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Gutenberg > Ferdinand Raimund >

Die unheilbringende Krone

Ferdinand Raimund: Die unheilbringende Krone - Kapitel 2
Quellenangabe
typedrama
booktitleRaimunds Werke III
authorFerdinand Raimund
yearca. 1905
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co.
addressBerlin, Leipzig, Wien, Stuttgart
titleDie unheilbringende Krone
pages5-6
created20020814
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1829
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Erster Aufzug.

Erste Szene.

(Finsterer Wald.)

Im Hintergrunde links ein gigantischer Fels, mit einer durch ein ehernes Tor geschlossenen Höhle. Neben der Pforte stehen mit Fackel und Dolch bewaffnet die zwei Eumeniden Tisiphone und Alecto, aus Stein gehauen. Megära, die dritte, ist über derselben in sitzender Stellung angebracht. Die Pforte ist symbolisch verziert, neben ihr ein steinerner Opferaltar. In der Tiefe der Bühne ein See, von rauhen mit Bäumen bewachsenen Felsen umschlossen. Im Vordergrund rechts ein Gebüsche. Donner murmelt durch den in weiter Ferne erschallenden

Jubelchor.
        Wie des Adlers Kraftgefieder
Seinen Leib zur Sonne trägt,
Fliegen aufwärts unsre Lieder,
Durch der Freude Schwung bewegt.
Glücklich, wie in Himmelszonen,
Von der Erde Leid getrennt,
Stolz die ew'gen Götter thronen,
Herrsch' Kreon in Agrigent.

Phalarius (tritt mit wild zurückschauenden Blicken hastig ein, er trägt ein Pantherfell über dem Rücken und ist mit Bogen und Pfeil bewaffnet).
Bin ich denn noch nicht weit genug gezogen,
Verräterische Stadt, die mich betrogen?
Wird auch des Waldes düstre Einsamkeit
Durch deines Jubels frechen Schall entweiht?

(Die letzten Worte des Jubelchores erklingen wieder:
»Herrsch' Kreon in Agrigent.«

Herrsch' nur Kreon, Volk, jauchz' die Kehle wund,
Ihr zwingt das Glück zu keinem ew'gen Bund.
Prahlt, Lügner, mit der Kron', die ich erkämpft,
Da nur mein Mut des Krieges Glut gedämpft.
Mich laßt aus Undank meinen Purpur weben,
Ihn färben mit dem ausgeströmten Leben.
Das ich vergeudet am ersiegten Strand,
Den Lorbeer brechend mit der blut'gen Hand.
Glaubt ihr, ich hab' für Agrigent gestritten,
Damit der Rat, nach ungerechten Sitten,
Das Reich verkauft an den unmünd'gen Knaben,
Auf das nur ich ein wahrhaft Recht kann haben?
Denn ist er auch dem Thron verwandt durch Blut,
Bin ich es würd'ger noch durch Heldenmut.
Ich glaub' nicht, was des Tempels Diener sagten,
Als schlau sie Jupiters Orakel fragten,
Ob mir, ob wohl Kreon das Reich gehört;
Es hab' der Gott sich donnernd drob' empört,
Daß ich's gewagt, als meiner Siege Lohn,
Zu fordern Agrigentens goldnen Thron,
Und ausgesprochen unter ew'gen Blitzen;
»Ich dürfe nie ein Reich der Welt besitzen,
Und Agrigent kann dann nur Glück erringen,
Wird auf dem Thron Kreon das Zepter schwingen.«
So logen sie, als ich zurückgekehrt,
Aus blut'ger Schlacht zum heißerkämpften Herd,
So logen sie, von aller Scham entwöhnt,
Als Siegesdank fand ich Kreon gekrönt.
Da außen ich des Landes Feind bekriegt,
Hat eigner mich im Innern hier besiegt.
Drum will ich fliehn aus dir, verhaßtes Land,
Doch nimm den Schwur als dräuend Unterpfand,
Daß ich noch einmal zu dir wiederkehre,
Zu rächen die durch Trug geraubte Ehre.

(Will ab und erblickt entsetzt der Rachefurien Höhle.)

Ha, welch ein Pfad hat mich zu euch geleitet,
Blutlose Schwestern, die ihr stets bereitet,
Als der Vergeltung grauenvolle Bürgen,
Gewalt'ge Sünder dieser Welt zu würgen.
Euch fordr' ich auf, an euch will ich mich wenden,
Sprengt auf das Tor mit den entfleischten Händen,
Reicht mir ein Schwert, mich an der Welt zu rächen,
Die mich verhöhnt, und ihren Bau zu brechen.

(Fürchterlicher Donnerschlag, der verrollt; die Pforte dröhnt und erzittert, dann leuchten schwache Blitze auf das Gebüsche rechts, das sich in der Mitte auseinanderteilt. Man erblickt darin Hades, in Lumpen gehüllt, mit bleichem Antlitz auf einem Steine sitzen, er hat einen Sack über dem Rücken hängen.)

 
Zweite Szene.

Phalarius und Hades.
(Hades grinst Phalarius an, der ihn mit Entsetzen betrachtet.)

Phalarius. Welch ekliche Gestalt, wer bist du?

Hades (mit etwas hohler Stimme, lauernd und gezogen). Ich?

Phalarius. Bist du der Rachefurien eine? (Starr.) Sprich!

Hades (langsam aufstehend, er geht gebeugt und spricht langsam im hohlen Tone).
Bin keine von den Rachefurien,
Kann selbst kaum mehr auf morschen Knochen stehn;
Bin nicht Tisiphone, Megär', Alecto,
Nein, nein, ich bin, – vergib, – mich schauert so.

