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Gutenberg > Ferdinand Raimund >

Die unheilbringende Krone

Ferdinand Raimund: Die unheilbringende Krone - Kapitel 5
Quellenangabe
typedrama
booktitleRaimunds Werke III
authorFerdinand Raimund
yearca. 1905
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co.
addressBerlin, Leipzig, Wien, Stuttgart
titleDie unheilbringende Krone
pages5-6
created20020814
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1829
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Sechzehnte Szene.

Ewald (allein).
Wie fühlt ein Jüngling doppelt holder Liebe Wert,
Wenn er das Alter den Verlust betrauern hört.

Geschrei (von innen). Der Eber ist erlegt. Es leb' der große Held!

Ewald. Der Eber ist erlegt, des Landes borst'ge Plage. Da kömmt Simplizius, und voll Angst. Ist seine Wut verdampft?

 
Siebzehnte Szene.

Voriger. Simplizius.

Simplizius. Sind Sie da?

Ewald. Was bringen Sie, Simplizius?

Simplizius. Stellen Sie sich vor, ich hab' den Eber umgebracht.

Ewald. Sie? Nicht möglich.

Simplizius. Nun, sie sagen's alle.

Ewald. Alle? Wer?

Simplizius. Die Völkerschaften, die mir zugeschaut haben.

Ewald. Das ist ja ein ungeheures Schwein.

Simplizius. Versteht sich, ein größres als wir alle zwei.

Ewald. Das haben Sie nicht allein erlegt, da muß Ihnen wer geholfen haben.

Simplizius. Jetzt ist's recht, wenn einem einmal was g'rat, so sagen Sie, es muß einem einer g'holfen haben. Er hat ja nur einen Stich, das kann man ja doch gleich sehen.

Ewald. Wie ging es aber zu?

Simplizius. Ganz kurz, denn wer wird sich mit einem Eber in ein'n langen Diskurs einlassen? Sie wissen, daß heut große Jagd auf ihn veranstaltet war. Alles war versammelt drauß' beim grünen Baum, da kommt der Eber alle Tag' zum Frühstück hin. Alle Krieger waren voll Feuer, und in mir hat's gar schon gekocht. Aus einmal wird einer totenblaß und ruft: Der Eber kommt, jetzt rauft, rauft! Aber das Wort rauft muß in der hiesigen Sprach' eine andre Bedeutung haben und muß heißen lauft; denn kaum war das Wort heraus, so sind schon alle davong'loff'n. Kaum waren s' fort, wer kommt? Der Eber. Ich erseh' ihn kaum, so faßt mich eine Wut, ich stürz' mich auf ihn los und stich ihn auf der unrechten Seiten hinein und auf der rechten wieder heraus.

Ewald. Unerhört, und wie er fiel, was dann?

Simplizius. Dann bin ich auch davong'loff'n. Was weiter g'schehn ist, weiß ich nicht, vermutlich haben sie eine Schwein aufgehoben.

Ewald. Also nach der Tat haben Sie den Mut verloren?

Simplizius. Versteht sich, das ist ja eben das Großartige; vorher ist's keine Kunst. Kaum ist der Eber in seinem Blut dagelegen, ist er mir noch zwanzigmal größer vorg'kommen als vorher, so daß ich zu zittern ang'fangt hab', und hab' ihn nicht ansehn können mehr. Alles hat zwar g'schrien; Halt, verweil', du großer Held! Aber ich hab' mir gedacht, schreit ihr zu, solang ihr wollt, ich bin nicht der erste Held, der davon g'loff'n ist, und werd' auch nicht der letzte sein – und bin fort.

Geschrei (von innen). Heil dem größten aller Helden!

Simplizius. Hören S', sie schrein schon wieder. Gibt kein' Ruh', das Volk.

Ewald. Simplizius, Sie werden reichen Lohn erhalten.

Simplizius. Glauben S', daß was herausschaut? Ich werd' ihnen schon einen rechten Konto machen, was ich an Eberarbeit g'liefert hab'. Oder sie sollen mich nach dem Pfund bezahlen. Ich lass' ihn beim Wildbrethändler wägen, was er wägt, das wägt er. Punktum! (Aloe zeigt sich am Fenster.) Doch sagen Sie mir, wann werden wir denn einmal das Reich erretten, wenn immer etwas dazwischen kommt? Bald ein Erdbeben, bald ein Eber.

Ewald. Dafür lassen Sie die Götter sorgen, wir gehorchen nur. Sehen Sie doch nach jenem Fenster.

Simplizius. Ah, da schau' ich nicht hinauf.

Ewald. Warum denn nicht?

Simplizius. Weil eine Alte herausschaut.

Ewald. Freund, das ist mein Ideal, die muß mir heut noch als die größte Schönheit glänzen.

Simplizius. Die da? Nun, da dürfen S' schön politier'n, bis die zum glanzen anfangt.

Ewald. Das wird der Zauberschein der Fackel tun. Der König muß den Preis ihr reichen; drum stellen Sie als Ihren Freund mich bei ihm vor, damit er mir Gehör verstattet. Sehen Sie nur, dort nahen sich die Krieger im feierlichen Marsch, man suchet Sie.

Simplizius. Ah, sie sollen marschier'n, wohin sie wollen, ich brauch' sie nicht.

 
Achtzehnte Szene.

Vorige. Dardonius. Höflinge. Dazu Nimelot. Abukar. Astrachan. Olinar.

Chor (der Krieger, welche aus die Bühne ziehen).

Dank dem Helden, den die Götter
Mit des Löwen Mut gestählt.
Und den zu des Landes Retter,
Gnädig waltend sie erwählt.

(Sie bilden einen Kreis.)

Dardonius (in freudiger Begeisterung). Wo, sagt, wo ist meines Landes wunderbarer Retter?

Ein Höfling. Hier ist der edle Jüngling, hoher Fürst.

