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Die unsichtbare Loge

Jean Paul Richter: Die unsichtbare Loge - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleDie unsichtbare Loge
pages7-469
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1793
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Zwölfter Sektor

Konzert – der Held bekommt einen Hofmeister von Ton

Ich habe mich in einen neuen Ausschnitt begeben, weil ich darin dem Leser eine neue Person zu präsentieren habe – den Hofmeister meines Helden.

Ich brauche keinen Menschen daran zu erinnern, daß der Rittmeister ein so närrisches, bald zu gefügiges, bald zu sprödes, moralisierendes, mutloses Ding, als ein Informator ist, in Scheerau suchte, damit sein Kind zu gleicher Zeit mit dem Lande einen Regenten bekäme. Nun hatt' er eine Pate da, welche advozierte, musizierte, badinierte, lorgnierte und Welt hatte; aber er hatte nicht den Mut, ihr in einem Pädagogium, dessen Schuljugend auf einen Mann belief, die Lehrstelle anzutragen. Ich will es nur heraussagen, daß ich selber diese Pate und diese neue Person bin; aber es wird meiner Bescheidenheit mehr zustatten kommen, wenn ich mich in einem Sektor, wo ich so viel zu meinem Lobe vorbringen muß, aus der ersten Person in die dritte umsetze und bloß sage Pate, nicht ich.

Diese Pate blies im Unterscheerauer Konzert, um mit der Flöte in die Sphärenstimme eines sehr jungen Fräuleins von Röper zu spielen, dessen Kehle sich oft kaum von der Flöte scheiden ließ. Die ganze Seele dieses Mädchens ist ein Nachtigallton unter Blütenüberhang; der Leib desselben ist eine fallende himmelreine Schneeflocke, die nur im Äther dauert und auf dem Kot des Bodens zerläuft. Dem Flötenisten fiel während den Pausen ein schönes, in phantasierende Aufmerksamkeit verlornes Kind in die Augen und auf das Herz: Gustav wars. Der erste Blick nach der Begleitung war auf die Nachbarschaft des Kindes, um den Eigner desselben zu finden – der erste Schritt, den die Pate tat, war zur andern Pate, zum Rittmeister, dessen Freundschaft mit mir bekannt genug ist. Das männliche Geschlecht ist glücklicher und neidloser als das weibliche, weil jenes imstande ist, zweierlei Schönheiten mit ganzer Seele zu fassen, männliche und weibliche; hingegen die Weiber lieben meistens nur die eines fremden Geschlechts. Ich hab' aber vielleicht zu viel Enthusiasmus für die erhabne männliche Schönheit, so wie für poetische Schwärmerei, ungeachtet ich wenigstens letzte selber nicht habe. Aus Gustav wirkte die doppelte Zauberei auf mich, ich vergaß alle Zauberinnen des Konzerts über den Zauberer; aber ich ward am Ende traurig, daß ich dem Schönen mehr Blicke als Worte abzuschmeicheln vermochte. Auf das Konzert gab ich, gleich andern Zuhörern, ohnehin nur so lange acht, als ich selber ein Mitarbeiter war oder als eine meiner Schülerinnen spielte; denn die Scheerauer Konzerte sind bloß in Musik gesetzte Stadtgespräche und prosaische Melodramen, worin die Sesselreden der Zuhörer wie gedruckter Text unter der Komposition hinspringen. Übrigens unterzeichnen wir auf unsere Konzerte mehr unserer Kinder als unserer selber wegen; die musikalische Schuljugend bekommt darin einen Tanz- und Tummelplatz ihrer Finger, und von meinen artistischen Katechumenen kantschuet wöchentlich wenigstens einer den Flügel. Ich frische die Eltern dazu an und sage, in einem solchen Konzertsaal lernen die Kleinen Takt, weil da nicht nur genug, sondern auch überflüssig Takt ist, indem jeder dasige Musikoffiziant seinen eignen originellen pfeift, hackt, streicht, stampft, den erstlich kein anderer neben ihm pfeift, hackt, streicht, stampft und den er zweitens selber von Minute zu Minute umbessert. »Und wenn auch das nicht wäre,« sag' ich, »so ist doch wahrer musikalischer Ausdruck im Überfluß da; jeder drückt darin seine Empfindungen, die der Verlegenheit, des Erstarrens, auf seinem Instrumente aus; und Bachs Regel, Dissonanzen stark und Konsonanzen schwach vorzutragen, weiß in einem Saale jeder, wo die Konsonanzen so sanft eingeschmolzen werden, daß man fast keine hört und nur die Dissonanzen zu vernehmen meint.«

Am andern Morgen flog ich unfrisiert zum Rittmeister und – da ich den guten Kleinen um keinen niedern Preis erhalten konnte – brachte ihn ganz ans erste Ziel seiner Reise hinan, nämlich das, einen Hofmeister mitzubekommen. Man muß nicht denken, daß ich Informator geworden, um Lebensbeschreiber zu werden, d.h. um pfiffigerweise in meinen Gustav alles hineinzuerziehen, was ich aus ihm wieder ins Buch herauszuschreiben trachtete; denn ich brauchte es erstlich ja nur wie ein Romanen-Manufakturist mir bloß zu ersinnen und andern vorzulegen; aber zweitens damals wurde an eine Lebensbeschreibung gar nicht gedacht.

