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Gutenberg > Ferdinand Raimund >

Die unheilbringende Krone

Ferdinand Raimund: Die unheilbringende Krone - Kapitel 3
Quellenangabe
typedrama
booktitleRaimunds Werke III
authorFerdinand Raimund
yearca. 1905
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co.
addressBerlin, Leipzig, Wien, Stuttgart
titleDie unheilbringende Krone
pages5-6
created20020814
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1829
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Fünfzehnte Szene.

Voriger. Ewald.

Ewald. Freude, Freude, lieber Simplizius!

Simplizius. Ja, ja, das wird eine mordionische Freud' werden, bei Wasser und Brot.

Ewald. Nein, lieber Simplizius, wir wollen fort von hier in ein fernes Reich.

Simplizius. Ins Reich hinaus? Da war ich schon, im Nürnbergischen.

Ewald. Nicht doch, eine reizende Göttin hat mich und Sie zur Rettung eines Königreichs bestimmt.

Simplizius. Mich?

Ewald. Ja. Sie. Goldgesäumte Wolken werden uns dem gemeinen Leben hier entrücken und uns in ein herrlich Land hintragen. Lassen Sie Ihren Gläubiger hier rasen, er hat ja ohnehin nichts mehr zu fordern. Machen Sie sich reisefertig, Sie sind zu großen Dingen bestimmt.

Simplizius. Zu was für ein'?

Ewald. Das weiß ich nicht, ich weiß nur, daß es eine Krone gilt.

Simplizius. Und die soll ich erretten? Nun, das wird gut ausfallen. Sie verkennt mich.

Ewald. Nein, sie hat Sie ja gesehen und Ihren Mut belobt.

Simplizius. Die Göttin? Ah, das ist göttlich! Aber weiß sie denn, daß ich –

Ewald. Was?

Simplizius. Nu. (Macht die Pantomime des Nähens.)

Ewald. Versteht sich, alles weiß sie. Kommen Sie nur.

Simplizius. Ich soll ein Land erretten? Ich kann mir's gar nicht anders vorstellen, als daß das Land durch Unruhen zerrissen ist, und ich muß's zusammenflicken. Oder sie fürchten sich, daß das Land erfriert, und ich muß ihm einen Pauvre machen. Und auf einer Wolken sitzen wir, da fallen wir ja durch.

Ewald. Bewahre, sorgen Sie sich nicht.

Simplizius. Nun Sie, wenn wir heut durchfalleten, das wär' weiter keine Schand'. Mir ist jetzt schon, als wenn ich aus den Wolken g'fallen wär'.

Ewald. Ich steh' Ihnen für alles.

Simplizius. O, Sie sind ein gutes Haus. Was haben S' denn da für eine vergoßne Kerzen?

Ewald. Das ist eben unsere Wunderfackel. Was ich durch sie bestrahlt wissen will, erscheint nach meinem Wunsche in der herrlichsten Gestalt, und rosiger Nebel wird das Auge eines jeden lieblich täuschen.

Simplizius. Was sie jetzt alles erfinden, um die Leut' hinters Licht z' führen, das geht über alles. Na wegen meiner, ich bin dabei, ich sitz' doch lieber auf einer Wolken als im Arrest. Also gehn wir. (Sieht durchs Fenster.) Ums Himmels willen, dort kommt der Weinhandler, und zwei Schutzgeister hat er bei ihm, mit klafterlange Spieß'.

Ewald. Fatale Sache, was beginn' ich jetzt?

Simplizius. Monsieur Ewald, mir fallt aus Angst etwas ein. Probieren wir die Fackel, richten wir das Zimmer prächtig ein, tapezieren wir's aus. Vielleicht bekommt der Weinhandler einen Respekt und glaubt, er kriegt sein Geld. Warten Sie, ich sperr' die Tür indessen zu, daß er nicht gleich herein kann. (Tut es.) Wenn er nur unterdessen abführ'. bis wir ihm ganz abfahren.

Ewald. Kein übler Gedanke, das geht nicht so leicht, er wird fragen, wo wir die schönen Möbel her haben. Dann wird ihm die Fackel auffallen. Still!

Riegelsam (klopft von außen). Nur aufgemacht. Ich weiß, daß Er zu Hause ist.

Simplizius. Gleich, gleich. (Heimlich.) Was tun wir denn?

Ewald (ebenso). Geben Sie mich für einen Engländer aus, dem die Möbel gehören, und der für Sie zahlen will.

Riegelsam. Ich schlag' die Tür ein, wenn Er nicht aufmacht.

Simplizius. Richtig, fangen Sie nur zum möblieren an. (Ruft.) Nur warten.

Riegelsam. Warten? Du verdammter Bursch', wart' du auf meinen Stock, wenn ich hineinkomm'.

(Ewald hat indessen die Fackel geschwungen, die sich selbst entzündet.)

(Musik.)

Auf einen Schlag verwandelt sich das schmutzige Zimmer in ein herrlich gemaltes und reich möbliertes. Grosse Gemälde mit goldenen Rahmen, nebst einer schönen Wanduhr präsentieren sich. So verwandeln sich auch die Türen, das Fenster, Tisch und Stühle. Das ganze zeigt sich jedoch im bleichen Rosenlichte

Simplizius. Mich trifft der Schlag, das wird doch ein schöner Betrug sein. Ich glücklicher Mensch, das g'hört alles nicht mein.

Ewald (steckt die Fackel an die Wand, wo der Schreibtisch steht, setzt sich schnell und stützt das Haupt auf die Hand). Nun öffnen Sie, sagen Sie, ich dichte und wollte ungestört bleiben, und Sie hätten geschlafen.

Riegelsam. Brecht das Schloß auf. (Sie schlagen an die Tür, Simplizius öffnet.)