Simplizius (für sich). Meint der mich?

Olinar. Hat der den Eber erlegt?

Abukar. Wer hatte das gedacht?

Dardonius. Laß dich umarmen, Fremdling. (umarmt ihn.) Nimm des Königs Dank.

Simplizius. Ich bitt' recht sehr, machen Sie kein solches Aufsehn, es ist ja gar nicht der Müh' wert, wegen der Kleinigkeit da, wegen dem bissel Eber.

Dardonius. Also du hast dieses Ungetüm erlegt?

Simplizius. So schmeichl' ich mir.

Krieger. Wir waren alle Zeugen.

Dardonius. Heldenmütiger Mann, sieh hier des Dankes Tränen in den Augen meines Volkes.

(Die Höflinge weinen.)

Simplizius. Jetzt weinen die gar wegen einem Schwein, das ist mir unbegreiflich.

Dardonius. Götter, wie können in so schwach gebautem Körper solche Riesenkräfte wohnen?

Simplizius. Ja, das ist eben das Hasardspiel der Natur, daß ein Elefant in einer Nuß logiert.

Dardonius. Sprich, wie kann ich dich belohnen?

Simplizius. Ja, ich müßt' da erst einen Überschlag machen, das dauert zu lang', ich überlass' das Ganze der Indiskretion Euer Majestät, wir werden kein' Richter brauchen.

Dardonius (für sich). Dieses Mannes Ausdrücke versteh' ich nicht. (Laut.) Ihr Krieger, deren oft bewiesner Mut der Heldenstärke dieses Jünglings weichen muß, sagt selbst, verdient die Tat, daß sie ein Lorbeer lohnt?

Alle. Ja, sie verdient es.

Simplizius. Sapperment, ein'n Lorbeer geben s' mir gar dafür, da wär' mir schon eine Halbe Heuriger lieber.

Dardonius. Wohlan, so schmücket ihn damit.

(Die Krieger brechen einen Lorbeerzweig von den Bäumen und winden einen Kranz.)

Simplizius. Sie, Freund – (zu Ewald) soll ich denn das Gestrauchwerk annehmen? Das ist ja nicht zwei Groschen wert.

Ewald. Was für ein Gesträuch?

Simplizius. Ein' Lorbeer wollen s' mir geben, da wär' mir ein Spenat noch lieber. Mir scheint, sie wollen mich prellen, was?

Ewald. Was fällt Ihnen denn ein, ein Lorbeer ist die höchste Auszeichnung, nach der die größten Männer aller Zeiten je gerungen haben.

Simplizius. Nach dem Lorbeer? Nun der muß schön herunter kommen sein, jetzt nehmen sie ihn schon gar zum Lungenbratl.

Ewald. Lassen Sie sich doch belehren. Sie rauben ja der Menschheit ihren Adel.

Simplizius. Ist denn die Menschheit von Adel, das hab' ich auch nicht gewußt.

Ewald. O Vernunft, wie erhöht der Umgang mit den Tieren deinen Wert.

Dardonius. Habt ihr ihn bereitet?

Erster Höfling. Hier ist er. (Bringt den Kranz mit roten Beeren auf einem Schild.)

Simplizius. So ist's recht, nicht einmal in einer Sauce.

Dardonius. Nun beug' dein Knie, ich selber will dich krönen.

Simplizius (kniet). Das sind Umständ'.

Olinar. Ein unbarmherz'ges Glück.

Dardonius. In meinem und des ganzen Reiches Namen umwind' ich deine Heldenstirn' mit diesem Ehrenkranz.

Simplizius. Da bin ich versorgt auf mein Lebtag, wenigstens gehn mir die Fliegen nicht zu.

Dardonius. Wie heißest du?

Simplizius. Simplizius.

Dardonius. Das ganze Heer lobpreise diesen Namen.

Alle Krieger. Hoch leb' Simplizius, der Retter unsres Landes!

Dardonius. Steh auf, der Kranz ist dein.

Simplizius (steht auf). Die haben mich schön erwischt, das ist ein Undank! Ich muß aussehn, wie ein Felberbaum. (Beutelt den Kopf.)

Dardonius. Und damit du meines höchsten Dankes Wert erkennst, so sollst du Unterfeldherr sein.

Simplizius. O Spektakel, jetzt nehmen s' mich gar zum Militär. Unterfeldscherer muß ich werden.

Ewald. Der Mensch bringt mich zur Raserei.

Olinar. Das ist ein äußerst dummer Mensch.

Alle. Heil dir, Simplizius!

Höfling. Man bringt den Eber, hoher Fürst.

Simplizius. Was? Nun, den tät' ich mir noch ausbitten, da trifft mich gleich der Schlag.

 
Neunzehnte Szene.

Vorige. Sechs Krieger bringen einen ungeheuren Eber auf einer Trage, welche sie in die Mitte der Bühne setzen.

Ewald. Ein sehenswertes Tier.

Simplizius. Ich schau ihn g'wiß nicht an.

Dardonius. Bewundre deine Riesentat.

Simplizius. Ah, das ist schrecklich, er ist schon wieder g'wachsen. (Zu Ewald.) Das Tier nimmt gar kein End', schauen Sie ihn nur an, mir scheint, er rührt sich noch, er ist nicht tot.

Dardonius. Ergötze dich an deinem Sieg!

Simplizius. Sie, halten S' mich, mir wird nicht gut. Ich verlier' meinen Lorbeer noch aus Angst. Der packt mich an, er hat ein Aug' auf mich, sehen Sie ihn nur an.

Ewald. So fassen Sie sich doch.

Simplizius. Reden S' nur nicht vom Fassen, sonst ist er gleich da. Ich halt's nicht aus. (Schreit.) Euer Majestät, schaffen Euer Majestät den Eber fort.

