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Die tückische Straße

Walter Serner: Die tückische Straße - Kapitel 2
Quellenangabe
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typenarrative
authorWalter Serner
titleDie tückische Straße
publisherdtv
editorThomas Milch
year1982
isbn3423017910
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20121206
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Die Clincher Box

Whitehill kam sehr langsam zu sich. Und auch, als er die Augen schon geöffnet hatte, sah er noch nichts. Nur die Stirn brannte in kurzen schnellen Stößen. Er setzte sich mühsam auf. Und jetzt erst begann er sich zu erinnern. Er war am Abend vorher zu Broc in die Conventry Street gegangen. Der Pole Mzir sprach und die Kouropatrouska. Und dann sprach er selber. Es fiel ihm ein, daß es ihn dabei irritiert hatte, wie eigenartig Genove und die Jegera ihn gemustert hatten. Und er entsann sich ganz deutlich, daß er bald nurmehr den Eindruck gehabt hatte, man lasse ihn reden, ohne zuzuhören. Und dann plötzlich ...

Whitehill griff sich an die Stirn. Und dann war ihm plötzlich grau und dick vor den Augen geworden.

Nun blickte er sich in dem Raum um, in dem er sich befand. Und preßte alsbald seine Schläfen: er sah genau so aus wie ein Loch im Pitcher, besaß ein kleines vergittertes Fenster, hinter dem, sehr nahe, eine dunkle Ziegelwand war, und dieselbe Einrichtung. Whitehill kam nach kurzem Überlegen zu dem Schluß, daß, während er gesprochen hatte, die Polizei geräuschlos eingedrungen war, ihn rücklings betäubt hatte und nach Newgate gebracht.

Er stand auf und lauschte. Nichts. Er klopfte vorsichtige Worte an die Wände. Nichts. Untersuchte die Tür, den Judas: kein Schloß, kein Riegel, keine Schiene. Aber hart neben der Tür, in einer Einbuchtung der Mauer, befand sich ein Klingelknopf. Whitehill rieb sich die Wangen: den hatte es in der Zelle, in der er einmal drei Monate gesessen war, nicht gegeben. Er ging zum Fenster. Es schien ihm kein Zweifel daran möglich, daß es so gekommen war, wie er es sich vorgestellt hatte; nur daran, daß er, der mitten im Zimmer gestanden war, der erste gewesen sein sollte, der narkotisiert wurde. Da sah er den Klingelknopf, obwohl er den Blick nicht von ihm gewendet hatte. Es dauerte lange, bis er sich eingestand, daß er ja bloß klingeln wollte, es aber nicht wagte. Als er auf die Uhr sehen wollte, hielt er lächelnd inne: er hatte sie vor drei Tagen versetzt. Und da griff er auch schon in seine Taschen: alles war da, die wollene Börse, der Browning, die Neb-Ka's, aber keine Zündhölzer. Auch das gab es im Pitcher nicht. Da es jedoch diesmal um etwas anderes sich handelte, vermutete er einen Trick. Dessen Hinterlist vermochte er nicht zu begreifen. Seine Ohren wurden heiß und sein Wunsch, zu klingeln, ein unbezähmbarer Trieb. Und mit einem Mal stürzte er vor und stieß den Zeigefinger so schnell auf den Klingelknopf, daß die Gelenke knackend sich bogen. Während er sie nervös massierte, schnellte plötzlich die Tür auf.

Whitehill fuhr zurück: in der Tür stand ein Herr im Smoking und schwarzem Cape, in der Hand einen Zylinder, weiße Glacéhandschuhe und eine langstielige rosa Rose.

Am liebsten hätte Whitehill sich gesetzt. Seine Erregung hatte sich in die Beine entladen, die schwach wurden. Er glaubte, daß er wanke, und schämte sich.

Der Herr setzte sich auf das Strapontin und wies ihn mit der Hand an, ihm gegenüber auf das Bett sich zu setzen.