Simplizius. Ist schon offen.

 
Sechzehnte Szene.

Vorige. Riegelsam (ein sehr dickleibiger Mann von heftigem Temperament).

Riegelsam (noch in der Tür). Aufmachen kann er nicht, aber Schulden machen kann er. Wart', du verdammt – (er tritt herein, zwei Gerichtsdiener halten an der Tür Wache, Riegelsam steht erstarrt.) Was ist das für eine maliziöse Pracht? Ich erstaune. Wem gehört das Amöblement?

Ewald (rasch aufspringend). Mir!

Riegelsam. Ihnen? Ah, allen Respekt.

Ewald. Also schließen Sie Ihren Mund. (Setzt sich nieder und schreibt fort.)

Riegelsam.. Was Mund schließen? Um fünfhundert Taler kann man den Mund gar nicht weit genug aufmachen.

Simplizius. Wenn er nur die Mundsperr' bekäm', daß er ihn gar nicht mehr zubrächt'.

Riegelsam. Nichts wird g'schlossen, als der – (auf Simplizius deutend) der wird g'schlossen – kreuzweis'. Wie steht's, liederlicher Patron, wird gezahlt oder nicht?

Simplizius. Ja, es wird gezahlt.

Riegelsam. Wer zahlt?

Simplizius. Ich nicht.

Riegelsam. Gerichtsdiener! (Sie treten vor.)

Ewald. Halt! (Springt auf.) Ich bezahle. (Setzt sich wieder und schreibt.)

Riegelsam. Wirklich? Allen Respekt. Wer ist dieser Herr?

Simplizius. Ein vacierender Lord.

Riegelsam. Und wohnt in diesem miserablen Haus?

Simplizius. Spleen.

Riegelsam. Warum schreibt er denn bei einer Fackel am hellichten Tag?

Simplizius. Spleen.

Riegelsam. Und was krieg' ich denn für meine Schuld?

Simplizius. Spleen.

Riegelsam. Geh Er zum Henker mit seinem Spleen. (Beiseite.) Wenn ich nur die schönen Möbel haben könnt', ich bin ganz verliebt in sie. (Laut.) Also was soll's sein? Entweder meine fünfhundert Taler, oder ich lass' das Zimmer ausräumen.

Simplizius. Da kriegt er auch was rechts.

Ewald. Herr, unterstehen Sie sich nicht, sich meines Eigentumes zu bemächtigen. In diesem Zimmer bin ich Herr, weil ich es gemietet habe, und wenn Sie es nicht zur Stelle verlassen, so werd' ich mein Hausrecht gebrauchen und Sie zum Fenster hinauswerfen.

Riegelsam. Welch eine Behandlung? Was soll das sein? (Sieht Simplizius fragend an.)

Simplizius (gleichgültig). Spleen.

Riegelsam. Halt' Er sein Maul mit seinem verflixten Spleen. Sie haben sich angeboten zu bezahlen, tun Sie es, ich bin bereit.

Ewald. Ich noch nicht, in einer Stunde sollen Sie Ihr Geld erhalten, ich erwarte die Post. Entfernen Sie sich jetzt und kommen Sie in einer Stunde wieder.

Riegelsam. Hat auch kein Geld, nichts als Spleen.

Simplizius. Ein splendider Mann.

Riegelsam. Aber die schönen Möbel, diese herrlichen Möbel. Gut, ich geh', aber die Wach' bleibt hier.

Simplizius Ich seh' mich schon im Loch.

Ewald. Impertinent, den Augenblick mit der Wache fort, oder Sie bekommen keinen Heller von Ihrer Schuld.

Riegelsam. Nicht? So lass' ich ihn einsperren. (Auf Simplizius zeigend.)

Ewald. Nur fort mit ihm, das ist das beste, was Sie tun können.

Simplizius (erschrocken). So ist's recht, das wäre schon das beste bei ihm.

Riegelsam (beiseite). Es ist ihm nicht beizukommen, ich möcht' rasend werden. Aber die schönen Möbel allein könnten mich verführen.

Simplizius. Ah, wenn Sie s' erst im rechten Licht sehen werden, denn sein' Fackel blendt einen ja.

Riegelsam. Sind sie da noch schöner?

Simplizius. O, da kann man sie gar nicht sehn vor lauter Schönheit.

Riegelsam. Gut, die Wach' soll sich entfernen, unter der Bedingung, daß Sie mir diese Möbel verschreiben.

Simplizius (heimlich erfreut). Beißt schon an.

Riegelsam. Wenn ich in einer Stunde mein Geld nicht erhalte, gehören sie mir.

Simplizius (heimlich freudig). Haben ihn schon!

Ewald. Mein Wort darauf.

Riegelsam. Nichts, das muß schriftlich sein, nur aufsetzen, alles schriftlich.

Simplizius (heimlich). G'hört schon uns!

Ewald (schreibt). Also alles was sich in diesem Zimmer befindet?

Simplizius Bis auf uns, denn er wär' imstand, er nehmet uns auch dazu. Das ist gar ein Feiner.

Riegelsam. So ein miserables Möbel, wie Er ist, kann ich nicht brauchen. Still. Euer Hoheit geruhen zu unterschreiben.

Ewald. Hier.

Riegelsam. Auch der Schneider.

Simplizius (tut es für sich). Du wirst dich schneiden.

Riegelsam (frohlockend). Bravo, jetzt bin ich in Ordnung.

Simplizius. Das ist ein glücklicher Kerl, jetzt hat er einen Fang gemacht.

Riegelsam (zur Wache). Ihr könnt nach Hause gehn.

(Wache ab.)

Simplizius. Ah, weil nur die Garnierung von der Tür' weg ist.

