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Die unsichtbare Loge

Jean Paul Richter: Die unsichtbare Loge - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleDie unsichtbare Loge
pages7-469
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1793
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Siebenter Sektor oder Ausschnitt

Robisch – der Star – Lamm statt der obigen Katze

Nach einer solchen Entführung schränkte man Gustavs Spieltheater und Lustlager ganz auf den Wall des Schlosses ein; in die wogende Flur und ins Dörfchen Auenthal, das wohl eine 1/17 deutsche Meile davon ablag, durft' er nur hinein – sehen. Dieses blumige Empor-Eiland umkreisete er den ganzen Tag, um jeden roten Käfer niederzuschlagen, jedes marmorierte Schneckenhäuschen von seinem Blatte abzudrehen und überhaupt alles, was auf sechs Füßen zappelte, einzufangen in seinem eignen Kerker. Auf Kosten seiner unerfahrnen Finger unternahm er anfangs auch die Biene an ihrem Hinterleibe aus ihrem Freudenkelche zu ziehen. Die bunten Arrestanten drängte er nun – wie Fürsten alle Menschenklassen in eine Hauptstadt – sämtlich in einen schönen Salomons-Tempel oder in eine Silberschlag-Noachitische Arche von Pappendeckel mit mehr Fenstern als Mauer zusammen. Der Baumeister dieses vierten salomonischen Tempels war nicht, wie bei dem ersten, der Teufel oder der Wurm LisNach den Rabbinen half der Teufel den Tempel mit bauen, und der Wurm nagte die Steine zurecht., sondern ein Mensch, der leicht beiden glich, der sogenannte Kammerjäger Robisch. Dieser Hintersasse des Rittmeisters besuchte jährlich die besten Zimmer und Gärten des ganzen Landes, um beide nicht sowohl von ihren schlimmsten als von ihren kleinsten Bewohnern zu säubern – von Mäusen und Maulwürfen. Ich will die Gelehrten-Republik eben nicht bereden, daß dieser Mausschächter so viele unterirdische Maulwürfe aus der Welt fortschickte, als jährlich schriftstellerische hineintreten, um sich auf die Hinterfüße zu setzen und dann mit den Vorderfüßen, die an beiden Maulwurfarten Menschenhänden gleichen, in den Buchläden und auf dem Leipziger Buchhändlermarkte ihre Erdhäufchen als kleine Musenberge aufzuwerfen; – inzwischen bezahlt wurde Robisch gerade so, als habe der Kammerjäger alles Ungeziefer verjagt. Denn die Leute glaubten, wenn man diesen Kelchvergifter der Nagetiere erbose und nicht bezahle: so mach' er Moses' Wunder nach und verdoppele durch dagelassene Kolonien das Ungeziefer, das man seinem Königs- und Blutbann entziehe. Ich will von dieser morastigen Seele, die sich nie meinem Gustav näher wälze, mich wegbegeben, wenn ich geschrieben habe, daß er oft im Falkenbergischen Hause war, daß er, wenn Fremde da waren, den Extra- und Kasualbedienten, und wenn Rekrutenwildpret zu fangen war, für den Rittmeister den Leithund machte, und daß er sich an den kleinen Gustav mit seinen Fabrikaten drängte. Ein solches Anhäkeln an Kinder ist ohne elterliche Kindlichkeit zweideutig. Kinder aber lieben Bediente besonders; und Gustav vollends, der schlechterdings auch später nicht vermochte, jemand zu hassen, den er in seiner Kindheit lieb gehabt; von allen Untaten, die Robisch an ihm verübt hätte, wäre gleichwohl das Band der Dankbarkeit für das elende Insektenstockhaus, das den Wall entvölkerte, nicht entzwei gegangen.

Was in der salomonischen Schloßkirche war und sumsete, sollte Zucker fressen, weil Kinder ihn für das Vortisch- und Nachtisch-Essen ansehen; und es wären die schönsten Inhaftaten verhungert, wenn nicht ihr Fronvogt, Gustav, vom Kammerjäger noch einen Starmatz zum Geschenk bekommen hätte; denn den Matz ließ er auch in das Pantheon hineinspringen, und der fraß alles, was nichts zu fressen hatte.... Wenn ich hier unter die Flügeldecken der Insekten und in den Schnabel des Matzes die nächsten Reflexionen und die kühnsten Winke versteckt habe: so hoff' ich, man finde sich in dergleichen schön.

