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Die Trapper in Arkansas

Gustave Aimard: Die Trapper in Arkansas - Kapitel 7
Quellenangabe
authorGustave Aimard
titleDie Trapper in Arkansas
publisherDie Illustrirte Welt
printrunSiebenter Jahrgang
year1859
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20180825
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II.
Die Jäger.

Jetzt ein Paar Worte über die Personen, welche den Schauplatz betreten und zu wichtigen Rollen berufen sind:

Treuherz (bloß unter diesem Namen war der Jäger durch die Prairien des Westens bekannt) stand wegen seiner Gewandtheit, seiner Redlichkeit und seines Muthes unter den Indianerstämmen, mit welchen ihn die Wechselfälle seines abenteuerlichen Lebens in Verkehr gebracht hatten, in hoher Achtung; während die Jäger und Trapper, Spanier sowohl als Amerikaner aus dem Norden, oder Mestizen, sehr auf seine Kenntniß der Wälder bauten und sich häufig bei ihm Raths erholten. Sogar die Galgenstricke der Prairien, die nur von Raub und Erpressung lebten, wagten es nicht, ihn anzugreifen, und vermieden es möglichst ihm in den Weg zu kommen. Der Mann hatte es also bloß durch die Kraft seines Geistes und seines Willens dahin gebracht, daß er fast ohne sein Wissen zu einer Macht geworden war, welche unbestrittene Anerkennung fand bei den wilden Bewohnern jener endlosen Einöden.

Vor fünfzehn oder zwanzig Jahren, er war damals noch sehr jung, hatten ihn eines Tages Jäger aufgefunden, als sie eben an den Ufern des Arkansas den Bibern Fallen legten. Die kurzen Fragen, die man über seine Vergangenheit an ihn stellte, blieben ohne Antwort. Die Jäger, von Natur wortkarge Leute, glaubten in den verlegenen und ausweichenden Reden des jungen Mannes ein Geheimniß zu lesen, das er nicht enthüllt wissen wollte, und drangen daher nicht weiter in ihn.

Im Gegensatz von den übrigen Jägern und Trappern der Prairie, die stets mit einem oder zwei Kameraden ihrem Gewerbe nachgehen und sich nie von denselben trennen, lebte Treuherz allein und ohne festen Wohnplatz; er durchjagte die Wildniß, ohne irgendwo sein Zelt aufzuschlagen Stets düster und schwermüthig, mied er die Gesellschaft von Seinesgleichen, obschon er bei jeder Gelegenheit sich bereit zeigte, ihnen Dienste zu leisten oder selbst sein Leben für sie zu wagen. Wollte man aber sich ihm dankbar erweisen, so gab er seinem Pferd die Sporen und legte seine Fallen in größerer Entfernung, um denen, die er sich verpflichtet hatte, Zeit zu lassen, den geleisteten Dienst zu vergessen.

Fünf Jahre vor der Zeit, mit welcher wir diese Erzählung wieder aufgenommen haben, bemerkte er eines Abends, als er mit Legen seiner Nachtfallen fertig war, plötzlich unter den Bäumen das Feuer eines indianischen Lagers. Ein Weißer von höchstens siebenzehn Jahren war an einen Pfahl gebunden und mußte den Messern der Rothhäute als Ziel dienen, die sich damit unterhielten, den jungen Menschen zu martern, ehe sie ihn ihrem blutdürstigen Grimme opferten.

Treuherz, welcher nur der Stimme des Mitleids Gehör schenkte, warf sich ohne Rücksicht auf die schreckliche Gefahr, der er sich bloßstellte, mitten unter die Indianer und trat vor den Gefangenen hin, um ihn mit seinem eigenen Leibe zu decken. Die Indianer waren Comanchen; betroffen ob der unerwarteten Störung und verwirrt durch die Kühnheit des Jägers, blieben sie einige Augenblicke regungslos. Treuherz,verlor übrigens keine Zeit, sondern zerschnitt die Bande des Gefangenen und gab ihm sein Messer; letzterer ergriff mit Freude die Waffe, und nun schickten sich beide an, ihr Leben so theuer als möglich zu verkaufen.