Ewald. Nun gehen Sie auch!

Riegelsam. Ich? Was fallt Ihnen ein, ich bleib' hier, bis das Geld ankommt.

Ewald. Welch eine Eigenmächtigkeit! Ich muß fort, das Geld zu holen, ich habe Eile.

Simplizius. Freilich, bei uns geht's auf der Post. (Für sich.) Wir fahren ja ab.

Riegelsam. Das können Sie machen, wie Sie wollen. (Setzt sich in einen Stuhl.) Mich bringt einmal niemand aus diesem Zimmer fort. Ich muß meine Möbel bewachen, kein Stück darf mir davon wegkommen. Tausend Element!

Ewald (zu Simplizius heimlich). Das ist eine schöne Geschichte, was tun wir jetzt?

Simplizius. So lassen S' ihn sitzen, wir nehmen unsre Fackel, gehn hinaus, sperren ihn ein und er soll seine Möbel bewachen.

Ewald. Ein delikater Einfall. (Nimmt die Fackel von der Kulisse.) Nun wohl, bleiben Sie hier und haften Sie mir für alles.

Simplizius. Und geben Sie acht, daß Ihnen nichts wegkommt, sonst müssen Sie's zahlen.

(Ewald und Simplizius gehen schnell hinaus und sperren die Tür zu. Wie die Fackel ans dem Zimmer ist, verwandelt sich dasselbe wieder in die arme Stube.)

 
Siebzehnte Szene.

Riegelsam (allein, springt auf und sagt im höchsten Erstaunen). Blitz und Donner, was ist das für eine Bescherung? Bin ich in eine Zauberhöhle geraten? Wo sind die Möbel hingekommen? Die schöne Uhr, die herrlichen Bilder. Alles ist fort, Fetzen sind da. (Zerreißt die Kleider.) Nichts als Fetzen sind da und die Lumpen sind fort. Ha! Ich muß ihnen nach. – Die Tür ist verriegelt, ich kann nicht hinaus, ich erstick' vor Wut. Meine fünfhundert Taler. (Sinkt in den Stuhl.)

Simplizius (sieht zu dem kleinen Fenster herein). Freund, die sind verloren.

Riegelsam. O du Hexenmeister, wirst du hereinkommen! Schaff' mir meine Möbel her!

Simplizius. Wollen Sie s' nochmal sehn? (Hält die Fackel zum Fenster herein.) Da sind sie! (Das Zimmer wird wie vorher reich möbliert.)

Riegelsam (stürzt mit ausgebreiteten Armen darauf hin). Halt, jetzt lass' ich sie nicht mehr aus.

Simplizius (zieht die Fackel zurück).

(Schnelle Verwandlung.)

Simplizius. Halten Sie s' fest. – So rächt sich Simplizius, der Verschuldete.

 
Achtzehnte Szene.

Riegelsam (der bei der Verwandlung betroffen zurückfuhr, springt nun wütend auf das Fenster zu, welches Simplizius ihm vor der Nase zuschlägt). Spitzbuben! Gesindel! Räuber! Mörder! Dieb'! (Schlägt die Fensterscheiben ein.) Ich zerplatz' vor Zorn. Ich muß ihnen nach. (Will zum Fenster hinaus und bleibt stehen.) Ich kann nicht durch, ich bin zu dick, ich erstick'! Was seh' ich! O höllische Zauberei, sie fliegen auf einer Wolken davon. Die prächtigen Kleider, der Schneider strotzt vor Silber, wenn ich s' ihm nur herabreißen könnt'. Meine fünfhundert Taler. Ich werd' unsinnig, ich spreng' mich in die Luft. Nein, ich spreng' die Tür' ein. (Er tut es.) Hilfe! Hilfe! Räuber! Dieb'! Wache! (Ab.)

 
Neunzehnte Szene.

(Großer Platz in Massana, im griechischen Stil erbaut. Seitwärts der königliche Palast. Stufen führen aufwärts, auf welchen der Genius des Todes, ein bleicher Jüngling mit der umgekehrten ausgelöschten Fackel, mit geschlossenen Augen sitzt. Viele Personen in Trauer, viele nicht, gehen händeringend herum über die Straße.)

Kurzer Chor.
        Jammer, sag', wann wirst du scheiden,
Von Massanas Unglücksflur;
Große Götter, hemmt die Leiden,
Eure Macht vermag es nur.

(Gehen trauervoll ab.)

 
Zwanzigste Szene.

Lucina (kommt und betrachtet mit Wehmut den Palast). Genius des Todes.

(Die ganze Szene muß von beiden Seiten langsam und feierlich gesprochen werden.)

Lucina.
          Mich erfaßt ein widrig Schauern,
Blick' ich auf dies Trauerschloß.
Schon seh' ich den Jüngling lauern,
Armer Fürst, dein Leid ist groß.
(Mit erhobener Stimme.)
Du, des Todes Genius,
Magst durch Antwort mich beglücken;
Wirst du heut den eis'gen Kuß
Auf Massanas Lippen drücken?

Genius des Todes
(hebt sein Haupt, stets bleibt die Fackel gesenkt. Spricht kalt und ernst im tiefen Tone).