Außer mir hatte wohl niemand Gustavs Namen so oft im Schnabel als der Star, der gleich Hofleuten nichts weiter im Kopfe hatte als ein nomen proprium. Der Kleine dachte, der Star denke und sei so gut ein Mensch wie Robisch und liebe ihn für alles; daher konnt' er sich nicht satt an ihm hören und lieben. Er konnte sich eben an nichts satt umarmen. Bloß lebendige Geschöpfe waren sein Spielzeug. Der Pachter hatte dazu noch ein schwarzes Lamm gesellt, das er mit einem roten Band und mit Brotrinden um den Wall herumlockte. Das Lamm mußte wie ein Dorfkomödiant alle Rollen machen, bald mußt' es der Genius, bald der Pudel sein, bald Gustav, bald Robisch. So spielte also unser Freund seine ersten Erdenrollen Solo und war zugleich Regisseur, Einbläser und Theaterdichter. Solche Komödien, die sich Kinder machen, sind tausendmal nützlicher als die, die sie spielen, und wären sie aus Weißes Schreibtisch: in unsern Tagen, wo ohnehin der ganze Mensch Figurant, seine Tugend Gastrolle und seine Empfindung lyrisches Gedicht wird, ist diese Verrenkung der armen Kinderseelen vollends gefährlich. Indes ist es zuweilen auch nicht wahr: denn ich machte den vollständigen Filou bloß ein-, zwei- oder dreimal in meinem Leben, aber wirklich noch, eh' ich zum erstenmal gebeicht hatte.

Die Verordnung, die ihn nicht vom Schloßberg hinunterließ, unterschied sich von den Verordnungen unserer transzendenten Eltern, der Obrigkeit, dadurch rühmlich, daß sie erstlich der Partei bekannt gemacht, und zweitens daß sie wenigstens 14 Tage lang gehalten wurde. Gustav hätte für sein Leben gern sich und das Lamm vom Walle hinab an den Fuß des Berges getrieben. – Da nun der Rittmeister aus Quistorps peinlichen Beiträgen wußte, daß man an die Stelle der Verstrickung oder Konfination (Einsperrung auf den Wall) die Distrikt- oder Gebieträumung setzen kann: so diktierte er die letzte Strafe statt der ersten und sagte: »Kann man denn nicht das Lamm des Pachters Regel (Regina) mitgeben, solang sie da am Berge weidet? Meinetwegen kann der Junge mittreiben, wenn ich ihn nur immer im Gesicht behalte.« Ich muß es noch abwarten, was die Reichsritterschaft dazu sagen oder schreiben wird, daß ein Ehrenmitglied derselben, mein Held, nachmittags um 4 Uhr sich allemal eine lange Haselgerte abdrehte und damit ein Ochsenjunge wurde und neben der eilfjährigen Strößners Regina die Schaf- und Rindherde und das Lamm am Band mit solchem Stolze und mit solchen Jupiters-Augenbraunen austrieb, daß er leicht andeutete, er lenke den ganzen Stall und die Reichsritterschaft solle ihm nur jetzo kommen.

Nur im tausendjährigen Reiche gibt es solche Nachmittage, wie Gustav an der Anhöhe, gleichsam auf dem Schoße der Erde hatte. Mein Vater hätte mich in die Zeichenschule senden sollen: könnt' ich nicht jetzt die ganze Landschaft in meinem Farbenstrom statt im Dintenstrom auffangen und hinausspiegeln? Wahrhaftig ich könnte jedes Gebüsch mit dem hineinschlüpfenden Vogel dem Leser in die Augen zurückspiegeln, jede lippenfarbige Rotbeere der Felsen-Abdachung, jedes von Anflug überwachsene Schaf und jeden Baum, den das Eichhörnchen mit zerbröckelten Tannzapfen umsäete. Inzwischen gibt es Dinge, an denen wieder die Iltishaare des Pinsels vergeblich bürsten, die aber schön aus meinem Kiele rinnen – das auf Genüssen schwimmende Auge Gustavs schifft leicht hinüber und herüber zwischen dem Lamme, dem hellen Blumengrund mit der Schatten-Landspitze und zwischen dem Zauber-Gesichte Reginens und braucht nirgend wegzublicken.

Warum sagt' ich ein Zauber-Gesicht, da es ein alltägliches war? – weil mein kleiner Apollo und Schafhirt mit trinkenden Augen auf dieses Gesicht wie auf eine Blume flog. Unter einer Hirnschale wie seine, zu welcher den ganzen Tag die weiße Flamme der Phantasie, und kein blaues Branntewein-Flämmchen des Phlegma auffackelte, mußte jedes weibliche Gesicht mitvergüldeten Reizen in Götterfarbe und nicht in Totenfarbe dastehen. Alle Schönen hatten bei ihm den Vorteil noch, daß er sie nicht seit zehn Jahren, sondern seit zehn Tagen sah. Indessen ist das nicht seine erste Liebe, sondern nur ein Frühgottesdienst, ein Vorfest, ein Protevangelium irgendeiner ersten Liebe, mehr nicht.