Whitehill starrte schluckend, während er sich niederließ, auf den kurzen spitzigen Schnurrbart, der zu zucken begann:

»Wir hatten Sie schon lange im Verdacht, Whitehill. Einer meiner Leute folgte Ihnen auch gestern wieder und hat alles beobachtet. Allerdings nicht gehört, was Sie gesprochen haben. Ihren Genossen gelang es leider, zu entkommen. Deshalb wurde rasch dafür gesorgt, daß niemand auch nur an Ihre Befreiung denken kann. Sie befinden sich im Rog-house und haben den Chef des Geheim-Departments für die Sicherheit des Staates vor sich. Herren Ihres Schlages machen wir nicht einmal kurzen Prozeß, sondern gar keinen. Nur durch ein offenes Geständnis aller Machinationen Ihrer Bande können Sie Ihr Los mildern. Wenn alle Ihre Angaben sich als richtig erweisen, werden Sie nach Indien deportiert. Vielleicht später eine administrative Stelle. England werden Sie freilich nie wiedersehen.«

Whitehill wunderte sich, daß er jedes Wort verstanden hatte. Denn es war ihm gewesen, als sähe er nur seine Hände, die bleischwer auf den Knien lagen. Als es ihm endlich gelang, aufzublicken, sagte er, ohne daß er später sich hätte erinnern können, es sich überlegt zu haben: »Ich kann kein Geständnis machen. Ich sollte ja gerade aufgenommen werden. Ich weiß also noch gar nichts. Nur, daß ich verloren bin.« Der Herr erhob sich. Dabei fiel ihm die Rose aus der Hand. »Geben Sie mir Ihre Waffe!«

Whitehill durchfuhr es: ›Ich werde ihn niederknallen und dann – auf und davon!‹ Aber als seine Rechte nach der hinteren Hosentasche stieß, sah er in der Hand des Herrn einen kleinen, auf ihn gerichteten Browning.

Nachdem Whitehill seine Waffe ausgeliefert hatte, verließ der Herr, die seine unverwandt schußbereit vor sich hinhaltend, langsam rückwärts gehend die Zelle und warf die Tür ins Schloß.

Whitehill sprang sofort hinzu, drückte, rüttelte, fühlte sie ab. Erfolglos. Es blieb ihm ein Rätsel, wie sie von innen geöffnet worden war. Erst als er wieder auf dem Bett saß, mit den Fingern seinen Hals malträtierend, wußte er, daß er nur aus unvorstellbar gräßlicher Verzweiflung so lange mit der Tür sich beschäftigt hatte. Sein Kopf sank nach hinten. Der Körper fiel schräg nach.

Es war finster, als er die Augen öffnete. Er hatte geschlafen. Ein seltsamer Geruch, der vordem nicht dagewesen war, zog ihm in die Nase. Whitehill roch ihn gierig. Es war wie eine unbekannte feine Speise, wie ein junger südländischer Wein ... Whitehill lächelte: er hatte Hunger und was so seltsam roch, war die rosa Rose. Er tastete nach ihr, fand sie rasch und roch. Immer wieder. So lange und tief, daß es ihn fast umnebelte. Er wollte nichts denken. Es war ja aus. Vielleicht schon morgen, vielleicht schon ... Er sah ein Bild, das ihm einmal in den ›London News‹ aufgefallen war: den im Hof von Rog-house gehängten Slings. Er sprang auf. Schweiß perlte ihm auf der Stirn. Seine Beine trugen ihn nicht. Es schauerte ihn bis unter die Bauchdecke. Da riß er den Kopf herum: »Der Klingelknopf!« gurgelte er heiser hervor. »Ich muß klingeln. Denn ich halte es nicht aus. Ich muß lügen. Denn ich will nicht ...«

Er taumelte zur Tür und preßte seine Faust dreimal gegen die Wand, bevor er den Klingelknopf fand. Dann glitt er zu Boden.

Bald darauf wurde es in der Zelle hell. Whitehill hob langsam den Kopf: der Herr im Smoking, diesmal ohne Cape und ohne Zylinder, war eingetreten.