             Wenn die Nacht den Tag verjagt
So heischt's Hades Rachesinn,
Hat Massana ausgeklagt.
(Kurze Pause.)
Rauscht das Meer darüber hin.
Lucina.
Und wie wird der König enden,
Wirst du freundlich ihn umfahn?
Genius des Todes.
Hades kann nur Schrecken senden,
Düster wird sein Ende nahn.
Lucina.
Wehmut seufzt aus deiner Kunde
Und doch frommt sie meinem Plan,
Mich beglückt die Unglücksstunde,
Wenn ich dich erweichen kann.
Schenk' das Leben mir von zweien,
Die nicht Hades Fluch getroffen,
Die nicht an die Zahl sich reihen,
Die Erbarmen nicht zu hoffen.
Genius des Todes (lächelnd).
Nimm das Leben hin von zweien,
Du entziehst mir's dennoch nicht.
Lucina.
Möchtest du mir noch verleihen,
Daß Heraklius' Auge bricht,
Eh' des Landes Festen beben.
Genius des Todes.
Eh' den Turm noch küßt die Well',
Lischt des kranken Königs Leben.
Lucina.
Doch Massana muß dann schnell,
Eh' die Zeit Sekunden raubt,
In dem Augenblick versinken,
Wo auf einem fremden Haupt,
Wird des Königs Krone blinken.
Genius des Todes
(läßt das Haupt sinken und
sagt dumpf und langsam)
.
Wird versinken.
(Pause, dann noch mit gesenkten Haupte)
                          Laß mich lauschen.
Lucina.
Ist dein Aug' zum Schlaf erlahmt?
(Gejammer in der Szene, mehrere Stimmen: Hilf, er stirbt.)
Genius des Todes.
Hörst du's rauschen?
(Hebt das Haupt.)
Dorthin ruft mein eisern Amt.

(Er steht auf, sein Haupt ist etwas gebeugt, die rechte Hand streckt er gegen den Ort, wo der Schall hertönt, als zeigte er hin, die linke hängt, die umgestürzte Fackel haltend, gerade herab, so eilt er gemessenen Schrittes in die Kulisse, doch auf die entgegengesetzte Seite des Palastes.)

Lucina (blickt gegen Himmel)
      Götter, die ihr gnädig waltet
Und doch unbegreiflich schaltet!

(Geht langsam auf die entgegengesetzte Seite ab.)

 
Einundzwanzigste Szene.

Thestius, Epaminondas (mehrere Einwohner von Massana kommen von der Seite, wo der Genius abgeschritten ist).

Thestius. Ist aus mit ihm, ist stumm; die Götter haben seinen Mund geschlossen.

Epaminondas. Ein sonst so sanftes Roß, und schleudert ihn herab, daß von dem Fall die Erde donnert. (Die Weiber weinen.) So heult doch nicht, seid ihr's nicht schon gewohnt? Seit sieben vollen Jahren hat Unglück hier im Lande sich gelagert und über diese Stadt sein schwarzes Zelt gespannt. Ich bin schon stumpf gemacht, mich kann's nicht rühren mehr, wenn meines Nachbars Dach auf seinen Schädel stürzt. Nur Weiber können sich an so was nicht gewöhnen.

Thestius. O Hades, ungerechter Fürst der Unterwelt, der du aus Rache, weil Massana nicht den König hat gewählt, den du durch deine unterirdischen Orakel ihm bestimmen ließest, das arme Reich mit Übel aller Art verfolgst; so daß wir wie auf nie betretnem Eisgeklüft, nicht einen Schritt auf breiter Straße tun, wo nicht Gefahr des Lebens mit verbunden ist.

Epaminondas. Seht, was läuft das Volk zusammen? Zwei Fremde bringen sie.

Thestius. Die sind so selten jetzt im Lande, als ob sich Kometen zeigten. Hypomedon führt sie.

 
Zweiundzwanzigste Szene.

Vorige. Hypomedon, Ewald und Simplizius, beide im ägyptischen Kostüme.

Hypomedon. Endlich haben wir wieder das Glück, zwei Fremdlinge in unserer Stadt zu sehen. Staunt, aus Ägypten kommen diese Leute gar, um bei uns Verachtung des Lebens zu lernen.

Ewald. Sei gegrüßt, Volk von Massana, ich habe Wichtiges in deinem Reiche zu verhandeln.

Simplizius. Zu verhandeln, sagt er, auf die Letzt' halten s' uns für Juden.

Thestius. Seid uns gegrüßt, wir bedauern euch.

Simplizius (macht große Augen). Der bedauert uns.

Thestius. Euch haben böse Sterne in das Land geleitet.

Simplizius. Ach warum nicht gar, wir sind ja beim helllichten Tag ankommen.

Ewald (nimmt ihn auf die Seite). Sein Sie nicht so gemein, tun Sie vornehm, klug, bescheiden und drücken Sie sich in bessern Worten aus.

Simplizius. Das müssen Sie mir schriftlich geben, denn so kann ich mir das nicht merken.

Ewald. Glaubt nicht, daß ich der Pyramiden geheimnisvollen Aufenthalt umsonst verließ, ihr werdet die Gestirne hoch verehren, die nach Massana mir geleuchtet, denn fromme Götter haben mich zu euch gesendet.

Thestius. So preisen deine Sendung wir. Dein Aug' ist sanft, und edel deine Haltung, dein Antlitz flößt Vertrauen ein, und deine kühn gewölbte Stirn mag wohl ein Thron der höchsten Weisheit sein.

Simplizius. Nein, was s' an dem alles bemerken, das wär' mir nicht im Schlaf eing'fallen. Einen Thron hat er auf der Stirn, und da sitzt die Weisheit d'rauf. (Macht die Pantomime des Niedersetzens.) Jetzt, was werden s' erst auf meiner Stirn' alles sitzen sehn?

Thestius. Willst du mein Unglückshaus zur Wohnung dir erwählen, so folge meinem scheuen Tritt, doch laß die Vorsicht emsig prüfen deinen Pfad und Besorgnis über deine Schultern schaun. (Verbeugt sich tief.)