Mehrere Höflinge. Wie, der König?

Simplizius. Da ist mir alles eins, wegen meiner die Königin. Nur fort mit ihm, es g'schieht ein Unglück sonst.

Dardonius. Was bebst du so?

Simplizius. Aus lauter Kraft, das ist der überflüss'ge Mut. Eine Lanzen! (Man reicht ihm eine Lanze – leise.) Daß ich mich halten kann, sonst fall' ich z'sammen. Fort mit ihm, nur fort, ich stech' ihn noch einmal z'sammen, den Sapperment, ich kenn' mich nicht vor Wut (beiseite) und vor Angst.

Dardonius. So bringt den Eber fort. (Für sich.) Der Mann ist mir ein Rätsel.

Olinar. Spricht so der Mut sich aus, dann bin ich auch ein Held.

Dardonius. Ihr seid gewiß, daß er, nur er, den Eber hat erlegt.

Die Krieger. Wir sind's.

Dardonius. Das ist mir unbegreiflich.

Simplizius (für sich). Mir schon lang.

Höfling (leise zum König). Er ist verstandlos und gemein.

Dardonius. Gleichviel. So lohnen wir die Tat, nicht den, der sie beging. Erhebet ihn und tragt ihn im Triumphe nach dem Tempel, dort schmückt ihn, wie die Sitte es erheischt. Leb' wohl, mein Held, ich folge bald.

(Die Krieger bilden mit ihren Schildern eine Treppe.)

Simplizius. Nein, was sie mir für eine Ehr' antun, zuerst tragen s' die Wildsau und nachher mich. – Da hinauf? Ah, das wird ein Triumph werden, wenn sie mich da herunterfallen lassen, da werd' ich auf meinen Lorbeern ruhn. (Steigt hinauf.)

Krieger. Es lebe Simplizius.

Simplizius. Jetzt heben s' mich auf einen Schild. Da heißt's beim grünen Kranz. Eine schöne Aussicht hat man da heroben. Nur Obacht geben, sonst heben wir noch was auf. (Der Marsch beginnt, man will ihn forttragen, er schreit.) He, Sapperment, ich hab' noch was vergessen. Halt, halt, die ganze Armee soll halten! (Man hält.) Euer Majestät, ich bitt', auf ein Wort.

Dardonius (tritt näher). Was verlangst du?

Simplizius (zu Ewald). Sie, kommen S' ein bissel her. Euer Majestät erlauben, daß ich Euer Majestät bei meinem Freund aufführ', er wünscht dero Bekanntschaft zu machen, und aus lauter Triumph hätt' ich bald drauf vergessen. Ha, ha, ha, empfehl' mich. (Zu den Kriegern.) Nur vorwärts mit dem Zug.

Chor (der Krieger).
        Dank dem Helden, den die Götter
Mit des Löwen Mut gestählt,
Und den zu des Landes Retter
Gnädig waltend sie erwählt.

(Alles ab, bis auf)

 
Zwanzigste Szene.

Dardonius. Höflinge. Ewald. Aloe entfernt sich vom Fenster.

Höflinge. Ein sonderbarer Mann, ganz unwert solcher Ehre.

Dardonius. Du bist des tapfern Mannes Freund?

Ewald (beiseite). Was soll ich sagen. (Laut.) Das bin ich, edler Fürst. (Für sich.) Die Schande drückt mich fast zu Boden, daß ich dieses dummen Menschen Freund sein muß.

Dardonius. Er ist ein Held, wie mir noch keiner vorgekommen ist, und hat dem Lande Wichtiges geleistet, drum magst auch du auf die Gewährung eines Wunsches rechnen.

Ewald. Es ist ein Wunsch, der sich mit dieses Landes Ehre wohl verträgt. Ich will dein Aug' auf deines Reiches höchste Schönheit lenken, die nur bis jetzt in stiller Abgeschiedenheit gelebt.

Dardonius. Bring' sie zum Fest, verdient sie den Preis, soll er ihr nicht entgehen, doch ungerecht darf ich nicht handeln.

Ewald. So kühn ist meine Bitte nicht. Nur magst du sie nicht selbst mit einem Kranz von Rosen schmücken, es müssen edle Frauen deines Landes ein Myrtendiadem auf ihren Scheitel drücken.

Dardonius. Es soll geschehn, find dich nur bald im Tempel ein, denn eh' noch Phöbus' Rosse aus Poseidons Fluten trinken, muß unser Fest beendet sein; damit die Nacht, die aller Schönheit Glanz verdunkelt, dem ruhmbeglückten Tag nicht seinen Sieg entreißt. (Geht ab, die Höflinge folgen.)

Ewald (allein). Es kränkt mein Herz, daß ich dich, edler König, täuschen muß, weil dir ein kühner Augenblick erschütternd zeigen wird, wie sechzig unbarmherz'ge Jahre der holden Schönheit Bild in Häßlichkeit verwandeln. (Geht ab, in Aloes Haus.)

 
Einundzwanzigste Szene.

(Vorhalle in Aloes Wohnung.)

(In der Mitte des Hintergrundes stützt ein breiter praktikabler Pfeiler das Gewölbe, sodaß sich dadurch zwei Öffnungen bilden, wovon der Eingang zur Rechten durch eine drei Schuh hohe Balustrade, welche von der Kulisse bis zum Mittelpfeiler reicht, geschlossen ist. In diese Halle, welche im Dunkel gemalt ist, führt eine Seitentür nach Atritiens Zimmer. Die Halle links ist licht, weil sich auf dieser Seite ein Fenster befindet.)

Aloe tritt ein.

Aloe (aus Atritiens Gemach kommend und in dasselbe zurückrufend). Bleib du im Gemache nur (verschließt die Tür), er darf dich nicht früher sprechen, bis ich mit meinen Reizen erst in Ordnung bin. Vielleicht verliebt er sich dann wie Pygmalion in sein eignes Werk und gibt dir einen Korb. Hier ist er schon, der holde Mann!