Phalarius. Du kannst nicht ganz der Erde angehören,
Du könntest sonst den schönen Glauben stören,
Daß nach dem hohen Götterbild des Zeus
Der Mensch geformet sei durch Prometheus.

Hades. Nicht ganz ist mehr die Erd' mein Vaterland,
Tief unten ruft es mich am styg'schen Strand;
Harpyen, die wie Nachtigallen klagen,
Verkünden, daß die Furien um mich fragen.

Phalarius. Hast du so bös gehaust in dieser Welt,
Daß dir im Enden jeder Trost nun fehlt?
Bist du so arm, daß dich Verzweiflung faßt,
Und hast wohl einst im Übermut gepraßt?

Hades. So ist es, du hast furchtbar wahr gesprochen,
Doch jetzt ist meines Glückes Stab gebrochen;
Viel hab' ich einst auf dieser Erd' besessen,
Geliebt ward ich, ich werd' es nie vergessen,
Doch jetzt bin ich gehaßt, bin unbeweibt,
    (Weinend.)
So arm, daß mir nichts mehr, als eine Krone bleibt.

Phalarius (nach einer Pause des Erstaunens).
Was sprichst du, eine Kron'? Wahnwitzig Tier!

Hades. Willst du sie sehn? ich trage sie mit mir.
    (Mit stärkerer Stimme.)
Ich schenk' sie dir, willst du's mit ihr versuchen,
Ich hörte dich vorher um eine Krone fluchen,
Doch trägst du sie, legst du sie nimmer ab,
Sie bleibt dem Haupte treu bis an das Grab.

Phalarius. Was nützt die Krone mich, nenn' mir ihr Reich.

Hades (stark). Die Welt! – Hast du genug? – Was wirst du bleich?

Phalarius. Soll ich's nicht werden? Mich befällt ein Grauen,
Wer kann in solchen Riesenhimmel schauen,
Die Erd', so weit sie reicht, unendlich Bild,
Hat nie die Neugier eines Augs gestillt.
Entflieh, verlaß mich, trügerischer Geist,
Der Hölle gibt, da er zum Himmel weist.
Zeig' her die Kron', wenn du mich nicht geneckt.

Hades. In meinem Bettelsack ist sie versteckt;
Dem Drachen gleich, der in der Höhle kauert,
Auf fette Beut' mit gift'gem Zahne lauert.

Phalarius. Ein Diadem in eines Bettlers Tasche?

Hades. In schlichter Urn' ruht königliche Asche.
    (Mit erhobener Stimme.)
Durch diese Kron', ruht sie auf einem Haupt,
Wird dem, der sie erblickt, des Mutes Kraft geraubt.
Ja, ihr Besitzer darf nur leise winken,
Wer sich ihm naht, muß huld'gend niedersinken.
Es wird der Baum, mit üppig grünen Zweigen,
Sein duftend Haupt vor dieser Krone neigen;
Des Waldes Tiere werden bang' erzittern
Und heulend sie in weiter Ferne wittern.
Was er befiehlt, muß streng' vollzogen werden,
Und keiner lebt, der sie entwenden kann auf Erden.
Selbst wenn er schläft, die sorgsam stille Nacht,
Geschloßnen Aug's, ihr Eigentum bewacht.
Kein Speer, kein Dolch, kein Pfeil kann ihn erreichen,
Der Krone Macht wird nur dem Mondlicht weichen;
Solang sie dies bestrahlt, ist er verloren,
Und jedes Feindes Schwert kann ihn durchbohren.
Solch Glück bringt dieser Reif und solches Bangen;
Nun sprich, trägt deine Herrschsucht noch nach ihm Verlangen?

Phalarius. Den Sturm versöhn' durch eines Schiffes Wrack,
Golkondens Schatz verbirg im Bettelsack,
Dem Pfeil befiehl, er soll den Rückweg nehmen,
Des Ätna Glut verhindre auszuströmen,
Nur mich bered' nicht, von der Kron' zu lassen,
Gib sie heraus, sie muß das Haupt umfassen.
    (Legt den Helm ab.)

Hades. Wohlan, schau' nicht zum Himmel, blick' zur Erde,
Sie fleht dich an mit jammernder Gebärde;
    (Er nimmt die goldene Krone aus dem Sacke, aus dem Feuer strömt, ferner Donner.)
Doch hör' ihr Wimmern nicht, reich' mir die Stirn',
Bleib stark, bewahr' vor Wahnsinn dein Gehirn.

(Er setzt ihm die Krone auf, fürchterlicher Donnerschlag, kurze Musik. Die Bühne wird lichter. Die Erde zittert, die Bäume beugen ihre Zweige, sodaß sie eine grüne Kuppel über Phalarius Haupt bilden und sich im See spiegeln.)

Hades. So, so, der Wald bebt vor dem Königshaus,
Es huld'gen dir die Stämme reichbelaubt.

Phalarius. Ist's Wirklichkeit? Welch unnennbar Entzücken!

Hades (beiseite).
Sie wird die Stirn noch heiß genug dir drücken.

Phalarius. Ha! Nun ist mein der höchste Schatz hienieden.
Sprich, Wurm, was kann zum Lohn ich dafür bieten?

Hades. Brauch' nichts dafür, trag sie nur glücklich fort,
Wir treffen uns schon am Vergeltungsort,
Wenn weit geöffnet deines Wahnes Grab,
Und du einst sprichst, wie ich gesprochen hab';
    (Weinend.)
Ich bin so arm, mir bleibt nichts als die Krone,
    (grimmig.)
Den Augenblick allein bewahr' ich mir zum Lohne.

