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Die unsichtbare Loge

Jean Paul Richter: Die unsichtbare Loge - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleDie unsichtbare Loge
pages7-469
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1793
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Neunter Sektor

Eingeweide ohne Leib – Scheerau

Nicht bloß Lügner und L'hombrespieler, sondern auch Romanenleser müssen ein gutes Gedächtnis haben, um die ersten 10 oder 12 Sektores gleichsam als Deklinationen und Konjugationen auswendig zu lernen, weil sie ohne diese nicht im Exponieren fortkommen. Bei mir steht kein Zug umsonst da; in meinem Buche und in meinem Leib hängen Stücke Milz; aber der Nutzen dieses Eingeweides wird schon noch herausgebracht. – Da ein Romanschreiber wie ein Hofmann bloß darauf hinarbeiten muß, daß er seinen Freund und Helden stürze und in geladene Gewitter führe: so bild' ich seit einem Quartale am Himmel hie ein graues Wölkchen, das schwindet, dort eines, das zerläuft; aber wenn ich endlich alle Zellen des Horizonts unsichtbar elektrisiert habe: fass' ich den ganzen Teufel in ein Donnerwetter zusammen – nach dem Abdruck von 14 Bogen kann der Setzer das Krachen schon hören und setzen. – – Im Grunde ist freilich kein Wort wahr; aber da andre Autoren ihre Romane gern für Lebensbeschreibungen ausgeben: so wird es mir verstattet sein, zuweilen meiner Lebensbeschreibung den Schein eines Romans anzustreichen.

Das Kind gab statt seiner Geschichte bloß die Klagen über seine Geschichte. Es schien über sieben Jahre alt, akzentuierte das Deutsche italienisch, und sein kränklich zarter, blaßroter Körper legte sich um seine Seele, wie ein bleiches Rosenblatt um das Würmchen darin. Sein Vater hieß Doktor Zoppo, kam aus Pavia, botanisierte sich aus Italien nach Deutschland und ließ die Kleinen unterwegs gelbe Blumen reißen. Der blinde Amandus wollte in diesem Walde auch Kräuter pflücken; aber die teuflische Augenärztin traf ihn, half ihm gelbe Blumen finden und lockte ihn damit so tief in den Wald hinein, daß sie ihm Kleider und Augen rauben konnte.

Gustav fragte ihn jede Minute, ob er noch nicht sähe, schenkte ihm sein Morgenbrot, damit er nicht mehr weinen sollte, und konnte seine Blindheit, da seine Augen so offen waren, nicht begreifen. Im nächsten Landstädtchen ließ sich Falkenberg rasieren und Amandus verbinden. Ich sah einmal auf der letzten Station vor Leipzig eine so reizende Querbinde über der Stirn und dem Auge eines Mädchens, daß ich wünschte, meine Frau würde von Zeit zu Zeit dorthin geritzt, weil es nett ausfällt; hingegen Amandus' Verband über zwei Augen machte ihn zu einem Kinde des Jammers.

Da Amandus in besserer Einkleidung und mit der traurigen Binde im Wagen saß: konnte Gustav gar nicht zu weinen aufhören und wollte ihm seinen Matz herauslangen und schenken; denn nicht die Größe, sondern die Gestalt des Leidens bestimmt das Mitleiden.

Wenige Menschen, die nach Scheerau fahren, werden das närrische Glück haben, daß ihnen zwei Stunden davor ein einsamer Magen ohne den Pertinenz-Menschen aufstößet; Falkenberg und seine Leute und Pferde hatten dieses Glück. Es kam angefahren der Magen, das dünne und dicke Gedärm, die Leber, worin die Fürsten ihre Galle sieden, die Lunge, deren Luftbläschen die fürstliche Gallenblase sind, wie die Luftröhre der Gallengang derselben ist, und das Herz; aber kein Leichnam kam mit; denn der Leichnam, der regierender Herr von Scheerau war, lag schon in der Erbgruft. Dieser ganze Magen verdaute so viel wie sein Gewissen, nämlich ganze Hufen Landes; und besser als sein dünner Kopf, dem Wahrheiten und Gravamina eine schwere Speise waren; die papinianische Magenmaschine blieb noch im Alter feurig, als schon alles andre kindisch war. Er ritt, kurz vor seinem Tode, stundenlang einen – Kammerherrn, den er wohl leiden konnte; gleichwohl schob er wie ein ganz Verständiger den Teller und das Glas weg, wenn nicht der alte rechte Inhalt in beiden war. Hinter dem Eingeweidesarge – dem Reliquienkästchen des Unterleibes – fuhren der Obristküchenmeister, einige Beiköche, der Hofkellereiadjunkt und noch größere Glieder des Hofetats – z. B. der Medizinalrat Fenk. Dieser und Falkenberg bemerkten einander nicht. Letzter stieß heute auf lauter Seltenheiten, auf den Doktor, den er in Italien, und den Fürsten, den er noch auf der Erde suchte. Die gekrönten insolventen Eingeweide, die ihm auf diese Weise das Geld nicht zahlten, verwickelten ihn nun mit dem Kronerben in ein Gläubigergefecht.

Der Leichenzug des fürstlichen Gedärms ging in die Abtei Hopf, wo das Erbbegräbnis derer fürstlichen Glieder war, die – wenn dem Plato ein Wort zu glauben ist – wahres Vieh sind und mit denen der Mensch, er überschnüre sie mit Ordenbändern oder Tragriemen, allemal seine Höllennot hat. Ich will der Darmkapsel nur drei Schritte nachziehen, weil der Medizinalrat jetzo – nach seiner lustigen Sitte, an allen Orten, in Theater- und Kirchenlogen und Gasthöfen, nur in seinem Museum nicht, zu schreiben – in der Begräbniskirche der Eingeweide seine Schreibtafel aufwickelte und Sachen hineinschrieb, die wahrhaftig so lauten: »Da Fürsten sich an mehren Orten auf einmal beerdigen lassen, wie sie auch so leben, so möcht' ichs auch – allein nicht anders als so: mein Magen müßte in die Episkopalkirche beigesetzt werden – meine Leber mit ihrer bittern Blase in eine Hofkirche – das dicke Gedärm in ein jüdisches Bethaus – die Lungenflügel in eine Simultan- oder doch Universitätkirche – das Herz in die triumphierende, und die Milz in ein Filial. Wenn ich aber erster Leichenprediger eines gekrönten Unterleibes wäre: so hätt' ich einen andern Gang; ich nähme den Schlund zum Eingange der – Trauerrede und den Blinddarm zum Beschluß! Und könnt' ich nicht in den drei Teilen der Predigt die drei Konkavitäten durchgehen, darin die edlern Teile des Körpers flüchtig berühren und endlich auf den letzten Wegen desselben mich weinend und preisend aus dem Staube machen? Denn so scherzt man hienieden.« Es gibt einen poetischen Wahnsinn, aber auch einen humoristischen, den Sterne hatte; aber nur Leser von vollendetem Geschmack halten höchste Anspannung nicht für Überspannung.

Der Falkenbergische Reisezug kam in Scheerau abends an, abends, der schönsten Zeit, um anzulangen, daher so viele abends in der andern Welt anlangen. Gustav schien schon dort gewesen zu sein, während seiner Entführung. Da aber von meinen Lesern die wenigsten der Schönheit wegen nach Scheerau sind entführt worden und sie also die Stadt nicht kennen: so soll sie ihnen der zehnte Ausschnitt vorzeigen.

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