 
Zweiundzwanzigste Szene.

Vorige. Ewald.

Ewald. Nun, hier bin ich, schnell zum Werk. (Gebieterisch.) Bereitet Euch, um schön zu werden.

Aloe (pathetisch). Wer wäre dazu nicht bereitet, Erwartung spannt jede Faser, und Ungeduld zersprengt mir noch das Herz.

Ewald. Kniet Euch nieder, fleht die Götter an.

Aloe (kniet). Götter, die ihr tausend Himmel ausgeschmückt mit Schönheit habt, öffnet eure Vorratskammern und das Füllhorn ew'ger Jugend gießet auf mein Haupt herab! Alles will ich gern erdulden; Werft mich in des Ätna Krater, speit er mich nur schön heraus; laßt mich tief im Meere verschmachten, bis ich mich in Schaum auflöse und als Venus neu ersteh'; schenkt mir Millionen Muscheln, wo nur eine birgt die Schönheit, und ich will sie alle öffnen, bis ich auf die rechte komme. Götter, laßt euch doch erbitten; denn ich stehe nicht mehr auf. (Breitet die Hände aus.)

Ewald. Steht wieder auf, jetzt seid Ihr schön.

Aloe (steht schnell auf). Wollt Ihr mich zur Närrin machen, ich seh' ja nicht die mindeste Veränderung an mir.

Ewald. Weil es hier zu dunkel ist, laßt mich erst die Leuchte schwingen. (Er schwingt die Leuchte und stellt sie in einen Ring des Pfeilers, doch so, daß die Halle links beleuchtet wird, die andere dunkel bleibt. Augenblicklich verwandelt sich Aloe in ein junges reizendes, rosig gekleidetes griechisches Mädchen, mit weißen Rosen geziert.) Nun beseht Euch in dem Spiegel. (Er hält ihr einen Handspiegel vor, der auf einem Tischchen liegt.)

Aloe. Nein, unmöglich, Venus blickt aus diesem Glase. Schwört mir, daß ich's selber bin.

Ewald. Ja, Ihr seid's, mein Haupt dafür.

Aloe (plötzlich stolz). Nun, ihr Weiber, die die Welt, blind genug, für schön erklärt, wagt es, euch mit mir zu messen, Bettlerinnen seid ihr alle. Ha, so groß ist meine Freude, daß ich dich umarmen muß. (Küßt ihn.)

Ewald. Sie gefällt mir selbst beinah, doch mich kann sie nicht verführen, denn will ich meine Liebe dämpfen, so lösch' ich nur die Fackel aus.

Aloe (für sich). Ha, er scheint sich zu verlieben; doch er ist mir jetzt zu wenig; nun muß ein König kommen, wenn ich meine Hand verschenke.

Ewald. Bald straft sich dein Übermut. (Gezogen.) Hört mich, schöne Aloe.

Aloe (entzückt). Was verlangst du, holder Mann?

Ewald. Haltet nun auch Euer Wort, weil ich meines hab' erfüllt. Laßt Atritien mich sprechen. Ruft sie mir.

Aloe. Wartet nur, ich hab' sie fest verschlossen. Na, die wird vor Galle bersten, wenn sie meine Schönheit sieht. (Sie geht durch die lichte Öffnung des Bogens. Wie sie hinter den Pfeiler tritt, bleibt sie stehen und eine andere von gleicher Größe, gekleidet wie Aloe als Alte war, geht ohne Pause statt ihr zur Seitentür in der dunkeln Halle, schließt sie auf und geht hinein. Wie sie die Tür ausschließt, spricht:)

Ewald (lachend). Ha, ha, nun ist sie wieder alt, weil sie die Fackel nicht bescheint.

Aloe (stürzt aus dem Gemache, wie sie zu dem Pfeiler kommt, wechseln die Gestalten). Wie geht das zu, daß mich Atritia nicht bewundert?

Ewald (für sich). Das glaub' ich gern. (Laut.) Ihr irrt Euch ja. (Ruft.) Atritia, komm heraus!

Atritia (aus dem Gemach, eilt auf Ewald zu, ohne Aloe zu achten). Ich komme. Es ist seine Stimme, sag' Fremdling, ist es wahr, soll ich dein Weibchen werden?

Ewald. So ist's, doch sieh dich um.

Atritia. Ah, Himmel, was erblick' ich. Das ist die Göttin Venus selbst. (Fällt auf die Knie.) Nein, solche Schönheit hab' ich noch nie gesehen.

Aloe (triumphierend). O Labsal, Honig für den Stolz. Da kniet sie jetzt, die mich so oft verlacht.

Atritia (hält die Hände zusammen). Große Göttin, steh uns bei.

Ewald. Steh auf, es ist nur deine Muhme.

Atritia. Was sprichst du da? Die Muhme?

Ewald. Sie ist's, ich hab' sie so verschönert.

Atritia (steht auf). Die alte häßliche Aloe? Nicht möglich!

Aloe (bricht los). Du ungezogenes Kind, du wagst es, mein ehemaliges Ich häßlich zu nennen? Geh mir aus den Augen oder ich vergreife mich an dir. Der Ärger kostet mich das Leben.

Atritia. Ja, du hast schon recht, sie ist's; so spricht die Göttin Venus nicht. O sag', wirst du mich auch verschönern?

Ewald. Du bist mir schön genug.

Atritia. Dann will ich auch nicht schöner sein.

Ewald. Doch nun leb' wohl. (Küßt sie.) Kehr' ich zurück, wirst du mein Weib und folgst mir in mein Vaterland. Lucina, weih' ihr deinen Schutz.

Aloe (noch immer zornig). Mich alt zu nennen, du abscheuliches Geschöpf! (Droht mit der Faust.)