Ewald. Mein Dank grüßt deines Hauses Schwelle, mit frohem Hoffnungsgrün wird dir der Gast die Hallen schmücken. Simplizius, folge bald! (Geht mit Anstand a, Thestius folgt.)

 
Dreiundzwanzigste Szene.

Vorige, ohne Ewald und Thestius.

Simplizius (sieht ihm erstaunt nach). Ich empfehl' mich ihnen. Ah, was die Weisheit für eine langweilige Sach' ist, das hätt' ich in meinem Leben nicht gedacht. Ich will einmal lustig sein. (Tut nobel zu Epaminondas.) Sagen Sie mir, mein edelster Massanier, was gibt es denn für Spaziergänge hier?

Epaminondas. Der betretendste Weg führt ins Elend.

Simplizius. So? Das muß eine schöne Promenade sein.

Hypomedon. Du wirst sie schon noch sehen.

Simplizius. Ich freu mich schon d'rauf. Haben Sie auch ein Theater?

Epaminondas. O ja. (Seufzend.) Massana heißt der Schauplatz.

Simplizius. Was wird denn da aufgeführt?

Hypomedon. Ein großes Trauerspiel.

Simplizius. Von wem?

Epaminondas. Ein Werk des Orkus ist's.

Simplizius. Den Dichter kenn' ich nicht, muß ein Ausländer sein.

Hypomedon. Es währt schon sieben Jahre.

Simplizius. O Spektakel, da muß einer ja drei-, viermal auf die Welt kommen, bis er so ein Stück sehn kann. Wer spielt denn mit?

Epaminondas. Das ganze Volk.

Simplizius. Also ein Volkstheater. Und wer schaut denn zu?

Epaminondas. Die Hölle.

Simplizius. Da muß ja eine Hitz' im Theater sein, die nicht zum aushalten ist. Überhaupt scheinen die Leut' hier nicht ausg'lassen lustig z' sein. Warum weinen denn die Fraun da?

Eine Frau. Wir beweinen euer Schicksal.

Simplizius. Unser Schicksal? Was haben denn wir für ein Schicksal? Wen tragen s' denn da? (Sieht in die Kulissen.)

Hypomedon. 's ist nur einer, den ein Roß erschlagen hat.

Simplizius. Erschlagen hat's ihn nur? O, da reißt er sich schon noch heraus, hier ist eine g'sunde Luft. Wer wohnt denn in dem großen Haus?

Hypomedon. Das steht leider leer, die Leute sind alle herausgestorben.

Simplizius. Warum nicht gar? Was hat ihnen denn g'fehlt?

Epaminondas. Nu, es ist eine eigene Krankheit, es ist nicht gerade ein gelbes Fieber –

Simplizius. Nu, wenn es nur eine Farb' hat, ich bin mit allen z'frieden. (Sieht auf die entgegengesetzte Seite in die Kulisse.) Sie, da tragen s' ja schon wieder einen?

Epaminondas. Das geht den ganzen Morgen so, heut ist ein gefährlicher Tag, Ihr dürft Euch in acht nehmen.

Simplizius. In acht nehmen? Ja, haben Sie denn etwa die Pest?

Epaminondas. Nu, jetzt nicht mehr so sehr.

Simplizius. Nicht mehr so sehr? Hören Sie auf, mir wird völlig angst. Ich bitt' Sie, mein lieber – wie heißen Sie?

Epaminondas. Epaminondas.

Simplizius. Epaminondas? Das ist auch ein so ein g'fährlicher Nam'. Also, mein lieber Epaminondas, haben Sie die Güte und führen Sie mich wohin, daß ich eine Aufheiterung hab', denn ich bin sehr miserabel.

Epaminondas. Ich will dich an einen Ort führen, wo du vielleicht Bekannte findest.

Simplizius.. O, das wär' prächtig. Wohin denn?

Epaminondas. In die Fremdengruft; dort liegen alle Fremden begraben, die seit sieben Jahren in unsere Stadt gekommen sind.

Simplizius. Alle, ohne Ausnahm'?

Epaminondas. Ja, ja, alle; du kannst dir gleich dort einen Platz bestellen.

Simplizius. Einen Platz soll ich mir bestellen, wie auf einem G'sellschaftswagen? Sie wahnsinniger Mensch, was fallt Ihnen denn ein? Was ist denn das für ein Land? Das ist eine wahre Marderfallen, wo man nicht mehr hinaus kann. Und das erzählen Sie einem noch, Sie abscheul— wie heißen S'? Ich habe Ihnen schon wieder vergessen.

Epaminondas (wild). Epaminondas.

Simplizius. Der Nam' bringt einen allein schon um. So widerrufen Sie doch, Epaminondas, wenn Sie nicht wollen, daß mich die Angst verzehrt.

 
Vierundzwanzigste Szene.

Vorige. Sillius eilig.

Sillius. Helft, helft, es steht ein Haus in Flammen!

Alles (läuft ab). Hilfe, rettet, fort!

Epaminondas (lacht). Haha, die Toren löschen dort und jammern sich bei fremdem Unglück krank. Da lach' ich nur, ich bin ein Stoiker, wer raubt mein Glück?

 
Fünfundzwanzigste Szene.

Vorige. Argos eilig.

Argos. Du sollst nach Hause kehrn, Epaminond', dein Sohn ist tot.

Epaminondas (die Hände jammernd ringend). Mein Sohn! Mein Sohn! O unglücksel'ger Tag! Ich überleb' ihn nicht! (Stürzt mit Argos ab.)

 
Sechsundzwanzigste Szene.

Simplizius allein, dann zwei Diener des Thestius.

Simplizius (zittert am ganzen Leibe). Schrecklich, schrecklich! Stirbt schon wieder eine Familie aus. Der Stoiker ist g'straft für seinen Übermut. Mich fangt eine Ohnmacht ab. (Setzt sich auf die Stufen des Palastes.) Wo werden s' da Hofmannische Tropfen haben? Hilfe, Ohnmacht, Hilfe!