(Schleicht ab, den Sack über dem Rücken.)

 
Dritte Szene.

Phalarius (allein).
Geh, Lügengeist, nie werde ich so sprechen,
So denken nur wär' an dem Glück Verbrechen.
Nun fort, Phalarius, aus diesem Wald,
Damit dein Ruhm Sizilien durchschallt.
Doch kann ich baun auf dieser Krone Macht? –
Holla, wer schreitet durch des Waldes Nacht?

 
Vierte Szene.

Voriger. Antrogäus mit königlichen Soldaten, welche mit Lanzen bewaffnet sind.

Antrogäus (von innen). 's ist Antrogäus und des Königs Wache.

Phalarius. Willkommen, Speere, dienet meiner Rache.
Du, Antrogäus, sollst der erste sein,
Den ich dem langverhaltnen Haß will weihn.

(Alles eilt auf Phalarius zu.)

Chor.
            Du sollst nach Hofe kehrn, Phalar',
Der König will's –
(Die Krone erblickend und erschrocken zurückweichend.)
                              Ha, welch ein Stern,
Den ich auf deiner Stirn' gewahr'?
Er hält mich drohend von dir fern.
Wie kann sein Anblick doch erschüttern,
Mich reißt's zur Erd' mit bangem Zittern,
Die Angst erpreßt den Ausruf mir;
Sei gnädig, Fürst, – ich huld'ge dir!

(Alle sinken bebend auf die Knie.)

Phalarius (wild lachend).
Ha, ha, was läßt mir wohl Kreon befehlen?

Antrogäus. Blick' mild auf uns, dein Auge kann entseelen.
Es sendete Kreon nach dir uns aus,
    (Spricht mit beklemmter Brust.)
Dich heimzuleiten nach dem Fürstenhaus,
Wo sich die Freude wälzt, Bachanten winken,
Dort sollst du reuig an die Brust ihm sinken
Und Abschied deinem düstern Grolle geben,
Dafür wird er zu neuer Würd' dich heben.

Phalarius. Verflucht sei der, der mir von Reue spricht!
    (Zieht sein Schwert und verwundet ihn.)
Bereue du, wenn dir das Auge bricht!
    (Antrogäus wird in das Gebüsch geführt.)
Verwahrt die Brust, mein durst'ger Stahl will trinken,
Er wird noch oft in Purpurscheide sinken.
Nun rafft euch auf und horcht auf mein Befehlen.
Ich will der Stadt ein Märlein dort erzählen;
Von einem Siegesfest, wo die Mänaden wüten,
Der Sieger nur allein muß drauß' im Walde brüten.
Von mächtig strahlender Kron', die ihm der Orkus schenkt,
Von wüt'gem Rachgefühl, das seine Waffe lenkt,
Von güldenem Palast am diamantnen See,
Wo Freudentaumel herrscht, nicht ahnend baldiges Weh.
Vom Brand, der ihn ergreift, vom grausen Angstgeschrei,
Von Kreons letzter Stund', verzweiflungsvoller Reu'.
Von Feinden waffenlos, die froh im Tanze schweifen,
Von Kriegern roh und wild, die sie wie Schergen greifen.
Vom glühenden Balkon, von dem man auf mein Winken
Sie wild frohlockend stürzt, daß sie im See ertrinken;
Dies Märchen wollen wir der Stadt zum besten geben,
Und wenn sie drob' erbleicht, soll Frohsinn uns beleben.
Dann wird auf des Palastes schwarz gebrannten Trümmern
Der glänzende Pokal wie Sonnenaufgang schimmern,
Und unsre Fabel geb' zum Schluß der Welt die Lehre;
Daß unbewachtes Glück nicht lang auf Erden währe.
    (Für sich gemäßigter.)
Ich will das meine wahrn, mich sehe keiner fallen,
Und müßt' es auch geschehn, mein Ruhm kann nie verhallen.
Ich ringe mit der Zeit, es muß nach tausend Jahren
Die Sage von der Kron' die Nachwelt noch erfahren.

(Alle ab, die Bäume biegen sich abwärts.)

 
Fünfte Szene.

Lucina (schwebt schnell auf Rosenschleiern, die auf weißen Wolken ruhn, auf die Erde nieder, Angst beflügelt ihre Worte).
Was hört' ich für Flüche im Hain hier ertönen?
Es beben die Lüfte, die Felsen erdröhnen,
Hin brauset der Frevler durch waldige Nacht,
Zu liefern die gräßliche Höllenschlacht.
So mußte auf Erden ein Bösewicht reifen,
Der's wagt, nach der schrecklichen Krone zu greifen.
Agrigent ist verloren, es jammert die Welt,
Wenn ihn nicht die Macht der Erinnyen fällt.
Was soll ich beginnen, ihr blutigen Stunden,
Zu strafen den Frevel, zu heilen die Wunden?
Er muß ja die grausame Tat erst vollstrecken,
Will ich hier die rächenden Furien wecken.
Nur Tod sprengt des Fatums gewaltige Ketten,
Drum muß ich das Leben des Königs erretten.
Schon rennt durch die Straßen der gierige Troß,
Es werde die Wolke zum flüchtigen Roß.

(Die Wolke verwandelt sich in ein schwarzes Roß mit goldenem Zaum. Lucina setzt sich schnell auf selbes.)

Nun, Rappe, nun magst du die Lüfte durchschnauben,
Wir wollen den Mörder der Beute berauben.

(Das Roß fliegt pfeilschnell ab.)

 
Sechste Szene.