Ewald. Jetzt mäßigt Euch, der Zorn vermindert Eure Schönheit. Folgt in den Tempel mir.

Aloe (nimmt sich zusammen). Ja, ich will mich mäßigen, denn meine Schönheit geht mir über alles. Ich folge Euch. (Wieder auffahrend.) Aber wenn ich zurückkomme – (Zu Ewald.) Geht nur voraus, ich bin die Sanftmut selbst. (Wieder auffahrend.) Gottloses Kind, ich – (faßt sich) nein, du sollst mich nicht um meine Schönheit bringen. Geht nur voraus, ich folge sanft, ganz sanft. (Trippelt steif und wirft immer wütende Seitenblicke auf Atritien.) Mich alt zu nennen! – Zittre, wenn ich wiederkomme! – Ganz sanft – ganz sanft! (Geht ab.)

 
Dreiundzwanzigste Szene.

Atritia, dann Lulu.

Atritia (allein). Ach, mein Geliebter ist ein Zauberer.

(Wolken fallen vor, Lulu steigt aus der Erde.)

Lulu. Und willst du ihn darum verlassen?

Atritia. Das tu' ich nicht, er hat auch mich bezaubert.

Lulu. So folge mir, ich will dich ihm bewahren. (versinkt mir ihr.)

 
Vierundzwanzigste Szene.

(Tempel der Venus.)

An jeder Seite ein Thron, und in der Mitte des Hintergrundes das Bild der Göttin auf Wolken schwebend, vor diesem Stufen. Dardonius, Olinar, Astrachan, Abukar, Nimelot, Priesterinnen der Venus mit goldenen Fackeln. Edle Herren und Frauen von Kallidalos sind im Tempel versammelt, der König besteigt den Thron.

Kurzer Chor.
      Seht, die Göttin ist uns hold,
Lieblich strahlt der Locken Gold,
Und ihr anmutsreicher Blick,
Kündet unserm Lande Glück.

Dardonius. Die Göttin ist uns hold, sie nahm die Opfer gnädig auf. Nun führt den Helden dieses wicht'gen Tags vor meinen Thron.

 
Fünfundzwanzigste Szene.

Vorige. Simplizius mit einem goldenen griechischen Panzer geschmückt und die große Eberhaut umhängend, wird von Edlen hereingeführt.

Simplizius. Was s' mit mir alles treiben, jetzt nähn s' mich mitten im Sommer in eine Eberhaut ein, da möcht' einer doch aus der Haut fahren!

Dardonius. Edle Herren und Frauen von Kallidalos, hier steht der kühnste Jäger seiner Zeit.

Simplizius. Ich wollt', ich wär's, ich jaget euch alle davon.

Dardonius. Ihm ward das Glück, das Untier zu besiegen, das unser Land verwüstet hat. Nun könnt ihr kühn den Wald durchstreifen, und eurer Felder Saaten sind durch ihn gerettet.

Simplizius. Aha, deswegen haben s' mich zum Feldscher g'macht.

Dardonius. Schon ruht auf seiner Stirn das Zeichen höchsten Ruhmes, und seine Schultern deckt des Tieres rauher Panzer. Nichts gleichet seinem Mut.

Simplizius (für sich). Mir steigen schon alle Ängsten auf, ich schwitz' mich noch zu Tod.

Dardonius. Darum ist meines ganzen Volkes Hoffnung nur auf dich gerichtet.

Simplizius (für sich). Nun, ich gratuliere.

Dardonius. Besteige jenen Thron und künde selbst, wozu ich dich ernannt.

Simplizius. O verflixt, mir verschlagt's die Red', und ich soll eine halten. Ah was, ich red' halt einen unzusammenhängenden Zusammenhang. Volk über alle Völkerschaften, der König hat mich unters Militär gegeben, und obwohl ich nicht das rechte Maß hab', so fühle ich mich doch über alle Maßen gerührt und so ergriffen, daß ich mich auf meinen Thron hier niederlassen muß, um alles zu verschweigen, was mir meine Bescheidenheit nie zu sagen erlaubt. (Setzt sich.)

Dardonius. Ich hab' zum Unterfeldherrn ihn ernannt. Du bist ein größerer Held, als du ein Redner bist. Nun reicht den Fraun das Myrtendiadem, wie ich es angeordnet habe, und laßt die Mädchen um den Preis der Schönheit buhlen.

(Schmelzende Tanzmusik. Zwölf Mädchen, so gekleidet wie Aloe nach ihrer Verwandlung, doch weiße Kleider mit roten Rosen geziert, beginnen anmutige Gruppierungen vor dem Thron des Königs. Endlich bildet die Gruppe ein Tableau, das in seiner Mitte einen Raum läßt, in welchen Aloe tritt, die während den Bewegungen von Ewald mit der Fackel hereingeführt wurde und die Gruppe schließt. Ein Knabe bringt den Frauen die Myrtenkrone auf einem Kissen.)

Dardonius (mit Entzücken). Jene ist's, die einer diamantnen Rose gleich die zarten Perlen überschimmert. (Er steigt vom Thron und führt Aloe vor.) Ihr Frauen, krönet sie, nur ihr gebührt der Preis.

Simplizius (für sich). Die Alte hat sich ausg'wachsen, jetzt kauft man s' für eine Junge.

Dardonius. Sagt selbst, welch Land hat solch ein Mädchen anzuzeigen?

Die Männer. Erstaunen fesselt unsre Sinne.

Simplizius (für sich). Das ist der schönste Betrug, der mir noch vorkommen ist.

Dardonius. Warum zögert ihr, geehrte Frauen, ist sie nicht eurer Krone wert? (Pause.) Antwortet doch.

Frauen. Ja, sie ist uns –

Dardonius. Was ist sie euch?