Sobald die Comanchen sich von der ersten Bestürzung erholt hatten, machten sie sich bereit, auf die zwei Männer loszustürzen, die ihnen Trotz zu bieten schienen. Als jedoch der Wiederschein des Feuers sie das Gesicht des Jägers erkennen ließ, wichen sie wieder zurück und murmelten sich wechselseitig zu: »Treuherz, der große Blaßgesichtsjäger!«

Adlerkopf (so hieß der Häuptling des Comanchenhaufens) kannte den Jäger nicht; er war zum ersten Mal in die Prairien von Arkansas heruntergekommen und begriff daher den Ausruf seiner Krieger nicht. Er war jedoch ein bitterer Feind der Weißen, denen er einen Vernichtungskrieg zugeschworen hatte, und stürzte ungeachtet der vermeintlichen Feigheit seiner Untergebenen allein auf Treuherz los. Aber nun erfolgte ein befremdlicher Auftritt. Ungeachtet ihrer Achtung vor dem Häuptling, warfen sich die Indianer auf denselben und entrissen ihm seine Waffen, um ihn zu hindern, sich weiter an dem Jäger zu vergreifen.

Nachdem Treuherz ihnen gedankt hatte, hob er selbst die Waffen des Häuptlings auf und gab sie demselben zurück. Dieser nahm sie mit einem finstern Blick auf seinen edelmüthigen Gegner in Empfang: der Jäger aber bemerkte dies nur mit einem stolzen Achselzucken und entfernte sich mit seinem Gefangenen, erfreut, daß er einem Menschen das Leben gerettet. Innerhalb der kurzen Frist von zehn Minuten hatte er einen unversöhnlichen Feind und einen hingebenden Freund gewonnen.

Die Geschichte des Gefangenen ist einfach. Er war mit seinem Vater von Canada heruntergekommen, um in den Prairien zu jagen, und in die Hände der Comanchen gefallen. Der Vater erlag nach einem verzweifelten Widerstand; dem Sohn dagegen erwiesen die Indianer, ärgerlich darüber, daß ihnen der Tod ein Opfer geraubt hatte, alle Sorgfalt, um ihn ehrenhaft an dem Marterpfahl abthun zu können – ein Schicksal, dem er ohne Treuherzens glückliches Dazwischenkommen unausbleiblich verfallen gewesen wäre.

Nachdem der junge Mann diese Auskunft über sich ertheilt hatte, fragte ihn der Jäger über seine Absicht, und ob die rauhe Lehrzeit, die er im Waldläufergewerbe begonnen, ihm das Abenteurerleben nicht entleidet habe?

»Im Gegentheil,« versetzte der Andere, »ich bin mehr als je entschlossen, diese Laufbahn zu verfolgen, die mir Gelegenheit gibt, meinen Vater zu rächen.«

»Ihr habt Recht,« entgegnete der Jäger.

Treuherz führte den jungen Mann nach einem von seinen Verstecken (ausgegrabenen Erdlöchern, in welchen die Trapper ihren Reichthum zu verbergen pflegen), holte daraus die ganze Ausrüstung eines Trappers, Gewehr, Messer, Pistolen, Waidtasche und Fallen hervor und gab sie seinem Schützling.

»Ihr könnt jetzt gehen,« sagte er einfach zu ihm. »Gott sei Euer Geleite.«

Der Andere sah ihn stumm an und wußte augenscheinlich nicht, was er aus dieser Rede machen sollte.

Treuherz lächelte.

»Ihr seid frei,« fuhr er fort. »Ihr habt hier das zu Eurem Beruf nöthige Geräthe; ich schenke es Euch, dort ist die Prairie. Glück auf!«

Der junge Mann schüttelte den Kopf.

»Nein,« sagte er, »ich verlasse Euch nicht, wenn Ihr mich nicht unbedingt fortjagt. Ich bin allein, habe keine Familie, keine Freunde; Ihr seid der Retter meines Lebens, und ich gehöre fortan Euch an.«

»Ich lasse mich für einen geleisteten Dienst nicht zahlen,« sagte der Jäger.

