und verdorbne Autores lese«. Meine erste Antwort ist, daß die Konstitution des Deutschen robust und gesund genug ist, um dem Fleckfieber des Witzes weniger ausgesetzt zu sein als andre Völker. Z. B. das witzige Buch »Über die Ehe« oder Hamanns Schriften machen wir durch tausend reine Werke wieder gut, wo der Witz nicht darin ist. Ich habe daher oft gedacht, so wie der Deutsche von seinen Vorzügen wenig weiß, so weiß er auch von dem nichts, daß er nicht überflüssigen Witz hat, obgleich die Rezensenten mir und den Verfassern der Romane diesen Überfluß oft genug vorwerfen. Aber ich und diese Verfasser verlangen unparteiische Richter hierüber; sogar diese sonst unbedeutenden Rezensenten selber sind hierin einem Seneka und Rousseau, die beide den witzigen Stil verdammten, bekämpften und doch haschten, zu ihrem Ruhm so wenig ähnlich, daß sie den Fehler des Witzes strenge an andern rügen und glücklich selber vermeiden.

Meine zweite Antwort ist tiefer: eh' der Körper des Menschen entwickelt ist, schadet ihm jede künstliche Entwicklung der Seele; philosophische Anstrengung des Verstandes, dichterische der Phantasie zerrütten die junge Kraft selber und andre dazu. Bloß die Entwicklung des Witzes, an die man bei Kindern so selten denkt, ist die unschädlichste – weil er nur in leichten flüchtigen Anstrengungen arbeitet; – die nützlichste – weil er das neue Ideen-Räderwerk immer schneller zu gehen zwingt – weil er durch Erfinden Liebe und Herrschaft über die Ideen gibt – weil fremder und eigner uns in diesen frühen Jahren am meisten mit seinem Glanze entzückt. Warum haben wir so wenig Erfinder und so viele Gelehrte, in deren Köpfen lauter unbewegliche Güter liegen und die Begriffe jeder Wissenschaft klubweise auseinandergesperrt in Kartausen wohnen, so daß, wenn der Mann über eine Wissenschaft schreibt, er sich auf nichts besinnt, was er in der andern weiß? – Bloß weil man die Kinder mehr Ideen als die Handhabung der Ideen lehrt und weil ihre Gedanken in der Schule so unbeweglich fixiert sein sollen wie ihr Steiß.

Man sollte Schlözers Hand in der Geschichte auch in andern Wissenschaften nachahmen. Ich gewöhnte meinem Gustav an, die Ähnlichkeiten aus entlegnen Wissenschaften anzuhören, zu verstehen und dadurch selber zu erfinden. Z. B. alles Große oder Wichtige bewegt sich langsam: also gehen gar nicht die orientalischen Fürsten – der Dalai Lama – die Sonne – der Seekrabben; weise Griechen gingen (nach Winckelmann) langsam – ferner tut es das Stundenrad – der Ozean – die Wolken bei schönem Wetter. – Oder: im Winter gehen Menschen, die Erde und Pendule schneller. – Oder: verhehlt wurde der Name Jehovas – der orientalischen Fürsten – Roms und dessen Schutzgottes – die sibyllinischen Bücher – die erste altchristliche Bibel – die katholische – der Vedam etc. Es ist unbeschreiblich, welche Gelenkigkeit aller Ideen dadurch in die Kinderköpfe kommt. Freilich müssen die Kenntnisse schon vorher da sein, die man mischen will. Aber genug! der Pedant versteht und billigt mich nicht; und der bessere Lehrer sagt eben: genug!

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