Simplizius. Zu schön ist sie ihnen, das ist die ganze G'schicht'.

Frauen. Sie ist uns an Schönheit überlegen.

Simplizius. Das hat was braucht, bis das herauskommen ist. Morgen sind s' alle krank.

Frauen (setzen ihr das Diadem auf). Du, schöner als wir alle, sei des Festes Königin. (Die Frauen führen Aloe in den Hintergrund auf die Thronstufen und reihen sich zu beiden Seiten.)

Simplizius. Jetzt kriegt die auch einen Kranz! Der setzet ich was anders auf.

Alle. Heil der Königin des Festes.

Simplizius. Was die heut schreien, das ganze Volk wird heis'rig noch.

Dardonius. Simplizius, jetzt kann ich erst nach Würde dich belohnen; nimm dieses Mädchens Hand, sie sei dein Weib.

Simplizius. Das alte Weib? Jetzt wär' ich bald vor Schrecken über den Thron herunter g'fallen. Die nehm' ich nicht.

Dardonius. Bist du verwirrt, dies hinreißende Geschöpf?

Simplizius. Mich reißt sie nicht hin, ich hab' s' in ihrer alten Negligé schon g'sehn.

Dardonius. Du mußt sie nehmen, wenn du nicht dein Amt verlieren willst.

Simplizius. Wegen meiner schon. (Steigt vom Thron – für sich) Ich will doch lieber die Feldschererei verlieren, als die Schererei mit der Alten haben.

Dardonius. Wie. du wagst es, dem Gesetz zu widersprechen?

Ewald (leise). So nehmen Sie sie doch. Verraten Sie nur nichts, ich leih' Ihnen die Fackel.

Simplizius. Hören Sie auf, ich will ein Weib haben, die auch in der Finsternis schön ist, nicht eine, die man erst illuminieren muß. (Laut.) Ich nehm' sie nicht. Will s' vielleicht ein andrer?

Die Männer. Wir alle sind bereit, sie zu freien.

Simplizius. Nun also, reißender geht s' weg. Das Weibsbild foppt das ganze Land.

Dardonius. Noch nicht genug. Um zu beweisen, wie man in Kallidalos Schönheit ehrt, erwähl' ich selbst zu meiner Gattin sie.

Alles. Es lebe unsre Königin!

Simplizius. Jetzt wird s' gar Königin! Ich fahr' aus der Haut.

Dardonius. Und augenblicklich lass' ich mich vermählen.

Aloe (macht Zeichen des Entzückens).

Simplizius Der König treibt's. (Zu Ewald.) So löschen S' doch die Fackel aus, er heirat' ja die Katz' im Sack.

Ewald. Entsetzliche Verlegenheit, was soll ich nun beginnen?

(Donnerschlag, das Bild der Venus verschwindet. Lucina ist statt ihr in einer Wolkenglorie sichtbar.)

Lucina. Die Täuschung geht zu weit, legt ab die Kränze, die euch nicht gebühren. (Sie nimmt der unter ihr stehenden Aloe den Kranz ab, und Simplizius' Lorbeer fliegt ihr in die Hand.) Nun fort nach Agrigent.

(Ewald und Simplizius verschwinden. Wie die Fackel unsichtbar wird, verwandelt sich Aloe in ihre wahre Gestalt. Das Bild der Venus erscheint wieder an der alten Stelle.)

Alle. Was ist geschehen?

Dardonius. Die Fremden sind verschwunden? Wo ist die Braut, die ich erwählt?

Aloe (auf den Stufen). Hier bin ich, edelster Gemahl.

Dardonius. Welch häßlich Weib? Wie kommst du in den Tempel?

Aloe. Ich bin ja Aloe, die du erwählt. Ich schwör's bei meiner Jugend.

Alle. Betrug!

Dardonius. Zauberei! Peitscht aus dem Tempel sie. O Scham, vernichte mich. (Stürzt ab.)

(Man reißt Aloe von den Stufen.)

Chor.
    Hinaus, hinaus, du Ungetüm,
Entweih' den Tempel nicht,
Erzittre vor des Königs Grimm,
Auf, schleppt sie vors Gericht!

(Sie wird hinausgejagt.)

 
Sechsundzwanzigste Szene.

(Der Wald mit der Pforte der Eumeniden, auf welcher die drei Siegel glühen. Nacht, Mondlicht.)

Lucina mit den Kränzen. Kreon.

Lucina. Komm, mein Kreon, der Sieg ist uns gelungen.

Kreon. So hättest du Unmögliches errungen?

Lucina. Bald wird dein Leid die höchste Freude lohnen,
Der Orkus ist beschämt, hier sind die Kronen.

Kreon. Hell leuchten sie, drei Sonnen, durch die Nacht.
Wie schnell flieht Schmerz, wenn uns die Hoffnung lacht.

Lucina. Nun knie' dich hin und senk' dein Aug' zur Erd',
Daß es der grause Anblick nicht versehrt.
Denn Rhea ächzet, und die Sterne wimmern,
Sehn sie den Dolch der Eumeniden schimmern.
    (Kreon kniet und beugt sein Haupt, Lucina legt die Kränze auf den Opferstein.)
Drei Krönen ruhen auf dem kalten Stein!
Ich opfre sie –
    (Eine Flamme erscheint und verzehrt scheinbar die Kränze.)
                          Nun, Flamme, schließ sie ein.
Schmelzt, Siegel! Pforte, öffne deinen Rachen.
    (Die Siegel verschwinden, die Pforten springen unter schrecklichem Gekrache auf.)
Herauf, herauf, ihr rachedurst'gen Drachen,
    (Das Heulen des Windes.)
Blick' ja nicht auf, es kostet dich das Leben.
Die Eumeniden nahn, selbst mich ergreift ein Beben.

(Sie beugt ihren Leib gegen die Erde, der Sturmwind heult. Klagende Sturmmusik. Ein blauer Blitz fährt aus der Höhle.)