Hades (als Fürst der Unterwelt, schwarz griechisch gekleidet, eine schwarze Krone auf dem Haupte, eine Fackel in der Hand, die er in den Opferaltar der Eumeniden steckt)
So, nun laß die Jagd erschallen
Und die Jäger nicht ermatten,
Daß mir viele Scharen wallen,
Nach dem Reich der dunklen Schatten;
Denn ich hab's beim Styx geschworen,
Zu entvölkern diese Erd',
Drum hab' ich Phalar' erkoren,
Er ist dieses Auftrags wer.
Bald wird auch Massana fallen,
Wo ich Unglück hingebannt,
Lustig wird der Orkus hallen,
Wenn versinkt das stolze Land.
Von der kallidalschen Insel,
Wo mein ries'ger Eber haust,
Hör' ich jammerndes Gewinsel,
Daß das Meer nicht überbraust.
Doch schon rötet sich der Himmel,
    (Man sieht Brandröte.)
Rauch wallt auf, die Zinne kracht.
Im Palaste wogt Getümmel,
Schnell hat er die Tat vollbracht.
    (Es rasselt donnernd die Pforte der Eumenidenhöhle, Blitze dringen durch die Öffnungen.)
Halt, die Eumeniden rasseln
Auf von ihrem Rächerthron,
Wie sie donnernd näher prasseln,
Ihre Dolche zucken schon.
Ha, ihr sollt mir nicht zerstören
Meines Witzes Heldentum,
Ihr mögt seine Taten hören,
Eure Rache bleibe stumm.
    (Die Fackel ergreifend.)
Durch die Macht, die mir geworden,
Seit Saturn die Welt umflügelt,
Bleiben diese Schauerpforten
Ihren Furien versiegelt.
    (Er stößt die Fackel dreimal gegen die Pforte, es zeigen sich drei Flammensiegel.)
Durch dies Schreckenstor allein
Können nach der Erd' sie dringen,
Darum soll's verschlossen sein,
Mit dem Schicksal muß er ringen,
Ist, was ich gewollt, vollbracht,
Send' ich selber ihn der Nacht.

(Musik.
Schreckliches Geprassel und Geheul inner der Pforte, der See wird hellrot und wogt fürchterlich.)

Ha, wie sie empört nun heulen
Und den See hier blutig färben;
Bleibt gefangen, gift'ge Eulen,
Nur im Mondlicht kann er sterben.
Doch ich seh' Kreon befreit
Mit Lucina niederschweben,
Er war schon dem Tod geweiht,
Sie betrügt mich um sein Leben.
    (Er tritt zurück.)

 
Siebente Szene.

Voriger. Lucina und Kreon auf Wolken niedersinkend. Kreon beugt sein Knie vor Lucina.

Lucina. Du bist gerettet, holder Fürst, du lebst durch mich,
Des Landes Schutzgeist war's, der niemals von dir wich.

Kreon. Es dankt mein klopfend Herz, mein Sinn vermag's noch nicht,
Da vor Erstaunen mir Erinnrung fast gebricht.
Wer bringt mein treulos Glück, ich straf' den Hochverrat,
Den es an mir und meinem Volk begangen hat.
O gleißnerische Zeit, wer sollt' es von dir glauben,
Durch einen Augenblick kannst du uns alles rauben.
Minuten wissen's kaum, daß mich das Elend fand.
War's denn Phalarius, der drohend vor mir stand?
Woher die Schreckenskron', mit der er frech geprahlt?
Und die mit mag'schem Schein den Brand noch überstrahlt.
Woher die Meuterei, wer herrschet nun im Land?
Ihr Götter stärket mich, es wanket mein Verstand,
Vor ihm bin ich gekniet, vor diesem Bösewicht!

Lucina. Dein Rasen ist umsonst, die Götter hören's nicht,
Siehst du dort den Altar, auf ihn leg' deine Klagen,
Die Nimmerruhenden magst du um Rat befragen.

Kreon. So hört mich denn, ihr mächt'gen Eumeniden!
    (Schlägt an die Tür, die erdröhnt.)

Hades (tritt hervor).
Vergebens rufst du sie, du störst nur ihren Frieden.

Kreon. Wer spricht hier Worte aus, die Wahnsinn müßt' bereuen?

Lucina (bebt zurück).
Erkennst du Hades nicht, den selbst die Götter scheuen?

Kreon (bebt auch zurück).
Du, Hades, bist's?

Hades.                         Bin's selbst, der dieses Tor bewacht.

Lucina (Zu Kreon leise).
Er hat dich um dein Reich und um dein Volk gebracht.

Kreon. Sind die Erinnyen taub, daß sie sich noch nicht zeigen?

Hades. Erkennt die Siegel hier, der Orkus heißt sie schweigen.

Lucina (jammernd zu Kreon).
O armer Fürst, Unmöglichkeit heißt dein Gebiet,
Aus dem die Hoffnung selbst mit banger Furcht entflieht.
    (Zu Hades.)
Ja, du verdienst, daß Götter dich und Menschen hassen,
Die Glut des ew'gen Pfuhls muß neben dir erblassen.
Doch jener blut'ge See bleib Zeuge deiner Wut!
Lucinas Göttermacht bewahret seine Glut,
Bis sich einst Jovis Bild in seinen Wellen spiegelt.
Und sein allmächt'ger Blitz die Pforte dort entriegelt.