»Sie haben geklingelt, weil Sie sprechen wollen. Ich höre.«

Whitehill richtete sich auf. Als er stand, wurde ihm ganz klar, daß er, was immer er auch sagen oder tun mochte, verloren war: niemand, der einmal bei Broc gewesen war, hatte noch Pardon erhalten; und keiner noch war aus Rog-house ausgebrochen. Der brennende Wunsch, es nicht zu glauben, erfüllte ihn. Aber es gelang ihm nicht. Diese furchtbare Erkenntnis gab ihm sonderbarer Weise seine Kraft zurück. »Ich werde nicht sprechen. Machen Sie mit mir, was Ihnen beliebt.«

Der Herr schlug sich auf den Schenkel. »Und wenn wir Sie nicht nach Indien schicken, sondern mit fünftausend Pfund auf die Straße?«

Whitehill zuckte die Achseln: ein unerwartet plumper Trick. »Ich spreche nicht.«

»Sie sind Mitglied der Anarchistenbande Broc und Zegarac. Der Society.«

»Nein.«

»Ich weiß, was Sie in der Conventry Street gesprochen haben.«

»Der hat Sie angelogen wie alle Ghouls.«

»In meiner Abteilung geht es schärfer zu. Wer lügt, der fällt.«

Whitehill zeigte eine gewisse sauere Heiterkeit. »Und doch werden alle in Ihrer Stellung immer wieder angelogen. Aber das alles hat ja keinen Zweck.« Er ließ sich pfeifend auf das Bett niederfallen. Als er aufblickte, war der Herr nicht mehr in der Zelle.

Whitehill wollte eben aufstehen, als eine elegante Dame hereinrauschte, sofort seinen Arm nahm und sich neben ihm aufs Bett setzte.

Bereits an Überraschungen gewöhnt, reagierte Whitehill auf diesen Überfall mit Widerwillen. Das knisternde Taftkleid aber, der feine Duft von L'heure bleue und der immer wärmer spürbare Schenkel taten bald ihre Wirkung. Whitehill entzog sich nur mühsam den zarten Fingern, die seinen Arm umschmeichelten, und schlug sich nervös aufs Knie.

Erst jetzt sprach die Dame. »Wie gefalle ich Ihnen?«

Whitehill öffnete schmatzend den Mund: er genierte sich plötzlich wegen seines unrasierten Bartes.

»So gut, daß Sie sichs etwas kosten ließen?«

Whitehill verkniff verächtlich die Lippen. »Ich besitze fünf Schilling.«

»Nicht so. Etwas anderes.« Die Dame rückte ihm nach, legte ihren Arm um seine Schultern und preßte Schenkel und Brust fest gegen ihn, so daß er ihren wohlriechenden Atem auf Mund und Nase fühlte. Mit einem Blick stellte sie fest, daß seine feindliche Spannung nachließ. »Sie tun, als wäre es Ihnen durch eine List geglückt, hier herauszukommen. Es wird Ihnen bei Broc großes Ansehen verschaffen. Sobald Sie uns die Bande übergeben haben, erhalten Sie die fünftausend und meine Natur. Für ein paar Tage. Oder so lange, wie Sie wollen. Nun?«

Noch bevor er den Blick ihr hätte zuwenden können, fühlte Whitehill zwei heiße Lippen auf den seinen, eine weiche Hand an seinem Hals, die andere anderswo spitz und süß ... und eine rote Flut schoß ihm in die Augen. Als er aber über diesen duftenden lockenden Leib sich stürzen wollte, entwand er sich ihm mit behender Kraft.

»Alles hängt nur von Ihrem Ja ab.« Sie maß ihn mit ironischem Vorwurf, das Rouge ihrer Lippen mit dem Zeigefinger fassionierend.

Keuchenden Atems mußte Whitehill seine Finger quetschen, um nicht blindlings zu toben. Der Schmerz machte ihn klar. ›Hätte ich sie jetzt gehabt, so hätte ich vielleicht ja gesagt. Dann lachte er auf: »Schlauheit ist oft das dümmste Kalkül. Ich danke. Ich bin die Maus. Sie sind die Katze.«

Sie knickte ein bißchen ein. »Also unter keinen Umständen?«

Whitehills Kopf verneinte unwirsch.

Sie machte segnende Handbewegungen gegen ihn. »Man wird Sie foltern.« Sie setzte den Finger an den Klingelknopf.