Mir ist weit weniger daran gelegen, meine scheerauischen Verhältnisse bekannt zu sehen, als der Welt; denn ich kenne sie schon. Aber die Welt nicht. Ich formierte eine Dreieinigkeit von Personen da: ich war Klaviermeister, Rechtskonsulent und Weltmann. Drei närrische Rollen! – Ich studierte in der Stadt, die sonst die größten Juristen und jetzo die kleinsten Hunde liefert, in Bologna, zwei ganz entgegengesetzte Lieferungen, wie Paris sonst die Universität aller europäischen Theologen war, jetzo der Philosophen. In Paris war ich auch, hätte auch da ein geschickter Parlamentsadvokat werden können; ich wollt' aber nicht und nahm nichts daraus mit (so wie aus Bologna und aus einigen deutschen Reichsstädten) als die schwarze juristische Kleidung, die ihren Grund hat; denn da unsere Klienten uns ernähren und bezahlen und mehr Recht und Not als Geld behalten: so trauern wir Patronen um sie schwarz; hingegen bei den Römern legten die Klienten, die mehr bekamen als gaben, für den Patronus, wenn es ihm schlimm erging, Trauerkleider an.

Zweitens war ich Klaviermeister, aber vielleicht kein gesetzter; denn ich verliebte mich im ersten Quartal in alle meine Schülerinnen (für Schüler dankte ich) und richtete mich nach meinen Stunden mit meinen Empfindungen. Ich hegte wahre Zärtlichkeit, erstlich gegen eine Dame von Rang, die ich nie kompromittieren werde – zweitens gegen ihre Schwester, eine Äbtissin, weil sie Generalbaß bei mir lernte – drittens gegen *** – viertens gegen die Hofkaplänin, die zwar hektisch, aber geschmackvoll ist und die eher zu viel als zu wenig Zieraten an (nicht auf) dem Klaviere liebte und es auf das schönste wichste, überzog und aufstellte – fünftens in die Residentin von Bouse, die gar nicht einmal die Sache weiß und an deren Hüften und Reizen ich ordentlich vor Bewunderung dumm wurde, bis ich zum Glück ihre allgemeine Koketterie und ihre Untreue gegen ihren Inkognito-Liebhaber verspürte – sechstens in den ganzen Scheerauer Hof, wo ich nach dem Recht der toten Hand den Empfang einer lebendigen Hand, die eine Schülerin der meinigen werden wollte, für eine Investitur zum ganzen Herzen und Vermögen ansah – siebentens sogar in ein wahres Kind, in Beata (die obgedachte Tochter von Röper), für welche ich alle Wochen einmal bei schlechtem Wetter und ebenso schlechtem Honorar aufs Land lief und bei der an gar nichts anders zu denken war als an Liebe – kurz in alles, in Laubknospen, Blütknospen, Blüten und Früchte verschießet sich ein Mensch, der ein Klaviermeister ist.

Nun kommt der Weltmann. Ich kann mich zwar meinen Lesern (wovon ich mir die Volkmenge und richtigere Tabellen wünschte) nicht persönlich zeigen; aber die Scheerauer, denen dieses Blatt vorkommt, werden hier aufgefordert, ihre Gedanken zu sagen und abzuurteln, ob ein Mann, der der großen Welt täglich drei Klavierstunden gibt, mehr ihr Lehrer als ihr Schüler ist. Anstand, Gang, geschmackvoller Anzug, Attitüden, steilrechte, waagrechte und quere, sind zwar nicht die geforderten Vorzüge des Autors, obwohl des feinen Gesellschafters, und können nicht gedruckt werden; aber ich verfechte nur so viel: bloß an einem Hofe lernt mans, zumal bei einigem Einfluß, und wenn man mitspielt, es sei am L'hombretisch oder am KlaviertischIch meine ein in die Gestalt eines Tisches verstecktes Klavier., der, wie manche Brust am Hofe, unter der stummen Holzplatte ein holdes Saitenspiel verbirgt. Wenn man freilich wieder in seinem Museum auf- und abgeht, unter großen Büchern und großen Männern, begleitet von der ganzen republikanischen Vergangenheit, emporgerichtet zur tiefen Perspektive der unendlichen Welt hinter dem Grabe: so verachtet selber der Inhaber seine Konchylien-Vorzüge; er fragt sich: gibt es nichts Bessers als über seinen Körper (anstatt über Leidenschaften) Herr zu sein und ihn so leicht zu tragen wie nach den drei ersten Gläsern Champagner – seinen Ton in den allgemeinen Ton hineinzustimmen, weil an Höfen und Klavieren keine Taste über die andre hinausklingen darf – auf dem dünnen schaukelnden Brette der weiblichen Launen so fliegend wegzueilen, daß unsere Tritte die Schwankungen bloß begleiten – schön zu tanzen und zu gehen, soweit es mit einem langen Bein tunlich ist (denn freilich wenn ein Klaviermeister mit einem Kurzbein zu kämpfen hat: so mag der Henker auf beiden so zierlich aufstehen wie der Prinz von Artois) – kurz allen Verstand zu Narrheit zu sublimieren, alle Wahrheiten zu Einfällen, alle Kraftgefühle zu pantomimischen Nachäffungen? – – Nichts Bessers, fragt der Läufer im Museum, gibt es? –

– Etwas viel Bessers gibts: ein Informator zu werden in Auenthal bei so einem Himmel-Kinde, wie Gustav ist, und den ganzen Spuk drucken zu lassen. –

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