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Die unsichtbare Loge

Jean Paul Richter: Die unsichtbare Loge - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleDie unsichtbare Loge
pages7-469
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1793
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Funfzehnter Sektor oder Ausschnitt

Der funfzehnte Sektor oder Ausschnitt

Vor der Abreise gab ich allen, besonders der Residentin von Bouse, die geborgten Musikalien zurück; und dieser, die mir so viel aus Italien geliehen, lieh ich noch etwas Bessers aus Deutschland, meine Schwester Philippine nämlich: diese soll da die kleine Tochter der Residentin bilden helfen; aber sie wird unter den zarten Fingern einer solchen talentvollen Dame selber mehr gebildet werden, als sie bildet. Möge sie da nur nie ihr rasches, zitterhaftes, scherzendes und doch fehlendes Herz zu einem koketten umsetzen! Möge sie ihrer Laura (eben der Tochter der Residentin) das Joch der koketten Erziehung lüften, da das arme Kind beständig unter der Glasglocke des Fensters schmachtet, den Leib unter der Bettdecke in 4 Lot Fischbein einkeilt, die Händchen auch wieder nachts in die Handschuh-Hülsen sperret und das Köpfchen mit einem Blei an Haaren rückwärts gewöhnt. Bekanntlich lebt die Mutter, die Residentin, eine halbe Stunde von der Stadt zu Marienhof, im sogenannten neuen Schloß, das mit einem alten zusammenstößet, welches, glaub' ich, vermietet ist.

..... Aber zu meinem Gefolge in dieser Lebensbeschreibung stoßen mit jedem Bogen, seh' ich, mehr Leute und machen mir das Lenken und Schwenken sauerer. Ich wollte lieber, ich wär' ein Reichstand und hätte Millionen zu regieren – und einzunehmen – als hier dieses fatale Menschen-Siebeneck, das mit Mühe in die rechten Ausschnitte zu treiben ist und worunter ich selber der widerhaarigste bin. Denn mir, als bloßem Lebensbeschreiber, stehen weder Reichskammergericht noch Exekutiontruppen gegen mein Siebeneck bei; wär' ich aber ein Reichstand, so täten sie schon manches – versprechen.

Unsern Abschiedwagen in Scheerau umgab die lustige Kälte des Professors – das arbeitsam Geschrei seiner Stoikerin – das zärtliche Lächeln des Pestilenziarius mit Iltisschwänzen – das gute Herz seines Söhnchens, das kaum mit Lügen von Gustav abzuschneiden war – und meine dankbaren Erinnerungen an unsichtbare Stunden, an geliebte Menschen und an alle meine Schülerinnen – – O daß doch der Mensch hier so viel vergehen sieht, eh' er selber vergeht.

Unterweges weinte Gustav im Wagen immerfort in unsere Gedankenstille hinein; aber der Alte, dem doch selber das Herz so leicht zerläuft, wurde endlich darüber toll und sagte zu mir: »Ich sehe immer mehr, daß mir ihn der Herrnhuter« (er meinte den Genius) »zu einer Milchsuppe eingerührt hat; und wenn Sie ihn nicht, Herr Hofmeister, ein bißchen kernhaft machen, so wird einmal ein weinerlicher Soldat herauskommen, der kaum zu einem Feldprediger taugt; denn auch der muß manchmal sich auf einen Kernfluch verstehen.« –

Den Herrnhuter brachte er im Kopfe nach dem Städtchen Issig, als folgendes Selbgespräch vor unserem Wagen vorbeiging: »Ich bin ein Esel und ein rechter Spitzbube von Hause aus, ich elender Schlingel. O ich Racker allzumal und verflucht-bekannter alter Höllenbrand! Sollte man mich denn nicht entzweisägen und braten, mich Teufel, mich Matz und Vieh!« sagte ein Schulknabe, den alle Schulkameraden umliefen und beklatschten. »Er spricht«, sagte mein Prinzipal, »wie eine herrnhutische Bestie, die sich heruntersetzt, um jeden andern noch mehr herabzusetzen.« Aber nicht im geringsten; ein armer Teufel wars, der Hunger hatte und Humor, und für welchen die ganze Schule Brotkrumen und Äpfel zusammengeschossen hatte, wenn er ihr den Gefallen täte und auf sich entsetzlich schimpfte....

– – Schönes Auenthal! dein Schnee ist schon weg? –

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