»Doch, und zwar sehr theuer,« erwiederte der Andere mit Lebhaftigkeit, »wenn Ihr keinen Dank annehmen wollt. Da habt Ihr Eure Gaben wieder, die ich nicht brauche. Ich bin kein Bettler, dem man ein Almosen zuwirft, und will mich lieber auf's Neue den Comanchen überliefern. Lebt wohl!«

Und der Canadier machte sich in der Richtung des Indianerlagers auf den Weg. Treuherz sah ihm stumm nach. Der junge Mann hatte ein so freies, ungezwungenes Wesen, daß er eine wärmere Theilnahme für ihn zu fühlen begann.

»Halt!« rief er ihm zu.

Der junge Mann blieb stehen.

»Ich lebe allein,« fuhr der Jäger fort, »und Ihr hättet bei mir nur ein trauriges Dasein. Ein bitterer Gram nagt an meinem Herzen. Warum wollt Ihr Euch einem Unglücklichen anschließen?«

»Um diesen Kummer Euch tragen zu helfen, wenn Ihr mich deß für würdig achtet – um Euch zu trösten, wenn es möglich ist. In der Einsamkeit fällt der Mensch leicht der Verzweiflung anheim; Gottes Befehl weist ihn an, Gesellschaft zu suchen.«

»Das ist wahr,« murmelte der Jäger unschlüssig.

»Warum habt Ihr mir Halt zugerufen?« fragte der junge Mann beklommen.

Treuherz betrachtete ihn mit einer Festigkeit, als wolle er seine innersten Gedanken lesen. Die Untersuchung schien ihn zu befriedigen.

»Wie heißt Ihr?« fragte er.

»Belhumeur,« versetzte der Andere; »oder wenn Ihr lieber wollt, Georg Talbot; gewöhnlich aber nennt man mich mit dem ersteren Namen.«

Der Jäger lächelte.

»Der Name verspricht etwas,« sagte er, ihm die Hand reichend. »Belhumeur, fortan bist Du mein Bruder auf Leben und Tod.«

Und er küßte ihn nach dem in solchen Fällen üblichen Prairiebrauch auf die Augen

»Auf Leben und Tod!« erwiederte der Canadier, indem er auf ihn zustürzte und mit Innigkeit die ihm dargebotene Hand drückte. Dann küßte er den neuen Bruder gleichfalls auf die Augen. So waren Treuherz und Belhumeur mit einander bekannt geworden.

Seit fünf Jahren hatte nicht die mindeste Wolke die Freundschaft getrübt, welche die beiden trefflichen Männer Angesichts Gottes sich in der Wildniß geschworen. Der Mensch hat das Bedürfniß, seine Gefühle und Leiden einem treuen Freunde mitzutheilen. Nach ein Paar Monaten, welche Treuherz dazu benützte, seinen neuen Gefährten zu studiren, hatte er vor Belhumeur keine Geheimnisse mehr.

An dem Tage, an welchem wir ihnen wieder in den Prairien begegnet sind, hatte ihr alter Feind, der Comanchenhäuptling Adlerkopf, dessen Haß und Groll mit der Zeit nicht geringer geworden, sondern eher gewachsen war, einen kühnen Diebstahl an ihnen begangen. Der Indianer verbiß mit der seiner Raçe eigenthümlichen Hinterlist den Schimpf, den er um der beiden weißen Jäger willen von den Seinigen erlitten, und harrte geduldig der Stunde der Rache. Er hatte heimlich unter den Füßen seiner Feinde einen Abgrund gegraben, indem er ihnen allmälig die Rothhäute abgeneigt machte und geschickt Verläumdungen über sie verbreitete. Auf diese Weise glaubte er es endlich dahin gebracht zu haben, daß die Beiden sogar bei den weißen Jägern und Mestizen in Mißkredit gekommen waren, und sonach von allen durch die Prairie zerstreuten Personen als Feinde angesehen wurden.

So standen die Dinge, als Adlerkopf in der Absicht, einen Sturm herbeizuführen, in welchem Diejenigen zu Grunde gehen sollten, welchen er den Tod geschworen hatte, in einer einzigen Nacht sämmtliche Fallen der beiden Jäger stahl. Er durfte überzeugt sein, daß sie einen solchen Schimpf nicht ungestraft lassen, sondern Rache suchen würden, und wenn sie dann weder bei den Indianern noch bei den Jägern Beistand fänden, so konnte er sich mit den entschlossenen dreißig Kriegern, die er befehligte, leicht ihrer bemächtigen, um sie dem grausamsten Foltertode preiszugeben.

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