Zwei ganze Wochen trieb er sein Lamm auf die Weide, eh' sein Mut so weit stieg, daß er – nicht sich neben ihr Strickzeug hinsetzte, dies überstieg Menschenkräfte, sondern nur daß er – das Schaf an seinem postillon d'amour festhielt, nicht um es zu Reginen hinzuziehen, sondern um selber von ihm hingezogen zu werden; denn die beste Liebe ist am blödesten, wie die schlimmste am kühnsten. Wie ein stillender Mond legte sich alsdann, wenn sie mehr in seinen Gedanken als in seinen Augen war, ihr Bild an seine träumende Seele, und so viel war ihm genug. – Sein zweites Mittel, ihr Akzessist zu werden, war der runde Schatten eines tiefer unten schwankenden Lindenbaums, hinter dem die Abendsonne wie hinter einem Jalousieladen sich zersplitterte. Mit diesem Schatten rutscht' er nun der Regina immer näher; unter dem Vorwand, als mied' er die eine Sonne, rückte er einer andern rötern zu. Von solchen kleinen Spitzbübereien läuft die Liebe über; sie werden aber alle erraten und alle verziehen; und sie werden oft mehr vom Instinkt als vom Bewußtsein eingegeben. Wenn freilich der Abend langsam aus dem Tal sich in die Höhe richtete – wenn die einschlummernde Natur in abgebrochenen Lauten des zu Bette gegangnen Vogels gleichsam noch ein paar Worte im halben Schlafe sagte – wenn das Glockenspiel am Halse der Herde, die unschuldige Blumen der Freude aus Wiesen pflückte, und der eintönige Guckguck und das verwirrte Abendgeräusch die Tasten der leisesten Saiten gedrückt hatten: so nahm sein Mut und seine Liebe um ein Namhaftes und nicht selten in dem Grade zu, daß er den Kuchen, den er für sie eingesteckt, öffentlich aus der Tasche holte und ohne Bedenken – ins Gras legte, um ihr wirklich den Antrag dieses Backwerks zumachen, sobald sie in der Dämmerung beim – Schloßtor auseinander mußten: hier stieß er ihr die Schenkung mit hastiger Verwirrung zu und sprang mit freudiger Beschämung davon. Gelang es ihm, ihr dieses Abendopfer zu insinuieren: so war jede Pulsader seines Arteriensystems ein entzückt klopfendes Herz (denn die Sprache und Freude seiner Liebe war Geben), und unter seiner Bettdecke pflanzte er die ganze Nacht kühne Plane auf morgen, die der Nachmittag-Glockenhammer mit vier Schlägen sämtlich – bis auf ihre Herz-Wurzel – in die Erde schlug. Sie tat immer das breite Halstuch ihrer Mutter um; daraus mußte sein Philosoph von Verstand ableiten, daß ihm später die großen Halstücher der Damen gefielen, die ich selber den vorigen Tändelschürzen des Halses vorziehe; aus dem nämlichen Grunde gefielen ihm wie mir auch breite Kopfbinden und breite Schürzen. Ich habe schon mit Philosophen L'hombre gespielt, die es umwandten und behaupteten, alles das gefalle ihm, nicht, weil das Zeug an der Schönheit (Reginens) war, sondern weil die Schönheit am Zeuge war.

Im Grunde schäm' ich mich, daß ich hier, während die zerrissendsten Bakkalaureen eintunken und den übrigen Bakkalaureen die feinsten Sponsalien von Königinnen und Marquisinnen ausmalen, meine Schreibmaterialien auf das Weiden und Verlieben zweier Kinder verwende. Beides lief bis in den Herbst hinein fort, und ich möchte es abschildern; aber, wie gesagt, die Scham vor den Bakkalaureen! – Und doch gönn' ich dir, winziger Träumer, so sehr diese weiße Sonnenseite deines Lebens an deinem Berge und dein Lamm und dein Auge! Und ich möchte so gern die Tage, die vor dir vorüberlaufen und deinen kleinen Schoß mit Blumen überlegen, zum Stehen bringen, damit der Leichenzug der bewaffneten Tage hinten halten müßte, die deinen Schoß entlauben können – dein Lusthölzchen lichten – dein Lamm stechen – deiner Regina Dienstgeld zur Magd geben!

Aber im Oktober fährt alles nach Unterscheerau; und die Kinder wissen noch nicht einmal, daß es Lippen und Küsse gibt!

O Wochen der vorersten Liebe! warum verachten wir euch mehr als unsre spätern Narrheiten? Ach an allen eueren sieben Tagen, die an euch wie sieben Minuten aussehen, waren wir unschuldig uneigennützig und voll Liebe. Ihr schönen Wochen! ihr seid Schmetterlinge, die aus einem unbekannten JahreDie Schmetterlinge im Frühling haben sich (durch das Zölibat) aus dem vorigen Jahre hergefristet; die im Herbst sind Kinder des gegenwärtigen Jahres. herüberlebten, um unserem Lebens-Frühlinge vorzuflattern! Ich wollte, ich dächte von euch noch so enthusiastisch wie sonst, von euch, wo weder Genuß noch Hoffnung an Grenzen stockten! – Du armer Mensch! wenn der zarte weiße, die ganze Natur überzaubernde Nebel deiner Kinderjahre herunter ist: so bleibst du doch nicht lange in deinem Sonnenlichte, sondern der gefallene Nebel kriecht wieder als dichtere Gewitterwolke unten rings am Blauen herauf, und am Jünglings-Mittage stehest du unter den Blitzen und Schlägen deiner Leidenschaften! – Und abends regnet dein zerschlitzter Himmel noch fort! –

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