Hades (mit Hohn).
O Göttin, hold und schön, wie magst du doch so wüten,
Sieh deine Wundertat treibt neue Todesblüten,
Mich schreckt nicht Zeus, drum sei dein See verflucht.
Und wer durch seine Flut den Durst zu stillen sucht,
Der wird von dieser Stund' die Menschenbrut verachten,
Und einem Tiger gleich nach ihrem Leben trachten;
Doch nur so lang, bis er so vieles Blut vergießt,
Als aus dem Wundersee sein durst'ger Mund genießt.

Lucina. Halt ein, das geht zu weit, du nächtlich Ungeheuer,
Ist dir denn nichts auf dieser schönen Erde teuer?
Greif an den Himmel hin und raub' ihm seine Sterne,
Die Götter selbst verjag' nach lichtberaubter Ferne,
Vernicht' auch mich, versuch's, raub' mir Unsterblichkeit,
Beginn den Kampf, fall aus, ich bin dazu bereit.
    (Sie stellt sich ihm mit majestätischer Miene gegenüber.)

Kreon. Was klagst du, Erde, noch, ist doch vom bösen Streit
Der weite Orkus nicht, nicht der Olymp befreit.

Hades (kalt und gleichgültig).
Du nennst unsterblich dich, durch Schmähung kannst du's sein.
Ich lasse mich mit dir in keinen Zweikampf ein.
Du bist ein Götterweib, mehr braucht's nicht zu erwidern,
    (Mit vornehmer Nichtachtung.)
Das heißt, du bist ein Weib und kannst mich nicht erniedern.

Lucina (mit höchster Würde).
Ich bin's, und weil ich's bin, bebt stolzer mir die Brust;
Ich bin ein Weib! des kräft'gen Erdballs höchste Lust!
Ein Weib! Um das der Brand von Troja hat geleuchtet.
Ein Weib! Um das des Donnrers Aug' sich mild befeuchtet;
Ein Weib! Vor dem sich tief ganz Persien gebeugt;
Ein Weib! Das einst ein Gott aus seinem Haupt gezeugt;
Ein Weib! Das durch die Welt der Liebe Zepter schwingt,
Der Lieb', die auch zu deinem Felsenherzen dringt.
Ein Weib! Das deinen Arm durch einen Kuß kann lähmen;
Das heißt: du bist ein Mann und kannst mich nicht beschämen.

Hades. In schönen Worten kannst du leicht den Preis gewinnen,
Doch nur durch Mannesgeist gelingt ein groß Beginnen.

Lucina. Wohlan, so laß uns nicht durch Elemente streiten,
Durch Flammen, Wogen, Sturm Verderben uns bereiten,
Gebrauchen wir des Witzes fein geschliffne Klinge,
Vielleicht gelingt mir's doch, daß ich den Sieg erringe.

Hades. Was quält dich doch die Lust, den Orkus zu bekämpfen?
Wie leicht wär's meinem Witz, den Übermut zu dämpfen.

Lucina (schlau).
Wenn dies dein Geist vermag, warum will er's vermeiden?
Die Götter müßten dich um deinen Witz beneiden.
Glaub' nicht, daß im geheim die Himmlischen dich achten,
Sie schmähn auf deinen Geist, den sie schon oft verlachten.

Hades (mit gereiztem Ehrgeiz).
So will ich dir und den Olympschen Göttern zeigen,
Daß meine Schlauheit nicht sich ihrer List muß beugen.
Es soll dir möglich sein, die Furchtbaren zu wecken,
Doch was ich dir befehl', mußt du genau vollstrecken.
Du kannst zu seinem Sturz die Eumeniden brauchen,
Läßt du auf dem Altar ein dreifach Opfer rauchen;
Erst eine Kron', die eines Königs Stirn geziert,
Der nie ein Reich besaß, noch eins besitzen wird.
Dann einen Lorbeerkranz von eines Helden Haupt,
Der, wenn der Lorbeer rauscht, des Mutes ist beraubt.
Und doch verübt solch ungeheure Herkulstat,
Daß ihm der Krieger Schar den Kranz geflochten hat.
Nun kommt das dritte noch, es ist ein Diadem,
Der Eitelkeit Triumph, daß es selbst Juno nähm'.
Dies sei aus Myrthenblüt' mit Lilienschnee verwebt,
Und ruh' auf einem Haupt, das sechzig Jahre lebt.
Ein hochbetagtes Weib, mit reich verschlungnen Falten,
Muß es für ihren Reiz als Schönheitspreis erhalten.
Doch Männer nicht allein, die Mitleid kann versöhnen,
Es müssen Weiber sie mit neid'schen Blicken krönen.
Dies sind die Dinge nur, die ich von dir begehre,
Und findest du sie aus, dann glaub', daß ich dich ehre.
Bring' sie zum Opfer hier, dann schmelzen jene Siegel,
Die Pforte donnert auf, gesprengt sind ihre Riegel,
Die Eumeniden frei, Phalarius kann fallen,
Und hör' ich sein Gestöhn' am Acheron erschallen,
Dann nehm' die Kron' ich selbst von seiner blassen Stirn'
Und weihe dir beschämt, verachtend mein Gehirn.

Lucina. Beim Zeus, ich bin erstaunt!

Kreon.                                               Sei nicht so grausam doch,
Daß du die Möglichkeit belegst mit solchem Joch
Du willst den Flug und kettest unsre Flügel,
Du spornst den Gaul und engest seine Zügel.

Hades. Sie hat's gewollt, ich ändre meinen Ausspruch nie,
Glaubt Ihr, der Hölle Süd zeugt keine Phantasie?
Hast du vielleicht gewähnt, Unsterblichste der Nymphen,
Es lasse Hades sich so ungerecht beschimpfen?
Ich bin, was du so schlau gefordert, eingegangen,
Doch bleibet unerfüllt mein dreifaches Verlangen,
So sei's bei des Kozytus Trauerlauf geschworen,
Du wirst des Orkus Spott, und Kreon ist verloren.
    (Geht mit Würde ab.)