 
Siebenundzwanzigste Szene.

Vorige. Tisiphone, Megäre, Alecto, ganz grün gekleidete Furien, das Haupt mit Vipern umwunden, eilen, bläulichte Fackeln und blinkende Dolche schwingend, aus der Pforte.

Alle drei (blicken auf den Mond – im tiefen Ton).
Der Mond, der Mond, er scheint zur rechten Stunde,
Wacht auf, wacht auf, die Rache hält die Runde.

(Sie gehen gemessenen Schrittes über die Bühne.)

Lucina. Es ist geschehn, bald ist dein Feind gerichtet,
Und so der Streit mit banger Welt geschlichtet.
Nun folg', es harren dein, auf mein Geheiß,
Die Edlen all im liebverschlungnen Kreis.
Von tausend Lampen schimmert dein Palast,
Der kaum den Jubel seiner Gäste faßt.

(Beide ab.)

 
Achtundzwanzigste Szene.

Die goldgezierte runde Marmorhalle, das Schlafgemach Phalarius', durch zwei kerzenreiche Kandelaber erleuchtet. An der Seite sein Lager, neben diesem brennt auf einem Postamente eine Lampe. Gegenüber eine Pforte aus Ebenholz.)

Phalarius tritt auf, hinter ihm Androkles tief gebeugt.

Phalarius. Laßt sehn, wie lang mein stolzer Nachbar sich noch brüstet,
Wo sind die Feldherrn? Ist mein ganzes Heer gerüstet?

Androkles. Es harret mutentbrannt der Krieger rüst'ge Schar.

Phalarius (lachend).
Vergebens glüht der Mut, vermeidet ihn Gefahr.
Nun lösch' die Lichter aus, laß Dunkelheit herein,
Entfern' dich dann (beiseite, mit Grimm)
                                und überlaß mich meiner Pein.

(Androkles löscht die Lichter aus bis auf die Lampe, beugt sich tief und geht bangend ab. Das Gemach wird finster.)

 
Neunundzwanzigste Szene.

Phalarius (allein).
Ein kluger Hauswirt schließt des Nachts die Tür,
Ich ahm' es nach. (Schließt.) So, nun bin ich allein mit mir.
    (Erschrickt.)
Allein? – Ein falsches Wort, wer kann das von sich sagen.
Schickt nicht die Einsamkeit Gedanken, die uns plagen?
Was sind Gedanken, die im Aufruhr sich versammeln,
Das Hirn bedrohn und der Vernunft das Tor verrammeln?
Gemeiner Troß nur ist's, den man nicht achten muß,
Der König der Gedanken ist nur der Entschluß.
Drum hab' ich es auch fest mit Marmorsinn beschlossen,
Wie Phöbus, groß und hehr, mit feuersprühnden Rossen
Des Himmels Reich durchzieht, auf goldnem Strahlenwagen,
So will ich durch die Erd' das Licht der Krone tragen.
Die Sonn' am saphirblauen Zelt glänz' nicht allein,
Ich will die Zweite auf smaragdnem Grunde sein.
Von Äthiopiens Sand, wo glühnder Samum hauset,
Bis an des Nordpols Eis, wo Boreas erbrauset,
Muß mein Panier, mit weithinschaundem Stolze prangen.
Poch ruhiger, mein Herz, gestillt wird dein Verlangen.

(Er legt die Pantherhaut und seine Waffen ab, doch die Krone nicht und streckt sich aufs Lager.)

Besuch mich, falscher Schlaf, der selten mein gedenkt,
Und sich nur gern auf kummerlose Augen senkt.
Verlisch, o Lampe, lischt doch einst die Sonne aus,
Dann wird es finster sein im großen Weltenhaus.

(Er löscht die Lampe aus, augenblicklich sieht man bei seinem Haupte drei glühend rote Geister sitzen, welche unverwandt nach seiner Krone blicken, sie sind früher hinter dem Ruhebett verborgen und heben erst setzt zugleich ihre Häupter.)

Wie eklig still! – – Was wär' das Leben ohne Streit?
Die Scheide ohne Schwert – (schreit auf).
                                                Wer da? (Erblickt die Geister.)
                                                                Ha ihr, auch heut?

Die drei Geister (zugleich, eintönig und hohl).
Wir bewachen die Krone mit Uhusblick,
Schlaf ruhig, schlaf ruhig, nichts störe dein Glück.

Phalarius (laut auflachend).
Mein Glück! – Wie bin ich doch so glücklich nun durch euch,
Der Wunsch verarmt, ist die Erfüllung überreich.
O Wahn, der über Leides Abgrund Brücken baut,
Weh dem, der ihren luft'gen Bogen keck vertraut.
Verzweiflungsvolles Glück, das selber sich entleibt,
Du machst mich arm, das mir nichts als die Krone bleibt.
Die Kron'? Beim Styx, ich will sie fürchterlich benützen,
Verderben soll von ihren glühnden Zacken blitzen,
Ich räche meine Qual, wer will mich daran hindern?

(Es pocht an der Pforte.)

Alecto (dumpf).
Der Eumeniden Dolch.

Megäre.                               Vernichtung allen Sündern.

Die drei Geister.
Die Eumeniden hier, der Orkus hat geendet.

(Verschwinden.)

Phalarius (springt auf).
Wer pocht so frech, sag' an, wer dich so spät noch sendet?

(Leises Pochen.)

Alle drei. Mach' auf, fein Königlein, wir wünschen dich zu sprechen.

Phalarius. Was wollt ihr mir?

(Die Tür springt mit einem Donnerschlage auf, alle drei treten zugleich ein.)

Alle drei.                                   Wir strafen dein Verbrechen.

Phalarius (entsetzt).
Ha, die Erynnien!