Aber Whitehill sah, daß sie ihn nicht niederdrückte. »Das halte ich für eine stupide Drohung. Sie prügeln nur noch von Zeit zu Zeit.« Er spürte freilich einen bitteren Geschmack im Mund.

Da drückte sie den Klingelknopf nieder und blickte Whitehill fest an. Dessen Auge aber wurde plötzlich so grausam und unerbittlich, daß sie wußte, sie würde ihn durch nichts mehr irremachen. Schnell sich umwendend, rauschte sie aus der Tür. Fast gleichzeitig erlosch das Licht.

Überzeugt, daß man ihn nun allein lassen würde und vielleicht einige Tage hungern, warf Whitehill sich aufs Bett. Als er erwachte, war die Zelle hell und die Türe offen, aber niemand zu sehen. Augenblicks sprang er auf, prallte jedoch zurück: in der Tür war Broc erschienen.

Whitehill drehte ihm, dünn pfeifend, den Rücken zu. ›Das wird ein Ghoul sein, der ihm ähnlich sieht.‹ Seine Augen wurden ganz klein. Da fühlte er sich am Arm berührt, wandte den Kopf und sah einen weiß gedeckten Tisch und neben sich den falschen Broc, der ihn zum Platznehmen einlud. Er setzte sich erfreut und begann sofort zu essen.

Ihm gegenüber rauchte Broc und reichte ihm, als er seinen Hunger gestillt sah, sein Etui.

»Sarony?« Whitehill zeigte lächelnd die Zungenspitze und biß sie. »Sogar Brocs Marke kennen Sie schon?«

»Ich traktiere meine Freunde gut.«

»Ich falle nicht auf Sie hinein.« Whitehill rauchte mit vollen Lungen. »Es genügt also, daß Sie Ihren Auftrag herunterleiern.«

»Ich bin Broc.«

Whitehill spuckte unter den Tisch. Dann machte er mit den Lippen ein ordinäres Geräusch, das er auf dem Turf gelernt hatte.

Da stieß der andere einen eigentümlichen Pfiff aus.

›Den kann er auch schon?‹ Whitehill räusperte sich verzagt.

Wenige Sekunden später rauschte die Dame vom vergangenen Abend durch die Türe und küßte ihn auf die Haare, die sie mit beiden Händen streichelte: »Nun, Charlie, hast du gut geschlafen?«

Whitehill legte die Zigarette weg. Es war ihm, als hätte er etwas sehr Lustiges gehört. Da ... es kam von draußen: Gläser klirrten leise, Stimmen raunten. Er blickte bald sein Gegenüber an, bald die Dame neben ihm. Und plötzlich fühlte er, noch ohne etwas zu wissen, daß er wohlgeborgen war.

Da stand Broc auf. »Whitehill, erinnern Sie sich doch an das, was Sie uns vorgestern abends sagten: ›Bei der Aufnahme in die Society ist jeder der allerschärfsten Prüfung zu unterziehen. Nicht nur in Bezug auf seine persönliche Eignung, sondern auch – die Integrität seines Willens.‹ Nun, mein lieber Whitehill, Sie haben Ihre Integrität besser bewiesen als mancher andere von uns.«

Whitehill schob die Unterlippe hoch und rieb sich, verlegen lächelnd, das Kinn mit einem Finger.

Broc warf die Zigarette an die Wand. »Der elegante Herr war Léonor Lévin, einer unserer wertvollsten Mitarbeiter. Die Dame hier ist meine Freundin und langjährige Helferin Sure Stek. Sie befinden sich in London, in der Conventry Street, und zwar in meinem Apartment, das Sie gar nicht verlassen haben.«

»Wer hat mich dann aber ...« lallte Whitehill, an die Stirn sich greifend.

»Ich war so frei.«

»Sie, Broc?«

»Und dann deponierten wir Sie in dieser Zelle, die vorwiegend ähnlichen Zwecken dient.«

Whitehill hüstelte ganz leise.

Sure Stek lachte herzlich: »Dieses Zimmer heißt die Clincher Box.«

Whitehills Lachen dröhnte.

Broc packte ihn am Arm und zog ihn in den daneben befindlichen Salon, in dem die Mitglieder der Society, Weingläser in der Hand, ihn stürmisch begrüßten.

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