Diener (aus dem Hause). Du möchtest hinaufkommen, Fremdling, dich zu laben.

Simplizius (matt). Laben? Das ist die höchste Zeit, daß Sie mich laben. Ich komm' schon, nur voraus.

Diener. Doch nimm dich wohl in acht, die Treppe ist sehr steil, es haben sich drei Hausgenossen schon das Bein gebrochen.

Simplizius (in höchster Angst). Ums Himmels willen, das nimmt ja gar kein End'. (Die Knie schnappen ihm zusammen.) Ich trau' mich gar nicht aufzutreten mehr. Führt's mich hinein. (Der Diener führt ihn unter dem Arm, er spricht unter dem Abgehen:) O schlechtes Volk! Eine Fremdengruft haben s', das gelbe Fieber, etwas Pest, Epaminondas – ein' Beinbruch auch. O Angst, wann ich hier stirb', mein Leben sehn s' mich nimmermehr. (Schleppt sich ab, von den Dienern geführt.)

 
Siebenundzwanzigste Szene.

(kurzes Gemach in Thestius' Hause mit zwei Seitentüren.)

Thestius. Ewald.

Thestius. Du bist gemeldet bei dem König, Fremdling, als unsres Landes wunderbarer Retter. Seit frühmorgens sind schon die Minister all um ihn versammelt. An unheilbarem Übel liegt der Herrliche danieder, und wie der Mensch durch höhern Schmerz den mindern nicht fühlt, so klagt das Volk mit edler Lieb' bei seines Königs hohem Leid, daß es ob dem Gestöhn' das eigne groß vergißt.

Ewald. O, wie entzückend ist es, so geliebt zu sein.

Thestius. So liebt der König auch sein treubewahrtes Volk, und gleichen Sieg erringt sein edles Herz. Wie glücklich wär' dies Land, wenn nicht der unbarmherz'ge Fürst der unterird'schen Schatten –

 
Achtundzwanzigste Szene.

Vorige. Hermodius eilig und bestürzt.

Hermodius. Wo ist der Weise aus Ägyptens Zauberlande, der Rettung bietet dem bestürzten Volk?

Thestius. Du siehst ihn hier voll sanfter Würde stehn.

Hermodius. Beweisen magst du nun, daß gute Götter dich mit wunderbarer Zauberkraft begabt; du mußt zum König schnell, es will sein Geist Elysium erkämpfen, doch sendet Hades schauervolle Bilder, mit Schreckensnacht sein Auge zu umgarnen, und Furien, furchtbar anzuschauen, mit Schlangen reich umwunden, auf faulen Dünsten schwebend, durchrauschen das Gemach. Nun sprich; kannst du des Orkus Nacht durch Eos' Strahl erhellen?

Ewald.. Ich kann es nicht, den Göttern ist es möglich, und was ich bin, ich bin es nur durch sie.

Hermodius. So eil' mit mir, es ist die höchste Zeit.

Ewald (umarmt Thestius mit Rührung). Mein Thestius, leb' wohl, Osiris möge dich für deine Güte lohnen. (Für sich mit Schmerz.) Massana sinkt, ich seh' ihn nimmermehr. Nun komm, geleite mich, mir winkt ein großer Augenblick.

Thestius. Kehr' bald zurück, mein Herz erwartet dich.

(Ewald und Hermodius zur Seite ab, Thestius zur entgegengesetzten Seite ab.)

 
Neunundzwanzigste Szene.

Simplizius und Arete treten ein.

Arete. Ach, du armer Mensch, komm doch herein, warum willst du denn keine Speise nehmen.

Simplizius. Ich bin überflüssig satt, mir liegt das ganze Land im Magen, drum bring' ich nichts hinein. Ich verhungre noch vor Angst.

Arete. Pfui, schäm' dich doch, bist du ein Mann?

Simplizius (beiseite). Ich weiß selbst nicht mehr, was ich bin. (Laut.) Vermutlich.

Arete. Betrachte mich; ich bin ein Mädchen. Wir haben zwar große Ursache, uns zu fürchten, man hat heute ein Erdbeben verspürt, daß die Stadtmauern erzittert haben.

Simplizius. Jetzt, wenn die Stadtmauern schon zum Zittern anfangen, was soll denn unsereiner tun?

Arete. Warum bist du denn aber eigentlich nach Massana gekommen?

Simplizius (zittert). Weil ich das Land erretten muß.

Arete. Du? Ach, ihr guten Götter, wenn du dich nur nicht vorher zu Tode zitterst.

Simplizius. Glaubst? Das war' sehr fatal.

Arete. Armer Narr, du dauerst mich.

Simplizius. Ich dank' ergebenst. Das Mädel wär' so hübsch, wenn mir nur nicht die Knie zusamm'schnappeten; ich fanget aus lauter Angst eine Amour an.

Arete. Warum blickst du mich so forschend an, was wünschest du?

Simplizius (für sich). Wenn sie nur in der G'schwindigkeit eine Leidenschaft zu mir fasset, so könnten wir heut vormittag noch durchgehn, da käm' ich doch auf gute Art aus dem verdammten Land. Sag' mir, liebes Kind, was fühlst du eigentlich für mich?

Arete. Mitleid, inniges Mitleid!

Simplizius. Inniges Mitleid? Aha, sie ist nicht ohne Antipathie für mich. Könntest du dich wohl entschließen –

Arete. Wozu?

Simplizius. Die Meinige zu werden.

Arete. Arete die Deinige?

Simplizius.. Ja, Arete, du hast mein Herz arretiert.