 
Achte Szene.

Vorige ohne Hades

Kreon. Verloren bin ich, ja, mein Sturz war schon vollendet,
Als sich sein Furienblick nach meinem Reich gewendet.
Das Rätsel ist nun klar, ich weiß, wie es geschah,
Mein Unglück steht entlarvt und frech entkleidet da.
Was ist das Leben doch? wie wär' ich zu bedauern,
Wenn ich nicht sterblich wär' und müßte ewig trauern.

Lucina. O traure nicht zu früh, mein Geist gebärt Gedanken,
Die ihn mit Hoffnungen wie Efeu grün umranken.
Die Götter dulden's nicht, daß solch' ein Reich vergeht,
Wo ein so edles Volk für seinen König fleht.
    (Nachdenkend.)
Massanas Fürst ist krank, und wird nicht mehr genesen,
Das Unglück haust zu arg, es muß das Land verwesen;
Dann hier der blut'ge See, das kallidal'sche Schwein,
Mein Wundermittel wirkt, es kann nicht anders sein.
    (Der Wolkenwagen sinkt wieder herab.)
Drum eile jetzt mit mir nach meinem Luftgefilde,
Vertausch' den Anblick hier mit einem schönern Bilde.
Ich will durch mag'sche Kunst ein Zauberlicht bereiten,
Dann such' durch Fremdlinge den Trug ich einzuleiten;
Du aber kannst hier nichts zu deiner Rettung helfen,
Drum harrest du auf mich im Kreise meiner Elfen.

Kreon. So gern du, Göttin, magst nach deiner Heimat ziehn,
So schmerzlich fällt es mir, die meinige zu fliehn.
    (Mit tiefer Rührung.)
O du mein teures Reich, ich muß mich von dir trennen,
Den rauhen Felsen nur kann meine Qual ich nennen.
Wo lebt ein König wohl, der solches Leid getragen,
Daß seinem Volke er kein Lebewohl darf sagen?
O Echo, dessen Schall in allen Bergen tönt,
Verkünd' das Trauerwort; leb' wohl, mein Agrigent.
Nun folg' ich Göttin dir ins traumbeglückte Land,
Verlaß mein wirkliches, aus dem man mich verbannt;
Doch wenn die Wolken mir mein treues Volk verhüllen,
Wird sich des Königs Aug' mit heißen Tränen füllen.
Magst du den Schmerz als kleinlich auch betrachten,
Er ist ein heil'ges Weh, du darfst ihn nicht verachten.
    (Er kniet vor ihr.)

Lucina (gerührt die Hand auf sein Haupt legend).
Ich ehre tief dein Leid, es führt dich einst zum Lohne,
Der Schmerz gehört der Welt, drum trägt ihn auch die Krone.
    (Hebt ihn auf.)
Erhebe dich mein Fürst.
    (läßt ihn in den Wolkenwagen steigen.)
                                      Ein Thron soll dich umrauschen.
    (Die Wolke bildet einen Thronhimmel um Kreons Haupt.)
Ist mir Fortuna hold, sollst du ihn bald vertauschen.

(unter zart klagender Musik schwingen sich beide langsam fort.)

 
Neunte Szene.

(Romantische Gegend.)

(Vorne links ein kleines Häuschen mit einem Schilde, worauf eine goldene Schere gemalt ist. Diesem gegenüber eine natürliche Rasenbank, von einem Baum überschattet. Die Musik geht nach der Verwandlung in Simplizius' Ariette über.)

Simplizius (in bürgerlicher Kleidung).
Ariette.
          's gibt wenig, die so glücklich sind
Wie ich aus dieser Welt,
Ich hab' kein Weib und hab' kein Kind,
Und hab' kein' Kreuzer Geld.
Wenn ich auch keine Schulden hätt',
Ich wüßt' vor Freud' nicht, was ich tät'.

Ich will im voraus nicht stolziern,
Mein Glück fängt erst recht an,
Mir scheint, ich werd' mein Gwerb' verliern,
Dann bin ich prächtig dran;
Und 's Überraschendste wird sein,
Wenn s' kommen werdn und sperrn mich ein.

Dann schau' ich um ein' Freund mich um,
Der in der Not mich tröst',
Der macht, daß ich aus d' Festung kumm,
Da sitz' ich erst recht fest;
Und wenn s' mich dort vielleicht noch schlagn,
Das wär' ein Glück, – nicht zum Ertragn.