Alle drei.                       Bereu', du mußt erbleichen.

Phalarius. Die furchtbar Rächenden!

Alle drei.                                             Die jede Tat erreichen.

Phalarius. Zurück, verfluchte Furien, mich schützt die Kron'.

Alecto. Sie schützt dich nicht, der Orkus schweigt; denk' an Kreon!

Phalarius. Ich hasse ihn wie euch.

Tissiphone.                                     Denk' an Aspasien!

Megäre. An 'n Brand von Agrigent!

Alecto.                                             Gedenk', du mußt vergehn!

(Sie drängen ihn aufs Lager.)

Phalarius. Ich denke nichts als Blut.

Alecto.                                             So denke an den See!

(Ein Teil der Kuppel stürzt ein, sodaß sich ein rund ausgebrochenes Loch zeigt, durch welches der Vollmond aufs Lager scheint.)

Phalarius. Weh mir, des Mondes Strahl!

(Die Eumeniden senken ihre Dolche in seine Brust.)

Alle drei.                                                   Vergeh! Vergeh! Vergeh!

(Pause – während welcher sie in die Mitte des Theaters treten.)

Der Mond, der Mond, er schien zur rechten Stunde,
Ihr Sünder, bebt, die Rache hält die Runde.

(Gehen gemessenen Schrittes ab.)

 
Dreißigste Szene.

Hades (aus der Tiefe, naht sich langsam dem Lager Phalarius').
    (Feierlich.)
Gib mir zurück die Kron', du bleiches Heldenhaupt.
    (Nimmt sie ihm ab.)
Da liegt der stolze Baum, zersplittert und entlaubt.
Hell glänzt die Kron', nun will die gier'ge Welt ich fragen;
Wo ist der Kühne wohl, der sie nach ihm will tragen?

(Versinkt.)

 
Einunddreißigste Szene.

(Reichverzierter beleuchteter Thronsaal.)

Der Thron befindet sich in der Mitte des Hintergrundes. Durch die Säulen des Saales sieht man in einen reizenden, ebenso beleuchteten Garten. Kreon auf dem Thron. Alle Edlen seines Reiches umgeben ihn jubelnd. Im Vordergrunde auf der einen Seite Ewald mit der Fackel und Simplizius, Lucina, Atritia und zwei Genien, die auf einem Kissen eine Krone tragen, auf der entgegengesetzten Seite Triumphmusik.

Alles. Dank den Göttern! Ew'ges Glück unserm teuern König Kreon!

Kreon. Heil, meinen edlen Freunden, es stürmt mein Herz, mein Auge perlt Freude! Nehmt eures Königs frohen Dank, der sich in eurer Mitte überglücklich fühlt.

(Alles kniet in schönen Gruppen um den Thron.)

Alle. Heil unserm guten König!

Ewald. Arme Fackel, deine Macht ist übertroffen; an diesem Anblick kannst du nichts verschönern.

Simplizius. Das ist mir der liebste König von allen, die ich heut noch g'sehn hab'.

Kreon. Doch nun laßt uns der hohen Göttin danken, die Thron und Reich gerettet hat.

Alles. Der hehren Göttin Dank!

Lucina. Sei glücklich, mein Kreon, Phalarius ist nicht mehr. (Nimmt den Myrtenkranz.)
Nimm diese Kron', von liebgepaarten Myrten,
Laß dir die edle Stirne zart umgürten!
Durch sie wird dein Gemüt nie Leid betrüben,
Und stets wird dich dein Volk mit Treue lieben.

Kreon. Verzeih, Lucin', ich darf die Kron' nicht nehmen,
Nimm sie zurück, sie würde mich beschämen.
Es soll auch ohne Zauber mir gelingen,
Die Liebe meines Volkes zu erringen.
Und drückt es Leid in unglücksvollen Tagen,
Ist es des Königs Pflicht, mit ihm zu klagen.

Lucina (zu Ewald, welchen sie Atritien zuführt).
Nimm sie zum Lohn, Atritiens Hand und Herz sei dein,
Benütze klug der Wunderfackel ros'gen Schein,
Du kannst von deinem Glück nichts Höheres erheischen,
Die eine liebt dich wahr, die andre wird dich täuschen.

Simplizius. Wenn's nicht etwa umgekehrt ausfallt.

Lucina. Und nun zu dir, Simplizius.

Simplizius. Jetzt kommt s' auch über mich.

Lucina. Du warst ein willig Werkzeug meiner Macht.
Dich wird der König hier auch nach Verdienst belohnen.

Simplizius. Auf d' Letzt setzen s' mir noch einen Lorbeer auf.

Kreon. Man zahle ihm tausend Goldstücke aus!

Simplizius (beiseite). Ich hab's ja gleich g'sagt, daß mir das der Liebste ist. (Laut.) Ich küss' die Hand, Eure Majestät. (beiseite.) Jetzt richt' ich eine Schneiderwerkstatt auf und heirat' die Göttin, das wird ein himmlisches Leben werden.

Kreon (zu Ewald). Dich, Fremdling, werde ich stets an meinem Hose ehren und durch ein Amt belohnen.

Ewald. Mein großer König, Dank!

Lucina. Mögt ihr doch lange noch verdientes Glück besitzen,
Lucina wird euch stets mit Huld und Lieb' beschützen.

(Ein rosiges Wolkenlager senkt sich nieder, von Genien umflogen. Lucina legt sich in zarter Stellung auf dasselbe und schwebt in die Luft. Kreon besteigt den Thron. Alles gruppiert sich. Griechische Tänzer und Tänzerinnen führen Gruppen aus, von folgendem Chore begleitet:)

Chor.
        Schmückt mit Freude diese Hallen,
Laßt des Jubels Ruf erschallen,
Heil Lucina! Heil Kreon!
Tugend findet froh den Lohn.

(Der Vorhang fällt.)

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