Arete (sehr stolz). Wer bist du, der du es wagst, um die Hand einer edlen Massanierin anzuhalten?

Simplizius (beiseite). Soll ich ihr meinen Stand entdecken? Nein, ein mystisches Dunkel muß darüber walten. (Laut.) Ich bin nicht, was ich scheine, und scheine auch nicht, was ich bin, und wenn ich das wäre, was ich sein möchte, so würd' ich nicht scheinen. was ich nicht bin.

Arete. Ich verstehe dich.

Simplizius. Da g'hört ein Geist dazu, ich versteh' mich selber nicht.

Arete. Du möchtest gern scheinen, was du nicht bist, und bist doch so sehr, was du auch scheinst.

Simplizius. Hat's schon erraten, es ist unglaubbar. Sag' mir, Mädel, hättest du wohl den Mut, mich zu entführen?

Arete. Dich?

Simplizius. Oder umgekehrt.

Arete. Das heißt, ich soll mit dir mein Vaterland verlassen? Ich verstehe dich wohl.

Simplizius. Hat mich schon wieder verstanden.

Arete. Damit du mich aber auch verstehst, so will ich dir sagen, wofür ich dich halte; Du bist ein unverschämter, erbärmlicher Mensch, der es wagt, seine vor Todesfurcht bebenden Lippen zu einer Liebeserklärung zu öffnen und einem edlen Mädchen von Massana seine krüppelhafte Gestalt anzutragen. Entferne dich, mit dir zu reden ist Verbrechen an der Zeit, und wenn du künftig wieder ein Mädchenherz erobern willst, so stähle das deinige erst mit Mut; mutige Männer werden geliebt, mutlose verachtet man.

Simplizius. Da g'hört ein Stoiker dazu, um das zu ertragen. Lebe wohl, du wirst zu spät erfahren, wen du beleidigt hast. Ha, jetzt kann Massana fallen, ich heb's g'wiß nicht auf.

Arete. Halt, weile noch, erkläre dich, damit ich erfahre, wessen Antrag mich entwürdigt hat.

Duett.

Arete. Wer bist du wohl, schnell sag' es an?

Simplizius. Ich hab's schon g'sagt, ich bin ein Mann.

Arete. Wie heißest du, bist du von Adel?

Simplizius. Ich heiß' Simplizius Zitternadel.

Arete. Der Name klingt mir sehr gemein.

Simplizius. Es kann nicht alles nobel sein.

Arete. Wie kannst du solchen Unsinn sagen?

Simplizius. Das wollt' ich dich soeben fragen.

Arete. Dein Äußres ist mir schon zuwider.

Simplizius. Das schlägt mein Innres sehr danieder.

Arete. So häßlich ist kein Mann hienieden.

Simplizius. Die Gusto sind zum Glück verschieden.

Arete. Wie abgeschmackt der Schnitt der Kleider.

Simplizius (aufbrausend). Das ist nicht wahr, ich bin – (faßt sich und sagt gelassen) nur weiter.

Arete. Nun hättest du dich bald verraten.

Simplizius. Ja, meiner Seel', jetzt hat's mir g'raten.

Arete. Du mußt mir sagen, wer du bist?

Simplizius. Ich bin ein Held, wie's keiner ist.

Arete (spöttisch). Dein Mut ist in der Schlacht wohl groß?

Simplizius. Ich stech' oft ganze Tag' drauf los.

Arete. Umsonst verschlingst du schlau den Faden.

Simplizius. Mir scheint, die Feine riecht den Braten.

Arete. Mein Argwohn läßt sich nicht mehr trennen.

Simplizius. Jetzt braucht s' nur noch die Scher' zu nennen.

Arete. Du bist kein Prinz, gesteh' es mir.

Simplizius (zornig). Ich bin ein Kleideringenieur!

Arete. Ha!

(Beide zugleich.)

Ihr Götter, was hör' ich, mein Auge wird trübe,
Ein solcher Plebejer spricht zu mir von Liebe,
                     Welch eine Glut,
                     Brennet im Blut;
                     Wütender Schmerz,
                     Flammet im Herz.
Schnell flieh' ich von hinnen, verberge mich schon,
O folternde Hölle, beschämende Reu'!

Simplizius. Was soll ich es leugnen, 's ist keine Schand',
Denn Achtung verdienet mein nützlicher Stand.
                     Ich sag' es g'rad,
                     Ich g'hör zur Lad';
                     Und meine Scher',
                     Schwing' ich mit Ehr'.
Ich schreit in die Welt hinaus, 's ist meine Pflicht,
Ich bin ja kein Pfuscher, drum schäm' ich mich nicht.

(Beide ab.)

 
Dreißigste Szene.

(Königliches Gemach.)

(Die Hinterwand bildet einen großen offenen Bogen, vier Schuh tiefer, eine breite Rückwand von dunklen Wolken, durch welche man wie im Nebel eine riesige bläulichte Figur mit glühenden Augen erblickt, welche das Haupt mit einem Kranz von Rosmarin umwunden hat. Sie ruht lauernd auf den Wolken, ihren Blick auf Heraklius heftend, ist mit dem Todespfeil bewaffnet und stellt die alles vernichtende Zeit in furchtbar drohender Gestalt vor. Larven grinsen hie und da aus den sie umgebenden Wolken hervor. Zwischen dieser Wand und der Öffnung des Bogens sieht man vier dunkle Schatten bei einem offenen Grabe beschäftigt, aus welchen ein erst darin versenkter vergoldeter Sarg noch etwas hervorsteht. Das Gemach ist dunkel, der Donner rollt. In einem goldenen Armstuhl ruht Heraklius, um ihn trauernd die Großen des Reiches und Diener des Tempels. Neben ihm auf einem Marmortisch die Krone. An den Kulissen, dem Armstuhl des Königs gegenüber, ein auf drei Stufen erhabener einfacher Sitz.)