Ja, ja, mancher, der mich so reden hört, würd' sagen: O je, da kommt schon wieder einer daher, der lamentiert, daß er kein Geld hat und voller Schulden ist und daß er soll eing'sperrt werdn. O Jemine, das ist ein' alte G'schicht'. (Hochdeutsch.) Ja, wenn's aber nicht anders ist, was soll man denn machen? Es ist einmal so, ich hab' einmal kein Geld, und sie sperrn mich einmal ein, vielleicht auch zweimal, (lokal) und wenn das so fortgeht, so komm' ich aus dem Einsperren gar nicht mehr heraus. Ich bin ein rechtschaffener Mann, doch von was soll ich denn zahlen? Ich bin zwar der angesehnste Schneider hier im Ort, aber ich hab' nur eine einzige Kundschaft, und das ist mein Gläubiger, ein Weinhandler, der weint um seine fünfhundert Taler, so oft er mich anschaut. Jetzt bin ich ihm das Geld schon sieben Jahr' schuldig, er ist aber schon lang gezahlt, denn statt den Interessen hat er mit mir ausgemacht, daß ich ihm alles umsonst arbeiten müßt', was in seinem Haus ang'schafft wird. Da kommen aber die Leut' vom ganzen Dorf in sein Haus, lassen sich das Maß nehmen, ich muß ihnen umsonst arbeiten, und er laßt sich zahlen dafür. Da hab' ich einen Zimmerherrn drin – (deutet auf sein Haus, geheimnisvoll) der zahlt auch nichts. Ist ein Schmied, ein Reimschmied, schreibt jetzt gar ein Theaterstuck. Auf die Letzt bringt er mich noch in ein Stuck hinein, denn ich hör', jetzt können s' gar kein Stuck mehr aufführen, wo s' nicht was von ein' Schneider drin haben, und er gar, er schreibt eins, das heißt »Die getrennten Brüder«, das wird doch aufs z'sam'nahn hinausgehn. Er erwartet immer das Geld von der Post, und jetzt ist ein so ein schlechter Weg, da bleibt's halt stecken. (Ruft zum Fenster hinein.) Guten Morgen, Monsieur Ewald, schon wieder fleißig? Scribendum!

 
Zehnte Szene.

Voriger. Ewald.

Ewald (schlägt von innen auf den Tisch). So stören Sie mich doch nicht mit Ihrem unsinnigen Geschwätz. (Kommt heraus im einfachen Gehrock. mit einem Manuskripte, Tinte und Feder.) Es ist nicht möglich, daß ich einen vernünftigen Gedanken fassen kann, wenn Sie in meiner Nähe sind. Gehen Sie doch hinein, ich will hier schreiben.

Simplizius. Schreiben Sie, wo Sie wollen und an wen Sie wollen, aber sein Sie nicht unartig mit mir.

Ewald. Lieber Hausherr, nehmen Sie meine Heftigkeit nicht so auf, Sie sehen, ich bin ein Dichter, ein begeisterter Mensch. Wenn man in Jamben arbeitet, Sie verstehen das nicht so, es sind fünffüßige Verse.

Simplizius. Ja, das ist ja eben das Unglück, wenn die Vers' eine Menge Füß' haben und kein' Kopf. Das tragt nichts ein, ich wollt', ich hätt' so viel Füß', als Ihre Schlampen oder Jamben, was Sie da schreiben, ich war' schon lang davon g'loffen, auf meine kann ich mich nicht mehr verlassen.

Ewald. Sie sprechen dummes Zeugs, lassen Sie mich ungestört. (Er setzt sich auf die Rasenbank und überlegt.) Der letzte Akt, mir fehlt's an Stoff.

Simplizius. Mir auch, wenn ich so ein paar hundert Ellen Gros de Napel hätt', ich wollt' Ihnen Ihre Getrennten schon herausstaffiern.

Ewald. Nun hab' ich aufhören müssen. Jetzt ist der ganze Dialog zerrissen.

Simplizius. Ich wollt', es wär' alles z'rrissen, so krieget ich doch ein' Arbeit.

Ewald (aufspringend). Aber lieber Meister, wenn Sie einen Rock zuschneiden, so wünschen Sie doch ungestört zu sein.

Simplizius. Nun, Sie werd'n doch erlauben, daß es ein' andere Aufgab' ist, wenn ich einen Rock zuschneid', als wenn Sie da eine halbe Stund' nachdenken, und hernach fallt Ihnen erst nix ein. Wenn Sie einen Vers um ein paar Ellen zu lang machen, so streichen Sie s' halt weg, aber wenn ich einen Ärmel um eine halbe Ellen zu kurz mach', (er streift seinen Rockärmel hinauf) was g'schieht denn hernach?

Ewald (stampft mit dem Fuße). Zum letzten Male rat' ich es Ihnen, mich ungestört zu lassen, oder Sie werden mich wütend machen.

Simplizius (verschroben). Nu, nu, nur nicht so heftig, meine schwachen Nerven bitt' ich zu verschonen. Überhaupt zwingen mich verhältnislose Umstände, mit Ihnen tragisch zu reden. Ich kann zwar nichts gegen Sie sagen, Sie sind ein ordentlicher Mann, Sie bleiben mir meinen Zins schuldig, wie es sich g'hört. Aber Sie sind ein Dichter, der sehr schöne Ideen hat, warum kommt Ihnen denn nicht auch die Idee, mich zu bezahlen?

Ewald. Sie sollen Ihr Geld erhalten.

Simplizius. Ja wann? ich werd' heut noch eing'sperrt.

Ewald. Warum?

Simplizius. Weil ich blessiert bin und nicht ausrucken kann. (Deutet aufs Zahlen.) Wenn aber das geschieht, wenn sie mich einsperrn, Herr von Ewald – Sie sind mir schuldig, ich gebrauch' mein Recht, Sie müssen zu mir hinein. Wir sind Männer, wir werden unser Schicksal zu ertragen wissen. (Geht gravitätisch ab ins Haus.)

 

Elfte Szene.

Ewald (allein). Ha, ha, ha, ein gutmütiger Mensch, wenn er nur nicht so unerträglich einfältig wäre, mich dauert seine mißliche Lage. Morgen erhalte ich die Hälfte meines Honorars, davon will ich ihn unterstützen. Doch jetzt sei wirksam, Geist. (Dichtend.) Sechzehnte Szene, Gefängnis, Artur allein.

Warum muß ich im finstern Turm hier hausen,
Um den des Meers geschäftige Wellen brausen;
Ach, während Liebe stillt ihr froh Verlangen,
Hält mich der Haß hier trauervoll gefangen.
O Schutzgeist, der du meinem Traum dich zeigst
Und sanft dein Haupt zu mir hernieder neigst,
Leit' mich aus meines Kerkers düstern Bann,
Daß ich statt nutzlos sinnen, handeln kann.

 
Zwölfte Szene.

Voriger. Lucina ist während Ewalds Rede unter sehr leisen sanften Tönen auf Wolken niedergesunken. Ein Genius trägt eine Fackel.

Lucina. Wenn du willst des Gedichtes Sinn auf dich beziehn,
So kann ich deines Wunsches regen Drang erfüllen,
Du sollst mit mir nach weit entfernten Landen ziehn
Und des Verlangens Glut im Tatenstrome kühlen.
Zu hohem Werken hab' ich deinen Mut erkoren,
Weil ich dein Herz und deinen Geist als rein ersehn.

Ewald. O glanzentzücktes Aug', zu seltnem Glück geboren,
Daß du so holder Göttin Reize darfst erspähn.

Lucina. Erstaune nicht, entwirf kein Bild von meinen Reizen,
Du bist zur Rettung eines mächt'gen Reichs erwählt,
Der Auftrag sei genug, um mit der Zeit zu geizen,
Drum werd' dir auch von mir das Nöt'ge nur erzählt.
Dich sollen Wolken nach Massanas Strande tragen,
Ein Land, in welchem Unglück heult in jedem Haus,
Und das vom Meer verschlungen wird in wenig Tagen,
Dort gibst du dich für einen Weisen aus,
Entstammend aus Ägyptens heil'gen Pyramiden,
Der nach Massana kommt, um dieses Land zu retten.
Und wenn der König enden will den Lauf hienieden,
Vergoldest du des Todes fürchterliche Ketten
Und forderst erst für diesen Dienst des Reiches Krone.

Ewald. Wodurch ich dies vollbring', kann ich noch nicht ergründen.

Lucina. Nimm diese Fackel hier, sie flammt in jeder Zone,
Wenn du sie kräftig schwingst, wird sie sich selbst entzünden,
Den Gegenstand, auf den du ihren Strahl willst leiten,
Wird zephirleicht in ihrem Zauberlicht verrinnen,
Narkot'sche Wohlgerüche um sich her verbreiten,
Und die Gestalt, die du ihm leihen willst, gewinnen.
Er wird im wundervollsten Rosenlicht sich zeigen,
Wie ihn die zartste Phantasie nur könnte malen,
Daß sich die Herzen alle liebend vor ihm beugen,
Und sanfte Rührung wird aus jedem Auge strahlen.
    (Gibt ihm die Fackel.)
Verwahr' sie wohl, du wirst sie einst noch dankbar preisen,
Wenn tröstet dich ihr welterfreunder Wunderschein,
Doch nicht allein darfst du die Rettungsbahn durchreisen,
Dem kühnen Mut muß bange Furcht zur Seite sein.
Du wirst wohl selbst wo einen feigen Dümmling kennen,
Den eines Sperlings leises Rauschen schon erschreckt.

Ewald. Da kann ich dir, o Göttin, keinen bessern nennen,
Als jenen Mann, der sich vor deinem Anblick scheu versteckt.
    (Deutet auf Simplizius ins Haus.)

Lucina. Nun wohl, du magst mit ihm die Sache selbst verhandeln.

Ewald. Er ist mir schon gewiß, ich weiß, was ihn bewegt.

Lucina (zeigt auf einen Fels).
Die Fackel wird den Stein in leichten Nebel wandeln,
Der euch im schnellen Flug durch blaue Lüfte trägt.
Du übst, wie ich's befahl.

Ewald.                                     Dies kann ich hoch beteuern.

Lucina. Wohlan, ich will voraus hin nach Massana steuern.
    (Fliegt ab.)

 
Dreizehnte Szene.

Ewald (allein.)

Dies ist ein Auftrag doch, der eines Dichters würdig,
Weil echte Poesie nach einer Krone strebt,
Selbst Göttern ist durch hohen Schwung sie ebenbürtig,
Der über Sonnen sie zu Jovis Thron erhebt.
Mein Geist ist klein, mein Wirken nur ein ungeweihter Traum.
Drum wird die Kron', die ich heut wage zu begehren,
In Nichts zerfließen, wie der Woge flücht'ger Schaum,
Nur daß ich sie gewollt, wird mir noch Lohn gewähren.
Und wer wird nicht mit Lust von goldnen Dingen träumen,
Kann er darüber arme Wirklichkeit versäumen?
    (Ab ins Haus.)

 
Vierzehnte Szene.

(Kurzes Zimmer mit schlechten Möbeln, ein Tisch mit Schreibgeräte, an der Wand hängen einige schlechte Kleidungsstücke, Maß und ein paar abgeschabte Bilder. Rechts eine Seitentür, links ein kleines Fenster.)

Simplizius. Jetzt wird's nicht mehr lang dauern, so wird die achtzigpfündige Kanone meines Unglücks losgehn. Vor Angst krieg' ich noch das gelbe Fieber, das schwarze hab' ich so in allen Taschen schon. Wie spät wird's denn schon sein. Ich könnt's gleich wissen, ich dürft' nur auf die Uhr schauen, die ich vor zwei Jahren versetzt hab'. Um halb zwölf Uhr kommt der Weinhandler, der wird mich anzapfen um sein Geld, und wenn ich ihn nicht zahlen kann, so heißt es; Marsch nach Kamtschatka.

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