Heraklius, Ewald und Hermodius.

Kurzer Chor der Furien.
Wo der Frevler mag auch weilen,
Trifft ihn doch des Orkus Rache,
Und ihr Dolch wird ihn ereilen,
Selbst im goldnen Prunkgemache.

Heraklius (in matter Unruh).
Hinweg, hinweg, du scheußlicher Vampir,
Der frommes Hoffen aus der Seele saugt.

Hermodius (zu Ewald).
Du siehst des guten Königs Leiden hier,
Ein Bild, das für kein menschlich Auge taugt.

Heraklius. Wer störet meine Pein?

Hermodius.                                     Dein Retter, Herr.

Heraklius. Umsonst, umsonst, wer bringt die Höll' zum Weichen?
O Qual, wenn ich doch nicht geboren wär'!

Ewald. Ich kann, mein Fürst, den Anblick dir verscheuchen.

Heraklius. Wenn du's vermagst, ein Fürstentum zum Lohne.

Ewald. So hoch schwebt auch der Preis, den ich bestimm',
Ich fordre viel, ich fordre deine Krone.

Heraklius. Sie war mein Stolz – vorbei – verscheuch' – nimm – nimm!

Ewald (zu den Edlen).
Ihr habt's gehört, seid ihr damit zufrieden?

Alle (dumpf und halblaut).
Wenn dich der König wählt, wählt dich das Reich.

Ewald. So will ich über dieses Schauertum gebieten,
Bei Isis' Donner, Truggewölk' entfleuch!

(Donnerschlag, er schwingt die Fackel, die Hinterwand entweicht, Grab und Schatten verschwinden, ein tiefes Wolkentheater zeigt sich, es stellt ein praktikables Wolkengebirge vor. Oben quer vor der Hinterwand eine goldene Mauer und ein goldenes Tor. Hinter diesem strahlt heller Sonnenglanz, der sich im Blau des Himmels verliert, das mit Sternen besäet ist. Am Fuße dieses Gebirges beim Ausgange sitzt auf einem Piedestal Thanatos wie in der früheren Szene, doch mit der brennenden Fackel. Sphärenmusik ertönt. Heraklius' Gestalt wird von Genien mit Rosenketten über den Wolkenberg geleitet, bis zu dem goldenen Tor, dort sinkt sie nieder. Die Musik währt leise fort.)

Heraklius. O süßer Seelentrank aus himmlischem Gefäß,
O Lust, gefühlt durch neu erschaffnen Sinn,
Wenn ich auch tausend Kronen noch besäß',
Ich geb' sie gern für diesen Anblick hin.
O krönt ihn noch an meinem Sterbebette,
Er wird mein fluchzerrüttet Land beglücken.
    (Nun öffnet sich das goldene Tor, eine glänzende Göttergestalt tritt heraus.)
Mir ist so leicht, es schmilzt die ird'sche Kette,
Mein Geist entflieht, o unnennbar Entzücken!

(Thanatos stürzt mildlächelnd die Fackel um, die verlischt, zugleich drückt die Göttergestalt den König an die Brust, sein Kleid verschwindet, und er steht im weißen Schleiergewande da, welches rosig bestrahlt wird. Genien bilden eine Gruppe. Heraklius' Haupt sinkt sanft auf seinen Busen, Ewald löscht die Fackel aus, und der das Gemach schließende Vorhang rauscht langsam und leise herab, die Musik verhallt. Feierliche Pause, Rührung in jeder Miene.)

Hermodius. Es ist vorbei, er mußte von uns scheiden.
Ein königliches End', durch Ruhm verklärt.
Wer so beglückt vergeht, ist zu beneiden,
Beim Zeus, so ist der Tod ein Leben wert!
    (Man bedeckt Heraklius mit einem seidnen Mantel.)
Nun laßt sein letzt Gebot uns schnell benützen,
Denn ohne König kann das Land nicht sein.

Adrasto (nimmt die Krone und stellt sich vor Ewald hin).
Wie Götter dich, so wirst du uns beschützen,
Drum nimm den Platz auf jenen Stufen ein.

(Ewald besteigt die Stufen, auf welchen der Sitz angebracht ist.)

Ewald (für sich). Es bebt mein Herz, mich fasset Todesschrecken.

(Kniet nieder.)

Alle. Wir huld'gen dir als Herrscher ehrfurchtsvoll.

(Knien.)

Adrasto. So mag die Kron' dein weises Haupt bedecken,
Sei König – herrsch' –

Bei dem letzten Worte hat er ihm die Krone aufs Haupt gesetzt, doch ohne die geringste Pause stürzt unter schrecklichem Gekrach der Saal zusammen. Der Bogen und die Kulissen bilden Berge von Schutt, welche die Spielenden dem Auge des Publikums entziehen. Im Hintergrunde zeigt sich das Meer, das zwischen die Schuttberge des Saales hereindringt und aus dem in der Ferne die versunkenen Türme von Massana hervorragen. Die Stufen, wo Ewald kniet, verwandeln sich in Wolken, worauf er bis in die Mitte des Theaters schwebt und wehmütig ausruft:

                                    Massana, lebe wohl!

Er schwingt seine Fackel, um den traurigen Anblick zu verschönern und fährt fort. Die aus dem Meere hervorragenden Trümmer und der Schutt des Saales verwandeln sich in zarte Rosenhügel. Die Luft wird rein, und das Ganze strahlt im hellsten Rosenlichte.

(Der Vorhang fällt langsam).

Ende des ersten Aufzuges.

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